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Full text of "Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten ..."

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Äl^viss 



descliiciite der evaiieliscbei Kircliß| 

europaisebeu Festlande 

im noim/nhnt.i>n Jnhrlmiirlort 



Adolf Zahn, 



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I Ifvrlar der J, n, Wflix1«r«r>h»n UnDlihfintllaiip. 



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einer 



GescliiGlte k emelisclien Me 



auf dem 



europäischen Festlande 



im neunzehnten Jahrhundert 



yon 



Adolf Zahn, 

Doctor der Theologie. 



Zweite, wesentlich verbesserte^Auflage. 



•Ni-^rf-^^w" « lw^^>- 



Stuttgart 

Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung. 



1888. 



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Vorrede zur ersten Auflage. 



Calvin hat in seinem vorzQglichen Traktat über die Aerger- 
nisse einen Consensus evangelischer Lehre aufgestellt, der in allem 
Entscheidenden die Einheit des reformatorischen Bekenntnisses 
hervorhebt. Die Reformationszeit hat also eine gemeinsame Wahr- 
heit. Wir halten dieselbe für unwandelbar und haben uns in 
diesem Abriss das Recht genonmien, nach ihr dieses Jahrhundert 
der Kirchengeschichte zu betrachten. Die Schwierigkeit der Auf- 
gabe lag formell darin, den ungeheuren Stoff kurz und doch nicht 
trocken zusammenzufassen. Wir haben uns hierin wenigstens 
redlich bemüht. 

Der Abschnitt über Oesterreich ist eine selbstständige Arbeit 
des Herrn Oberkirchenraths Dr. th. von Tardy in Wien. Für 
freundliche Unterstützung habe ich zu danken den Herren Pastoren 
Ludwig in Priedericia, Appia in Paris, Lic. th. Dilloo in 
Soldin, Erdös in üjsöve in Ungarn, Seeberg in Stuttgart. Bei 
der Korrektur hat mir unermüdlich und einsichtig Herr Stadt- 
vikar Dr. Mosapp in Stuttgart geholfen. 

In der (Gegenwart hat sich Rom so in den Vordergrund des 
deutschen Lebens gestellt, dass man fragen kann, wo ist denn 
noch die evangelische Kirche ? „Warum werden Zehntausend von 
Zweien flüchtig gemacht? Ist es nicht also, dass sie ihr Fels 
yerkauft hat und der Herr hat sie übergeben?* 

Eine Kirche, die ihr Heiligthum: die Schrift, so entweiht 
hat, wie es in diesem Jahrhundert geschehen ist, hat sich selbst 
das Mittel der Erneuerung zerstört und mit eigener Hand die 
tödtliche Wunde geschlagen. Kann ein Baum grünen, dem man 
die Wurzel abgestochen hat? Und doch stehen wir erst am An- 
fsmg der Demütbigung. 

«1X1414 



IV Vorrede. 

Die schmerzliche Theihiahme, welche die Geschichte dieses 
Jahrhunderts hervorruft, ruht auf der von Gott gebrachten Er- 
weckung in der evangelischen Kirche mit ihren durch die mensch- 
liche Sünde zerstörten Wirkungen, und auf dem vergeblichen 
Kampfe Preussens gegen die Macht, die es doch 1866 und 1870 
so glänzend geschlagen hatte: freilich ohne Anfangs davon eine 
Ahnung zu haben, in einer freien That der Gnade Gottes, der 
an die Väter gedachte, imd die es mm nachher mit Gesetzen 
bekämpfen wollte, die von keinem f&r die Ehre Gottes begeisterten 
Volksgefiüil getragen wurden und so schliesslich dem lorbeer- 
geschmückten Sieger eine tiefe Demüthigung bringen mussten. 
Nicht in der Form der Gesetze lag der Fehler — die Fürsten 
der Eeformation haben in ganz anderer Weise Eom angegriffen 
— sondern in dem Geist der Zeit, der weder auf liberaler noch 
auf konservativer Seite einen göttlichen Beruf zum Kampfe gegen 
Bom hat. Möge uns der Papst in Friedensbemühungen nicht 
gefährlicher sein als offen bestritten. Wir stehen an einem grossen 
Wendepimkt der Geschichte. 

Stuttgart, Ostern 1886. 

Zahn. 



Vorrede zur zweiten Auflage. 



Nach den Einen ist dies Büchlein so schlecht, dass es nicht 
einmal verdient, ein Abriss genannt zu werden, nach den Andern 
eine lehr- und genussreiche Lektüre, die sie von ganzem Herzen 
empfehlen. Ich kann wohl das ACttel ziehen und sagen: es ist 
nicht ganz unbrauchbar. Wem es nicht gefällt, der kann sich 
mit einem jimgen, auffallend klugen Holländer trösten, der in 
den ;» Studien*' seinen komischen Zorn über mich ausgeschüttet 
bat und der sich zuletzt mit dem svnnigftTi kastwt x\i helfen 






Vorrede. V 

weiss: het is je me een boek! Antistes Finsler hat es vor 
der schweizerischen Predigergesellschaft ein Pamphlet gescholten. 
Als Dank dafür habe ich manches ihm Anstössige geändert mid 
ihn selbst nur mit seinen eigenen Worten charakterisirt. Aber 
wie kann man Herr Antistes den erschütternden Niedergang der 
Kirche Zürichs mit , leisem Humor*' darstellen? Weil wir keine 
ernste Klage, kein tiefes Buss- imd Schamgefühl mehr haben, wird 
uns auch keine Hilfe zu Theil, sondern wir warten auf den Morgen 
und die Nacht wird immer dunkler. «Wir schauen aus nach 
einem Volke, das uns helfen soll, bis wir müde geworden sind.* 
Die Stunde der Abrechnung mit der evangelischen Kirche ist ge- 
kommen. Benrath hat manches ürtheil von mir auf eine Kränk- 
ung zurückfahren wollen, die ich in Halle erfahren. Ist das nun 
eine edle Polemik? Immer mehr fuhren in unserer Kirche junge 
Männer ohne Beife und Erfahrung das Wort, namentlich in Giessen 
und Marburg — uns Allen zur Beschämimg. Die Eecension in der 
Literaturzeitung habe ich nicht gelesen, denn ich fürchtete, wieder 
mit Hohn und Spott überschüttet zu werden. Alles, was aus der 
Schule Kohlbrügge's hervorgeht, wird in dieser Zeitung mit 
massloser Verachtung behandelt. Bitschi, Möller, Stade 
und Eade glänzen in diesem Handwerk. Dies wohl als Beweis 
der Moralität des neuauflakirten Bationalismus , der nur die 
furchtbare Aufgabe hat, die letzten Steine der Kirche der Befor- 
mation zu zerstreuen. Einige Becensenten haben sich durch meine 
Betrachtung , verletzt* gefühlt. Wenn man Irrlehrer, die Himmel 
und Erde vermengen, als das bezeichnet, was sie sind, so fohlt 
man sich „verletzt". So ist alles nur noch Menschendienst. Es 
ist viel Sorgfalt auf die neue Auflage verwandt worden. Der 
»Telegramm-Stil*, den mir der Zwang auferlegte, auf wenig 
Seiten viel zu sagen, ist etwas verbessert worden. Wer noch 
mehr in einem so kleinen Buche sagen kann, von dem lerne ich 
gem. Für die Niederlande benutzte ich diesmal vortreffliche 
Mittheilungen von Dr. th. Geesink in Botterdam, auch mein 
Keber Gastwirth, Professor Butgers, hat mir gütigen Bath er- 
iheüt. 

Es ist nicht „Anmassung**, mit der hier eine einsame Stinmie 
redet, sondern die gegründete üeberzeugung , A^ä% wxä^x^ ^^ssoä 



VI Vorrede. 

Lehrentwicklung weit abliegt von den Wegen der Reformati( 
1860 fing ich meine literarischen Bemühungen für die ref. Kirc 
mit dem Charakterbilde einer ref. Frau an und schliesse sie je 
nach mancher Wanderung durch Schrift und Geschichte mit eii 
kirchengeschichtlichen Bundschau ab, indem mich dabei c 
Schmerz imd die Erfahrung meines Lebens begleitet, dass ( 
gewaltige Grundwahrheit der h. Schrift: Die Freiwahl der Gnade 
(Joh. 17, V. 2), von den mächtigsten Stimmen der Kirche 1 
kräftigt (Augustin, Wiclif, Huss, Luther, Calvin, Zwingli, Ma 
Artikel, Augsb. Conf. 5., Luthers Katechismus, 2. Arttt 
Concordienformel , alle ref. Bekenntnissschriften), jetzt von d( 
deutschen Boden fast ganz verschwunden ist. 

Stuttgart, Dezember 1887. 

Zahn. 



*) Neuerdings wieder vertreten in der vortrefflichen Handreichu 
zum Heidelberger Eat. von Otto Thelemann, 1888. 



I n h. a 1 t. 



Erster Absohnitt. 
Die eTangelisehe Kirche in Deutschland. 

Seite 

üinleitung und Eintheilung 5 

Erstes Kapitel. Die Erweckung 7 

Zweites Kapitel. Hegel 10 

Drittes Kapitel. Sohleiermaclier 12 

Viertes Kapitel. Die Union 19 

Fünftes Kapitel Die Theologen der Union 29 

Sechstes Kapitel. Das Luther thum 36 

Siebentes Kapitel. Die Theologen des Lntherthnms . . 42 

Achtes Kapitel. Strauss und die kritische Schule . . 47 

Neuntes KapiteL Der ProtestaDtenyerein 55 

Zehntes KapiteL Die Erneuerung des Rationalismus . 59 

Elftes KapiteL Die schwäbische Kirche 62 

Zwölftes KapiteL Die reformirte Kirche 64 

Dreizehntes KapiteL Der Kampf mit Rom 73 

Vierzehntes KapiteL Die Zustände in den Gemeinen . 82 

Zweiter Abschnitt. 
Die eTangelisehe Kirche in Frankreich, Belgien, Skan- 
dinavien, Bassland nnd Oesterreich-Ungarn. 

!• Frankreich. 

Erstes KapiteL Die Erweckung 123 

Zweites KapiteL Die kritische Schule 129 

Drittes Kapitel. Der Kampf um die Verfassung . . . 131 

2. Belgien. 

1) Die belgische Missionskirche 137 

2) Die evangelische Nationalkirche 138 

3.D&iiemark 138 

^ Schweden 144 

5. Norwegen VW 



TQI Inhalt. 

6. BusBland. 

Erstea EapiteL Die kirchliche Entwicklung 1! 

Zweites KapiteL Ein Bild der gegenwärtigen Lage . . li 

7. Oesterreich-Üngarn. 

A. Oesterreich. 

Erstes Kapitel. Die Toleranzzeit .^ . . . 1 

Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigung . . 1 
Drittes Kapitel. Die Zustände in den Gemeinen . . . 1 

B. Ungarn. 

Erstes Kapitel. Gang der Entwicklung beider Konfes- 
sionen und wissenschaftliche Thätigkeit . . . . 1 
Zweites Kapitel. Die evangelisch-reformirte Kirche 1 

Drittes Kapitel. Die evangelische Kirche Augsburger 
Konfession 1 

Dritter Absohnitt. 

Die e?angelisehe Kirche in der Schweiz und in den 

Niederlanden. 

1. Die Schweiz. 

Erstes Kapitel. Allgemeine Lage 2 

Zweites Kapitel. Die theologisch-kirchliche Entwick- 
lung in der deutsch-reformirten Schweiz .... 2 
Drittes KapiteL Die theologisch-kirchliche Entwick- 
lung in der französisch-reformirten Schweiz ... 2 

2. Die Niederlande. 

Erstes Kapitel. Die neue Verfassung ^ 

Zweites Kapitel. Die Erweckung ^ 

Drittes Kapitel. Die Separation S 

Viertes Kapitel. Die Groninger Schule. Verein der 
christlichen Freunde. J. H. Schölten. D. Ghantepie 
de la Saussaye. Moderne Theologie. Bestuur und 

Beheer ^ 

Fünftes Kapitel. Abraham Kujper ^ 

Sechstes Kapitel. Die klagende Kirche ^ 

Siebentes KapiteL Die kirchlichen Gemeinschaften 
ausserhalb der reformirten Kirche ....... ^ 



Erster Abschnitt. 



Die evangelische Kirche in Deutschland. 



Zahn, Kircbe^eMhiohte. 2. Anfl. 



Literatur. 

Bheinwald, Acta bist, ecclesiasüca saec. XIX. f&r die Jahre 1835 bis 

1837. Hamburg 1838--40. 
Jörg, Gesch. des Protest, in seiner neuesten Entwicklung. 1858. 
Baur, Eirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. 2. Aufl. 1877. 
Mücke, Die Dogmatik des 19. Jahrhunderts. 1867. 
Nippold, Handbuch der neuesten Eirchengeschichte. 2. Aufl. 1868; 

3. Aufl. 1880. 
Handeshagen, Der deutache Protestantismus. 3. Aufl. 1849. 
(lass, Gesdiichte der prot. Dogmatik im Zusammenhang mit der Theo- 

. logie. 1867. 
Dorner, Geschichte der protieat. Theologie. 1867. 
Kahn i 8, Der innere Gang des deutschen Protestantismus seit Mitte des 

vorigen Jahrhunderts. 3. Aufl. 1874. 
Schwarz, Zur Geschichte der neuesten Theologie. 4. Aufl. 1869. 
Henke, Neuere Eirchengeschichte. 1880. 

Landerer, Neueste Dogmengeschichte, herausgeg. y. P. Zeller. 1S81. 
Holtzmann und Zopf fei, Lexikon für Theologie und Eirchenwesen. 

1882. 
C. Mensel, EirchL Handlexikon. 1886 ff. 
Zu den Handbüchern von Hase und Eurtz ist noch der Ergänzungsband 

von Herzog getreten von Eoffmane besorgt. 1887. 
Wichtig sind die Eirchenzeitungen : 
Kirchenblatt für das evang. Deutschland, herausgegeben von Moser, 

jetzt von Schott. 1852 ff. 
Allgemeine Eirchenzeitung von Zimmermann. 1822 ff. 
Evangelische Eirchenzeitung von Hengstenberg. 1827 ff. Neuerdings 

von Zock 1er fortgesetzt. 
Zeitschrift für Protestantismus und Eirche von Thomasius und Hof« 

mann. 1838 ff. 
Zeitschrift für die gesammte lutherische Theologie und Eirche von 

Rudelbach und Guerike. 1840 ff. 
Deutsche Zeitschrift für christL Wissenschaft und christl. Leben von 

Müller und Nitzsch. 1850 ff. 
Protestantische Eirchenzeitung von Erause, jetzt von Webskj. 1854 ff. 
Schliche Zeitschrift von Eliefoth und Meyer. 1854 ff. 



/ 



4 Literatur. 

Neue Ey. Kirchenzeitung von Messner. 1859 ff. 

Allgemeine kirchliche Zeitschrift von Schenkel. 1859 ff. 

Allgemeine lutherische Eirchenzeitung von Luthardt. 1868 ff. 

Allgemeine kirchliche Chronik von Matthes. 1854 ff* Neuerdings 
Gerlach. 

Die angesehensten Literaturzeitungen sind die von Luthardt, 
Schür er und Harnack und der theologische Jahresbericht 
Fünjer» jetzt von Lipsius redigirt. Eine Quelle von W 
ist auch die Neue Preussische Zeitung (Ereuzzeitung) 1848 ff. 
mit ihr der Reichsbote von Engel. 

Aktenstücke des Oberkirchenraths. 1852 ff. 

Verhandlungen der Kirchentage, 1848 ff. und der evangelischen All: 
1851 ff. 

Treitschke, Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. 18^ 

Schaff and Jackson, Encyclopedia of living divin es and chrif 
workers in Europe and America. New-York 1887. 

Die jetzt viel gepflegte Kulturgeschichte ist von Honegger (1^ 
Kolb (1872), V. Hellwald (1875), Scherr in der Germania 
in vielen Au&ätzen, Faulmann (1885), Lippert (1886), He 
am Bhyn (1886) behandelt worden. 

Da viele der in Frage kommenden Männer in der Beal-Encyklop 
von Herzog und in der deutschen Biographie behandelt i 
weise ich gleich hier ein- für allemal auf diese Quelle hin. 



Einleitung und Eintheilung. 

Das nennzehnte Jahrhimdert ist in seiner kirchengeschichtlichen 
Eigenthümlichkeit nur dann zu verstehen, wenn man von den mäch- 
tigen göttlichen Impulsen ausgeht, welche seine Anfangszeit in der 
merkwürdigen Erscheinung der Erweckung befinichtend und an- 
regend berührt haben. Auf ihr ruhen die grossen Veränderungen 
in der Ideenwelt, in der Lehre und in dem Leben der Kirche. In- 
dem sie mit hineingreifb in einen grossen Grährungsprozess , in dem 
sich die verschiedensten Elemente verbinden und wieder scheiden, 
tauchen Gestalten und Geister von räthselhaffcem Gepräge auf: imter 
ihnen hervorragend zunächst der schwäbische Philosoph Hegel, 
dann der das theologische Denken für das ganze Jahrhimdert wesent- 
lich bestimmende Schleiermacher. Auf die Anregungen der 
Zeit ist es auch zurückzuführen, wenn Friedrich Wilhelm HE. die 
Union in die Hand nimmt; ihr Ursprung und ihre Geschichte mit 
ihren angesehensten Theologen ist zu schildern. 

Zu einem positiven imd für die Kirche wichtigen Thim werden 
weiter diejenigen durch die Erweckung angeleitet, die eine Erneue- 
rung der alten biblischen und kirchlichen Wahrheit gegenüber den 
Zerstörungen des Rationalismus anstreben und hier hat der einfluss- 
reiche Hengstenberg seine wichtige Stelle mit seinen lutherischen 
Zeitgenossen. Sowohl die Union wie das Lutherthum erfassen 
nicht die Tiefe des Abfalls von dem väterlichen Glauben: derselbe 
* zeigt sich in seiner furchtbarsten Gestalt in der Wirksamkeit von 
Baur und Strauss, die eine neue kritische Schule schaffen. 

Die hauptsächlichsten Vertreter derselben werden uns bekannt. 
Zu ihr gehörig ist dann auch der Protestanten verein zu be- 
trachten. Die letzte auffallende Erscheinung ist die Rückkehr zum 
Bationalismus in der Schule von Ritschi: nach langem, mühevollem 
Gang knüpft man wieder an den Philosophen Kant an. Besondere, 
durch ihre Eigenthümlichkeit beachtenswerthe Kirchen sind noch 
ins Auge zu fassen: die schwäbische und 4iö x ^iciXTÄ.\x\i^ 



6 Einleitung und Eintheünng. 

Kirche. Wie wenig die evangelische Theologie die Kra 
Wahrheit der Eeformation wieder gefunden hat, beweist 
noch das ohnmächtige Bingen mit dem gewaltig auflebenden 
Von den kirchlichen und theologischen Bewegungen t 
wir uns zu den Zuständen in den Gremeinen, die wi 
den verschiedenen Beziehungen zu würdigen haben: der allg 
Charakter derselben ist ein noch tiefer stehender als im ^ 
Jahrhundert, aber es walten überall noch Wohlthaten uhd G 
ihnen von segensvoller Bedeutung. 






Erstes Kapitel. 

Die Erweckung. 

Literatnr: Buch sei, Die kirchlichen Zust&nde Berlins nach Beendkping 
der Freiheitskriege, 1870. A. Zahn, Meine Jugendzeit, 1882. 
Jacobi, Erinnerungen an den Baron Ernst von Eottwitz, 1882. 
Baur, Geschichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung des reli- 
giösen Lebens in den deutschen Befreiungskriegen, 4. Aufl. 1884. 
Ernst Miescher, Anna Schlatter, 1885. Ihr Briefwechsel von 
ihren Enkeln Adolf und Michael Zahn, 1862 ff. Ranke, Jugend- 
erinnerungen, 1877. Walther, Erinnerungen aus W. Appuhns 
Leben, 1885. G. Frank, Mysticismus und Pietismus im 19. Jahr- 
hundert. Historisches Taschenbuch von Maurenbrecher, 1887 
Hier auch die ganze polem. Literatur über den Pietismus. 

Eine der beachtenswerthesten und wichtigsten Erscheinmigen 
des neunzehnten Jahrhunderts ist die am An&ng desselben nicht nur 
durch Deutschland, sondern durch die ganze Welt bis in die Stati- 
onen der Heidenmission sich erstreckende Erweckung: ein geheimes 
Berührtwerden von der Macht des heiligen Geistes, der in die Ge- 
mülher das Verlangen nach dem vergessenen Evangelium der Väter 
legte. Die Jahrhunderte der evangelischen Kirche sind immer mächtig, 
namentlich bei ihrem Beginn, von solchen nicht durch Menschen 
herbeigeführten Bewegungen ergriffen worden. Die Wohlthat der 
Reformation, die Erhebung der Holländer und Puritaner, das Auf- 
blühen der französisch-reformirten Kirche, das Erwachen des Pietis^ 
mos ist auf starke göttliche Antriebe zurückzuführen, die ein Neues 
hervorriefen. Es scheint, als ob dieselben im Laufe der Zeit matter 
würden — auch durch die Schwäche der Menschen, denn das was 
am Anfang dieses Jahrhunderts geschah, ist nicht von der Gewalt 
gewesen wie in der Vergangenheit. Es ist aber das überall 
bestimmende Prinzip. Es ist ein Beweis für die aufGEiUende 
Erscheinung, dass Moses Gesetz so bald in Israel vergessen wurde, 
dass in wirklich unglaublicher Weise der Rationalismus und die 
^Wht der klassischen, durchaus christusfeindlichen Literatur das 
Evangelium der Eeformation in Vergessenheit gebracht hatten. Einige 
Jahrzehnte hatten genügt, es dem Volke zu rauben und so weit 



8 Erstes Kapitel. 



! 



i 
1. 



*) Schubert, Züge aus dem Leben des Job. Eiessling, 1859. 
lieber ihn auch Bodemann, 1860. Ledderhose, Aus dem Leben des 
Job. Tob. Kiessling, 1882. Thomasius, Das Wiedererwachen des 
eyang. Lebens in der lutherischen Kirche Bayerns, 1867. 

**) Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. 11. Auf- 
lage 1883. Von ßühle ein Lebensbild, 1878. 

***) Ueber ihn Hamb erger 1857 und Gedenkblatter 1860 u. 1867. 

t) Von ihm eine Selbstbiographie, die sein Enkel Schwarz voll- 
endete, 1817. 



den stolzen Hohn zu treiben, dass Christi Name nun bald nicht 
mehr genannt sein würde. Vereinzelte und verborgene Kreise sind 
es, wenige Lehrer, die damals den goldenen Faden mit dem väter- ^ 
liehen Glauben festhielten. Wenn ein vereinsamter Gläubiger durch ' 
Deutschland reiste, vielleicht mit einem Empfehlungsbrief an diesen 
und jenen, dann konnte er bei Joh. Tobias Kiessling*), dem v 
Kaufinaim, und Schönher, dem Prediger in Nürnberg, einkehren, ; 
bei dem lutherischen Pastor Stephan in Dresden, der nachher \ 
seine Freunde nach Amerika führte und in Schmach unterging } 
(t 1842), eine kräftige Predigt hören, den originellen und kernigen i 
Pastor E oll er**) in dem sächsischen Lausa besuchen, vor allem 
aber bei den Brüdergemeinen weilen, die die Lehre ihres Stifters 
von dem Sühntode Christi bewahrten und die zerstreuten Kinder 
Gottes sammelten. Er konnte dann in Berlin das edle und hingebende 
Wirken des Baron von Kottwitz, Alexanderstrasse 6, beobachten 
und von dessen zärtlicher Gustfireundschaft umfangen werden. Noch 
dieser und jener Name wurde ihm im brüderlichen Kreise genannt, 
der etwas anderes und besseres bekenne, als die noch alle Kanzeln 
und Katheder beherrschenden Eationalisten: man sprach von Anna 
er in St. Grallen und ihrem Briefwechsel auch mit den Kar 
tholiken Boos, Gossner, Lindl und Sailer, von Prof. Kanne 
in Erlangen, der erweckliche Geschichten aus dem Eeiche Christi 
mittheilte, von Professor Köthe in Jena, von Herrn von Meyer in 
Frankfurt und seinem Freunde, dem Arzt Passavant***), von Jung 
Stillingt) in Karlsruhe, von einfachen Webern im Wupperthal, 
von dem Schlossermeister Meier in Bremen, von einem Thurm- 
wächter in Erfurt. 

Die Noth und der Sieg der Franzosenzeit griff gewaltig mit 
hinein in diese stillen Eegungen, die die Lande durchzogen, und 
bald erwachte überall ein herzliches Verlangen nach dem Wort der 
Gnade gegenüber den moralischen Leerheiten der gesunkenen Weis- 
heit der Menschen. Was in kleinen Kreisen gepflegt wurde, es trat 



Die Erweckung. 9 

mit lauten Zeugnissen in die öffentliche Welt. Es mehrten sich 
die Prediger der vergessenen Wahrheit. Im Norden Deutschlands 
wirkten in Hamburg an der französisch-reformirten Gemeine Merle 
d'Aubign^, in Lübeck Geibel, im Wupperthal G. Daniel Krum- 
macher, in Bayern der Professor imd Prediger Kr äfft; vom 
Wupperthal trug der Oberho^rediger Strauss*) das grosse Gut 
nach Berlin, wo der treue Pastor Jänicke an der Bethlehemskirche 
&st allein gewesen war**). Gunze Landstriche wurden allmählich 
ergriffen: Württemberg erwachte; in Eheinland, Westphalen und 
Lippe regte es sich, hier mehr das niedere Volk, in Schlesien ging 
der Adel voran, in Pommern hatte er viele Gesinnungsgenossen. 
Es war allerdings ein Frühling und der treue Patriarch von Kott- 
witz sah mit inniger Freude auf die beginnende Umgestaltung. 
Der Rationalismus erschrak vor dem Geiste des Mjsticismus, der 
äun nahte. In den »Halle'schen Jahrbüchern« wurde er als eine 
Krätze oder Schafräude der Menschheit bezeichnet. Eine grosse 
Literatur hat gefragt, was doch der neue Pietismus sei. Eine herz- 
liche Bruderliebe umfasste nur umsomehr die neugeborenen Gläu- 
bigen: sie hatte etwas wahres und warmes. Mancher Standesunter- 
schied hörte auf. Zärtliche und bleibende Freimdschaften wurden 
geschlossen. »Die Mystiker, welche sich früher nie von Angesicht 
kannten, sind gleich in den ersten Stunden so mit einander vertraut, 
wie sonst nach jahrelanger Freundschaft.« Aber wie wir sagten: 
diese starke Anpassung imseres Volkes ist der in der alten Zeit 
nicht gleich. Es fehlte das Feuer der Leiden, das die Kirche der 
Beformation einst durchglüht hatte. Das Martyrium des Pietismus 
unserer Frühlingszeit ist ein geringes gewesen. Einschneidend haben 
doch nur die Lutheraner in Schlesien gelitten. Wohl wurde mancher 
We Mann aus seiner Heimath vertrieben, da Serenissimus ihm 
dort keine Stelle in der Kirche geben wollte, auch reformirte Lipper 
sind nach Amerika ausgewandert ***), in Suiza in Thüringen wurde 
das Conventikelwesen mit zehntägigem Gassenkehren bestraft, aber 
wie bald heilte die Gunst der Zeit allen Schaden! Ohne Martyrium 
wird aber das Leben und die Lehre der Eeformation nie lauter erkannt 



*) Abendglockentöne von Fr. Strauss, Berlin 1868. Ziethe, Ber- 
liner Bilder aus alter und neuer Zeit, 1886. Gnadenführungen Gottes 
in dem Leben des F. 6. Dreger, 1860. 

**) Sein Leben von Ledderhose, 1863. 

***) Ueber diesen Auszug ein Schriftchen im Verlag des ref. K. in 
Clevelaiid: Gesch. des Missionshauses für die Feier seines 25jährigen 
Bestehens, 1885. 



10 Zweites Kapitel. 

und nie lauter bewahrt. Die Prediger der Erweckung haben 
viel Ehre empfangen. Es ist kein gutes Zeugniss, wenn man 
einem gesagt, er wäre gestorben satt vom Euhme der Welt. 

Für die Beeinflussung der grösseren Menge hat nachher 
Pantheismus Hegels, die Täuschung Schleiermachers und 
Frevelthat von Strauss die Kraft des Pietismus gebrochen 
seine Segnungen nur in vereinzelten kleinen Bächen dem Volke 
Theil werden lassen. Er hat mit dem Mangel kirchlicher L( 
gerungen, aber auch seine Freunde kehrten nicht zu deren Klar 
und Granzheit zurück : man glaubte unter den Einflüssen einer h 
müthigen und verwirrenden Philosophie das alte Dogma verjüD 
zu müssen, aber man zerbrach seine Formen ohne neue zu ha 
und verfiel in schrankenlosen Individualismus, der zuletzt nicht 
mal mehr die Pietät der Alten vor dem Heiligen besass. 

Aus den Erregungen dieser merkwürdigen Zeit tauchen gl 
anfangs grosse trügerische Gestalten hervor, die wir zuerst betracl 
müssen. 



Zweites Kapitel. 

Hegel. 

Literatnr: Haym, Hegel u. s. Zeit, 1857. Leo, die Hegelinge, 1 
Eritis sicut Deos, Roman von Wilhelmine Canz in Gr 
heppach, 1854. 

Seine grosse Bedeutung hat für eine Zeit lang darin bestani 
dass er den Theologen die sie erfreuende und täuschende Mög] 
keit gewährte, das kirchliche Dogma spekulativ zu erneuern, 
gab den Anstoss, die kirchliche Lehrform mit einem spekulatj 
Stempel zu versehen. 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, zu Stuttgart 1770 
boren, ist von 1818 — 31 Professor der Philosophie in Berlin. 
Mitte des vorigen Jahrhunderts war an die Stelle Gottes und se 
Wortes der menschliche Geist getreten. Nachdem Kant das 
der Vernunft aufgerichtete Gebäude einer göttlichen Erkennt 
unterwühlt, indem er den Beweisen vom Dasein Gottes ihre K 
imd Gültigkeit nahm und überhaupt alle theoretische Erkennt 
übersinnlicher Dinge zweifelhaft machte; nachdem er die Entsc 
äimg aller religiösen Fragen in das Gebiet der praktischen Verrn 



Hegel. 11 

verlegt und an die Stelle des göttlichen Gesetzes einen kategorischen 
Imperativ, ein Gresetz, das sich der Mensch selbst diktirt, gesetzt 
hatte — richtete Fichte eine sogenannte moralische Weltordnung 
als Gott auf und setzte an die Stelle des Glaubens ein stolzes Be- 
wnsstsein, eiu Sicheinswissen mit dem absoluten Ich, das er zur 
Weltaxe büdete. 

Schelling, der Begründer der Naturphilosophie, glaubte des 
Widerspruches von G^ist und Materie sich am besten und kühnsten 
zu entledigen, wenn er die Identität von beiden behauptete und 
einem dunklen Urgrund die Freiheit zur göttlichen Tochter gab. 
Er verkündete die spekulative Konstruktion des Christenthums, ver- 
stand dasselbe aber anders als die Theologen und weissagte ein 
ewiges Evangelium, neue dauerndere Formen, iu die der Geist der 
neuen Zeit das Christenthum kleiden werde. Professor Daub in 
Heidelberg suchte in seinem Sinne zu theologisiren. Hegel, sich 
anschliessend an den ganzen Taumel der Zeit, Hess in seinem Geiste 
den Weltgeist seine Begriffe vollziehen und nach vielen dialektischen 
Metamorphosen zum Bewusstsein seiner selbst gelangen. Das Natür- 
liche imd Bestehende ist das Vernünftige und in allen Ordnungen 
des Staates und der Religion ist eine lebendig gegenwärtige, orga- 
nisirte Vernunft zu erkennen. Auch das Christenthum ist eine 
konkrete Ausprägung göttlicher Vernunft imd Wahrheit. 

Es ist die absolute Religion. Wie sich die Idee der allgemeinen 
Offenbarung Gottes in der Menschheit, in der Gattung, mit der 
besonderen in dem Individuum Jesu vereinige, Hess der Meister 
unbestimmt. Seine Schüler füllten die Kluft aus und benützten das 
ganze System, um -die Einheit von Religion und Philosophie, von 
Glauben und Wissen zu proklamiren. Den von Hegel aufgestellten 
Satz, dass zwischen Religion und Philosophie nur der Unterschied 
der Vorstellung und des Begriffes sei, benützten die HegeHnge 
80, dass sie die christHche Wahrheit als absolute Wahrheit in der 
Form der Vorstellung verkündeten. Der ganze Inhalt der Vor- 
stellung wurde in den Begriff gelegt. Damit glaubte man den 
Schlüssel geftmden zu haben, alle IdrchHchen Lehren zu erneuern. 
Es war eine grosse. Selbsttäuschung, die namentHch durch Karl 
Friedrich Göschel, seit 1846 Präsident des Konsistoriums der 
Provinz Sachsen, gepflegt wurde (f 1861). Hegel begrüsste seine 
Bemühungen mit dankbarem Händedruck. Göschel sah nachher 
seinen Irrthum ein und endete seine reiche Hterarische Thätigkeit, 
die ihn zii Goethe und Dante und in die verschiedensten Gebiete 
geführt, mit einer Schnft über die KonkorfenoioTmftV 0Ä^^^» ^'^ 



12 Drittes Kapitel. 

die HegeTsche Philosophie unter der besonderen Ghinst des preussi- 
schen Ministers Altenstein stand, der übrigens kühl an seinem 
gastlichen Tische die Frage erörtern Hess, ob das Christenthum noch 
zwanzig oder dreissig Jahre bestehen werde, wurde sie die preussische 
Staatsphilosophie und ihre Schüler beherrschten die Lehrstühle. Jhr 
ganzer Wahn soUte nachher grausam und rücksichtslos durch Strauss 
zerstört werden. Der Freimd desselben, Christian Märklin 
(t 1849), war ehrlich genug zu bekennen, dass er, was nach dem 
HegeTschen System bloss die Form der Vorstellung sei, manchmal 
als Pfarrer ganz explicite als das Wesen der Sache geben müsse; 
so wenig wollten eigene üeberzeugung und Bewusstsein der Ge- 
meine ineinander aufgehen, dass immer ein heimtückischer, hinter- 
listiger Rest zurückbleibe. Er zog es darum nachher auch vor, aus 
voller Seele ein Heide zu sein*). 

Neben und mit Hegel erscheint eine andere Persönlichkeit mit 
geheimnissvoUer ümhüUung. 



Drittes Kapitel. 

Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

Literatur: Schleiermacher 's Briefwechsel mit Gass, 1852. Aus 
Schleiermacher' 8 Leben, in Briefen, herausgeg. von Dilthey, 
1860—63. Briefe an die Grafen zu Dohna, herausgeg. von Ja- 
cobi, 1887. Biographieen von Dilthey, Auberlen, Schenkel, 
Baxmann, Kannis u. A. Seine Theologie mit ihren philo- 
sophischen Grundlagen von Bender, 1876—78. Seine Reden über 
die Religion von Ritschi, 1874. Die romantische Schale von 
Haym, 1870. 

Er stammt von ausgewanderten Salzburger Protestanten ab. 
Sein Grossvater war in das schwärmerisch-sektirerische Treiben des 
Wupperthals verflochten. Der Vater war ein nüchterner Mann und 
ging in den Wegen alter Rechtgläubigkeit. Als er reformirter Feld- 
prediger in Breslau war, wurde ihm am 21. November 1768 Fried- 
rich Ernst Daniel geboren. Die fromme Mutter leitete nament- 
lich die Erziehung des frühverständigen Knaben. Die Eltern ziehen 
nach Pless und dann nach Anhalt. Nach einem guten philologi- 
schen Unterricht kommt er in die Erziehungsanstalt der Brüder- 



*J Sem Leben von Strauss, 1851. 



Schleiermacher. 13 

gemeine in Niesky. Von den Bildern dieser Gemeinschaft wird er 
ergriffen und in Urnnhe gesetzt. Zweifel über die Wahrheit der 
alten Greschichte hatten ihn schon früher gequält, jetzt hat er reli- 
giöse Skrupel. Mit seinem Herzensfreunde Albertini vertieft er 
sich in »abenteuerliche« Studien. 1785 ist Schleiermacher auf 
dem Seminar in Barby. Die Beschränktheit des hier herrschenden 
Geistes spannt ihn los »von dem Joche, um durch eigenen Muth, 
freimüthig und von jedem Ansehen unbestochen, die Wahrheit zu 
suchen«. Widerwillig gewährt der über den Unglauben des Sohnes 
tiefbekümmerte Vater die Erlaubniss, die Universität Halle zu be- 
suchen. Ostern 1787 ist er hier angekommen »um in einem Chaos 
zu leben, wie das, ehe die Welt geschaffen wurde«. Er schliesst 
sich an den Philosophen Eberhard an, der gegen die Eantischen 
Neuerungen lehrte, und kommt zur Lektüre des Piaton und Ari- 
stoteles. 1789 setzt er seine philosophischen Studien in kleinstädti- 
scher Einsamkeit bei seinem Onkel Stubenrauch zu Drossen in 
der Neumark fort. Das Eindringen in Kant gibt ihm die Ueber- 
zengung, dass unser Wissen sich auf die Welt der Erscheinungen 
beschränken müsse und dass allein die sittHchen Verpflichtungen 
nnmnstösslich seien. Er fürchtet nur seine Phantasie: sie könnte 
ihm seine Rechnung verderben. Alle Religion ist ihm Moral und 
alle Moral nur innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft. Diese 
bedarf keine Verbindung mit der Idee der Glückseligkeit, da die- 
selbe nur ein BedürMss des Begehrungsvermögens ist. Auch die 
vergeltende Gerechtigkeit Gottes ist in die rein moralische Erziehung 
des Menschengeschlechtes xunzusetzen. Der Jüngling hat scheinbar 
kalt an einer Lebensfreude resigniert, nach der er doch Verlangen 
trog. Dabei belebt ihn die Frivolität des Lucian; der frunzösische 
Skeptiker Montaigne wird seine Handbibel. Kränklich in dieser 
Zeit will er sterben : »da man nichts verliere, was der Mühe werth 
ist«. Er hat völlig mit dem Christenthum gebrochen. Das Wahre 
desselben: eine Sammlung von Sittenlehren, vermischt mit Lehr- 
sätzen, die nur auf die Juden Beziehung haben. Sein theologisches 
Üxamen 1790 macht er so, dass er »von theologischen Subtilitäten 
Bed' und Antwort gibt, die er im Herzen verlachte«. Die grosse 
T&nschung begann schon damals. Die Gönnerschaft des Oberkonsi- 
stoiialrath Sack verschafiFfc ihnn die Hauslehrerstelle bei dem Grafen 
Dohna. Eine edle Geselligkeit tritt ihm entgegen. Er lernt hier 
zuerst »die Frauen kennen, die er nur vom Hörensagen kannte«. 

Er wird freier und selbstgewisser und gewinnt die Zuversicht, 
sein eigenes Christenthum in den Hauspredigten an di^ «J^^txi^yc^^tl 



I 



14 Drittes Kapitel 

Eonnen und Bilder der christlichen Lehre anzulehnen. Sein Hen f. 
verlangt nach Glückseligkeit, aber er muss seine Ideale verschliesseD. ] 
1793 ist er in dem Gedicke'schen Seminar in Berlin, von 1794 k 
bis 1796 Hilfsprediger in Landsberg. Hier lernt er Spinoz» 1 
kennen: er verbindet ihn mit Kant. 1796 kommt er in die Her- : 
liner Kreise und in die Gemeinschaft der romantischen Schule als k 
Prediger an der Charit^. Das schöngeistige Treiben mit aller Locker« ' 
heit sittlicher Verhältnisse unter dem Vortritt geistreicher jüdischer ; 
Frauen und Mädchen stand dort in Blüthe. Mit ihnen lebte Schleier- ■ 
macher zwischen 1796 — 1802. Die schöne Jüdin Henriette Her» 
zog ihn an: sie hatte einen Kopf, wie ihn Tizian malte. Das 
WeibKche beherrscht den Mann. Es ist vielfach der Mutterboden 
dessen gewesen, was man sein religiöses Gefühl genannt hat. Die 
Prauen verständen ihn, meinte er, am besten. Jm Kreise der Herz 
sind die Beden über die Religion entstanden : ein Triumph des auf- 
geklärten Judenthums über das Christenthum. Henriette war 
Schleiermacher eine Ceres für seine innere Natur, eine Priesterin 
der Venus Urania: mit Behagen behandeln beide brieflieb, dass 
ihr Verhältniss nur das der innigsten Freundschaft sein könne. 
Friedrich Schlegel wird dann weiter der Freund und Leiter j 
Schleiermachers. Nach dessen Urtheil ist er ganz und gar } 
moralisch. Ohne alle Lust zu schreiben, »rupfb« doch Schlegel { 
imablässig an ihm und 1799 schreibt er das berühmte Buch: »Beden | 
über die Religion an die Gebildeten unter ihren Veräch- 
tern«. »Dass ich rede«, sagt er, »es ist ein göttlicher Beruf, es 
ist das, was meine Seele im Universum bestimmt und mich zu dem 
Wesen macht, welches ich bin«. Was hat dieser neue Priester der 
Welt geoffenbart? 

»Euer Gefühl«, sagt er, »insofern es Euer und des All gemein- 
schaftliches Sein und Leben ausdrückt, insofern Ihr die einzelnen 
Momente desselben glaubt als ein Wirken Gottes auf Euch, das ist 
Eure Frömmigkeit«. — »Das Universum ist in einer ununterbrochenen 
Thätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick; und in diesen 
Einwirkungen alles Einzelne als eine Darstellung des Unendlichen 
in unser Leben au&unehmen und davon sich bewegen zu lassen, 
das ist Religion«. — »Hat der Mensch die Menschheit gefunden, so 
kehrt das fromme Gefühl von den Wanderungen durch das ganze 
Gebiet der Menschheit geschärfter und gebildeter in das eigene Ich 
zurück und findet zuletzt Alles, was sonst aus den entlegensten 
Gegenden zusammenströmte und es erregte, bei sich selbst«. — 
Beligion ist also Schleiermacher das Aufgehen und Zusanunen- 



Schleiermaclier. 1 5 

sdimelzen mit dem Universum in allen seinen Formen imd Gestal- 
tongen. Danach ist es begreiflich, dass er von der Furcht in der 
Beligion nichts wissen will, sondern nur von glühender, schwärme- 
zischer Hingebung und Liebe; dass er von wahrer oder falscher 
fieligion nicht gesprochen haben will, da jedes religiöse Gefühl in 
^sieh selbst Wahrheit imd Leben sei; dass er Beligion und Kunst 
neben einander stellt; dass er so entzückt redet von den Göttern 
der Griechen, von dem frommen Bom, das aUen Göttern einen Altar 
eiriehtete, von dem göttlichen Plato, und dass ihm eine Zeit, wo 
die Philosophen religiös sein würden wie Spinoza und die Künstler 
fromm sein und Christum lieben wie Novalis, als die Feier der 
grossen Auferstehung für Philosophie imd Kunst erscheint. »Spinoza 
war voller Beligion und voll hohen Geistes«. Neuere Bildungen der 
Beligion werden sich neben dem Christenthum gestalten. Nichts ist 
irreligiöser als von einer einzigen wahren Beligion zu reden. Wer 
war Christus? Nie hat er behauptet, der einzige Mittler zu sein, 
der Einzige, in welchem sich seine Idee verwirklicht. Er hat aller- 
dings bis jetzt das Herrlichste in der BeHgion geschaffen. Es ist 
abiigens ein Frevel und eine Entstellung des GöttHchen, dass man 
sage, Christus sei ausgegangen von der Messiasidee seines Volkes. 
So weissagt der neue »Virtuos« im Christenthum. 

Es bedarf keines Beweises, dass diese von pantheisüscher 
Schwärmerei und weltschmerzlicher Wehmuth gef^bte »Beligion«, 
die eine starke Subjektivität und feine Sinnlichkeit als Ersatz für 
die Zerstörungen der Dialektik forderte, nichts gemein hat mit dem 
»Glauben«* der Schrift und der Beformation, denn dieser ist eine 
nackte G^ehorsamsthat des Willens, der sich gegen Gefühl, Empfin- 
dung und Herz dem geoffenbarten Worte der Gnade unterwirft. Ein 
Verehrer für die Beden fühlte damals »den gewaltigen Flügelschlag 
eines vorüberziehenden englischen Herolds«: jedenfalls war ihre 
Wirkung nach allen Seiten gross. Die geistlichen Lieder von No- 
valis'*') entstanden in der Zeit. Gleichzeitig mit den Beden Hess 
der vertraute Freund Schleiermacher's, Fr. Schlegel, den 
Boman Locinde ausgehen: ein ästhetischer und moralischer Frevel. 
In den vertrauten Briefen über die Lucinde trat Schleiermacher 
als Verteidiger derselben auf. Nicht nur poetisch, sondern auch 
religiös und moralisch sei die Lucinde. Der pantheistische Geist 
offenbart hier seinen inneren Kern. Schleiermacher dachte an 
sich selbst, denn unter dem Namen Leonore stellte er sein eigenes 



*) üeber ihn zuletzt Schubart, 1887. 



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16 Drittes Kapitel. 

Verhältniss mit Eleonore, der Frau des Predigers Grnnow iiifi ''' 
Berlin, dar; bis nach Stolp und Halle haben ihn diese tinreiiiea^ 
Fesseln begleitet. Er ist an dem Abgrund nicht vorbeigekonmueö^ '- 
der sich zu allen Zeiten der Mystik geöffiiet hat. 1799 waren nocJi 
die Monologe von Schleiermacher geschrieben worden: »enal 
lyrischer Extract aus einem permanenten Tagebuche c. Sie sind emA 
Selbstcharakteristik seiner Persönlichkeit. 1802 wurde Schleier* 
mach er Hoi^rediger in Stolp, 1804 ist er Professor und ünivem- 
tätsprediger in Halle, in innigem Verkehr mit dem Philosophen' 
Steffens*). Als 1806 die Universität dort geschlossen wurde, zidil 
er sich nach Berlin zurück, wo er, durch Stein und »Hardenberg 
bewogen, bei der Gründung der Friedrich- Wilhelms-UniversitÄt mit- 
wirkt. Er wird dann 1809 Prediger an der Trinitatiskirche. 

Erhebend ist seine Thätigkeit als beredter und hinreissender 
Patriot. Die Noth der Zeit, das Gericht über die Franzosen haben 
auch ihn geläutert und gereift; er wurde ein gewaltiger Mann, der, 
• als er 1810 zum ordentlichen Professor der Theologie ernannt war, be- 
geisterte Schüler um sich sammelte. Mit edlem Wort hat er nach den 
entsittlichenden Einflüssen der Fremdherrschaft die preussische' Volks- 
erhebung als eine Bückkehr zur Wahrheit bezeichnet. Aber er blieb 
in seinen geistigen Grundgedanken derselbe, den die Beden über 
die Beligion schon zeigen. Wie er keinen persönlichen Gott hatte, 
so auch keinen wahren Gottessohn. »Christus ist nur eine Wirkung 
der unserer Natur einwohnenden Entwicklungskraft.« Er ist am 
Kreuze nicht gestorben, es ist ein verborgener Lebenskeim in ihm 
geblieben. Wir wissen nicht, was er später für ein Ende genommen 
hat. Statt seiner persönlichen Wirksamkeit haben wir nur die Wirk- 
samkeit seiner Gemeinschaft, sofern auch das von ihm noch vorhan- 
dene Bild ebenfalls nur durch diese entstanden ist und noch fort- 
besteht. Wie in dem Centrum der christlichen Wahrheit, so wird 
auch in allen anderen Artikeln alles ins Menschliche und Diesseitige 
herabgezogen. Jeder tiefer Blickende fohlte bei seinen Predigten 
einen christlichen Vordergrund und einen von demselben ganz ver- 
schiedenen Hintergrund. Man hielt es damals sogar für Pflicht, sich 
der Vorstellungsweise der Gemeine anzubequemen. Schleiermacher 
verwarf die Vorstellung vom Teufel: im Berliner Gesangbuch, das 
so sehr das kirchliche Leben schädigte und wozu er den Antrieb 
gab, wollte er denselben durchaus festhalten. Man trug sich von 
ihm mit den widersprechendsten Aeusserungen. Er hat überallhin 



*J Sein Lehen von Petersen, 1884. 



Schieiennacher. 17 

i tiefjsten Anregungen gegeben, ein Meister der genialen Methodik 
.d Architektonik, aber nach seiner innigsten und wahrsten üeber- 
agnng ist er im Diesseits hängen geblieben und fand, als er am 
rabe seines einzigen Sohnes stand, keinen Trost und keine Hoffiiung. 
W)4 — 1810 gab er die epochemachende Uebersetzung des Piaton 
oraus. 1806 erschien »die Weihnachtsfeier«, ein Gespräch, und 
1 Jahre darauf ein kritischer Versuch über den sogenannten 
rsten Brief des Paulus an Timotheus. In seinen Vorlesungen 
ber Dialektik sprach er seine eigenthümliche Stellung dahin aus, 
ass alle Philosophie nur Postulate und Grenzbegriffe aufstelle, dazu 
ienend, dem Denken einen'^gewissen letzten Einheitspunkt zu geben, 
her positiven Inhalt hat nur die Frömmigkeit, in welcher das Ab- 
iohite als der Einheitspunkt des menschlichen Ich gefühlt und er- 
ahren wird, das aber niemals objektiv fixirt werden kann, sondern 
rein individuell ist. 

Der reifete Ausdruck seiner Gedanken ist die hochberühmte, 
durch neue Sprache glänzende, durch scharfsinnige Struktur auf- 
Ballende Schrift: der christliche Glaube, nach den Grundsätzen 
der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt 
(1821—1822). Die Eeligion als Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit 
ergibt ein Gottesbewusstsein, mit dessen Analysirung es die Glaubens- 
lehre zu thun hat. In Christo war dieses Gottesbewusstsein am 
stärksten: er hat die Christenheit angeregt: darnach werden die ein- 
zelnen Dogmen kritisch beleuchtet. 

Es ist häufig nachgewiesen worden, dass wir hier etwas völlig 
anderes haben als die Grundsätze der evangelischen Kirche, auch 
selbstverständlich etwas anderes — da Schleiermacher das Alte Testa- 
ment ganz verwarf — als die Gedanken der hl. Schrift. Baur hat 
gemeint: man kann bei Schleiermacher den Gedanken an eine ab- 
sichtliche Täuschung nicht unterdrücken bei der gar zu grossen Vor- 
sicht, mit welcher seine Glaubenslehre den Widerspruch mit der 
Kirchenlehre so viel als möglich zu umgehen und zu müdem sucht 
und bei der gesuchten Künstlichkeit, mit welcher er die kirchlichen 
Lehrsätze und Formeln in einen Sinn deutet, den er unmöglich für 
den wahren und einzigen halten konnte. Die »christliche Sitte« 
(1834 von Jonas herausgegeben) ist ein Seitenstück der Dogmatik. 

Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften hat er Beden 
und Abhandlungen geliefert; er hat sich für die Union und gegen 
die Agende ausgesprochen; er ist zuletzt noch in Gefahr gewesen, 
als Demagog angeklagt zu werden und die Ungunst der Regierung 
nahm gegen ihn zu. Der immer mehr mächtig werÖLetAftXL ^Sfifes^k- 

Zmbn, KirebengoBclUobte. 2. Anß. ^ 



18 Drittes Kapitel. 

sehen Bewegung stand er hinderlich und abgeneigt gegenüber. Vor 
seinem Tode hat er ein Abendmahl gefeiert, das peinlich unangenehm 
berührt, und das — da dem E^ranken der Wein verboten war — 
mit der diplomatischen Bemerkung eingeleitet wird: »Ich habe immer 
geglaubt und glaube es auch jetzt noch, dass der Herr Jesus das 
Abendmahl in Wasser und Wein gegeben hat«, worauf dann nur 
Wasser genommen wird. Der Herr sprach von dem Gewächs des 
Weinstocks. Er stirbt am 12. Februar 1834. Man kann Schleier- 
macher aus seiner Zeit verstehen: die christliche Wahrheit war 
das Versuchsfeld für eigene Systeme, aber man kann ihn nicht mit 
seiner Zeit entschuldigen. Er musste es wissen, dass sein System, 
in dem der Glaube kein Interesse an der Persönlichkeit Gottes hat, 
nicht der Wein der biblischen Wahrheit war. Und so steht am Be- 
ginn des Jahrhimderts eine geheimnissvoU verschleierte Truggestalt, 
die unzählig Viele getäuscht hat imd so einen imheimlichen, ver- 
wirrenden Schein über die ganze kirchliche Entwicklimg geworfen. 
Angeregt von ihm sind sowohl seine Linke, die vollen Schleiermache- 
rianer, als seine Bechte, die mehr positiven Theologen. Nach seinem 
Tode erschienen seine Werke: 1. Abtheilung: Zur Theologie. 2. Ab- 
theüung: Predigten. 8. Abtheüung: Zur Philosophie. Als man 1868 
das hunderigährige Gedächtniss seiner Geburt beging, wusste die 
Theologie noch immer nicht, was sie an dem Manne habe. Es kam zu 
ärgerlichen Streitigkeiten. Eine Berliner Zeitung erzählte ausführlich 
sein Verhältniss zur Grunow. Eine wahre Ironie führte ihn auf der 
anderen Seite als Bekenner des Wunderglaubens und Zeugen der 
Auferstehung vor. Von Luther weiss jedes Kind, was er gelehrt 
und dass er der Prophet Deutschlands war. Wer war 'Schleier- 
macher? Man kann hier nicht die Bemerkung unterdrücken: was 
hätte Janssen aus dem Leben Luthers gemacht, hätte er dazu den 
Stoff aus Schleiermachers Leben nehmen können! Hier zeigt 
sich aber der Unterschied der Jahrhimderte: in dem einen wirkt 
Gottes Wort imd Geist im geängstigten Gewissen eine Macht der 
Weltumgestaltung, in dem unsrigen wirkt nur ein religiöses Gefühl, 
welches bei aUer systematischen Virtuosität in ethischen Fragen 
doch für das praktische Leben die Sittengebote nicht genau nimmt 
und keine wahre Erafb für die Gemeine wird: die Signatur der 
ganzen folgenden Entwicklung*). 



*)^ Welch ein Unterschied zwischen dem brieflichen Verkehr Luthers 
mit seinen Freunden und dem von Schleiermacher mit den seinen I In dem 
neuerdings herausgegebenen Briefwechsel Schleiermachers mit dem Grafen 
zu Dohna findet man auch nicht einen christlichen Gedanken. 



Die Union. 19 

Viertes Kapitel. 

Die Union. 

Literatur: Hering, Geschichte der kirchlichen ünionsyersuche, 1836-88. 
Nitzsch, Urkundenbuch der evangelischen Union, 1854. Jnlius 
Müller, die evangelische Union, 1854. Schenkel, der Unions- 
berof des evangelischen Protestantismus, 1855. Wange mann. 
Sieben Bücher preussischer Eirchengeschichte, 1859. Nagel, der 
Kampf der evangelisch -lutherischen Kirche in Preussen seit Ein- 
führung der Union, 1809. Brandes, Geschichte der kirchlichen 
Politik des Hauses Brandenburg, 1872—78. Pinscher, Union und 
Eonfession, 1878. Mücke, Preussens landeskirchliche Unionsent- 
Wicklung, 1879. Fabri, kirchenpolitische Fragen der Gegenwart, 
1866. Die Unions- und Verfassungsfrage, 1877. Wangemann, 
die lutherische Kirche der Gegenwart in ihrem Verhältniss zur 
Una Sancta, 1888—84. 

Es waren wesentlich die Einflüsse der die ganze Zeit wunderbar 
durchziehenden Anregungen zu heilsam Neuem, die den edlen, schlich- 
ten, in den Leiden der Franzosenzeit geprüften und durch die Errettung 
von der Hand der Dränger gehobenen Friedrich Wilhelm IIL, 
der Freude an dem Studium Luthers gewann, und durch einen Be- 
such in England, wo er die einige Nationalkirche sah, angeregt war, 
aas Veranlassung des Eeformationsjubüäums am 27. September 1817*) 
zu einer Kabinetsordre bewogen, in welcher er die Aujfforderung 
aussprach, die bevorstehende Säkularfeier durch einen Anfang zur 
Wiedervereinigung der Lutheraner und B.eformirten würdig zu be- 
gehen. Dies läge in dem Sinne seiner Vorfahren, wäre nur durch 
den unglücklichen Sektengeist verhindert worden; das sei möglich 
unter dem Einfluss jenes besseren Geistes, welcher das Ausserwesent- 
lißhe beseitige und die Hauptsache im Christenthum, worin beide 
Eonfessionen einig seien, festhalte ; das sei den grossen Zwecken des 
Chiistenthums gemäss, entspreche den ersten Absichten der Refor- 
matoren und liege im Greist des Protestantismus; viele Beformen in 
Kirchen und Schulen, welche bisher durch den Unterschied der Kon- 
fessionen gehemmt worden seien, würden dann möglich werden; wenn 
beide Theüe ernstlich wollten, eine neue, belebte evangelische Kirche 
im Geiste ihres Stifters wollten, stehe kein Hindemiss entgegen; 
aber er sei weit entfernt, diese Union aufdrängen zu wollen, die nur 
Werth habe, wenn weder Ueberredung noch Lidifferentismus Theü 
daran hätten; er selbst werde das Fest durch Abendmahlsfeier in 
der vereinigten lutherischen und reformirten Gemeinde in Potsdam 



*) Delbrück, Die Jubelfeier der Reformation, 1^17. 



20 Viertes Kapitel. 

begehen. Eine Synode zu Berlin, welche 1817 unter Schleier- 
machers Vorsitz tagte, entschied sich daför und schlug nach dem 
Vorbild der Brüdergemeine einen gemeinsamen mittleren Ritus vor: 
den Gebrauch des Brotbrechens und die Distributionsformel: Christus, 
unser Herr, sprach: Nehmet hin und esset u. s. w. In den Lehren 
der Konfessionen sollte nichts geändert werden; von einem üeber- 
tritt zu einer anderen Kirche sei nicht die Eede. Der Anfang der 
Union ist also dieser: eine neubelebte evangelische Kirche mit zu 
Eecht bestehenden Konfessionen. Die Union kein Konfessionswechsel. 
Hierin lagen die Samenkörner der unheilvollsten Händel, die die 
Kirche bis auf die Gegenwart nicht haben zur Ruhe kommen lassen. 
Ein Bild wüster Verwirrung entrollte sich mehr imd mehr. Gewiss 
der König hat nicht in Gleichgültigkeit den Akt vollzogen: er stand 
unter dem Drang einer warmen Belebung, die die Zeit durchzog, 
aber doch ohne wirklichen Beruf; kein Mann zu einer solchen That, 
zu der er auch in dem Bischof Eylert*) und dem Minister Alten,- 
stein keine befähigten Gehilfen hatte. Mit Wohlwollen griff er ein 
Werk an, dessen Schwierigkeit er nicht verstand und das in seinem 
ganzen Verlauf nur die grossen geschichtlich gewachsenen Aeste des 
Reformationsbaumes brechen und knicken sollte. 

Recht hat Landerer: »Dass dem König damals die Union als 
eine reife Frucht des Zeitalters zugefallen, ist in keiner Beziehung 
wahr. Zu früh war diese Union, weil sie in eine Zeit fiel, wo man 
erst wieder anfing, auf das ursprüngliche Wesen des Protestantismus 
sich zu besinnen; zu früh war die Union, weil die Strömung des 
dogmatischen Indifferentismus noch zu stark war, während sie der 
beginnenden restaurationistischen Tendenz nicht in ihrer Schwachheit 
geMlen konnte. Die Union war nicht dem Willen ihres Stifters 
nach, aber ihrem Wesen nach indifferentistisch und absorptiv und 
warf durch das ganze Jahrhundert den bitteren Zankapfel.« Die 
Gleichgültigkeit hat sie anfangs begrüsst. Einsam war die Stellung 
von Harms**) in Kiel, der seine 95 Thesen gögen sie aufstellte: 
eine Weissagung aller Händel der Zukunft. »Herrlicher als die 
reformirte und katholische Kirche ist die evangelisch- lutherische 
Kirche. Sie hält und bildet sich am Sakrament wie am Worte 



*) Von ihm: Gharakterzüge mid historische Fragmente aus dem Leben 
des Königs von Preussen, Friedrich Wilhelm HL 1842—1846. 

**) üeber ihn haben Baumgarten 1885, Kaftan 1875, und Lüde- 
manD 1878 geschrieben. Von ihm selbst ist auch eine Lebensbeschrei- 
bung vorhanden, 2. Auflage 1851. 



Die Union. 21 

Gottes.« Das Wahre lag in ihnen, dass geschichtliche Kirchen nicht 
durch eine Eabinetsordre ihre Scheidewand verHeren. 

Die Union ging ihren verhängnissvollen Weg weiter, als 1821 
die prenssische Hofagende als ein eigenes Werk des Königs er- 
schien, zu dem er seine besten Stunden benützt hatte, umgeben von 
allen möglichen Agenden aus Deutschland, und nun ihre Annahme 
überall empfohlen imd befohlen, gewünscht und aufgezwungen wurde. 
Sie fend nicht viele Freimde, obwohl sie der König selbst schlicht 
und liebevoll in der Schrift: Luther in Beziehung auf die preussische 
Kirchenagende vertheidigte. Auch Schleiermacher schrieb 1824 
ein »Theologisches Bedenken« gegen sie, mit Theilnahme für die 
Bedürfnisse der reformirten Gemeinen. Als Pacificus Sincerus wollte 
er nichts von dem liturgischen Eecht deutscher Landesförsten wissen. 
In dem »Gespräch zweier Christen« folgte noch eine schärfere Kritik, 
obwohl er den König als Verfasser der genannten Schrift kannte. 
Die Agende war im Gegensatz gegen viele rationalistische Formulare 
etwas viel besseres, aber die Weise, wie sie eingeführt wurde, ist 
ein wahres Jammerstück byzantinischer Ho^oHtik. Man erzwang 
überall den Schein des Gehorsams und verführte die Schwachen. 
Der Direktor des Brandenburgischen Konsistoriums Hess sich ins 
Finanzministerium versetzen, weil er den Jammer des Unionsschachers 
nicht mehr ansehen wollte. Der König, eigensinnig und gereizt, stritt 
mit persönlicher Liebhaberei für sein Werk. Als sie im Jahre 1830 
bei dem dreihundertjährigen Jubüäum der Augsburgischen Konfession 
Gesetz und ziemlich allgemein angenommen wurde, rief sie auf einer 
Seite die erbittertste Opposition hervor. In Breslau war ihr Führer 
der Professor Scheibel, Prediger an der Elisabethkirche, ein hart- 
näckiger, aber in der Hauptlehre der lutherischen Konfession wohl 
er&hrener Mann. Der König war ihm bitterböse und bewirkte 1832 
seine Entlassung. Der Philosoph Steffens, der Romantiker unter 
den Lutheranern,*) der Jurist Huschke organisirten den Widerstand. 
Letzterer lehrte mit entschiedener BQarheit: das Kirchenregiment ist 
juris divini. 

1884 erschien die königliche Versicherung, dass mit der Union 
keine Konfessionsunion beabsichtigt sei. Diese drücke nur den Geist 
der Milde und der Mässigung aus, welcher die Verschiedenheit ein- 
zebier Lehrpunkte der anderen Konfession nicht mehr als den Grund 
gelten lässt, ihr die äussere kirchliche Gemeinschaft zu versagen. 
Granz unchristlich wäre es, zu gestatten, dass die Feinde der Union 



*) Wie ich wieder Luthersmer wurde. 18S\. 



22 Viertes Kapitel. 

im Gegensatz zu den Freunden derselben sich als eine besondere [ 
Beligionsgesellschaft konstituiren könnten. Dies betrieb man aber \ 
ganz entschieden in Schlesien. Es galt dem König als politische ' 
BebeUion. Es kam gegen die Lutheraner zu Gewaltthaten, nament- 
lich bei dem Pfarrer Kellner in Hönigem; das ihnen bereitete 
Martyrium, eines der wenigen, die das Jahrhundert kennt, war ein 
grosser Fehler. Man gab den Leidenden den Schein, dass sie für 
das Biblische und Evangelische litten. Neuerdings hat Wangemann 
in seiner CJna sancta diese Vorgänge anders beleuchtet als in seiner 
preussischen Kirchengeschichte, aber nicht ohne heftigen Widerspruch. 
Als die ausgepföndeten und eingekerkerten Lutheraner müde den 
Stab der Auswanderer ergriffen, betrübte dies den König; er soll 
sie sogar heimlich unterstützt haben. Aehnlich traurig waren die 
Vorgänge im Wupperthal. Der Bischof Boss, der Bevollmächtigte 
des Königs, drohte mit Absetzungsschematen, die er schon in der 
Tasche habe. Ein BedürMss der Union lag nirgends vor. Der 
Frieden der Gemeinen wurde schwer geschädigt. G. D. Krum- 
macher warnte; auf den Synoden hatte man tausend Bedenken; 
Petitionen gingen an den König. Dennoch wurde 1835 zugleich mit 
der rheinisch-westphälischen Kirchenordnung die Agende aufgezwungen, 
wenn auch bald darauf für die reformirte Gemeinde die kleinere 
Agende bewilligt wurde. Auch hier trat eine kräftige Losscheidung 
ein, die nachher zu der Bildung der blühenden niederländisch-refor- 
mirten Gemeine führte. Mit Becht sagten erfahrene Männer: der 
Niedergang des Wupperthals schreibt sich von 1835 her: da sank 
die Autorität der altväterlichen Kirche. 

In Schlesien bildete sich 1835 die Synode der streng lutherischen 
Freikirche, gegen die die Eegierung später nachgiebiger wurde. Sie j 
erhielt am 23. Juli 1845 von Friedrich Wilhelm IV. die G^neral- 
konzession und hat in der neuesten Zeit, nachdem der Jurist Hu schke 
(t 1886) sie lange Zeit glücklich regiert, auch wieder nach Streitig- 
keiten über das Kirchenregiment in sich Separationen (Immanuels- 
synode) erlebt: noch immer in kleinen Gemeinen auch ausserhalb 
Schlesiens zerstreut und einmal noch in Elberfeld durch die Trennung ; 
des Pastors Feldner sich vermehrend. Die Breslauer Synode zählt ■ 
gegenwärtig 57 Geistliche. 1856 hat auch Baden eine lutherische ] 
Separation gesetzlich anerkannt. Pfarrer Eichhorn in Korbach hatte 
für dieselbe Bande und Trübsale aller Art erleiden müssen. Auch 
in Sachsen entstand eine evangelisch-lutherische Freikirche. 

Von Preussen aus durchzog die Union Deutschland, überall ge- 
tragen von dem Geist der Gleichgültigkeit. Man zerstörte nach der 



Die Union. 23 

lierrschenden Mode grosse historische Kirchen, als man sie vereinigen 
wollte. In Nassau 1817, in Bheinbayem 1818, zu gleicher Zeit in 
Hanau, in Anhalt-Bemburg 1819, in Waldeck-Pyrmont 1821, damals 
axLck in Baden, in Darmstadt 1823, in Hüdburghausen 1824, in 
Liditenberg 1825, in Anhalt-Dessau 1827. Am naivsten wurden in 
Württemberg die reformirten Waldensergemeinen untergesteckt; König 
Wilhelm dekretirte 1820: »Ich will, dass die Vereinigung bewirkt 
werde«. 

Als 1840 Friedrich Wilhelm IV.,*) dieser hochbegabte, feinsinnige, 
wohlredende Monarch von schwärmerischem Idealismus und doch 
dabei von kritischem Scharfblick, der ihn bald die Menschen über- 
sehen Hess, von wahrer Herzensgüte, einer der liebenswürdigsten 
und unglücklichsten Fürsten, »er der Alles hatte, nur keine glück- 
liche Hand,« den Thron bestieg, war er kein besonderer Freund der 
Friedensstiftung seines Vaters. Er hat die rheinisch -westphälische 
Kirchenordnung von 1835 ein unglückseliges Werk genannt. Um die 
Union kirchlich mehr zu befestigen, wurde 1846 eine General- 
synode nach Berlin berufen. Sie bestand aus 37 geistlichen und 
38 weltlichen Mitgliedern. Den Vorsitz fährte der Kultusminister 
Eichhorn. Ueber die Lehr&age referirte Nitzsch, dass die Union 
auch eine der Lehre sein müsse, natürlich nur fär die Fimdamental- 
«rtikel. Aehnlich äusserte sich Julius Müller. Der für die Ver- 
&ssungsfrage gestellte Beferent Stahl beantragte eine Kirchenver- 
&ssung, in welcher die Konsistorialverfassung mit der Presbyterial- 
verfessung verschmolzen sei. Das abgefasste Ordinationsformular, 
wonach nur auf die Grundwahrheiten verpflichtet werden sollte, 
wurde von den positiven Mitgliedern bekämpft; ihre Gegner wollten 
nur den Glauben gepredigt haben ohne bestimmten Lehrinhalt. 
Kahnis hat das Formular eine Jammergeburt der Doktrin genannt; 
Hengstenberg wurde durch dasselbe noch mehr ins lutherische 
Lager getrieben. Praktische Erfolge hatte die Synode nicht. **) Der 
edle König hat damals den Gedanken ausgesprochen, der ihn sein 
Lebenlang beschäftigte: die evangelische Kirche kann ihrer Mission 

*) Bänke in der deutschen Biographie und v. Beumont: Aus König 
Friedrich Wilhelm IV. gesunden und kranken Tagen, 1885. Seine 
Gebete sind auch neuerdings veröffentlicht worden. Von seiner vortreff- 
lichen Gattin Elisabeth von Bayern erzählt Otto Strauss, 1875. Auch 
Lndovica Hesekiel, 1881. 

**) Julius Müller, die erste Generalsynode der evangeL Landes- 
kirche Preussens. Breslau, 1847. Wiese, Lebenserinnerungen, 1886. 
Seite 113. 



24 Viertes Kapitel. 

Bur gerecht werden, wenn sie immer wieder an die apostolischen 
Zeiten anknüpft. Die Zuflucht zu dem lutherischen Bekenntnisse zu 
nehmen, dazu veranlassten auch die »lichtfreundlichen Gemeinen 
der protestantischen Freunde,« die sich in der Provinz Sachsen 
unter der Leitung der Pastoren Uhlich in Magdeburg und Wisli- 
cenus in Halle bildeten und sich mit den Ueberresten der Deutsch- 
katholiken als freie religiöse Gemeinen später vereinigten. 
Uhlich*) lebte in stetem Kampf mit den Behörden und stand oft 
als Angeklagter vor Gericht. Die Magdeburger nahmen ihn in ihrer 
Religionslosigkeit in Schutz. Göschel wurde eines Abends sogar 
von einer Deputation von 100 Frauen mit Bitten bestürmt, sie vor 
dem kirchlichen Formelzwang zu bewahren. Wislicenus entschied 
sich in seiner Schrift: Ob Schrift, ob Geist? (1845) gegen die Schrift 
als Norm für den in der Menschheit fortlebenden Geist der Wahr- 
heit. Der Berliner Magistrat trat für den seines Amtes entsetzten 
Mann ein und empfing vom König eine Büge. Die Beligion und 
Politik vermengenden Volksversammlimgen wurden verboten. Die 
freien Gemeinen, die zusammentraten, erhielten 1847 freie Religions- 
übung.**) Uhlich, seines Amtes suspendirt, weil er die Angriffe 
gegen die Landeskirche nicht unbedingt aufgeben wollte, hat eine 
anfänglich grosse Gemeine gegründet, die nachher — wie er selbst 
— verkümmerte. Bald ging das ganze unreine Treiben in den 
Taumel von 1848 über. 1879 zählte der »Freireligiöse Kalender« 
noch 144 Vereinigungen in Deutschland. 1885 wurden von 109 
Städten mit Gemeinen 17 gestrichen. Als sich Friedrich Wilhelm IV. 
aus den traurigen Niederlagen der Revolutionszeit wieder aufgerafft 
hatte, hat er sich auch über die Union in widerspruchsvollen Ka- i 
binetsordren geäussert. Nach der vom 6. März 1852 hatte der 
Oberkirchenrath die Aufgabe, die evangelische Landeskirche sowohl 
in ihrer Gesammtheit zu vertreten, als auch das Recht, die verschie- 
denen Konfessionen zu schützen. Wo die Entscheidimg nur aus 
einem der beiden Bekenntnisse geschöpft werden kann, tritt eine itio 
in partes ein. Am 12. Juli 1853 erging gegen Missverständnisse 
die Erklärung, dass es nicht die Absicht des Königs sei, durch kon- 
fessionelle Sonderbestrebungen die Ordnung der Kirche zu unter- 
graben und den Unionsritus aufzuheben. Am 11. Oktober 185S 



*) Er hat sein Leben selbet beschrieben. 1872. 

**) Baltzer, Delitzsch- Halle -Nordhausen, oder mein Weg aus der 

Landeskirche in die freie protestantische Gemeine, 1847. Guericke, 

LichtAreundethum und Kirchenthum, 1847. Pröhle, Feldgarben, 1841. 



Die Union. 25 

wurden dann wieder die strengen Lutheraner beruhigt. Die Ver- 
wirrung stieg. Die Novemberkonferenz in Monbijou verlief resul- 
tatlos. 1857 brachte die Parallelformulare mit ihrer grösseren Frei- 
heit in der Liturgie. 

Die Unionsstimmung wurde neu belebt durch die dritte Ver- 
sammlung der »Evangelischen Allianz« in Berlin, wo der König 
seinen alten Freund Bunsen, der inzwischen weit nach links abge- 
schwenkt hatte, herzlich begrüsste, was den Vertreter des Luther- 
thums im Oberkirchenrath, den Juristen Stahl, bewog, seinen Ab- 
schied von dieser Stellung zu nehmen. Die genannte Evangelische 
Ania,Tiz ist ein von London ausgegangener Bund, der in den Gross- 
städten berühmte und besuchte Versammlungen abhält und zum 
Beginn ides Jahres eine internationale Gebetswoche eingeführt hat. 
Man kam 1851 in London, 1855 in Paris, 1857 in Berlin, 1861 in 
Genf, 1867 in Amsterdam, 1878 in Newyork, 1879 in Basel, 1884 
in Kopenhagen, 1885 in Glasgow zusammen. Wir müssen hier einen 
Blick auf zwei Männer werfen. Friedrich Julius Stahl (geboren 
16. Januar 1802 zu München, f 1861) trat vom Judenthum zum 
Christenthum über und wurde durch seine wunderbare Begabung 
der wohlredendste Mund dieses Jahrhunderts, der Führer des ihm 
lauschenden Herrenhauses, der Vicepräsident der Kirchentage und 
Pastoralkonferenzen. Ein scharfsinniger Jurist und berühmter ßechts- 
lehrer, ein feinsinniger Dialektiker, war er mächtiger als seine Gegner. 
Die .Wissenschaffe muss umkehren; Autorität, nicht Majorität: das 
waren seine Losungsworte. Nur das konfessionell lutherische Christen- 
thum bildet einen Damm gegen die Revolution. In seinem Buche 
über die lutherische Kirche und Union zeigte er grosse Unkenntniss 
der reformirten Lehre und trug romanisirende Ideen vor: immer in 
lichtvoller, bestechender Darstellung. Ein bedeutender Geist, aber 
kein echter Protestant. Es war doch ein Irrthum, als er einmal 
begeistert im Herrenhause ausrief : Ich kenne kein griechisches, kein 
katholisches, kein protestantisches Kreuz, sondern nur ein Kreuz, 
das auf Golgatha steht. Ohne das Licht der Reformation fehlt ihm 
die Deutung. Gunz anders war Christian Karl Josias Ritter 
von Bunsen.*) 1884 Gesandter der preussischen Regierung am 
päpstlichen Hofe, dann in London und Bern, lebte er von 1854 bis 
zum Jahre 1860 in freier schriftstellerischer Muse in Heidelberg imd 



*) Sein Leben, von seiner Wittwe (deutsch von Nippold) 1868-1871, 
Freifrau von Bansen. Ein Lebensbild von Hare (deutsch von Hans 
Tharau) 1883. 



26 Viertes Kapitel 

Bonn. Auf allen Grebieten sich leicht zurechtfindend, ebenso ein 
Diplomat wie ein Historiker und Theologe, der im egyptischen und 
kirchlichen Alterthum, in den Fragen des Gesangbuches und der 
Liturgie gelehrte Kunde zeigte, mit dem edlen König in Briefwechsel, 
doch nicht von der Nüchternheit desselben,*) trat er mehr und mehr 
der Kritik und dem Liberalismus nahe und wollte in den »Zeichen 
der Zeit« (1855) die Reaktion bekämpfen. Seine biblischen Arbeiten 
zeigen doch viel Dilettantismus. »Seine ganze politisch - kirchliche 
und literarische Thätigkeit seit 1848 zeigt nicht sowohl eine Ent- 
wicklung, als die unablässige Wandlung seiner Ideen und erklärt 
die immer zunehmende Divergenz zwischen denselben und denen des 
Königs. .Friedrich Wilhelm IV. hat dasjenige Werk, welches Bunsen 
als Schlussstein seiner ganzen Laufbahn ansah, das Bibelwerk für 
die Gemeine, nicht erlebt, an welches er nach dem Aufhören seiner 
diplomatischen Thätigkeit alle seine Kraft setzte. Wer weiss, ob er, 
dem Ende seiner Tage nahe, Sammlung genug gewonnen hat, um 
den Unterschied zwischen seinen Anschauungen, ich möchte sagen 
zwischen seinem Ich vergangener Tage und dem Standpunkt zu er- 
kennen, auf welchem er in trauriger und unabweislicher Konsequenz 
angelangt war. Derjenige Theil dieser umfassenden Arbeit, welcher 
deren Abschluss bilden sollte : das Leben Jesu, war entworfen, aber 
nicht überarbeitet, als er abberufen wurde. Selten hat die Lektüre 
eines Buches mich so traurig gestimmt wie die letzte Grsbe eines 
Mannes, dessen Geist und Herz mir ungeachtet aUer Gründe unserer 
Disharmonie Anerkennung auflegten und Zuneigung einflössten. An 
den Schluss gelangt, habe ich ihm schmerzlich fragend nachgeblickt 
auf dem Nebelpfjade, auf dem er seinen gekreuzigten und nicht ge- 
storbenen und somit nicht auferstandenen Weltheiland verschwinden 
lässt.« So der feinsinnige v. Reumont über Bunsen. Tholuck 
hat gemeint, er wäre einer der liebenswürdigsten Menschen, Bis- 
marck in seiner derben Offenheit, er sei einer der verlogensten ge- 
wesen, die er kennen gelernt. Neben Stahl und Bunsen ist auch 
V. Bethmann-Hollweg zu nennen, umsomehr, als evangelisch 
empfindende Laien so selten in der Gegenwart sind. Ein vortreff- 
licher Rechtslehrer, zwei Jahre auch Kultusminister in Berlin, hat er, 
eine edle und feine Natur, Kirchentagen präsidirt und die Sache der 
Union vertreten. In seinem schönen Sitz Rheineck bei Andernach 
konnte er seiner Kunstsinnigkeit sich freuen und bis zuletzt gelehr- 



*) Aas dem Briefwechsel Friedrich Wilhelm IV. mit Bansen. Von 
Leopold von Eanke, 1878. 



Die Union. 27 

ten Forschungen leben, stets aber auch ein warmer Freund der 
evangelischen Kirche. . 

Wie Hegel und Schleiermacher täuschten, so blieb auch 
nach dem Charakter des Jahrhunderts die Union die Sphinx, deren 
Bäthselspruch Niemand deuten konnte. Leo hat sie mit Becht das 
Zugpflaster der Eonfessionen genannt. Der uniformirende Einfall 
des Königs hatte drei Kirchen gebildet und die unirte bot am Ende 
der fünfziger Jahre eine »Weinkarte« von Konfessionen aus. 

Die Gegensätze von Union und Konfession trieben zur Bildung 
von Vereinen, die die Gesinnimgsgenossen zu festen Körpern sam- 
meln v^ollten. Die Lutheraner schufen einen Centralverein (1851), 
dem der mit Mühe dem Hegelthum entronnene Göschel präsidirte, 
jetzt ein Anhänger der Concordienformel. In allen Provinzen hatte 
er Zweigvereine. Die Union rief dagegen ihre Zusammenkünfte ins 
Leben. Während in Preussen die Wagschale schwankte, kamen in 
Sachsen, in Bayern, in Mecklenburg und in Hannover die Lutheraner 
zum Begiment. 

Die Kirche lag in schmerzlichen Wirren, als einer der frömmsten 
Fürsten, die den Thron der Hohenzollem innegehabt, am 2. Januar 
1861 nach dunklem Leid zu seinen Vätern versammelt wurde'*'). 

Für seinen Nachfolger Wilhelm I. ist ein Wort bezeichnend, 
das er einst als Prinz-Regent zu Daniel von der Hey dt, dem 
Aeltesten der niederländisch-reformirten Gemeine, gesagt hatte: »Mit 
Au£aierksamkeit habe ich die niederländisch-reformirte Gemeine imd 
die Altlutheraner beobachtet und ich nehme keinen Anstand Ihnen 
zu sagen — Sie wissen es, dass solche sich absondernden Gemeinen 
meinen innersten Grundsätzen, meinen eigensten Prinzipien diametral 
entgegen sind. Wir streben die Union an. Aber verschieden ist 
meine persönliche Ueberzeugung von dem, was ich als Landesherr 
als meine Pflicht erkenne. Ich werde schützen, was besteht und 
wenn man ihnen etwas nehmen wollte, rechnen Sie auf meine Pro- 
tektion«. Bekannt sind seine Worte bei dem Antritt seiner Re- 
gierung : »Die Orthodoxie ist dem segensreichen Wirken der evange- 
üschen Union hinderlich gewesen; die Aufrechthaltung derselben ist 
mein fester Wille ; alle Heuchelei, alle Scheinheiligkeit, kurzum alles 
Kirchenwesen als Mittel zu egoistischen Zwecken ist zu entlarven, 
was es nur möglich ist«. Als man von Seiten der Liberalen diese 
Aeusserungen benützte, hat er doch wieder den grossen Werth der 



*) Wagner, die Politik Friedrich Wilhehna IV., 1883. Von dem- 
selben: Erlebtes und die kleine aber mächtige Partei, 1884. 



28 Viertes Kapitel. 

Religion bezeugt. Er ist auch hierin conservativ geblieben. Wie 
sein Bruder ein Freund des Oberho^redigers Hoff mann und posi- 
tiver Kollege desselben, betonte er überall die Union, und wurde er 
unangenehm berührt, wenn ihn ein reformirter Pastor in Bentheim 
als reformirten Fürsten begrüsste, so dachte er keineswegs im Sinne 
des Protestantenvereins, der ihm mit seiner Leugnung der Gottheit 
Christi den christlichen Glauben zerstörte. »Denn wenn wir daran 
nicht festhalten, so sind wir keine Christen mehr.« Er hat bestimmt, 
dass §. 79 des Reichs-Civilehe-Gesetzes lautet: Die kirchlichen Ver- 
pflichtungen in Beziehung auf Taufe und Trauung werden durch 
dieses Gesetz nicht berührt. In seinem Vorbüd der Gottesfurcht, 
in seinen erhebenden Bekenntnissen in den glorreichen Jahren 1870 
und 1871, in seinem herrlichen Schreiben an den Papst, in vielen 
wohlwollenden und nüchternen Worten ist er, der Nachkonmie 
Coligny's, ein evangelischer Fürst: der, auf dem sich alle die 
Segnungen der Armen und Elenden sammelten, die einst Branden- 
burg in der Noth ihres Glaubens als Zufluchtsstätte gefdnden hatten: 
ein wunderbar glücklicher Mann, der Ruhm der Zeit, der Gegenstand 
allgemeiner Verehrung. Selbst Gegner haben gerührt in das milde 
Angesicht des hohen, jetzt neunzigjährigen Greises geblickt. Noch 
1887 am 1. Januar sprach er es aus: Mein tiefbewegtes Herz 
strömt über von Dank für die Gnade des allmächtigen Gottes. Am 
denkwürdigen 22. März 1887 dies Wort: es ist Gottes Wille, dass 
ich so alt geworden bin. 

Die Versuche des Königs mit dem Ministerium von v. Beth- 
mann-HoUweg scheiterten; der Minister war so weit gegangen, 
den Dissidentengemeinen selbst dann den Religionsimterricht zu 
überlassen, wenn den Kindern auch die Zehn Gebote nicht vorge- 
halten würden; ein Mann strengerer Richtung, v. Müh 1er, kam an 
seine Stelle*). Die konfessionelle Partei, niemals ermattet, trat bei 
den Streitigkeiten der Krone mit dem Landtag mit einer Adresse 
vor den Landesherm, die dieser tadeln musste: weü die für die 
Opposition verweigerte Fürbitte ja gerade hier am rechten Platze 
wäre. Die ausbrechenden Kriege erleichtem das Schicksal der schles- 
wigschen Protestanten, aber in den neuen Provinzen erwachte mit 
ihrem Gegensatz gegen die Herrschaft der Hohenzollem auch der 
Gegensatz gegen die Union. Der literarische langweilige Hader be- 
gann aufs Neue. Der Minister von Mühler erklärte sogar, dass 



*) Ueber die Kultusminister v. Raumer, v. Bethmann-Hollweg, 
F. Mühler imd Falk vieles bei Wiese, Lebenserinnermigen, 1886. 



Die Union. 29 

es in Preussen noch eine reformirte Kirche, die französisch-reformirte, 
gebe, und dass auch noch die Hohenzollem reformirt wären, da ja 
die Union kein Konfessionswechsel, was nachher auch ein Beschluss 
des Beichsgerichts bestätigte. Es ist doch nur viel geschrieben 
worden, am besten von Missionsinspektor Fabri in Barmen; es 
blieb beim rechtlichen Bestand in Hannover, Schleswig-Holstein und 
Hessen; Nassau brachte ja schon eine Union mit einem seichten 
Katechismus entgegen. Man hatte über die aussaugende Polypen- 
omarmung der Union geklagt. Vilma.ria.uer haben sich in Hessen 
als Renitenten von der durch die Union befleckten Kirchenbehörde 
getrennt. Doch spalteten sie sich selbst wieder und die Zahl der 
renitenten Pfarrer sank auf 14. Die neuen Provinzen wurden dann 
1867 direkt dem Kultusministerium unterstellt, und wehren sich, 
wenn es einmal gut, ihres Konfessionsstandes. Der Kampf um die 
Union wird schwächer: es ist der vergeblichen Mühe auch genug 
gewesen. Die Konfessionellen im alten Preussen haben sich mit 
ihr versöhnt, wenn auch die lutherischen Conferenzen noch zuweilen 
poltern. Bei dem Kampf um die Existenz mit Bom, der uns bevor- 
steht, sollte eigentlich jeder innere Kampf schweigen. 

Der greise Kaiser hat bei dem Schluss der 2. ordentlichen Ge* 
neralsynode die Worte ausgesprochen: »Der Himmel hat mich die 
Zeit meines Lebens mit Wohlthaten und Gnade überhäuft, nament- 
lich in meinem hohen Alter. — Das grosse Werk, das vor unseren 
Augen vollbracht ist, wird fernerhin nur bestehen, wenn sein Fun- 
dament bleibt: Reinheit der Religion — Fortschritt in jedem guten 
Werk!« 



Fünftes Kapitel. 

Die Theologen der Union, 

Es ist eine Anzahl angesehener Männer, die die Union zu ihren 
Pflegern gehabt hat, aber die drei Grundwahrheiten der Reformation: 
die Freiwahl der Gnade, die Knechtschaft des menschlichen Willens 
und die Gerechtsprechung des Gottlosen haben sie nicht erneuert. 
In halben Vermittlungen ist man stehen geblieben oft mit stolzen 
Worten, denn man gedachte alles zu erneuern. In Bonn und Berlin 
lehrte Karl Immanuel Nitzsch, Professor und M\t^l\ftd dft% 0\i«t- 



30 Fünftes Kapitel. 

kirchenrathes (f 21. Angast 1868) mit heraklitischein Dunkel und 
schwerfälliger Sprachform in vornehmer Feierlichkeit. Sein System 
der christlichen Lehre (6. Aufl. 1851) war ein vielgelesenes Bnch; 
für die Union hat er ein Urknndenbuch herausgegeben. Schleier- 
macher hat Nitzsch als den bezeichnet, von dem er am Uebstea 
sich wollte loben und tadeln lassen. Hat man ihn einen Sp^iar 
des 19. Jahrhunderts genannt, so doch mehr im Dienst der Rhetorik, 
als der Wahrheit. Durch Freilassung und Freiheit wollte er zum 
rechten kirchlichen Leben gelangen und geht er darum in seinen 
YerfiEtösungsgedanken von der Einzelgemeine aus als der Kirche im 
Kleinen. Bief man ihm zu: Union, dein Name ist Zweideutigkeit, 
so antwortete er: Bekenntniss, dein Name ist Zauber. Er war eine 
hohe, ehrfdrchtgebietende Erscheinung und ein Hauch von Andacht 
flog durch den gefüllten Lehrsaal, wenn er das E[atheder betrat 
Diese wuchs bei Manchen, wenn sie nicht verstanden, was er sagte, 
hatte er doch selbst zuweilen dies Gefiihl bei seinen Predigten, dass 
von allen Zuhörern nun kein einziger mehr ihn verstehe. Im Früh- 
jahr 1867 erschien der letzte Theil seines grossen Werkes: Praktische 
Theologie. Gegen Ende seines Lebens verfiel er in ein Traumleben, 
in dem er sich plötzlich in eschatologischen Beden äussern konnte. 
Sein Panegyriker Beyschlag hat eine Lichtgestalt aus dem Mamie 
zeichnen müssen (1872), der jetzt schon weit hinter uns liegt und 
den auch das leere Schrifbchen von Her mens (1886) nicht popu- 
larisiren kann, da er niemals populär war. 

Isaak August Dorner, ein Württemberger, 1861 Ober- 
consistorialrath und Professor in Berlin (f 1884), hat eingehende 
Forschungen über die Entwicklungsgeschichte der Lehre von der 
Person Christi, eine Geschichte der protestantischen Theologie (in 
dieser dem katholischen Mitarbeiter auf seinem Gebiet weit über- 
legen) und zuletzt auch eine christliche Glaubenslehre geschrieben 
und war mit seinem schwäbischen Landsmann, dem Oberhoi|)rediger 
Wilhelm Hoffmann*), der das voEe Vertrauen Friedrich Wil- 
helm IV. und ebenso ' seines Nachfolgers besass, von grossem Ein- 
flüsse für die unionistischen Ideen. Einer der Hauptvertreter der 
sogenannten »Vermittlungstheologie«, mit seinem vertrauten Freunde, 
dem Bechtslehrer Emil Herrmann, auf Kirchentagen eifrig thätig**). 
Auch Dorner hat einen Jesus »voU von Frieden und von unge- 



*) Sein Leben, von seinem Sohne, 1877 — 80. 

**) Ueber beide Männer eine Qedächtnissrede von v. d. Goltz, 
188S. 



Die Theologen der Union. 31 

störier Heiterkeit« gezeichnet, der nichts gemein hat mit dem, der 
für uns zur Sünde gemacht wurde. Julius Müller*) in Halle 
begründete seinen Buf als Dogmatiker durch das Buch: die christ- 
liche Lehre von der Sünde (6. Aufl. 1878), in dem er wie in seinen 
dogmatischen Vorlesungen und Arbeiten für die »evangelische Union« 
ein synergistisches System aufstellte, mit dem er die Prädestinations- 
lehre bekämpfen wollte und das für die Bäthsel der persönlichen 
Schuld zuletzt in einem vorirdischen Fall der Geister Hilfe suchte. 
Die Wirkung desselben war doch nur die, dass sich wider Schrifb 
und Beformation der Irrthum von der sittlichen Selbstbestimmung 
des Menschen verbreitete: dieser grundstürzende Wahn der ganzen 
modernen Theologie, als ob der Mensch, der aus böser Naturart 
nicht wiU, auch anders wollen könnte. Er starb am 27. Sept. 1878. 
Eine vornehme, feine Natur, die nicht gern die Schranken abgebrochen 
sah, die sie um sich baute. Yiele Jahre war er krank und man 
sah auf den Leidenden mit Theilnahme, wenn er durch die Strassen 
Halles mit einem Buche ging, um im Freien zu lesen. Im Sinne 
der Union wirkte auch, wenn auch mehr »Pectoralist« und fähig 
den verschiedensten Bichtungen sich hinzugeben, der Vater der 
neueren evangelischen Eirchengeschichtsschreibung, August Ne an- 
der, jüdischer Herkunft, seit 1818 Professor in Berlin, wo er vielen 
durch seine warme, liebevoll eingehende Weise das Verständnis der 
kirchlichen Vergangenheit erschloss, die nach der trockenen und 
aburtheilenden Weise des Bationalismus jetzt wieder verschieden- 
artige Persönlichkeiten, individuelles, reiches Leben zeigte. Hase 
hat seine Eirchengeschichte ein unsterbliches Werk genannt. Seine 
allgemeine Greschichte der christlichen Beligion und Kirche, seine 
Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durch 
die Apostel und sein Leben Jesu waren einst weit verbreitete 
Schriften, jetzt wenig gelesen, obwohl seine sämmtlichen Werke 
nach seinem Tode noch einmal erschienen. Alles mit einer erbau- 
lichen Tendenz nicht ohne Ermüdung und Einförmigkeit. Neuerdings 
hat Jacobi in Halle die dankbare Erinnerung eines Schülers auf 
sein Leben in verklärendem Glänze ergossen. Eine anima Candida^ 
die dem Gott der Hegelianer ein herzhaftes Pereat bringen konnte, 
aber auch nichts von den Denundationen der Bationalisten durch 
Hengstenberg wissen wollte; das Jahr 1848 erschien ihm anfangs 
als eine grossartige Volksbewegung, denn wie vieles sah er aus 



*) Ueber ihn Schulze, 1879, und Kahler, IS^Ä. 



32 Fünftes Kapitel. 

seiner Studirstube an! Er starb am 14. Juli 1850*) mit den Worten: 
Ich bin müde, lasst uns nach Hause gehen. Von noch grösserer 
Bedeutung als er war sein Schüler und Freund August Tholuck 
in Halle. Er ist am 30. März 1799 in Breslau als Sohn eines 
Gt)ldschmiedes geboren, wahrscheinlich polnischer Abstammung, was 
etwas seinen verschlungenen und eigenartigen Charakter erklärt 
Eine harte, liebeleere Jugend liess den im Hause einsamen Knaben 
nach seinem brennenden Wissensdurst Tag und Nacht unzählige 
Bände einer Leihbibliothek verschlingen; zu dumm um ein Gold- 
schmied zu werden, überliess man ihn dann ganz seinen Büchern. 
Ebenso hefÜg im Ehrgeiz wie in prickelnder Lust zum Seltsamen 
und Unerhörten, von merkwürdiger Begabung für Sprachen begann 
er ein wild wechselndes Studium derselben. Der nach Freundschaft 
und Verkehr heiss sich Sehnende gab sich immerwiederkehrenden 
Selbstmordgedanken hin, wenn er zurückgestossen , frohlockte aber 
Timsomehr, wenn er von Mitschülern in liebevolle Gremeinschaft auf- 
genommen wurde. Er häufb in grosser Menge ein ungeordnetes 
Wissen auf, voll Feindseligkeit gegen das Christenthum , aber mit 
Grott in stetem Verkehr, doch wie der, der ihm das Glück seines 
Lebens abtrumpfen will und in dämonischem Trotze mit ihTn eifert. 
Fast wie ein Faust erscheint er. Eine providentielle Leitung, die 
vielfach sein Leben bestimmt hat, bringt ihn zu dem Orientalisten 
von Diez in Berlin, nach dessen Tode zu dem Patriarchen Baron 
von Kottwitz, der mit seiner Liebe das Eis seines Wesens schmilzt. 
Gunz in pietistischer Wärme obwohl mit steter Neigung zu Häresien 
wird er Professor in Berlin, ein Freund Ne anders und Hengsten- 
Ijergs, Schleiermacher nicht angenehm, und geht nachher nach 
Halle 1826, wo ihn Gesenius und Wegscheider leiden mussten. 
Sein dortiges anfängliches Martyrium war doch ein sehr geringes, 
er hat auch Complimente für den Eationalismus gehabt, als v. Ger- 
lach und Hengstenberg den Zeitungskampf aufimhmen. 1828 
und 1829 ist er vorübergehend Gesandtschafbsprediger in Bom. Bis 
zu seinem Tode am 10. Juni 1877 hat er in Halle, als Professor, 
Studentenvater und Oberconsistoriakath eine in aller Welt berühmte 
Thätigkeit geübt. Er wusste es selbst, dass er »Herr Tholuck in 
Europa« war. Er hat Vielen eine tiefe Anregung gegeben: sie bis 
an den Weg des Heiles geleitend, aber von ihnen scheidend, wenn 
5ie mit einem bestimmten Bekenntniss auf denselben treten wollten 



*) Sein Leben yon Krabbe, 1852, und Rauh, 1866. Erinnerungen 
an ihn auch von Schaff, 1886. 



Die' Theologen der Union. 88 

und ihn in diesem Sinne vollenden. Mit der Macht der Zärtlich- 
bat für die ihm sympathischen jugendlichen Gemüther, aber anch 
ndt dem Beiz der schädigenden Schmeichelei hat er die Studenten 
in sokratischer Weise an sich gefesselt. Eine räthselhafbe dunkle 
l^ator, die an sich selbst studirte, überall an Anderen mehr den 
persönlichen Charakter liebte, als die theologische Richtung: mit 
ladlidiem Hasse gegen jede Orthodoxie, in aUem ein grossartiger 
Eklektiker, der selbst staunte über die Menge von Gelehrsamkeit, 
die er mit sich schleppte. In seinen letzten Jahren voll wunder- 
baren Spürsinnes die Schwächen der orthodoxen Alten zu notiren. 
In diesen Forschungen schaut hinter jedem Strauch ein Satyr her- 
?or. Yen Strauss auf den Tod verwundet, hat er den Schlag nie 

J überwunden, obwohl er es zuletzt noch mit dem erwachenden Luther- 
thum versuchte. Seine Schriften: die wahre Weihe des Zweiflers 
(1828; 9. Aufl. unter dem Titel: die Lehre von der Sünde und dem 
Versöhner, 1870), seine Erklärungen der Bergpredigt, des Römer- 
biiefes, der Psalmen, seine Predigten haben eine für ihre Tage tief- 
gehende Bedeutung gehabt. Auch seine geschichtlichen Studien, 
obwohl vielfach anekdotenhaft und formell ungeordnet und unbequem, 
haben für den Forscher den Werth wichtiger Quellen. Ein in 
manchem riesenhaftes Talent, erfüllt es gerade bei ihm mit Weh- 
muth, dass er nicht die hohe, heiHge EinÜEdt gehabt, sich den Wahr- 
heiten der Schrift zu unterwerfen und so die Wichtigkeit seiner 
Zeitepoche mit anderen Erfolgen zu krönen, als wie er sie selbst 
mit seinem Schüler und langjährigen, ihn in systematischer Ordnung 
ergänzenden Arbeitsgenossen Julius Müller erleben musste. Was 
Schwarz und L an derer von ihm sagen, entspricht der Wahrheit*). 
Mit Tholuck sein Leben lang befreundet waren der gemüthvoUe 
viel gebrauchte Exeget Hermann Olshausen (der einst auch in 
Königsberg in die muckerischen, mystischen Ideen des Herrn Schön- 
berg und des Pastor Ebel**) verflochten war) und Eudolph 
Stier***) (t 1862 als Superintendent in Eisleben), der, obwohl ein 
Häretiker in der Lehre von der G«nugthuung Christi, in weit ver- 
breiteten exegetischen Werken, namentlich in den »Beden des Herrn 
Jesu« als ein besonders biblischer Theologe galt. Er hat sich stark 



*) Sein Leben von Leopold Witte, 1884 und 1886. Vieles über 
ihn anch. in Eilers: Meine Wanderang durchs Leben, 1856 — 61. 

**) A. Dixon, Seelenbränte , 1868. Graf v. Kanitz: Auszug aus 
der Schrift: Aufklärung nach Aktenquellen, 1864. 

***) Sein Leben von seinen Söhnen, 1871. 

Zfthn, Klrchengeschichte. 2. Aufl. ^ 



84 Ffinffces Kapitel 

gegen die Anmassiingen des Lntherthmns in den nnlutherisdieE 
Thesen ausgesprochen. Zu den vielen Freunden Tholucks, dieses 
Virtuosen in der Freundschaft, gehörte auch der ehrwürdige Direktor 
des Wittenberger Predigerseminars, Heinrich Leonhard 
Heubner*). In Hannover wäre hier noch der Exeget Lücke in 
Gröttingen **) , in Baden der Prälat Uli mann***) zu erwähnen, 
dessen Schrift über die Sündlosigkeit Jesu viel gelesen wurde. Er 
hat die badische Ejrche mit lutherischen Elementen liturgisch 
befruchten wollen und dabei über das gei^hrüche Goncordat mit 
Eom geschwiegen. Seine Misserfolge haben ihn schmerzlich ver- 
letzt (t 1865). In Bonn lehrte der viel benutzte fleissige Bleek 
mit der Exegese der Wahrscheinlichkeit. SoUen wir hier noch 
Joh. Peter Lange in Bonn erwähnen, den Lyriker unter den 
Theologen, der wenigstens seinen Namen durch sein »Theologisch- 
homiletisches Bibelwerk« , das seit 1857 erschien und in Deutsch- 
land und Amerika verbreitet wurde, bis in das nächste Jahr- 
hundert tragen wird, oder Herrmann Cremer in Grei&wald, 
der in seinem »Biblisch-theologischen Wörterbuch der neutestament- 
lichen Gräzität« (1886 5. Aufl.) einen der werthvoUsten , för alle 
Zeiten hochnützlichen Beitrag für die Sprachkunde des N. T. ge- 
geben hat, oder den pietätsvollen, feinen Exegeten Fr. Ludw. Stein- 
meyer in Berlin, odeir den unruhigen, agitatorischen Willibald 
Bey schlag in HaUe, der, nachdem er seine eigene Familie, seine 
Lehrer und Freunde Nitzsch, üllmann und Wolters (Pastor 
in Bonn und Professor in HaUe) in feiner Eedekunst verklärt hatte, 
nun auch in einem Leben Jesu das Urbild der Menschheit, den 
Sohn Josephs, in einer sittlichen Entwicklung nicht ohne Hindemngeii 
sich allmählich zu einem Qott aufschwingen liess ? So hat die antike 
Welt Götter, Bom allmächtige Heilige werden lassen, während 
das christliche Bekenntniss bleibt: Gott ist, darum auch Jesus 
schon auf Erden der Seiende in den Himmeln t)* Beyschlag hat in 
den »blauen Blättern« gegen alle Hierarchie gestritten, für die Alt- 
katholiken, die doch die Eechtfertigungslehre nicht verstehen, geeifert 
aber kärglich gesanmielt und ist nach viel Tadel der ungeschickten 
Alten und viel Lob der eigenen Theologie in der Gegenwart dahin 
versandet, dass der religiöse Glaube im deutschen Volke, die Sache 

*) Ueber ihn Mittheilungen von Koch, 1886. 

**) Ehrenfenchter in den Stadien und Kritiken, 1855. 

***) Sein Leben von Beyschlag, 1867. 

t) VergL den ausgezeichneten Vortrag von Theodor Zahn: Die 
Anbetung Jesu im Zeitalter der Apostel, 1885. 



Die Theologen der Union. 85 

im Grossen und Granzen genommen, zwischen Leben und Sterben 
üegt, ein glimmender Docht. Die Bechtfertigungslehre ist nach B. 
eine sittlich entnervende Lehre und der Lebensbom der Schrift ist 
erst seit 100 Jahren angeschlossen. Die Fülle seiner Beredsamkeit 
gefiel auch der letzten Generalsynode nicht mehr, obwohl sein College 
Schlottmann ihn soweit versicherte, dass er — er möge noch so 
links stehen — dabei doch den Herrn noch recht lieb habe. Bey- 
schlag charakterisirt eine Reihe von Theologen in unserem Jahr- 
hundert, die mit ihrem offenbaren Heidenthum und schwächKchen 
Menschendienst die Kultur mit dem Christenthum versöhnen wollen, 
aher die Kinder des Marktes haben weder gelacht noch geweint. 
Die ganze Leben- Jesu-Literatur, diese grosse Anmassung, in breiter 
Fülle von Strauss bis Bey schlag wird einmal im Gredächtniss 
der gläubigen Gemeine schwinden. Sie hat entweder Verächter und 
Spötter oder Bewunderer und Verehrer geschaffen, aber nie gläubige 
Unterwerfung. Nimmt man von den Unionstheologen Nitzsch, 
Müller und Stier als besondere Vertreter der Richtung an, 
so hat Nitzsch in seinem Streit mit Kahnis die Rechtferti- 
gongslehre verändert, Müller ein System der menschlichen Frei- 
heit aufgestellt und Stier, der biblische Theologe, die biblische 
Genugthuungslehre bekämpft: auch hier keine Erneuerung der 
Wahrheit der Reformation. Dabei fühlte man sich doch berufen, 
einen Consensus evangelischer Lehre aufzustellen. Die hefÜgen 
Kämpfe der Union haben in der neuesten Zeit wohl viel Literatur 
gebracht, aber keine hervorragenden Theologen. Die Gegenwart ist 
arm an bedeutenden Führern, ja selbst an grossen Talenten. Mit 
Ehren ist Julius Köstlin in Halle zu nennen, der durch seine 
aasgezeichneten Lutherforschungen wenigstens für die Theologen 
wieder die Liebe zu dem deutschen Propheten wecken wollte, von 
dessen Stimme sich auch die Unionstheologie nicht hatte leiten lassen. 
Nirgends zeigt sich eine Regung ernstlicher Erweckung. Der Auf- 
gang der Zahl der Theologie Studirenden in dem letzten Jahrzehnt 
beweist nur, dass alle übrigen Berufsarten überfüllt sind. Der 
Mangel an innerer Erfahrung und der geschwundene Verkehr mit 
der unsichtbaren Welt drückt die Jugend, die in buntem Eklekticis- 
mus zerstreute Notizen sammelt, nach kurzen Handbüchern alles 
eilig betreibt. Je mehr das Studium der Theologie Brodstudium 
wird, je mehr sich die Wissenschaft von jedem Einfluss lebendiger 
Erfahrung lossagt, um so trostloser gestaltet sich die Lage. Der 
Geist der Bekehrung hat sich von Studenten und Pastoren zu- 
rückgezogen und mit Recht betont man die "NotimeiLdij^^^fc dsc- 



36 Sechstes Kapitel 

selben*). Die Union spaltete sich in der letzten Zeit in dem alten 
Prenssen in die drei Grappen der Konfessionellen, der Positiv- 
Unirten**) und der Mittelpartei***), letztere mit dünner Linie 
von dem Protestantenverein geschieden, die beiden anderen Parteien 
sich mehr einander nähernd nnd in wichtigen Fragen gemeinsam, 
handehid. Die letzte 2. ordentliche G^neraLsynode (1885) zeigte ihr 
volles üebergewicht. 



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Sechstes EapiteL 

Das Lutherthum. 

Literatur: Ernst Wilhelm Hengstenberg von Bachmann, 1876 
1881. 

Wie der durch die Noth der Franzosenzeit geläuterte König = 
zu den Schriften Luthers zurückkehrte und in ihnen eine leben- 
digere und tröstlichere Welt fand, als in den Abstractionen und * 
Schemen des Bationalismus, wie überhaupt die ganze geistige Welt ■ 
auf allen Gebieten des Forschens und Gestaltens nach Charakter- 
vollem und LidividueUem verlangte, wie der Werth und die Be- 
deutung der Geschichte wieder erkannt wurde, die nach anderem [ 
Massstabe als dem des schablonenhaften schulmeisterlichen Bationa- 
lismus zu betrachten sei, wie man an der Leetüre des gedanken- 
vollen Hamann, des kindlichen Lavater, des volksthümlich ge- 
nialen Claudius mehr Freude gewann als an dem schalen Deismus 
des achtzehnten Jahrhunderts: so wandte man sich auch den An- 
fängen der evangelischen Kirche liebevoll zu, oft gleichsam aus 
völliger Unwissenheit aufbauchend als fände man etwas ganz Un- 
bekanntes. Es war nicht nur die Ermüdung an dem rationaJisti- 
schen Weisheitskram, nicht nur der allgemeine vielfach pantheistisch 
und schwärmerisch auftretende Drang nach mehr befnedigenden 
Formen des Denkens und Glaubens, sondern es waren vor allem 
die Wirkungen der oben geschilderten Erweckung, die unmittelbaren 
von Gott ausgehenden tiefen Lnpulse, mit denen er die Frühlings- 



*) Brann, Die Bekehrung der Fastoren, 1885. 

**) Organ derselben die Kirchliche Monatsschrift von Pfeiffer 
und Jeep. 

***) Organ derselben die deutschen evang. Blätter von Bejschlag 
seit 1876. 



Das Latherthom. 37 

zeit dieses Jahrlnmderts segnete. Der grosse ümscbwang der Ideen- 
welt führte dann weiter zu den Schriften Luthers und der vttterlichrai 
Kirche zurück. Dies geht klar hervor aus den Bekenntnissen derer, 
die am Anfang dieses Jahrhunderts noch ganz befangen in den 
traditionellen bedanken mit einmal von dieser oder jener Persön- 
lichkeit, Leetüre und geistigen Gemeinschaft berührt ein neues wun- 
derbares Licht erschauten. Dieses brachte sie dann in demBedür^ 
niss nach überall mangelnder Lehre und Unterweisung zu der von 
dem Bationalismus mit Verachtung und Vergessenheit überschütteten 
brchlichen Vergangenheit. Man begann ernstlich die alt- 
kirchliche Lehre zu erneuern. Hier tiitt die grosse Bedeu- 
tung von Ernst Wilhelm Hengstenberg und der von ihm 
herausgegebenen »Evangelischen Kirchenzeitung« hervor. 
Hengstenberg ist einer der wenigen Theologen dieses Jahrhun- 
derts, die noch andere als theologische Kreise weit und tie%ehend 
bednflusst haben. 

Hengsten berg ist am 20. Okt. 1802 zu Fröndenberg in der 
Gra&chaft Mark geboren, eine kräftige westphäUsche Natur, hat 
seine Studien in Bonn gemacht und konnte schon in seinem 22. Jahre 
auf dem Gebiete der Philosophie und des Arabischen gelehrte Ar- 
beiten veröffentlichen. Ein Freund der burschenschaftlichen Be- 
strebungen ist er später Hauslehrer in Basel, wo er eine Bekehrung 
erlebte. Er habilitirt sich 1824 an der philosophischen und 1825 
an der theologischen Facultät in Berlin, wird zur üeberraschung 
seiner Gegner sehr bald (1826) ausserordentlicher und 1828 ordent- 
Hdier Professor der Theologie. Bis zum Jahre 1869, wo er am 
28. Mai starb, hat er von Berlin aus durch die Ev. Kirchenzeitung 
eine gebietende Stellung eingenommen. Den Fortschritt in diesem 
Blatte beschreibt richtig Kahnis so: »Nie hat Hengstenberg 
die Schmach der Orthodoxie gescheut undr mit den Sünden der Zeit 
zn buhlen, war nie die Art dieses charaktervollsten Theologen. So 
lange er mit den Philistern der Aufklärung im Kampfe stand, war 
smne SteUung angefochten genug, aber innerlich fest. Gegenüber 
den lutherischen Bewegungen aber fehlte dieser Kirchlichkeit auf 
deaa Boden der Union — die Ejrche. Indess zeigt die Ev. Kirchen- 
zütung — ohne Zweifel die tüchtigste und eingreifendste Zeitschrift 
der G^egenwart — einen die Zeichen der Zeit wunderbar treffenden 
Portschritt vom* unentwickelt Evangelischen zum Kirchlichen. War 
sie zuerst mit positiven Bichtungen sehr verschiedenen Charakters 
verbunden, so gab der Halle^sche Streit 1880 schon eine bestimm- 
tere Wendung^ bis 1840 das Vorwort, welobea di<& T^iickiiiSQ!«^«)^ 



38 Sechstes Kapitel. 

des Pietismus därthat, den inneren Brach mit der Bichtung ans» 
sprach, welche znerst wesentlich das Organ getragen hatte. Selbst 
der Union entfremdete sich Hengstenberg mehr und mehr.« 
Landerer bezeichnet das Wesen dieser Bichtong, als die Yerbin- 
dmig der protestantischen Orthodoxie mit dem Pietismus. Als durch 
Benützung von Collegienheften der Streit gegen die Hallenser We g- j 
scheider und Gesenius losbrach, sagte sich Neander von der / 
Eirchenzeitong los. Q^gen Schleiermacher wurde gekämpft - 
wegen seines Pantheismus und seiner dialektischen TaschenspielereL 
Doch der Minister Altenslein hielt die HegeFsche Philosophie und 
Theologie noch aufrecht, bis das Ministerium Eichhorn und später '^ 
das von Baumer die Gunst der Begierung brachte. Seitdem war i- 
Hengstenberg in seinen Neujahrsvorworten, den »Thronreden«, |^ 
für Viele das Orakel. In den Jahren 1830 — 40 stand er als Staats- j: 
kirchenmann auf Seiten der Begierung gegen die separirt^n Luthe- 
raner, während er selbst ursprünglich reformirt immermehr lutherisch 
wurde; er fand die Union nach dem hohenpriesterlichen Grebete, |! 
aber das Ordinationsformular der Q^neralsynode von 1840 macht f 
ihm dieselbe verdächtig. Er erklärt sich dann für eine getrennte 
Organisation beider Kirchen innerhalb des allgemeinen Bahmens der 
Landeskirche. Jetzt der eifernde Lutheraner wird er von diesen als 
Bahnbrecher der Kirche verherrlicht. Er hat sich nun auch mehr k 
von den seit 1848 oft stattlich besuchten Kirchentagen*) zurückge- 
zogen. Auf dem ersten Kirchentage zu Wittenberg lag die Noth 
der Zeit und der Duft brüderlicher Liebe; dann trennten sich die 
Lutheraner und Beyschlag verkündete seinen der Zeit entsprechen^ 
den Christus in Altenburg, bis der letzte Kirchentag in Halle 1872 
selbst die halben Altkatholiken freundlich begrüsste. Die Kirchen- 
tage wurden auch durch die in Eisenach zusammentretende Conferenz 
der Kjrchenregierungen von 1852 an geschwächt.**) 

Hengstenberg hat Grosses för die Apologie und Exegese 
der heiligen Schrift geleistet und wenn sein Bild einmal aus den 
gehässigen Darstellungen der Gegenwart wieder ruhiger betrachtet 
wird, wird man dies gerechter anerkennen. Die Christologie des 
Alten Testaments, die er 1829 veröffentlichte, war eine That der 
heilsamsten, bis auf heute nachwirkenden Befreiung des Alten Testa- 
ments von rationalistischer Betrachtung. In seinen Beiträgen zur 



*) Geschichte des deutsch- evangelischen Kirchentags, 1858. 
**) Letzterer dient das allgemeine Kirchenblatt für das evangelische 
Deutschland, jetzt von Schott redigixt. 



Das Latherthom. 89 

ümleitoxig ins Alte Testament, in seinem Commentar über die Psal- 
men hat er vortreffliches Material aach für die praktische Erklärung 
gesammelt: ein brauchbarer, nützlicher Theologe und fleissiger, pietäts- 
ToUer Gelehrter, der sich manches Unterdrückten angenommen, 
Viele gestärkt und gefördert hat und weit hinaussteht über die, die 
ihn „wissenschaftlich" widerlegen wollten und oft nur an einzelnen 
Schwächen ihn greifen konnten. Viele Schmach ist auf ihn gefallen 
um der Wahrheit willen: ein Schrecken und Grauen der Liberalen 
und Freimaurer buhlte er auch nie um die Gunst des Hofes, der 
ihn auch in seinen letzten Jahren nicht liebte. Und doch — als 
Bachmann 1876 — 81 sein Leben beschrieb, sagte er in der Vor- 
rede: es wäre sein schon vergessen wie eines Toten, und auf seinem 
Lehrstuhle dodre die Kritik. So wenig sind wir berufen, ein Neues 
mit Elfolg zu pflügen. Neuerdings hat Treitschke in seiner 
viel gelesenen Geschichte unseres Jahrhunderts Hengstenberg 
mit den Eetzerrichtem Hoogstraten und Torquemada verglichen: 
ein grosser Historiker bedarf zum Zweck der Rhetorik solcher abge- 
lebten Schablone nicht 

Bei der Hochachtung, die jeder Positive Hengstenberg ent- 
gegenbringen muss, treten uns aber auch seine grossen Mängel 
entgegen. Er irrte mit vielen seiner pietistischen und lutherischen 
Freunde darin, dass er meinte, man könnte einen ganzen geschicht- 
hdien, überall noch nachwirkenden Zeitraum gleichsam wegwischen. 
Er wollte eine Herrschaft brechen, die alles im Besitz hatte und 
die dadurch nicht beseitigt war, dass man gewisse Erfolge zu ver- 
zeichnen hatte. Er unterschätzte die Tiefe der von der Brcformation 
abgekehrten Volksströmung. Gerade die Geschichte Israels lehrt 
mis, dass, wenn der Abfall einmal Wurzel geÜEtsst hat, er auch durch 
vorübergehende, reformatorische Beeinflussungen nie wieder völlig 
beseitigt wird, sondern mächtig weiter wuchert. Und weiter ist der 
Schrift audi mit der eingehendsten Apologetik nicht überall gedient, 
denn sie hat in ihrer durch die Jahrhunderte reichenden Entstehung 
Bäthsel, die man nicht lösen kann. Nicht der Beweis, sondern die 
innere Pietät und ErfiEihrung entscheidet über die Stellung zur Schrift. 
Hengstenberg hat sich oft mit seiner Apologetik lächerlich ge- 
macht» und zahlte einem, wie v. Gerlach sagte, einen Dukaten in 
Pfennigen aus. Seine fortwährende Anklage der Häretiker, zu der 
er sich jeden Morgen aufraffte, entfernte dieselben nicht und woUte 
ebenso wie in der Restauration des alten Dogmas und in der Apo- 
logetik der Schrift etwas erzwingen, was Gott nicht erzwingt. Es 
ist einer der ergreifendsten und schmerzlichsten Axx^'ühi^Qk^ m 



40 Sechstes Kapitel 

seinem Leben, als er, der so viele gestürzt, nun sich durch sein^ 
Lehre von der Eechtfertigang selber stürzte. Er lehrte Stufen deir 
Bechtfertignng , in denen sich die Rechtfertigung vervollkommne 
statt von Ghraden der Aneignung der sündenvergebenden Gnade zq 
reden. Ebensowenig wie die Eindschaft wächst, wftchst die Becht- 
fertigung: man hat beide oder hat sie nicht. Gewiss erlangt der 
Mensch die Seligkeit nur durch einen lebendigen, in guten Werken 
thfttigen Glauben, aber diese Werke stehen in keinem entspreche- 
den Yerhfiltniss zur Seligkeit und darum wird dieselbe allein durdi 
den Glauben empfangen. Es ist geradezu |verhftngnissvoll, dass der 
angesehenste Theologe der Orthodoxie in unserem Jahrhundert die 
Lehre der mit ihr stehenden und fallenden ev. Kirche traurig ver- 
wirrte. Beweis genug, wie wenig auch er zu einer reformatorischen 
That berufen war. Seine Lrlehre aber rief weder in der Theologie 
noch in den Gemeinen fördernde Debatten hervor: man ging ine 
über vieles andere, so auch über sie hinweg. 

In dem Kreise von Hengstenberg bewegte sich einer der 
wenigen Generalsuperintendenten, die eine grössere Popularität ge- 
nossen: der originelle Buchs el, der uns seine Erinnerungen als 
Landgeistlicher und als Berliner Prediger an der St. Matthäuskirche 
in belehrender, oft durch ihre Einfachheit anziehender Weise dar- 
gestellt hat. Er ist im März 1848 nicht mitgegangen, als Sydow 
den Denkstein heiligte, welcher die G^ebeine der Märtyrer der Frei- 
heiten und Bechte umschliessen und wo die Seele heiliger Erinner- 
ung wohnen werde. Auch Fr. W. Krummacher war dem auMh- 
rerischen Gesindel nachgewallfahrt. Das Lutherthum, welches 
Hengstenberg in seinen Bemühungen begleitete, hat sich in den 
Arbeiten von Hävernick, des sorgsam fleissigen und nüchternen 
Keil, des kräftiger Sprache mächtigen Kurz mit seinen vielbenntz- 
ten Lehrbüchern grosse Verdienste um die Vertheidigung des Ka- 
nons erworben, aber in seinen eiMgsten Bufem im Streit im blinden 
Fanatismus die ref Kirche verkannt und geschmäht, so dass von 
dem mit Georg Benedict Winer (f 1858*), dem feinen Kenner 
des neutestamentlichen Sprachidioms, einem Manne von bevmndems- 
werther Abribie, und Baur, gelehrtesten Theologen dieses Jahrhun- 
derts, dem Dänen Andreas Gottlob Budelbach in Kopenhagen, 
dem Mitarbeiter Guericke's an der Zeitschrift für die gesammte 
luth. Theol. u. K., der reformirte Göbel mit Becht sagte: er sei 



*) üeber ihn Schmidt in den Beiträgen zur sächs. Eirchengesch. 
Ä Heft. 1885. 



Das LutherÜram. 41 

ein neaer Möhler in dieser AuffiEhSstuig der symbolischen Gegensätze. 
Yiel ge&hrlicher als in dieser gehässigen Herabsetzung der ref. E. 
wirirten aber manche Lntheraner dnrch ihre romanisirenden Ideen 
in der Lehre von der Kirche, dem Amt und den Sakramenten. 
Pastor Euen in Pommern, der eine wahre Idiosynkrasie vor Luther 
liaite, ging so weit, zu bezweifeln, ob noch jetzt die Bechtfertigangs- 
lehre der Mittelpunkt der Eirchenlehre sei und nicht vielmehr die 
Sakramente ; andere lehrten eine Wirkung derselben ex opere operato 
nnd stellten sie höher als das Wort, behaupteten eine Einwohnung 
Christi durch die Eindertaufe ohne Glauben, Hessen die Amtsträger 
in einem besonderen Amtsauftrag Vergebung der Sünden mittheilen, 
beinahe ein Sakrament der Sündenvergebung, wogegen dami so be- 
Bcnmene Männer wie Höfling in Erlangen protestirten. Wilhelm 
L5he*) in Neuendettelsau vollzog sogar die letzte Oelung an einem 
Kranken. Diese stark romanisirenden Tendenzen, die das moderne 
Lutherthum erniedrigen, hatten bei Männern wie Heinrich Leo,**) 
Philipp Nathusius und Ludwig v. Gerlach, dem geistvollen 
Präsidenten in Magdeburg und Yer£ässer der Bundschauen in der 
Kreuzzeitnng, ihren Beifall. Leo immer mehr für Bom als for 
Wittenberg empfindend, klagte den in Bildung und Wesen beengten 
Lother an, mit gewaltig kämpfender Faust in ein Eunstwerk des 
maischlichen Geistes, die kath. Eirche geschlagen zu haben; er ging 
im September 1860 nach Erfurt, um mit £[atholiken eine Parteibil- 
dnng zu versuchen, die der lutherischen Schlachtordnung eine Flan- 
ken- und Bückendeckung beschaffen könnte; Nathusius konnte 
anch das Ora pro nobis an die Maria richten und v. Gerlach findet 
ach nach vielen politischen Wandelungen immer debattelustig im 
Centmm, wo er den Papst die Fahne des Evangeliums hoch halten 
Hess. Hier ist auch nicht der bis ins Alter jugendfrische, unermüd- 
Kche Parlamentarier Hans Hugo v. Eleist-Betzow***) zu über- 
gehen, der gegen alle Bevolution und für jede Eirche auch die 
Borns gestritten hat und dem Bismarck den Bath gab, er solle für 
sein Seelenheil katholisch werden. Er das Mitglied des Vorstandes 
der Generalsynode hat 1886 eifrig geholfen, den schmachvollen Frie- 
den mit Bom zu schüessen, was ihm dami von der Begierung bei 
seinen Wünschen för eine grössere Freiheit der ev. E. dahin ver- 
golten wurde, dass die Minister von ihren Sitzen verschwanden. 



*) Sein Leben aus seinem schriftlichen Nachlass, 1873 — 85. 

**) Die Antobiographie : Meine Jugendzeit. 1880. 

*•*) Ueber ihn die Eocyclopädie der neueren GteacliÄcYÄ.^ :^. ^^x\i^\». 



42 Siebentes EapiteL 

Der bedeutendste unter diesen Scheinlutheranem war der geniale 
Historiker in Halle, von italienischem Blute stammend. Nach vielen 
Wandlungen audi einmal ein Prädestinatianer hat er nachher die 
Beformirten in Abstractionen ersoffene und abgedampfte Naturen 
genannt. In allem das, was ein von ihm gebildetes Wort sagt: 
naturwüchsig. Sehr vieles Wahres in seinen Gedanken, dass die 
Theologie der (Jegenwart nur noch »Wortbilder« aus der Vergangen- 
heit habe, deren ursprünglichen Sinn sie verloren. Als der starke Greist 
in den Yerwirrungen einer furchtbaren Krankheit qualvoll langsam er- 
losch, sagte er oft zu mir: sola fide ist doch das allein Wahre. Es ge- 
hören diese romanisirenden Erscheinungen zu den verhängnissvollsten 
der modernen Eirchengeschichte. Friedrich Wilhelm IV. stand den 
eben erwähnten Kreisen sehr nahe, schwärmeiisch hohe Ideen konnte 
er äussern für die eine christliche Kirche, obwohl dann auch wieder 
den Betrug des Papstthums klar durchschauend; aber edel und 
wohlwollend gewährte er Duldung und Förderung und so wuchs 
unter ihm heimlich und maulwur&artig wühlend die kath. Kirche, 
die sich einer £Eist unabhängigen besonderen Abtheilung im Kultns- 
nodnisterium erfreute. Die jetzige üebermacht Eoms in Deutschland 
ist wesentlich auch in dem »Kulturkampf« durch die kirchliche Par- 
tei gefordert worden, die sich mit dem Namen Luthers ohne dessen 
Gbist und Bekenntniss schmückte. Die Geschichte zieht ihre Resul- 
tate nioht in kleinen Summen, sondern in den Wirkungen, die sie 
für die zuletzt entscheidenden Hauptmächte aufzeichnet, und in die- 
sem Sinne hat das Lutherthum für Bom gearbeitet.*) 



Siebentes Kapitel. 

Die Theologen des Lutherthums. 

Will man sich, hat man mit Becht gesagt, bei einem einfachen, 
angenehmen und klaren Schriftsteller für das moderne Lutherthum 
unterrichten, so wird man dies bei dem Erlanger Gottfried Tho- 
masius (f 1875) thun, der ein lichtvolles Buch über Christi Per- 



*) H. Baumgarten, Römische Triumphe, 1887. 



Die Theologen des Laiherthums. 4S 

^1 8on nnd Werk geschrieben, "obwohl nicht ohne widersinnige Eenosis. 
^4 Sehr verschieden von ihm ist sein CoUege Joh. Christian Eon- 
^1 rad y. Hof mann, der eine theologische Schule gründete, die von 
^ üun die exegetische Methode sich aneignete: die Gedanken eines 
^1 Sehiiftstückes in architektonischer Weise aufzubauen und den ganzen 
^1 Kanon als ein Meisterstück göttlicher Providenz mit heilsgeschicht- 
licher Entwicklung, wenn auch mit sehr gemässigter Inspirations- 
theorie anzusehen. Ist er in der Lehre von den Sakramenten ein 
strenger Lutheraner und will sein »Schrifbbeweiss« die Wahrheit 
des luUierischen Bekenntnisses als die der Schrift bestätigen, so hat 
er doch in der Yersöhnungs- und Bechtfertigungslehre nicht in »einer 
neuen Weise alte Wahrheit« gelehrt, sondern dieselbe wesentlich 
verändert, von Schleiermacher und dem Philosophen v. Schaden 
abhängig, von seinen lutherischen Collegen mit Recht verurtheilt^ 
die dann nach ihm die Säume ihrer Bekenntnisstreue zu gross machten. 
Seine dialektisdi fortschreitende, viel Neues behauptende, ermüdend 
geschriebene, grosse Auslegung des N. T. konnte er nicht vollenden. 
Er ist einer der eigenthümlichsten und selbständigsten Theologen dieses 
Jahrhunderts (f 1877). In Bayern haben wir auch Adolf Harless, 
erst in Erlangen und in Leipzig (Professor, dann Oberho4>rediger 
und Yiceconsistorialpräsident in Dresden, seit 1852 Präsident des 
ev. Oberconsistoriums in München, woselbst er der ev. Landeskirche 
eine konfessionelle Färbung zu gehen bemüht war (f 1879). Ein 
scharfsinniger und gelehrter Exeget, wie sein Kommentar zum Ephe- 
serbrief beweist, ein guter Systematiker in seiner christKchen Ethik, 
stand ihm auch kernige, volksthümliche Bedeweise, zur Seite. Er 
hat auf seinen Lebensgang Licht geworfen in den Bruchstücken 
aus dem Leben eines süddeutschen Theologen (1878—75). Der 
Pastor Wilhelm Lohe in Neuendettelsau, thätig durch vielen Ver- 
kehr, Ausrüstung von Sendboten nach Amerika, eine Gesellschaft 
für innere Mission und einen Verein für Diakonie, für Luthers Schrif- 
ten begeistert, verfiel nachher in romanisirende Liebhabereien (11872). 
Neuerdings sind in Erlangen Fr. H. E. Frank als Systematiker 
und Theodor Zahn als scharfsinniger und gelehrter Patristiker 
Theologen von Namen. Frank sagt von Bitschi, dass er das 
ganze Christenthum in Frage stelle und Bitschi von Frank, dass 
ihm jede wissenschaftliche Bedeutung abgehe: so das Urtheil der 
angesehensten Dogmatiker über einander. — Frank ist auch kein 
biblischer und lutherischer Theologe, denn er lehrt: Es wäre ja das 
Sinnloseste von der Welt, zu behaupten, dass Jemand widerwillig 
zum Glauben }^me — eine Verläugnung der meiiacYilMcÄTi ^^^cä^^^ 



44 Siebentes Kapitel. 

lichkeit) die nur durch Selbstsetzung gerettet werden kann.*) In 
Erlangen lehrte auch der Mineralog Pf äff in christlich - apologe- 
tischem Sinne (f 1886).**) In Hannover hat der Pastor Ludwig 
Harms *^) in Hermannsburg in der Lüneburger Heide, in krSitigem 
Ernst und schlagender Predigtweise ein rechtes Original, seine Bauern 
und yiele Graste angezogen, eine Missionsanstalt, ein Missionssdnff 
und Missionskolonien geschaffen (f 1865). Sein Bruder ging zur 
Separation über, doch wollte man die Mission von der Separation 
reinlich trennen. 

Die Pastoren Münkel und Münchmeier, besonders aber Petri ] 
haben in Hannover gegen die G^ttinger „Eathedermibmer*' gestritten. 
In reformirter Lehre waren sie doch sehr unwissend. Eine mass- 
voUe und in ausgezeichneten kirchengeschichtlichen Arbeiten wirk- 
same Persönlichkeit ist der Abt von Lokkum Gerhard U hl hörn. 
Sein »Kampf des Christenthums mit dem Heidenthum« ist ein Volks- 
buch geworden. In Sachsen hat K. Fr. Eahnis calvinistische Abend- 
mahlslehre vergeblich mit Polemik gegen Calvin verschleiert; in 
der Trinitätslehre häretisch hat er sich auch von seinem alten und 
bewunderten Freunde Hengstenberg getrennt. Er hat in kurzen 
Maren Sätzen geschrieben, angenehmer zu lesen als die verschlun- 
genen Perioden der Vermittlungstheologen. Franz Delitzsch gilt 
als der Altmeister des A. T. und hat in seinem Fach staunenswerthe 
Kenntnisse: der Talmudist unter den Lutheranern auch den Juden 
angenehm, er selbst der Sohn eines Juden, wo er sie von dem ritu- 
ellen Morde freispricht, weniger da, wo er vom Christenthum und 
jüdischer Presse handelt, ein unermüdlicher Exeget des A. T., aber 
nicht ohne fortschreitende Zugeständnisse an die Kritik, bis zu dem 
Satze, dass die engeHsche Vermittlung des Gesetzes den radius 
directus der unmittelbaren Offenbarung prismatisch gebrochen. 
In der Ueberfülle seiner oft künstKchen Worte mengt er Glauben 
und Unglauben manchmal zusammen. Ernst Luthardt, jetzt 
durch seine Kirchenzeitung und apologetischen Vorträge der ein- 
flussreichste lutherische Theologe, von geschmackvoller Feinheit und 
Klarheit der Darstellung. Die modernen Weltanschauungen be- 
kämpfend zeigt er in der »Lehre vom freien Willen«, wie sehr auch 
er unter der Wirkung derselben steht, denn er hat alle Schrift- 



*) Diese Selbstsetzung^ ist der Grondirrthum der ganzen neueren 
Theologie. 

**) üeber ihn Ebrard in der Gonsenr. Monatsschrift, Januar 1886. 
***) Sein Leben von seinem Brader Theod. H., 1874. 



Die Theologen des LutherthmnB. 45 

gründe Luthers gegen den freien Willen angegeben. Der gelehr- 
teste Theologe der Gregenwart ist neben Theodor Zahn wohl Otto 
Zöckler in Greifswald, seit 1882 der Herausgeber der »Ev. EÜr- 
chenzeitnng« von Hengstenberg, die nun recht klein geworden noch 
immer Gutes bringt. Auch seine theol. Handbücher und kurzge- 
&8sten Commentare haben sich ein grosses Gebiet erobert. Ein un- 
gemein lebendiger und beweglicher Geist war W. Friedrich Besser, 
znletzt Pastor in Waidenburg in Schlesien und Eürchenrath der 
lnth. Freikirche (f 1884). Er hat durch seine „Bi^^^tunden^^ 
(6. Aufl.) weit hinaus gewirkt.*) Ein Abbild mancher wackeren 
lutherischen Kämpen ist der Superintendent Mein hold in Ks\.TY\m\-n. 
Als der Vater der neuen Textkritik glänzte Konstantin Tischen- 
dorf mit 20 Ausgaben des N. T., glücklich auch in den werthvoll- 
sten Funden bis zu dem weltberühmten Codex Sinaiticus, das 
reichste Geschenk an den Kaiser des Ostens. Er stirbt 1874**). An 
den Namen von Dr. Heinr. Aug. Wilh. Meyer (f als Oberconsi- 
storialrath 1873 in Hamiover) knüpft sich für immer der »Kritisch- 
exegetischer Kommentar zum N. T.«, philologisch ausgezeichnet 
imd viel gebraucht mit steten Verbesserungen bis in die Gegenwart. 
Ueber die Verbreitung seiner Schriften hat B. Weiss in der sie- 
benten Auflage des Kommentars zum Matthäus berichtet. Man 
mag in Hessen A. Fr. Chr. Vilmar***) (f als Professor der Theo- 
logie in Marburg 30. Juli 1868) wegen seiner gewaltthätigen lügneri- , 
sehen Angriffe gegen das gute Becht der reformirten Kirche in 
Kurhessen, seiner romanisirenden Liebhabereien in der Autorität des 
Amtes und der Wirksamkeit der Gnadenmittel beklagen, mag in 
ihm als dem Streiter für die Theologie der Thatsacheh gegen die 
Theologie der Bhetorik selbst sehr viel Bethorik finden, aber es ist 
doch in seiner Literaturgeschichte und in seinen nach seinem Tode 
herausgegebenen Vorlesungen und Bibelerklärungen unsagbar viel 
mehr markiger und nützHcher Gehalt mit herrHcher Sprache als bei 
denen, die ihm gegenüber mit ihrer Wissenschaft prunkten. In Mar- 
burg lehrte auch .der Naturforscher und Gegner Darwius, Wigand, 
der bei seiner Beerdigung (1887) aller Welt verkündet haben wollte, 
dass ein im Glauben seliger Naturforscher bestattet werde. In Preus- 



*) Ein Lebensabriss von ihm mit Predigten, 1885. 

*♦) Ueber ihn Volbeding, 1862. 

*♦♦) Ueber ihn Leimbach, 1875 und Grau, 1886. Dr. Vilmar s 
und seiner Anhänger Stellung zu den wichtigsten politischen und kirch- 
lichen Fragen, 1865. 



46 Siebentes Kapitel. Die Theologen des Lutherthnms. 

sen hat sich namentlich der Missionsinspektor Wangemann des 
Lntherthmns in Greschichte und Dogmatik angenonmien, aber später 
^reizt von den separirten Lutheranern hat er sie ebenso heftig in 
seiner »Una sancta« befehdet und sich sogar mit der AnMchtigkeit 
des Confessors Sigismund von Brandenburg und selbst mit Fried» 
rieh Wilhelm IQ. versöhnt, »dem besten Lutheraner seiner Zeit«. 
Treitschke ist indessen von seiner Rechtfertigung des Königs 
nicht überzeugt worden. In Halle hat H. E. F. Gu er icke (f 1878), 
nachdem er sich mit der Union versöhnt, viele Jahre ein einsames 
Leben geführt, während seine Lehrbücher häufige Auflagen erlebten. 
In seinem ingrimmigen Kampfe in der Zeitschrift für lutherische 
Theologie gegen, die ref. Kirche hat seine geschmacklose Form sdn 
Arbeitsgenosse Ströbel mit packender Bedeweise verbessert: dieser 
fast der einzige consequente Lutheraner. In Rostock lehrte F. A 
Philippi*) (t 1883), in seiner Glaubenslehre der bevorzugte luthe- 
rische Dogmatiker; auch der Oberkirchenrath Theodor Kliefoth 
in Schwerin suchte in Gottesdienstordnung und Liturgie und ebenso 
in exegetischen Arbeiten die Gedanken des Lutherthnms zu vertre- 
-ten. Als er Michael Baumgarten nicht correct in der Lehre 
fand, bewirkte er dessen Entsetzung als Professor in Rostock, der 
nun dafür sein Leben lang den Kampf gegen das mecklenburgische 
Eirchenregiment führte, und auf politischem und theologischem Fecht- 
l>oden auch immer wieder an seine Kränkung erinnerte. 

Als der vortreffliche Professor Walt her (f 7. Mai 1887) in 
Amerika die Prädestinationslehre der lutherischen Kirche erneuerte, 
fand er mit Recht, dass alle Lutheraner Deutschlands Synergisten 
wären und von Luther in der entscheidensten Sache abgefallen. Alle 
machten ja die Gnadenwahl abhängig von einem Verhalten des Men- 
schen. T h 1 u c k hatte schon vorher Thomasius bezüchtigt, dass 
das Neu-Lutherthum die altlutherische Abendmahlslehre nicht mehr 
l>esitze. Die Verfassungsgedanken des Lutherthnms, mit denen es 
sich in der Gegenwart beschäftigt, sind reformirt. Warum nun der 
grosse Name? Unser Jahrhundert ist ganz eklektisch: aus aUen Zeiten 
Gedanken und diese mit den Ideen einer sogenannten modernen 
Weltanschauung verbunden, als ob in dem Lauf der Aeonen ein 
flüchtiges Jahrhundert eine besondere Weltanschauung hätte, prunke 
Auch jedes mit einer solchen. 



f) Sein Leben von Schulze, 1883. 



Achtes Kapitel. David Friedr. Strauss u. die krit. Schule. 47 

Achtes Kapitel. 

David Friedrich Strauss und die Icrjtische Schule. 






Wie wenig die angestrebte Emenerong der kirchlichen Lehre 
dem allgemeinen Geiste und der Welt der Gebildeten zusagend war, 
wie die Menge ganz andere Wege ging als die pietistische Wohl- 
meinnng, bewies der grosse Beifall, den das Auftreten von David 
Friedrich Strauss hervorrief Er ist der begabteste und ge- 
waltigste Kritiker unseres Jahrhunderts mit glänzendem Scharfsinn, 
klassischer Darstellungsgabe ausgerüstet, ein grosses schwäbisches 
Talent, in seinem Wagstück erst dann möglich als die Philosophie 
den stolzen Wahn in den Menschengeist geworfen, der alle Pietät 
vor dem überlieferten Heüigen verloren hatte: der Zögling aller 
AngrifiPe gegen den Glauben seit dem vorigen Jahrhundert: der 
Brennpunkt des zerstörenden Unglaubens. Zu Ludwigsburg in Würt- 
temberg am 27. Januar 1808 geboren, bezieht er mit der »G^nie- 
promotion« das Stift in Tübingen, diese Schule bedeutender Männer, 
wird 1882 dort Bepetent und hält zugleich philosophische Vor- 
lesungen an der Universität. 

Im Jahre 1835 — Strauss und sein Freund der Berliner 
Professor Yatke rühmen es Mvol als ein ausgezeichnetes Wein- 
jahr — erschien von ihm »das Leben Jesu, kritisch bear- 
beitet« (4. Aufl. 1840), »in dem er alle Zweifel gegen die evange- 
lische Geschichte zusammen&sste , mit dialektischer Virtuosität bis 
,Mia& änsserste steigerte« und die Geschichte Jesu fiir einen Mythus 
erklärte, der nach Massgabe des alttestamentlichen Messiasbildes 
von dem dichtenden urchristlichen Gl«meinegeist geschaffen sei. 
Der Eindruck, den das Buch hervorrief, war ein ungeheurer. Es 
verbreitete einen lähmenden Schrecken. Mancher orthodoxe Theo- 
loge wurde krank und elend. In alle Häuser drang dasselbe ein. 
Als es die vierte Auflage erlebte, konnte ihm der Yer£a,sser das 
Zengniss geben, dass keine Zeile über das Leben Jesu bis dahin 
ohne seine Anregung geschrieben sei. Die Gegenschrifben bilden 
me unübersehbare Literatur. Strauss antwortete 1837 in seinen 
Streitschriften. Er gesteht darin, dass Hegers Unterscheidung von 
Begriff und Vorstellung ihn dahin gebracht habe, nicht nur wie 
Marheineke u. A. die Vorstellung etwas abzuschäumen, sondern 
^e Vorstellungsform zu überwinden. Er sitze auf der linken Seite 
^r Hegerschen Schule, ööschel u. A. auf der t^öClXätl. fe^ ^ 



48 Achtes KapiteL 

von seiner Bepetentenstelle entfernt und Professorätsverweser in 
Ludwigsburg wurde, zog er sich bald darauf nach Stattgart in's 
Privatleben zurück. In der 3. Auflage des Lebens Jesu machte er^ 
Zugeständnisse an die positive Theologie, nahm dieselben aber nachher 
wieder zurück. Seine Berufung nach Zürich ruft den Yolksunwillen 
auf. Er bleibt in Schwaben und gibt sein zweites Hauptwerk: »Die 
christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Ent- 
wicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft 
dargestellt« (1840 — 4tl) heraus, in dem er zeigt, dass die Geschichte 
des Dogmas auch seine Kritik sei und die fortschreitende Auflösung 
desselben beweise. Hierin überschüttet er die rechte Seite der ' 
Hegelianer mit Hohn: seine Auffassimg Hegels sei die allein rieb- ; 
tige: das Dogma ist das Produkt des idiotischen Bewusstseins und 
wo ein Philosoph sich Christ nennt, mag er Gründe dazu haben, 
Grund aber gewiss nicht. Die Hegersche Schule zerfiel imnüer 
mehr. Ueber die Hegelinge hatte schon vorher Leo am glücklich- 
sten geschrieben. In der Schrift gegen Friedrich Wilhelm IV. 
stellt S trau SS denselben ironisch in Parallele mit dem Bomantikw 
Julian auf dem Thron der Cäsaren. Als Abgeordneter für Lud- 
wigsburg nimmt er im württembergischen Landtag eine konservative 
Stellung ein. Er ist mit einer berühmten Sängerin unglüddiok 
verheirathet gewesen und hat die Ehe gelöst, wie er auch einst in 
Zwiespalt mit seinem Vater lebte. Ein herzloser Mann nicht ohne 
kleinlichen Geiz. An verschiedenen Orten ging er seiner schiifir 
stellerischen Muse nach und förderte manche ausgezeichnete ge- 
schichtliche Monographie ans Licht, wie namentlich die Vorträge 
über Voltaire, in vollendeter Sprache geschrieben. Als Benan, 
sein Leben Jesu in die Welt wirft, ergreift auch Strauss das alte 
Thema und sieht auch die neu ausgegebene Bearbeitung des Lebens 
Jesu »für das Volk« vier Auflagen erleben. Gregen die Angriffe, 
die er von Schenkel und Hengstenberg dafür erfährt, schleudert 
der schneidige Polemiker die Schrift: Die Halben und die Ganzen 
(1865). In einer Kritik der herausgegebenen Vorlesungen von 
Schleiermacher über das Leben Jesu sucht er das völlig Unhalt- 
bare dieser AufGafisung zu beweisen. Kurz vor seinem Tode hat er 
auch das letzte über Bord geworfen in tiefer Erbitterung in der 
Schnft: Der alte und der neue Glaube (11. Aufl. 1881). Er soll 
wie ein Philosoph still und fest dem Tode ins Angesicht gesehen 
haben (1874) zu Ludwigsburg, doch einsam und auch mit seinem 
Freunde Vis eher zer£Edlen, indem er sich eigentlich immer nur 
dami glücklich gefühlt hatte, wenn er seine formvollendeten, zer- 



David Friedrich Strams und die kritische Schule. 49 

störenden Bücher mit architektonischem Beize aufbaute: mit Yol« 
taire einer der grössten Frevler am Heüigthnm in allen Zeiten. 
Seine Schriften hat sein Freund Zell er gesatnmelt (1876—78), 
derselbe und Hausrath haben sein Leben beschrieben. Auch in 
Tatke's Lebensbeschreibung ist viel von ihm die Bede. Ein 
schwäbischer Schriftsteller sagt von ihm: »In der niedersten Hütte- 
-wie im Palast der Könige war der Name Strauss auf jeder Lippe. 
Hau hätte erwarten sollen, sein Aufbreten und Wirken werde Volk 
und Zeit mit fortreissen. Statt dessen war es ein Glanz ohne Lihalt, 
dem Feldherm fehlte das Heer. Es zeigte sich das bald deutlich 
sdbon im Jahre 1848, dessen' Bewegung seiner Sache so überaus 
gfinstig zu sein schien , dass zwischen ihm und dem Volke keine, 
iimere Cremeinschaft bestand ; es zeigten die damaligen Wahlen und 
seine damalige öffentliche Thätigkeit, dass er das Volk und die Zeit, 
imd das Volk und die Zeit ihn nicht verstand, fast vergessen und 
verschollen lebte der grosse Denker, ein harmloser Verfasser klassisch 
geschriebener Lebensbilder, viele Jahre, um erst kurz vor seinem 
Tode noch einmal die Welt durch den Glanz seines Namens zu er- 
hellen. Es war der Glanz, den ein berstendes Meteor ausstrahlt, 
wemi es von einem mächtigen Weltkörper angezogen und verschlungen 
wd. Denn in seinem alten und neuen Glauben Mit Strauss kopf- 
über, ein Erfasster, nicht ein Erfassender, dem nun aufgegangenen 
Gestirn der darwinischen Lehre zu, um willenlos und urtheilslos 
daran zu zerschellen.« Vi seh er hat in Stuttgart bei der abgöttisch 
tollen Feier seines 8()jährigen Geburtstages noch einmal von dem 
grossen lösenden Gedanken gesprochen, den Strauss in die Beli- 
gionswissenschaft gebracht. Strauss war ein Schüler yon Fer- 
dinand Christian Baur in Tübingen, dem grossen Kritiker und 
Historiker, der die Mängel Ton Strauss dadurch zu ersetzen suchte, 
dass er die Kritik der evangelischen Geschichte durch die Kritik der 
evangelischen Urkunden ergänzte. Der Gedanke derselben ist, dass 
der uranfängliche Gegensatz von Paulinismus und Petrinismus nach- 
li» durch die Erscheinung des Evangelium Johannis 180 nach Christo 
ZOT versöhnenden Einheit der Idee durchgeführt wurde. »Das Haupt- 
argnment f&r den späteren Ursprung unserer Evangelien bleibt 
immer dies, dass sie, jedes für sich und noch mehr alle zusanmien, 
80 Vieles aus dem Leben Jesu auf eine Weise darstellen, wie es 
in der Wirklichkeit unmöglich gewesen sein kann.« Seine beiden 
Gmndirrthümer: der eine, dass die Apokalypse judenfreundlich sei, 
w&hrend sie in eben solchem Gegensatz gegen Jerusalem steht, wie 
das Evangelixmi Johazmi;»^ und der andere, dass in (kl. 2 ^<^ Ia^W 

r Z»bB, Ktrcbeageachlobte. 2, Auf. A: 



50 Achtee Kapitel 

differenz beschrieben werde, während nur von einem Irrtibiun der 
Praxis die Bede ist, offenbaren die Haltlosigkeit der ganzen das 
N. T. in lauter Tendenzschriften auflösenden Hypothese. Der Si^ 
des paulinischen Geistes war schon am Schluss des ersten Jahr- 
hunderts ein allgemeiner: Petrus in seinem ersten Briefe ein Schüler 
Pauli. Baur, zuerst ein Schüler Schleiermachers, dann dem 
logischen Schematismus der Hegerschen Schule ver&llen mit ihren 
auseinandergehenden und dann wieder sich in einem höheren Begiiff 
zusammenschHessenden Gegensätzen, hat grosse dogmengeschichtliche 
Werke in klarster Einfachheit der Bede gegeben, dann gegen Möh- 
lers Angriff den Protestantismus yertheidigt und zxdetzt sich ganz 
in nt. Kritik yertiefb: als echte Schriften bleiben nur die Offen- 
barung Johannis und die vier grösseren Briefe des Paulas stehen. 
Das Werk: Der Apostel Paulus (2. Aufl. 1867) fibsste die Ansichten 
des rastlosen Gelehrten zusammen, ebenso das spätere: das Christen- 
thum und die christliche Kirche der drei ersten Jahrh. (8. Ani 
1868). Dazu sind noch, von ihm selbst besorgt oder nach seinem 
Tode herausgegeben, andere kirchengeschichtliche Arbeiten gekom- 
men. Baur gründete die Tübinger Schule, die in Zeller, Schweg- I 
1er, Köstlin, Hilgenfeld ihre Vertreter fand und noch bis in : 
die Gegenwart Männer wie Holsten, Holtzmann und Keim 
wesentlich wenn auch modiflcirt bestimmt hat. 

Baur und Strauss wollen voraussetzungslose Kritiker sein, 
aber ihr Postulat ist die Voraussetzung der Unmöglichkeit des Wun- i 
ders, obwohl dann doch wieder die Bekehrung Pauli ein Wundtf 
sein soll, nur kein echtes. Baur stirbt 1860. In seiner äusseren 
Erscheinung ein schwerer schwäbischer Mami: eine grosse von hoch- 
aufsteigenden Haaren imifasste klare Stirn ruhte auf einem Gesichte 
von kalter Objektivität und einem Ausdruck der Augen, der nur 
den äusseren Schein der Dinge schematisch und logisch fasste. 
Wenn bei einer Disputation im grossen Speisesaal des Stifts einer 
seiner Schüler soweit ging, das Selbstbewusstsein Jesu mit dem des 
Muhammed in Parallele zu stellen, so konnte er sich doch langsam 
und gewaltig von seinem Sitze auf dem »Herrentrapp« erheben, um 
dem kecken Disputanten einen drohenden BHck zuzuwerfen. »Meine 
Ansichten« , äusserte er , »kann man nicht auf der Kanzel mit- 
theilen« , während doch die Wahrheit von den Dächern verkündet 
werden soll. Die Weise dieser Kritik hat die Methode der Behand- 
lung des N. T. geschärft; auch die konservativen Theologen nament- 
lich in der modernen Liebhaberei für nt. Lehrbegriffe bestimmt, 
aber nichts Gewisses gewonnen, sondern nur eine namenlose Ver- 



DftTid Friedrich Stranas und die kritische Schule. 51 

mmmg in die Einfachheit und EinMt der nt. Schrifben gebracht. 
Von Baur und Strauss ist ein unübersehbares Unglück über die 
eyang. Kirche aller Länder gekommen; Henke aber hat in seiner 
lEQrchengeschichte TOh den Gkiben des Herrn in Baur geredet. So 
völlig MyoI sind wir geworden*). Die in Flor stehende Kritik 
steigerte Bruno Bauer- ins Masslose und L. Feuerbach erregte 
die Menge mit der Behauptung, dass die Beligion nur die Dreh- 
krankheit des selbstsüchtigen Menschenherzens sei und der Mensch 
das sei, was er esse. Im Grunde weiss die Unvernunft auch nicht 
melö*. Bald erhob sich nun mit dem jungen Deutschland das 
spottende Judenthum, das den armen Vetter Christus beklagte und 
seine vergifteten Lieder sang: bis in den Moment des Sterbens voU 
Spott über den Grott, dessen Geschäft es ist, Sünden zu vergeben. 
Wir haben hier noch eine Anzahl kritischer Theologen zu erwähnen. 
Es ist eine Beihe von gelehrten und scharfsinnigen Kräften, 
die an der Kritik sich meistens selbst verzehrten. In Berlin lehrte 
ein Freund von Schleiermacher, W. M. L. de Wette**). Als 
er an die Mutter Sands, des Mörders von Kotzebue, ein Trost- 
schreiben schickte, brachte er die ganze theol. Facultät in die Gefahr 
1 der Absetzung, wurde seines Lehramtes enthoben, ging dann nach 
Weimar und 1822 als Professor nach Basel, wo er bis 1849 eine 
Anzahl geschätzter Lehrbücher für das A. T. und ein exegetisches 
Handbuch zum N. T. herausgab. Auch seine Uebersetzung der 
Bibel fiuid vielen BeiMl. Sein kritischer Grundsatz war der: dem 
gebildeten Verstand muss die Unächtheit des Pentateuch von vorn- 
herein klar sein. Die Himmelfahrt Christi war ihm ein Wunder, 
das heutzutage kaum noch dem Bohesten zusagen kann. 
Er klagte: 

Ich fiel in eine wirre Zeit, 
Die Glaubenseintracht war vernichtet; 
Ich mischte mich mit in den Streit, 
Umsonst, ich hab* ihn nicht geschlichtet. 
Im Wesentlichen theilte seine Ansichten der durch klassische 
Eenntniss der Sprache und einen bedeutenden Psalmencommentar 
bekannte, in Marburg und Halle wirkende Hermann Hupfeld***) 
(t 1866), der sich wunderte, dass Jesaia 63 so merkwürdig mit 
Jesu Leiden stimmte und der in den Quellen der Genesis einen 



♦) Worte der Erinnerung an ihn von s. Collegen, 1861. 
**) Ueber ihn Schenkel, 1849, Hagenbach, 1860, Lücke, Stud. 
TL Krit, 1860, Wiegand, 1879, und Stähelin, 1880. 
***) Ueber ihn Biehm, 1867. 



52 Achtes KapiteL 

Elohisten herausschälte, ehrwürdig durch Alter und etwas langweilig, 
vor dem mehr unterhaltenden Jehovisten entstanden: eine Idee, die 
nachher Wellhausen zerstörte. Da er in der HochstrÖmung der 
Richtung, die Hengstenberg leitete und den &r £uiatisch be- 
kftmpfbe, sein Docentenamt führte, war sein Alter einsam und nidit 
ohne Bitterkeit, denn er sah überall »die Grimassen der Welt«. Er 
hat sich selbst am besten charakterisirt in der Vorrede zu seinem 
Psalmencommentar. Eine merkwürdige Erscheintmg auf hohem 
Kothurn mit infallibelen Aussprüchen schritt durch die Zeit G. H. 
A. Ewald in Göttingen, ein berühmter Orientalist, der mit scharfer 
Kritik warme Begeisterung verband, aber weniger gefiel, wenn er 
den Reichstag auf Seiten der weifischen Opposition apostrophirte 
(t 1875). Die Tübinger Schule setzte sich fort in Hilgenfeld, 
Yolkmar und Keim und wiederholte bandwurmartig und ermüdend 
die Gedanken vom Judenchristenthum und Heidenchristenthum, als 
ob dann das ganze Geheimniss des apostolischen Zeitalters bestände. 
Keim in Zürich und Giessen versuchte sich in üppiger Sprache an 
dem Leben Jesu, das nach seinem einsamen Tode (1878) auch zur 
Vergessenheit herabstieg. Offenbar hat das G^himleiden, dem er 
früh erlag, auf die Hervorbringung seiner Bücher eingewirkt. Den 
Vorwurf, dass die Evangelien Tendenzschriften wären, Hess man 
allmählich mehr fsdlen. Die minutiöse Detailforschung und kritische 
KLeinklauberei nahm aber weiter so zu, dass die Systeme über die 
Entstehung der Synoptiker sich gegenseitig erstickten und die aka- 
demische Jugend dabei verödete. Sie kann sich nicht mehr zureeht- 
finden und steht der Schrift; als einem räthselhafben Mosaik gegen- 
über, dessen geschickte Zusammengeflicktheit selbst die Weisesten 
nicht auf&nden können. Auch die, welche die Tübinger Behauptungen 
nicht annahmen, übten eine pietätiose Behandlung der Schrift, die 
in ihrer literarischen Entstehung und Form wie ein anderes mensch- 
liches Buch behandelt wurde. Die Vernichtung der Autorität der 
Bibel ist die Saat vieler akademischer Lehrstühle. Stolze Apologeten 
suchten sich zu helfen, indem sie die alles beweisenden und dadurch 
kleinen Apologeten in den Schatten stellten: sie selbst aber waren 
in dem treibenden Fluss einer Bewegung, die den Zweifel in die 
Herzen Aller geworfen hatte. Als Bernhard Weiss in Berlin die 
Forschungen über das Leben Jesu zu einem gewissen Abschluss 
brachte, konnte er auch ein Meerwandebi Jesu und eine schöpferische 
Brodvermehrung nicht glauben und seine ganze kritische Methode 
war, obwohl scheinbar konservativ, ebenso subjektiv wie die seiner 
Gegner. Zuletzt hat noch Carl Weizsäcker in einem grossen 



David Friedrich Stranss und die kritische Schule. 53 

Werke über das apostolische Zeitalter (1886) in schrankenloser 
Willkür die Evangelien und die Apostelgeschichte behandelt, von 
welcher letzteren doch in beschämender Weise Ranke sagt, dass 
sie gute Kunde mit einfstcher Darstellung verbinde. Nach W. ist 
Jesus in einem misslungenen Wagniss umgekommen und sein Leib 
im Grabe verwest. Im Allgemeinen herrscht auf nt. Gebiet Er- 
müdung und Erschöpfdng: man hat es zu keinem einzigen fest- 
stehenden Resultat gebracht. In dem nicht apostolischen Ursprung 
des 2. Petribriefes glaubte die Kritik doch noch etwas in den 
KSnden zu haben, neuerdings hat ihn Spitta wieder »glänzend« 
vertheidigt und die Abhängigkeit des Judasbriefes nachgewiesen. 
Das 2. Cap. des 2. Petribriefes schildert übrigens trefflich die Theo- 
logen der Kritik. Das heüige Leiden, das allein die Schrifb be- 
weist, fehlt überalL 1885 gedachte man an die Aufhebung des 
Ediktes von Nantes. Was ist der traurigste Zug im Charakter der 
Glegenwart? Es hat sich ihr die strafende und züchtigende Liebe 
Gottes entzogen. Wir sind weder die Wahrheit werth noch die 
Leiden um derselben. Und wenn Gott eine so blühende Kirche wie 
die französisch-reformirte durch ein furchtbares Gericht wegwischte, 
was wird er dann von unserem durch Unglauben yerdorbenen Ge- 
schlechte wissen? 

Lebhafter ist jetzt die kritische Bewegung auf dem Boden des 
A. T. Julius Wellhausen, erst Professor der Theologie in 
(jreifswalde , dann resignirend Professor der Orientalistik in Halle, 
jetzt in Marburg, nahm mit Scharfsinn die Hypothese von Beuss, 
Vatke, Graf auf, dass ein sogenannter Jehovist etwa um 800 ent- 
staaden, dann das Deuteronomium um 621, aus einem priesterlichen 
Bnd prophetischen Komplott hervorgegangen, doch später von dem 
Mithelfer Jeremias selbst als eine vom Lügengriffel der Schreiber 
geschriebene Lüge bezeichnet, die Anfänge des Pentateuch gebildet, 
ein Theil der wichtigsten kultischen Gesetze aber als Priestercodex in 
Bnd nach dem Exil gemacht sei, indem Esra endlich damit heraus- 
rCiekte*). Denn noch einmal habe sich nach dem klaren Zeugniss 
der Propheten der israelitische Geist in tiefsinnige aber auch von 
hierarchischen Tendenzen durchzogene Symbolik hineingelebt. Der 
Hochmuth lehrt hier, dass alle Apologetik nur geschehe, ut aliquid 
fecisse videatur. W. bezeichnet seine Stellung mit den Sätzen: 






*) Vortreffliche Aufsätze über die Frage im Ev. Kirchen- und Schul- 
blatt för Württembeig von Oehler und Färber, 1^%^ xwiöi \Ä%^» 



54 Achtes Kapitel. David Friedr. Stratus o. die krit. Schule. 

»Die israelitische Religion hat keine historischen Heüsthatsachen, 
sondern die Natur zur Grundlage; das Verhältniss Jahves zu Israel f 
war von Haus aus ein natürliches; was man so eigentlich fSbr 
das Theokratische in der Greschichte Israels ausgibt , ist durch Be- 
arbeitung hineingebracht«. Gewaltstreiche lösen zuletzt alle Schwie- 
rigkeiten. Eine Anzahl von lärmenden Gelehrten hat sich ihm an- 
geschlossen; namentlich glänzt Giessen in hämischem Spott über 
alle Apologetik. Die gläubige Gemeine wird bei dem Zeugniss der 
jüdischen Kirche, des Herrn und der Apostel bleiben. Jene unreinen 
Geister werden aber das heiligste Problem nie lösen. Die Unter- 
suchungen in diesen Fragen haben eine solche Zertheilung in lauter 
minutiöse Fündlein und Quellen bewirkt, dass alle Sicherheit gegen- 
über dem A. T. zerbröckelt ist und die akademische Jugend in der 
Wildniss der Verwirrung sich ergeht. Der Blick auf die Einleitongs- 
wissenschaften gehört zu den trostlosesten der Gegenwart. Noch j 
immer werden ganze Theologengeschlechter von den »untersuchen- 
den« Professoren vergiftet. Mit der Pflege der Kritik auf den 
Universitäten hängt es auch zusammen, dass unser Jahrhundert von 
einem ununterbrochenen, oft in Massenprotesten auftretenden Stampf 
der Provinzialkirchen mit den theologischen Fakultäten durchzogen 
ist. Letztere eifern dann für ihre Lehr&eiheit, auch wo sie Lehr- 
frechheit geworden ist und flüchten sich unter den Schutz des neutralen 
Staates gegen ihre eigenen Zöglinge, die sich fär die Bedür&isse 
ihres Amtes von den Lehrern verlassen sehen. Für Engländer und 
Amerikan^ ein unbegreifliches Schauspiel: die Kirche gegen ihre 
eigenen Lehrstätten voll Misstrauen und diese um sich besorgt 
selbst bei den Wünschen der Synoden, die sie doch sonst so fördern 
wollen. Ein Riss bis zur Karikatur, wenn die Fakultäten sidi 
vornehm gegen die Kirche auf die Höhe der Wissenschaft stellen. 
Das reine Gegentheil von der geschlossenen Erziehung des römischen 
Klerus, der Einheit von Bischof und Akademie oder Seminar*). 
Wäre die Kritik ein Erwachen des Wahrheitssinnes, den auch di« 
schar&innigsten Alten wie Calvin nicht besassen, wären ihre Be- 
sultate Aufhellungen zu Gunsten der Wahrheit, so hätte sie erbauend 
und erleuchtend gewirkt, aber ihr Weg ist der Ruin der Kirche 
und sie selbst überall eine Tochter des Abfalles von Gk)tt. Daher 
bindet sie sich auch selbst mit den nächtlichen Stricken ihres eigenen 



*) V. Nathusius, Wissenschaft und Kritik im Streit um die theol 
Fakultäten. Zt&. d. ehr. Yolkal. Bd. XI. Äe^tt 8. 



Neuntes Sjipitel. Der Protestantenverein. 55 

irrwarrs *), ihrer Hypothesen und tansend&Lchen Fragmentlein und 
rkonden. Die Krankheit ist aber so gross, dass von ihr ein Wort 
LS dem geschmähtesten Buche gilt: es war kein Heilen mehr. 
äkS yerbürgt auch die stumpfe Gleichgültigkeit , so dass Niemand 
ehr erschrickt, wenn das heilige Buch zerschnitten und in das 
aminfeuer der winterlich erstorbenen Kirche geworfen wird. Das 
ihriftprinzip des Protestantismus ist ihm durch Missbrauch zum 
uch geworden. 



Neuntes Kapitel. 

Der Protestantenverein. 

Iteratur: Schenkel, der deutsche Protestantenverein n. s. Bedeutung 
in der Gegenwart, 2. Aufl., 1871. ßluntschli, Denkwürdiges aus 
meinem Leben, 1884. Richard Bothe's Leben von Nippold, 
1878—74. 

Auf einer halbjährlich in Durlach in Baden gehaltenen Ver- 
umnlung wurde im August 1863 der Vorschlag gemacht, regel- 
lässig wiederkehrende Versanmilungen solcher deutschen Protestanten 
azuregen, welche in der orthodoxen kirchlichen Bestauration nur 
en Weg sehen, um das deutsche Volk immer mehr dem Christen- 
imn zu entfremden. Nach einer Vorversammlung in Frankfurt 
eschah die wirkliche Gründung des Vereins am 7. und 8. Juni 
365 zu Eisenach, wo sich 300 Theologen und 200 Laien zusammen- 
Aden, um die begeisternde Rede des »Heiligen des Vereines« 
ichard Bothe^s anzuhören, der die Geistlichen anklagte, dass sie 
cht mit der Bildung ihrer Zeit Frieden machten und so dem über- 
1 unbewusst waltenden Christenthum entgegen kämen. Riefen 
hon die Thesen des Generalsuperintendenten K. Schwarz**) aus 
Qtha über die protestantische Lehrfreiheit Gegensätze hervor, die 
ifangs noch überwunden wurden, so war doch nachher für eine 
thodoxe Rechte kein Platz mehr in dem Verein und trennten sich 
e also Gesonnenen von ihm. Er organisirte sich in Orts- und 
jzirksvereinen , stellte einen engeren und weiteren Ausschuss an 
B Spitze und hielt Deutschland durchwandernd regelmässige Pro- 
stantentage ab, bei denen auch in grossen und stark liberal 



♦) Zöckler: Wider die unfehlbare Wissenschaft, S. 36 ff., 1887. 
**) Eine Lebensskizze von ihm hat Rudloif gege\>Qa, \%%1« 



56 Neuntes EapiteL 

gefärbten Stttdten wie Berlin und Hamburg die Theünalune immer 
geringer, die Zuhörer immer spärlicher wurden. Bei der vierzehnieii 
Yersammlung in Earlsrohe starb gleich nach derselben, als er ging 
den Orossherzog zu begrüssen und nachdem er jubelnd ein Schrift- 
wort ausgerufen, das auf ihn und den Verein keine Beziehung hatte, 
der begabte und bertihmte Leiter derselben, der Bechtslehrer 
Bluntschli (21. Oktober 1881), der nach den Mittheünngen ans 
seinem Leben sich ein Gemenge merkwürdiger Ideen gebildet hallte, 
in denen selbst die zweite Sendung eines Sohnes Grottes erhofib 
wurde. Aus der Schule des Vereins tauchte das »Charakterbild 
Jesu« von Professor Schenkel in Heidelberg auf (f 1885), das 
nur ein Spiegelbüd seiner eigenen Ingrimmigkeit gegen aUes orÜio- f 
doxe Schrifkgelehrtenthum wai*, zu der er sich aus pietistischen An- ■•' 
f^gen allmfthlig im Drange seines leidenschaftlichen Ehrgeizes ent- 
wickelt hatte. Allgemeine Proteste erhoben sich gegen dasselbe, 
waren aber unnöthig. Anfsuigs gaben die geistvollen Bemühungen 
und Apologien von Bothe dem Verein einen gewissen Glanz, aber 
das Misstrauen der Eirchenleitungen, die heftige Polemik gog&n^ 
alles kirchliche Bekenntniss bis zum frivolsten Spott über das Apo- 
stolicum, welche das mit gelehrten Kräften unterstützte Organ des- 
selben: die protestantische Eirchenzeitung und ihre Freunde führten, 
die Unfruchtbarkeit an allen Werken innerer und äusserer Mission, 
die gänzliche Gleichgültigkeit des Volkes auch gegenüber diesen Zu- 
geständnissen an seinen Unglauben brachten denselben immer mehr 
in Missachtung und so blieben auch die Hilfeleistungen, die derselbe 
dem Staate gegen Rom leistete, gebrochen und wenig anerkannt. 
Li einem »Bibellexicon«, in einer »Protestantenbibel«, in Flugblättern 
suchte er in das Volk einzudringen, aber kaum hinausgehend über 
die Moral und Kritik des Rationalismus, wenn auch mit Bedürf- 
nissen für die Lehre von der Versöhnung, hat er mit seinen oft 
wilden Agitationen nur die religiöse Stumpfheit des Volkes vermehrt, 
das auch von dieser Seite nur theologischen Hader erblickte. Neuer- 
dings hat er den Versuch gemacht, einen Missionsverein zu 
gründen, aber mit wenig durchsichtiger Absicht, wenn auch mit eini- 
gem Erfolg. Pfejrer B u s s in Glarus, der sich dafür bemüht, wurde 
in einem Heidelberger Jubiläumsscherz gleich zum Doktor der Theo- 
logie gemacht. Unter seinen theologischen Führern sind noch 
Krause*), Zittel, Richter, Holsten, Pfleiderer, Sy- 



') üeber ihn Späth, 1878. 



dow*)y Liseo, Klapp, Manchot zn neniMii» ron Laiaa Jbr 
Jnstiziatli GGtting, dar KammergeiichtsraUi SchrC^d^t« ^t 
]MM^ immer der Beriinfir Kreiäsjiiode präsidiert In der px^ttö^ 
Bischen QeoealBjikode schwack Tertzeten wird die StituuM dMtwr 
Protefitantfia nur nodi wenig gehört» was sie dann mit Zorn über 
die Beriiner HoQ^rediger yergelten. Als 1885 in der Cbarwoche d^^r 
Qeneral tfuperinte nd ent Karl Schwarz in Gotha starh» stand au» 
Sonnabend, wo Christas im Grabe rohte^ die Geistlichkeit des taft* 
des im Amtsomat am Feaerofen. Bei dem heuchlerischen Fried^as^ 
sdünss mü Bom 1886 hat der Yerein einen Auinif an das deutsche 
Volk erlassen. Er gefiel damit keiner Partei und ist wvdd mit die- 
sem »dompfisn Schlag auf die Kuhurpauke« aus dem (^eutUchett 
Leben für immer abgetreten. Auf dem letzten Lftstertag in Wie«^ 
baden ayancirten nodi die Ho^rediger zu Hofschneidem. l>ie 
Frirolität dieser Kftmpfer gegen Bom stand auf der H(^he: sie ist 
mm aUen offenbar geworden. Die angesehensten Theologen dieser 
theologischen Bichtung sindBichard Bothe und Karl v. Hase. 
Ersterer, am 28. Januar 1799 in Posen geboren, ward 1823 preus- 
Bischer Gresandtschaftsprediger in Bom, dann Professor am Prediger- 
Seminar in Wittenberg und 1832 zweiter Direktor, und Ephorus die- 
ser Anstalt» 1837 erster Professor in Heidelberg, 1849 in derselben 
Eigensd^ft in Bonn und von 1854 — 1867 wieder in Heidelberg, wo 
er am 20. August stbrbt. Man hat ihn den gedankenreichsten und 
scharfisumigsten Theologen der Neuzeit genannt, keineswegs aber 
war er nach seinen praktisdien Wirkungen der bedeutendste, viel- 
mehr in seinen letzten Lebensjahren auch unter den Gebildeten sich 
einsam und verlassen fühlend, nach Stille, wenn auch nicht nach 
Buhe verlangend, um seine architektonisch hochstrebenden, eisig 
kalten und eisig spitzigen Spekulationen aufbauen zu können, in 
denen er das Wesega Gottes und das Wesen des Menschen dialek- 
tisch und theosophisch in Klarheit der Bede begreifen wollte und 
konnte. In unerhörter Weise die Freiheit und Selbstbestimmung 
des Menschen zum Prinzip und Werth eines moralischen Prozesses 
machend, in dem der Mensch mit scheinbar wenig nothwendiger 
Mithülfe der Ghiade sich aus sich selbst in langsamer Entwicklung 
vervollkommnet. Der reinste und lauterste Gegensatz der paulini- 
sehen und lutherischen Wahrheit, ein System voll riesiger, geistiger 
Yermessenheit, in dem sich noch einmal der menschenverherrlichende 
Geist des ganzen Jahrhunderts zusammenfässte, jetzt schon durch 



*) Sein Lehm ron Marie Sjdow, 1885. 



58 Neuntes Kapitel. Der ProtestantenTerein. 

die neueste Theologie als nicht geziemende metaphysische Betradfc^^ 
tongen des »Dinges an sich« zu den Todten gelegt. Es ist derselbe' 
stolze Wahn auf protestantischer Seite wie die ünfehlbarkeitserkUk^ 
rang auf römischer. Denn »Ihr werdet sein wie Oott« bleibt di0^ 
Signatur unserer Tage. Die dogmatische Spekulation stand auf der 
der Höhe: sie sollte von derselben jählings herabstürzen. Bothe» an^ 
&ngs pietistisch gef&rbt, dann von dem Pietismus unbefriedigt, meht 
spekulativ und moralisch gerichtet fand sich zuletzt in der G^eseU* 
schafb des Protestantenvereins, die ihm eben so wenig ganz zusagte^ 
wie sein College Schenkel, der doch die ihm fehlende agitato- 
rische Seite ersetzen sollte. Sein Hauptwerk ist die viel angestaunte 
»theologische Ethik« (2. Aufl. 1869 — 71). Die von ihm vertheidigte 
Wahlfreiheit des menschlichen Willens, die Bestimmung aus sitt- 
licher Indifferenz zu sittlicher Vollkommenheit ist auch dialektisch 
untersucht ein Widersinn*). Nach seinem Tode erschienen viele 
seiner Vorlesungen und Predigten. Sein ihn bewundernder Histo- 
riker ist Professor Nippold in Jena. Mit besonderer Theilnahme 
wendet sich stets auch der Positive zu Karl von Hase, **) dem 
Nestor protestantischer Eirchengeschichtsschreibung, diesem jetzt bis 
ins 88. Jahr thätigen mit der besten und umsichtigsten Kunde in 
räthselhafb packender, eigenartiger, unnachahmlicher Schreibekunst 
ausgezeichneten Gelehrten. Seit 1880 lehrt er in Jena als der 
Theologe nicht allein Thüringens; einst ein Gegner des Generalsuper- 
intendenten Röhr, der die letzten krampfhaften Versuche machte, 
den alten Rationalismus in seiner Predigerbibliothek zu retten, ist 
er selbst nicht über einen ästhetischen Rationalismus hinausgekom- 
men, der mit dem Christenthum, das in seinem Anfang, Entwicklung 
und Vollendung Wunder und Weissagung ist, in feinsinniger, überall 
Verständniss suchender und ahnender Weise beschäftigt, dieses Wun- 
der und diese Weissagung bestreitet, auch wo sie auf den unzwei- 
deutigsten Zeugnissen beruhen. Vorsichtig und weise genug, um 
der negativen Kritik nicht überall zu folgen, bleibt er doch in einem 
Gesetz des geschichtlichen Werdens stehen, das weder die Zeugnisse 
der Schrift noch die Geheimnisse des Glaubens erklärt. Ein Ge- 
schichtsschreiber, der den tiefsten Pulsschlag der Kirchengeschichte: 
das Wunder des Glaubens an sich selbst nicht erfeJiren, obwohl von 
fesselndem Reiz, den feiner, zuweilen auch boshafter Humor um- 



*) Vergl. die Wahlfreiheit des Willens, in ihrer Nichtigkeit darge- 
legt von Waldemar Meyer, 1886. 

**) Ideale und Irrthümer, Jugenderinnerungen, 1878. 



Zehntes Ki^iteL Die Emeaeroog des Bationalismus. 59 

qoelt. Von ihm haben wir das bedeutendste Buch dieses Jahrhun- 
derts in dem Bahmen seiner inneren Beschränkung: Handbuch der 
protestantischen Polemik gegen die römisch-katholische 
Kirche (4. Aufl. 1878). Femer sind von ihm weltbekamit sein 
»lEattems rediyiviis« in 12 Auflagen, seine Eirchengeschichte, sein 
Leben Jesu. Neuerdings lässt er noch eine ausföhrliche Eürchen- 
geBcfaiehte auf Grund akademischer Vorlesungen ausgehen. Berühmt 
sind auch seine meisterhaft geformten kleinen Essays. Hase hat 
ebmial tapfer gegen Baur die Authentie des Ey. Johamiis verthei- 
digti doch zuletzt einsam in dem schreienden Chor der Freisinnigen 
hat er einen Jünger erdichtet, der die Erinnerungen des Meisters 
medergeschrieben. Benders Werk über die B>eligion hat er in seinem 
hohen Alter ernst und siimvoU genannt. Ob auch ihm alle Beligion 
inr Illusion geworden und so seine Ideale geendet? Hase ist nur 
mit Schleiermacher, Müller, Tholuck und Bothe ein Beweis, 
dass es Gk>tt unserem Jahrhundert nicht gegeben hat, Luthers Glau- 
ben in wahrer Angst des Gewissens in seiner yoUen Lauterkeit 
wieder zu behaupten. 



Zehntes EapiteL 

Erneuerung des Rationalismus. 

ins der vielen Literatur nur: Thikötter, Darstellmig und BeurtheiluDg 
der Theologie Albrecht Ritschls, 1883. Heer, der Beiigions- 
begriff A. Ritschls, 1884. Vom Meister selbst: Theologie und 
Metaphysik, 1888. Hang, Darstellung und Beurtheilung der A. 
Bitschrschen Theologie, 1885* 

Wie wenig die ganze dogmengeschichtliche Entwicklung unseres 

Jahrhunderts den Bationalismus überwunden hat, wie alles nur 

schwache Versuche waren, die gegen ihn die Wahrheit der Befor- 

mation erneuern wollten, beweist nicht nur auf philosophischem, 

sondern auch auf theologischem Gebiete die Bückkehr zu Kant, 

der als der wahre und einzige Philosoph aufs neue gepriesen und 

studiert wurde. »Zurück zu Kant«. Nachdem von allen stolzen 

Gebilden der Philosophie nur ein Aschenhaufen übrig geblieben war, 

nachdem die vielgerühmte »gläubige Spekulation« so wenig eine 

nothwendige Entwicklung gebracht hatte, dass sie vielmehr immer 

eine geschmeidige Buhlerin des Spinozismus war und mit unreinem 



60 Zehntes Kapitel. 

Schmack geziert hatte, was in sich selbst rein und gewiss ist,*) 
frag man sich in aller Bescheidenheit, ob der Mensch überhaopl 
etwas erkennen könne. Man wollte wieder nüchtern werden. Sl 
ist Albrecht Bitschi, Sohn eines pommer'schen evangelisdiai 
Bischofs, der seit 1864 Professor und Consistorialradi in GöttingeD, 
nachdem er an&uigs der Schule Baurs angehört, dann dieselbe 
bekämpft;, sich später in dem grossen Werke: »die christlidid 
Lehre von der Rechtfertigung und Yersöhnungc (8 Bde. 2. Auflage 
1884) und in seinen geschichtlichen Studien über den reformirtet 
und lutherischen Pietismus, die Eantischen Grundlagen aneigne^ 
um auf ihnen ein von Scharfsinn xmd hervorragender G^lehrsamkeü 
getragenes System aufzubauen, in dem nach seinen praktischen das 
Leben bestimmenden Gedanken nichts übrig blieb als die treue Be- 
rufserföllung in dem för jeden angewiesenen Kreis, geheiligt you 
dem Glauben an die Providenz Gottes, der uns schon in sich ohne 
einen genugthuenden Tod des Mittlers Vergebung für die in Un- 
wissenheit begangenen Sünden entgegenbringt. Dieser geringe Yom 
Rationalismus nicht verschiedene moralische Ertrag ruht auf einer 
weitschichtigen, in schwer verständlicher, wuchtig polemischer Sprache 
sich äussernden Theologie, die auf der einen Seite energisch und 
klar die reformatorische Wahrheit vertritt, dass Gott nur in Christo 
sich offenbare und dass alle metaphysischen Spekulationen über das 
Wesen Gottes an sich unfruchtbar und geföhrlich seien, dass alles 
was die Schrift von Gott und Christo sagt, zum Gebrauch der Ge- 
meine geschrieben sei, auf der anderen Seite aber von dieser Regel 
den Gebrauch macht, dass, weil wir alle Dinge nur nach unserer 
Empfindung von ihnen beurtheilen können, wir weder von Christi 
Persönlichkeit, noch den Thatsachen seines Heiles, noch seiner jetzi- 
gen Beziehung zur Gemeine etwas Bestimmtes aussagen können. 
Die von ihm ausgegangenen Wirkungen sind för uns nur in der 
von ihm gestifteten und von seinen Erinnerungen belebten chnst- 
liehen Gemeine vorhanden. Auf diesem Wege hat Ritschi die 
Lehre von der Präexistenz Christi, seinem sühnenden Opfertode, 
seinem persönlichen Regiment der Kirche und dem mit ihm fortr 
bestehenden lebendigen Verkehre des einzelnen Gläubigen verloren. 
Christus eine Grösse der Vergangenheit, mit der kein unmittelbares 
persönliches Verhältniss stattfinden kann, weil dies mystische Schwär- 
merei wäre. Ein System ohne die Schrift und über der Schrift, in der 
auch Paulus wesentliche Lrthümer hat. Die Verwerfung der meta- 



*) Thilo, Die WissenschaftL d. mod. spekul. TheoL, 1851. 



Die Emeuening des Bationalismus. 61 

sischen Seinstirtiheile führt zu religiösen Werthmtheilen, die rein 
jektiv aii%e£ässt werden, da auch die ersten christlichen Gemei- 
in denselben Falsches haben. Die Wahrheiten und Thatsachen 
Christenthums werden wie andere Erfiahrongen in Phänomene 
subjektiven Bewusstseins oder in Akte des menschlichen Wil- 
i umgesetzt. Gott ist unerreichbar fem, ohne Zorn und Mitleid, 
errscht von einem starren, eydg unwandelbaren Liebeswillen: 
istos der Offenbarer dieses Liebeswülens, ein vorbildlicher Mensch, 
i bis in den Tod, der heilige Geist die intellektuelle, moralische 
£t der Gemeine, bei dem Menschen sein Wille das einzig reale 
. entscheidende, vielgeschäftig in eigener Kraft, herrschend über 
Welt. Eeligion — Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der 
It mit Hilfe Gottes. Ein rationalistischer Skepticismus und ein 
igianischer Moralismus, vergeblich in handgreiflicher Täuschung 
den reformatorischen Wahrheiten geschmückt: das hellste Zeichen 
völligen Erschöpfung des Protestantismus, der am Ende dieses 
rhunderts au& neue nicht mehr weiss als das, was das niedere 
k immer wusste: Thue Eecht und scheue Niemand. Nach dem 
hn des »Spekulativen« stellt man wieder die Forderung des 
btüchen« auf: für ein schuldbeladenes Gewissen von noch grös- 
sr Qual und Täuschung. Während in den Gemeinen diese neueste 
sologie nur vereinzelt Aufsehen erregte, denn sie brachte ja das, 
; jeder im Munde fährte, hat sie jetzt eine Anzahl von sich gegen- 
ig lobenden und äusserst hochfahrenden Schülern in Marburg, 
ssen, Heidelberg und Berlin, dodi auch ihre Zeit ist so kurz wie 
der vorhergehenden stolzen Bomane der Denker, denen sie ein 
echtes Grab bereitete. Der Kampf mit Bom ist die wichtigste 
^be des Protestantismus; er tritt überall mit gebrochenem 
ilde in denselben ein. — Von den Schülern Eitschls ist Harnack 
Siarborg mit einetm Lehrbuch der Dogmengeschichte hervorge- 
en, in. dem nach Abzug alles Theoretischen, Theologischen und 
Losophischan nur ein specifisches supranaturales HeLLsgut, eine 
6 Erlösung und ein praesens numen übrig bleibt. Die Dogmen- 
ihidite Verweltlidiung und Yerderbung des echten Evangeliums. 
>st Panhis viel zu sehr doctrinär und sein Werth nicht zu über- 
itzen. Der Pietismus ging noch aus einer Bewegung der Ge- 
len hervor: die Göttinger Theologie ist von vomehereia ein 
knes Schulgewächs. 



62 Elftes KapiteL 

Elftes Kapitel. 

Die schwäbische Kirche. 

Literatur: Ey. Kirchen- und Sehulblatt f&r Württemberg 1840 £ 

Wegen ihrer Eigenthümlichkeit bedarf die Kirche Württembergs 
einer besonderen kurzen Charakterisinmg. ffier erwachte mit grossei 
Innigkeit der von den Yatem geliebte Pietismus mit seinen woU: 
thatigen Gemeinschafben (Altpietisten, Pregizerianer, Michelianer^ 
empfing in dem Prttlaten Sixt Karl Kap ff**) einen angesehenen 
Führer, in Christoph Blumhardt***) in Boll einen warmherzigen 
Herbergsvater für alle Welt, der in dem freundlichen Wahn lebte, 
noch selbst das tausendjährige Eeich zu erschauen, doch starb er 
gerade in dem Jahre (1880), dessen Neujahrslosung ihm seine Hoff- 
nung recht nahe gerückt sein Hess. Seine seltsame Geschichte mit 
der GotÜiebin erinnert doch sehr an ahnliche Geschichten hysterischer 
Frauen, wo immer grosse Tauschungen unterlaufen. In den Theo- 
logen Palmer, Oehler, Landerer und Beck erstanden konser- 
vative Leiter und so überwand man die furchtbaren Wirkungen der 
Kritik von Baur undStrauss, die jede Kirche zu zerstören schie- 
nen. Gottlieb Wilh. Hoffmann, mit Neuerungen in der Lan- 
deskirche unzufrieden, gründete 1818 mit königlicher Erlaubniss die 
blühende Gemeine Kornthal, der sich Wilhelmsdorf anschloss. 
Sein Sohn Christoph (f 1885) schuf die Gemeine des neuen 
Tempels mit Kolonien in Palastina und spater mit grossen Httresieen. 
Nach seinem Tode kehrte ein Theil seiner Anhanger zur alten Kirche 
zurück. Als ein Zeuge der Wahrheit Viele tröstend steht Ludwig 
Ho facker da (f 1828). Sein Leben hat der bekannte Dichter 
Albert Knapp beschrieben (5. Auflage 1883). Seine Predigten 
erlebten 88 Auflagen f)- Li Schwaben ist mehr als im übrigen 
Deutschland die evangelische Kirche noch eine Yolkskirche, getragen 
von einem verbreiteten frommen Sinne Vieler, unermüdlich in Wohl- 
thaten und Liebeswerken, nach denen sie die erste Stelle in Deutsch- 
land einnimmt. Nach allen Gegenden: auf Professorenstühle, in den 



r;>. • 



»;- 



*) Palmer, Die Gemeinschaften und Sekten Württb., 1877. 
**) Sein Leben von seinem Sohne, 1881. 

***) Sein Leben in gutem Glauben von Zündel beschrieben. 2. Aufl. 
1881. Ueber Frau Doris Blumhardt der Sohn, 1886.. 

t) Ueber ihn auch Claus, WClrttemb. Vater. 2. Bd. 1888. 



Die schwäbische Kirche. 68 

heissen Brodem von Afrika und Indien, in die Verlassenheit deut- 
scher Gemeinen in Amerika sendet sie ihre geistlichen Zöglinge, 
die die Seminare und das Stift gebildet haben. Die Basler Mis- 
sionsgesellschaft ist eine schwäbische Filiale und hat von -hier ihre 
Inspektoren und ihre grössten Beiträge. Die G^müthstiefe und treue 
Wärme des ev. Volkes wirkt überall hin belebend. Unter den Theo- 
logen ragt durch seinen grossen, viele Jünglinge an sich ziehenden 
Einfluss Joh. Tobias Beck hervor, neben der Kritik Baurs die 
volle Inspiration des Kanons vertheidigend, ehrwürdig in seiner 
Liebe zur Schrift, verbxmden der altwürttembergischen Exegese, 
dem Bealismus markiger Grundbegriffe, dem Pneumatismus und dem 
naturalistischen kräftigen Hintergrunde der Bibelworte, dabei Chiliast, 
der die Hilfe des persönlich kommenden Herrn für die Schäden der 
Welt erhofft, die durch Macherei der Kirche nur verschlimmert wer- 
den. Nützliche und brauchbare Winke gibt er ia seinen Pastoral- 
lehren, in seiner Betrachtung der Lehrweisheit Jesu, dessen was 
wirklich Erbauung ist und wie alles im Beiche Gottes wachsthümlich 
gedeiht; aber sein ganzes Lehrsystem, oft räthselhafb dunkel gestaltet 
wie wenigstens in seinen Anfängen, ist durch und durch synergis- 
tisch und gesetzlich treiberisch (»erst Knecht, dann Kind«) , mit dem 
Trost der inmier grösseren Treue, die man üben soll, und hat in 
anderer Weise zwar wie Hengstenberg, aber auf demselben Ge- 
biete, dem der Lehre von der Bechtfertigang, tief geirrt, denn deren 
schriftgemässe Fassung und heilige Widersinnigkeit als die Gerecht- 
gprechung des Gottlosen konnte Beck nicht begreifen: ein Theologe 
in der Schrift xmd doch ausserhalb derselben, auch in seinem Eea- 
Usmus und mystischen Wesenseinigung mit Christus mehr Worten 
als Wahrheiten huldigend, da wir von dem Naturboden des Lebens 
mid des Todes nichts wissen als lediglich in Gott ruhenden Geheim- 
nissen. Es war etwas keck von mir, als ich ihn auf seinem Wein- 
berge in studentischer Weise fragte: »Nicht wahr, Sie haben Ihr 
System in die Schrift hineingelegt?« »Nein,« sagte er scharf, »es sind 
die Lineamente, welche allen Schriftbüchem unterliegen und nur zu- 
sammenzufügen sind.« Er trug in seinen späteren Jahren einen 
langen grauen Bart und sah mit seinen braunen klugen Augen recht 
trutziglich in die Welt. Seinem Bilde hat er die Unterschrift ge- 
geben: Werdet Nachahmer der göttlichen Einfalt. Die Einfalt der 
Schrift ist noch viel grösser als er sie gefunden*). Auch Beck, 
der allein mit Schleiermacher, Hengstenberg, Hofmann 



*) üeber ihn Bi^^enbaoh, 1887. 



64 Zwölftes Kapitel. 

und Bitschi eine Schule in ganz Deutschland gegründet hat, zeigt 
wieder, dass es unserem Jahrhundert nicht möglich war, die Wahr- 
heit der Beformation zu erneuern. Wo die Eechtfertigungslehre 
weg ist, «agt Luther, da ist die Kirche weg, und ohne diesen Arti- 
kel ist der heilige Geist nicht bei uns. Beck stirbt am 28. Dezem^ 
ber 1878. Neben ihm ist Gustav Oehler einer der lichtvollsten 
und besten at. Theologen dieses Jahrhunderts gewesen'*'). In der 
Gegenwart hat Schwaben Theologen von Namen in C. Weizsäcker 
xmd B. Kübel (positiv), aber nur noch die schwäbische Nachtigall 
K. Gerok lässt in alle Lande ihre süssen Lieder ertönen. Als grund- 
gelehrter G^schichtskenner ist hier auch noch P&rrer Bossert 
in Bächlingen zu nennen. 



Zwölftes Kapitel. 

Die reformirte Kirche. 

Literatur: Die reformirte Kirchenzeitmig 1851 ff. 

Die reformirte Kirche hat in Deutschland den Buhm, am läng- 
sten die Einflüsse des Unglaubens abgewehrt zu haben. Von ihrer 
Disciplin und Oonfession de foi beeinflusst haben noch am Ende des 
18. Jahrhunderts die ref. Franzosen in Brandenburg die Predigt des 
väterlichen Glaubens gepflegt. Als die neue Zeit anbrach, waren 
es wieder reformirte Prediger, welche für ganze Landestheile zum 
Segen wurden, so der Prediger und Professor Kr äfft in Erlangen 
(t 1845), »der Begenerator der protestantischen Kirche Bayerns«, 
die Pastoren Merle d'Aubigne in Hamburg, Geibel, der Vater 
des Dichters, in Lübeck, Hallet in Bremen, Palmin und Biquet 
in Stettin, G. D. Krummacher in Elberfeld, Fr. Adolf Krum- 
macher, der Parabeldichter, Generalsuperintendent in Bemburg 
(t 1845).**) Das Wupperthal mit seinem calvinistischen Gepräge 
hat den ganzen Osten Deutschlands durch die Vermittlung des Ober- 
ho^redigers G. F. A. St raus (f 1868), des Schwiegersohnes der 
hochbegabten ref. Wilhelmine von der Hey dt***), befruchtet. 



♦) Sein Leben von Jos. Knapp, 1876. • 

**) F. A. Krummacher mid seine Freunde von Möller, 1849. 
***) Heber sie in den Frauenbriefen von A. Zahn, 1862, und in den 
Mittheilungen aus dem Leben desselben, \^^. 



Die reformirie Kirche. 65 

Fr. W. Ernmmacher's in Eedekunst und Phantasie glänzende 
Th&idgkeit war nur dämm so bedeutsam, weil sie das Gold der Er- 
fahrung ein&cher Weber und Bauern des Wupperthales in sich auf- 
nahm. Als die Union eine Menge reformirter Gemeinen auflöste 
und auch in |Eheinland und Westphalen die noch zu Eecht gelas- 
senen auf einen schwankenden Boden ihres Bekenntnisses und ihrer 
Yerfassung stellte, bildete sich in Elberfeld am 30. März 1847 die 
freie niederländisch- reformirte Gemeine, als die einzige 
Erbin alter Bechte der ref. Kirche des bergischen Landes, unter der 
aasgezeichneten Leitung des Holländers Dr. th. Hermann Fried- 
rich Kohlbrügge und der Aeltesten Karl und Daniel von 
der Heydt und erreichte mit Corporationsrechten durch die Grnade 
des wohlwollenden Fr. Wilhelm IV. ausgestattet, eine seltene in 
Deutschland nie dagewesene Blüte, namentlich auch durch die aus 
ihrer heilbringenden Gemeinschafb hervorgehende Elberf eider Ar- 
menverwaltung eine Wohlthat far alle Welt spendend. Als Kohl- 
brügge, in Holland von der lui^erischen Kirche ausgestossen, von 
der reformirten nicht aufgenommen, nach langen Jahren des Harrens 
auf seinen Gott, die Gemeine in Elberfeld 1847 übernommen hatte, 
begann für diese eine schöne Zeit. Er allein hat es vollbracht, was 
Niemand vor ihm in Deutschland versucht hatte — und dies in 
der schwierigen, kaum zu bändigenden Elberfelder Bevölkerung — 
eine freie Gemeine hinzustellen, die unter der Zucht des Wortes 
m Freiwilligkeit der Liebe und Selbstbesteuerung (in den ersten 12 
Jahren hatte sie eine Summe von 111,500 Thalem tür ihre Bedürf- 
nisse aufgebracht), in musterhafter Armenpflege, von Friedrich Wil- 
hehn IV. freudig begrüsst, als eine Stadt auf dem Berge da lag, 
die jeder, der die still verborgene, nie von sich Lärm machende 
besuchte, mit tiefster Belehrung verliess. In ihrer Kirchenordnung, 
in ihrem Aeltesten- und Diakonen-Dienst, in der gewaltigen, allein 
Gott verherrlichenden Predigt war sie das letzte herrliche Abend- 
roth der ref. Kirche Deutschlands. Sie hat die ref. Kirche Hollands 
imd Oesterreichs befrnchtet, in Amerika und in der Schweiz Schüler 
empfangen und ist die bevorzugte Stätte gewesen, wo in diesem 
Jahrhundert unverkünunert und unverkürzt in voller Kraft tmd in 
der tiefsten Erkenntniss die Eechtfertigungslehre bezeugt worden 
ist Als Kohlbrügge am 5. März 1875 starb, trugen den ein- 
samen Mann doch eine grosse Zahl von Predigern aus Deutschland, 
HoUand und der Schweiz zu Grabe. Kohlbrügge in der Abend- 
mahlslehre calvinisch fühlte sich doch mehr von Luthers Exegese 

Zahn, KirchengMchJciito. 2. Aufl. ^ 



00 Zwölftel K^tel 

eMffmogea, die er oft noch darch einen unvergleichlichen pBychiV'. 
loKUchen Feinitinn , der überall den Gegensatz des menachlioiMH 
(loUteit gegen tiott und Beine Gnade erkannte, zu reiiiefen Terstandti 
Iju iitt diu Theologie des Glaubens und der Gnade mit dem ^d»^ 
Mpitil der äiuhtborkeit. Besondere Ansichten hat K. nicht gehaljfci 
Wenn er Nturk betont, dasa Christas >im Fleische gekonunen istc,. 
MU will t>r nur damit sagen, daes Christas in dem Gekete der Sflnda 
und (ItiH ToduH aufgetreten und in diesem Gebiete znr Sonde gemuU : 
Miii, er blieb über dabei immer der Heihge Gottes and ganz iuuitill--j 
lii'liKii (liiiKtoM, Dur Heilige in der Gleichheit des Ftaacbee TOk' 
Hlliiil", tiUir d(H-h stets eben in dieser scheinbaren Uunögbchkeit der 
iihiiu Klkndii Wintuchte. IrringitiHche Irrlehre liegt ihm ganz fem. 
Hniiiti l*aM<ii)»M)>redigten sind das bedeutendste, was je aber dies« 
t ltiKtiiiMl4Uid giwührieben ist. Als ihn Leo kennen lernte, sagt« er: 
• IkIi orwarU't'ii einen groben Holzschnitt und &nd einen feinen KiqiftC' 
alioll. IH'r Manu niuss nie ein unvorsichtiges Wort spre<^en.< 

Htiiiii) lliHluuiung als Vater und Regent der Gemeine trat boA 
ihtilii' all" l'iultt, uIk uiun die hohe Autoritfit nach seinem Tode eot- 
litilii'Ui. Alioi' <laN, W1U4 früher die ref Kirche des bergischoi l4indM 
gtiKiiirt hiil.il*, war doch noch einmal in dem Kreise der Gemeiii 
KiHaiiiiiKOigdlitHKt worden. Uebrigens hat sich die Gemeine bis anf 
diti tl<if(itiiwitrl. mit etwa 1300 Mitgliedern erhalten. 1887 bestand 
Hlti lU .lahri'. 

Kiihlluilggii in seiner ansseren Erscheinung eine hohe «nsts 
UtmlMtt iiiil. duri'lidringendem Bhck hat eine kleine ref. Schale g». 
Mi'lliiili't, di<t iiiitor der Mithilfe des Professors Job. Wichelhaai 
III Hallo Minh ikltabroitoto. Johannes Wichelhaas wurde am 18. 
.iHtiiiai' Ittitl in Miitiinium geboren, wo sein Vater Fastor war. SeiM 
Miitliii' wiii- iiiiiii t(«l>- V' *^' He;dt ans Elberfeld. Er studierte ä 
Ih'itii iliid llorlili. AIh er sich 1840 in Bonn habilitiren woDti^ 
lti)jb< iiiiiii ihiii itliin Kidesformel vor, welche ihn auf die Svmbok 
il(<i Kiriiliu viiriitlidlitetn. In grosser Gewissensnoth wehrte er dies* 
läwaiiK iili, dnr l)ul<l ruuibher bei zwei anderen Licentiaten gar mcU 
ttitvuhiiL wiinl», Uitn trieb Unionspolitik. In Halle gelang ihm 
dutili diit l'riiiiuitiitti, doch auch hier nicht ohne ^03>e Schwierigkeit 
hir hut diii'i diu uiPMiuaDN Fhvatdocenten-Leben geluhrt: von der Fa- , 
kulUtt guhltBHiij in di« £cke geschoben, obwi>hi der einzige Theo-, 
Ingo, ilur in iliDNOUl Jahrhundert an der Unir<^r$i[ät Halle- Witt 
die i.uhrti imtli*»'« varkUndete — mit der Ik'rise: Fkissigw^ 
titlUtlium dw tiibiiaithön Bücher, AutoritSt der hl ^.jhrifi, 
büHtitatut« pAdsnng dar Orandlefaren nadi den |||^mraüie^< ^ 





ar m 

ifgföltigen. 

olenz zu 

olenz, der 

EDhevoUer l^neite. Di» Si 

»nacfat und er bdcnnde: Sekt kk Üb« IMI cwik*il jcitowcm «r 

ü mich gesadit. YeigMäA bemikte er skk im mt jjeKVMsMtt lüatv^ 

ine kleine Gememsehaift der HeOigai m findsK «ad isHUil^ «umm 

oneiikaiier anf die Frage: Wo kooBQDMm die CknsüMi iA H«1W nh 

unmen? — nur antworten: Kiiigemds. 

Man nennt noch andere re£ Theolc^^ODu wie den lraMOjAeiät$i9^Nil> 
id und leicht schreibenden, in heftigem Kampf mit Vilm*r in 
lessen das gate Recht des ref. Bekenntnisses vertheidigt^nd^n Hi>in* 
ich Heppe (f 1879), der wohl eine Menge refbrmirten Alttu*thum«t 
nndig an^rab, aber in seiner ganzen theologischen Hichtung 
nelanchthonisch-synergistisch war, weshalb er auch mehr Moltinoh- 
honismus in der ref. Kirche Deutschlands fand, als der Wuiirhait. 
lemäss in ihr war. Es ist da auch eine grosse TäuMühung untar» 
gelaufen. Der bedeutendste Melanchthonianer ChriHtoph PoKal 
rar entschieden Prftdestinatianer und der Heidelberger KatochiMinuM 
st Ton seinen eigenen Ver&gsem, Bchfilem Caivini«, ho erklttrt und 
'<m der refl Kirdie bis in dieses Jahrhundert so aufgi^i^Mi woMun, 
ns ünionsideen uad JnMnren. um wertthichUnL Auic^h im ihnfar 
Katechifflnas findet sidi das %steai d«r i^rü^^ittünaüou uUM, itd m 
hrom nicht caMmsdi? fSimi aodb dk; iMxtrtfäaUfr i>4i^ffu^ m tßtftitMdh 
mdit lecirtüdi ab Bwmbd wa^rnfmauam. ^ß i(;iäUfn ui^t 4^m'^ w^uk 







66 Zwölftes Kapitel 

angezogen, die er oft noch durch einen unvergleichlichen psycho* 
logischen Feinsinn, der überall den Gegensatz des menschlichem 
Geistes gegen Gott und seine Gnade erkannte, zu yertiefen verstand* 
Es ist die Theologie des Glaubens und der Gnade mit dem Widei«» 
spiel der Sichtbarkeit. Besondere Ansichten hat K. nicht gehabt ^ 
Wenn er stark betont, dass Christus »im Fleische gekommen istc, 
so will er nur damit sagen, dass Christus in dem Gebiete der Sünde 
und des Todes aufgetreten und in diesem Gebiete zur Sünde gemacht I 
sei, er blieb aber dabei immer der Heilige Gottes und ganz unstrSf« I 
liehen Geistes. Der Heilige in der Gleichheit des Fleisches von I 
Sünde, aber doch stets eben in dieser scheinbaren Unmöglichkeit der * 
ohne Sünde Versuchte. Irvingitische Irrlehre Hegt ihm ganz fem. 
Seine Passionspredigten sind das bedeutendste, was je über diesoi 
Gegenstand geschrieben ist. Als ihn Leo kennen lernte, sagte er: 
»Ich erwartete einen groben Holzschnitt und fand einen feinen Kupfer- 
stich. Der Mann muss nie ein unvorsichtiges Wort sprechen.« 

Seine Bedeutung als Yater und Regent der G^emeine trat noch 
mehr ans Licht, als man die hohe Autorität nach seinem Tode ^t* 
behrte. Aber das, was früher die ref. Kirche des bergischen Landes 
geziert hatte, war doch noch einmal in dem Kreise der Gemeine 
zusammengefasst worden. Uebngens hat sich die Gemeine bis auf 
die Gegenwart mit etwa 1800 MitgUedem erhalten. 1887 bestand 
sie 40 Jahre. 

Kohlbrügge in seiner äusseren Erscheinung eine hohe ernste 
Gestalt mit durchdringendem Blick hat eine kleine ref. Schule ge- 
gründet, die unter der Mithilfe des Professors Joh. Wichelhaua 
in Halle sich ausbreitete. Johannes Wichelhaus wurde am 13. 
Januar 1819 in Mettmann geboren, wo sein Yater Pastor war. SeuM ^ 
Mutter war eine geb. v. d. Hey dt aus Elberfeld. Er studierte ia 
Bonn und Berlin. Als er sich 1840 in Bonn habilitiren wollte, 
legte man ihm eine Eidesformel vor, welche ihn auf die Symbole 
der Kirche verpflichtete. In grosser Gewissensnoth wehrte er diesen 
Zwang ab, der bald nachher bei zwei anderen Licentiaten gar nicbd 
erwähnt wurde. Man trieb ünionspolitik. In Halle gelang ihm 
dann die Promotion, doch auch hier nicht ohne grosse Schwierigkeit 
Er hat dort ein einsames Privatdocenten-Leben geführt: von der Fa- 
kultät gehässig in die Ecke geschoben, obwohl der einzige Theo- 
loge, der in diesem Jahrhundert an der Universität Halle- Wittenbeig 
die Lehre Luthers verkündete — mit der Devise: Fleissiges Sprach- 
studium der biblischen Bücher, Autorität der hl. Schriffc, wahre und 
bestimmte Fassung der GrundLebren nach den Bekenntnissen der 



Die refonnirie Kirche. 67 

Beformation. Endlich 1854 erfolgte, nachdem er sich würdig nnd 
glfinzend gerechtfertigt, durch den Minister Baumer seine Emen- 
nnng zum ausserordentlichen Professor. Er starb schon am 14. Fein:. 
1858 an dem Gegensatz einer Theologie, die den Namen der Gläubig- 
keit trog, ohne sie zu besitzen: ein verborgener Märtyrer, der in 
seinem Kommentar zur Leidensgeschichte, in seinen Vorlesungen 
zom N. T. und zur biblischen Dogmatik in weihevoller Weise die 
Wahrheiten der Reformation ausgesprochen hat, die in Halle keine 
, Statte fanden*). Dieser Richtung gehören auch die vortrefflichen 
Kommentare zu neun Briefen Pauli von Karl v. d. H e y d t an. Er 
war in Elberfeld Commerzienrath und lebte in seiner Muse dem 
fiorgflQtigen Studium des N. T. In Halle ist hier auch Georg von 
Folenz zu nennen, ein Nachkomme jenes preussischen Bischofs von 
Polenz, der Geschichtschreiber des französischen Calvinismus in 
mahevoller Breite. Das Studium Calvins hatte ihn zum Calvinisten 
gemacht imd er bekamite: Nicht ich habe Gott gesucht, sondern er 
liat mich gesucht. Vergeblich bemühte er sich in der grossen Kirche 
ebie kleine Gemeinschaft der Heiligen zu finden und konnte einem 
imerikaner auf die Frage: Wo kommen die Christen in Halle zu- 
«umnen? — nur antworten: Nirgends. 

Man nennt noch andere ref. Theologen, wie den bienenfleissigen, 
viel und leicht schreibenden, in heftigem Kampf mit Yilmar in 
Hessen das gute Recht des ref. Bekenntnisses vertheidigenden Hein- 
rich Heppe (t 1879), der wohl eine Menge reformirten Alterthums 
knndig au^rub, aber in seiner ganzen theologischen Richtung 
melanchthonisch-synergistisch war, weshalb er auch mehr Melanch- 
thonismus in der ref. Kirche Deutschlands femd, als der Wahrheit 
gemäss in ihr war. Es ist da auch eine grosse Täuschung tmter- 
gelanfen. Der bedeutendste Melanchthonianer Christoph Pezel 
war entschieden Prädestinatianer und der Heidelberger Katechismus 
ist von seinen eigenen Verfassern, Schülern Calvins, so erklärt und 
von der ref. Kirche bis in dieses Jahrhundert so aufgeÜEisst worden, 
bis Unionsideen und Irrlehren ihn verMschten. Auch im Genfer 
Katechismus findet sich das System der Prädestination nicht, ist er 
daram nidit calvinisch? Sind auch die Dortrechter Canones in Deutsch- 
land nicht rechtlich als Symbol angenonmien, so galten sie doch auch 



*) Mittheilimgen aus seinem Leben habe ich in der zweiten Ausgabe 
seiner biblischen Dogmatik gegeben, 1884. Die Literatur Kohlbrügge 
heiaeffend findet man in dem Buche von mir: >Au8 dem Leben eines 
re£ Pastorsc. 2. Anfi. 1885. 



68 Zwölftes EapiteL 

hier als der vollgültige Ausdrack der ref. Lehre. Fast aUe be- 
rühmten Dogmatiker im 16. und 17. S. lehren in ihrem Sinne. Seit 
1654 stehen sie auch in dem Confessionum Syntagma, das in Mar- 
burg als Lehmorm galt. Heppe hat viel unnöthige Yerwirrong an- 
gerichtet: auch er, ein modemer Theologe, der sich selbst in der 
Vergangenheit beweist. Tritt neben ihn August EbrardinEr-. 
langen als ref. Theologe, so verdient er diesen Namen gewiss wegen 1 
vieler mit leichtem Geschick in anregender Darstellung und zSheml 
Fleiss, in reicher Vielseitigkeit bis zimi begeisterten dichterischen 
Aufschwung hervorgebrachter Werke aus dem Grebiete der biblischei 
Apologetik und der vortrefflich gekannten Geschichte der ref. Kirche, 
aber nicht wegen seiner dogmatischen Stellung, die der Heppe's 
ähnlich sich vergeblich mit dem Namen des »grossen« re£ Theo- 
logen Amyraut decken wül, da dieser ja die Dortrechter Canones 
anerkannt hat. Amyraut war kein Synergist und Arminianer. 
Heppe und Ebrard haben sich ihr Leben lang mit der re£ Lehie 
beschäftigt, aber den eigentlichen Herzschlag derselben: die freie 
Gnade, die grundlose Barmherzigkeit haben sie nicht verstanden. 
Beide stehen wie alle modernen Theologen mehr auf dem Stand- 
punkt eines Pighius und Erasmus als eiaes Calvin und Luther. 
Sehr unnöthig dabei ist aber die altreformirte Lehre gegen besseres 
Wissen zu Mschen. Die Prädestination ist die Grundanschan- 
ung nicht nur der ref. Dogmatik, sondern auch aller ref. 
Bekenntnissschriften. Die Conf. Helv. H bekennt mit der gan- 
zen Kirche: »Der Glaube ist ein reines Geschenk Gottes, welches 
Gott allein aus seiner Gnade seinen Auserwählten nach seinem Mass 
und wann und wem und wie viel er selbst will, verleiht.« Nur wer 
so lehrt, ist ref. Theologe. Weder a Lasco, noch Bullinger, der 
ja die Züricher Erklärung von 1561 unterzeichnet hat, noch irgend 
sonst jemand von Autorität hat wie Ebrard den freien Willen ge- 
lehrt. Auch die ref. Theologen beim Leipziger Gespräch bekennea 
die Electio ganz im Sinne Calvins, nur die Beprobatio fiässen sie 
infralapsarisch. Die Verwirrungen Ebrards haben auch dem re£ 
Bunde geschadet, der neuerdings Oalvinisten und Arminianer unter 
einer Mschen Flagge segeln lässt. Die ref. Eirchenzeitung findet 
die Prädestination nicht im Heidelberger. Damit verlässt sie die 
Lehrtradition der ganzen Kirche. Der Schule Kohlbrügge's reiht 
sich in seiner Stellung Karl Sudhof in Frankfurt a. M. (f 1865) 
an, der dogmatisch und geschichtlich Vortreffliches geleistet und auch 
den Roman: »Einer ist Euer Meister« geschrieben hat. Sein Buch: 
Fester Grund christlicher Lehre (1857) ist auch mit seinen Beüagen 






Die reformiite Kirche. 69 

lentbehrüch. Gillet in Breslau (f 1879), Dr. th. &ph. Karl Krafft 
kd Geyser (f 1878) in Blberfeld, Thelemann in Detmold, Cuno 
Eddigehausen in Hannover, Dr. th. Emil Wilhelm Erummacher 
1886), sind hier noch als gelehrte nnd eifrige Lehrer der ref. 
irehe zu erwähnen. Der seit 1854 in Erlangen lehrende J. J. 
erzog (t 1882) hat mit Vorsicht und Gelehrsamkeit eine milde 
£ Theologie vertreten, stets bemüht in seiner Eealencyklopädie ref. 
rscheinungen zur Geltung kommen zu lassen. Eine der ausge- 
flchnetsten kirchengeschichtlichen Arbeiten hatE. B. Hundeshagen, 
i Bern, Heidelberg und Bonn Professor, (f 1872) in seinen Bei- 
"Sgen zur EorchenverÜEissungsgeschichte (1864) geleistet; auch sein 
deutscher Protestantismus« erregte einmal (1849 3. Auflage) die 
lieilnahme grösserer Ejreise. Biehm und Christlieb haben über 
in Mittheilungen gemacht (1873). Cuno hat mit vorzüglicher Eunde 
inen weiten Blick auf vergangene Herrlichkeit der ref. Eirche in 
em Buche gegeben: G^dächtnissbuch deutscher Fürsten und Für- 
tinnen ref. Bekenntnisses, 1883 ff. Man hat den grossen Bremer 
fomileten Gottfried Menken*) (f 1831) auch zu den ref. Theo- 
sgen gerechnet, doch er verwirft die Genugthuungslehre und hat 
üsche Vorstellungen von der Heiligung, so dass einmal eine echt 
eformirte Frau des Wupperthals ihn mit dem ketzerischen Mystiker 
!ollenbusch als Irrlehrer abwies. Wir erinnern hier auch an die 
5f. Göbel. 

Seit 1851 hatten wir eine Eirchenzeitung mit oft werthvollen 
Beiträgen, eine unentbehrliche Quelle: nach Daltons Betrachtung 
US der Feme : einsam dastehend, ausserhalb des Hauses völlig un- 
ekannt, wie tief im Walde verloren das baufällige Häuschen eines 
rmen alten Forsthüters. Bitschi schrieb nach seiner Schablone 
ine Geschichte des Pietismus in der ref. Eirche und wusste nichts 
on der Eirchenzeitung. Etwas haben wir uns bei dieser Zurück- 
etzung doch in diesem Jahrhundert gewehrt. Wir erhielten unsere 
Centraldogmen« dargestellt durch den Deterministen Schweizer, 
her doch korrekt; unsere alten »Väter« erschienen wieder auf dem 
^lane durch das Unternehmen von Hagenbach und Anderen; wir 
eierten das Gedächtniss des Heidelberger Eatechismus 1863 mit 
inem Predigtbuch und dem Lobe des Eatechismus; wir erinnerten uns 
864 an Calvins Tod und erzählten von den Wohlthaten der Eöfiigiös **), 



*) Sein Leben von Gildemeister, 1861. 

**) VergL die Schrift von mir: Die Zöglinge Calvins in Halle 
d. 8. 1864. 



70 Zwölftes Kapitel 

wir hatten aach zuweilen eine Konferenz nnd eine schwadie 
Vertretung in den Konsistorien und im Oberkirdbenrath (Snethlage); 
als in Frankfurt 1854 der abgefiallene Sohn unserer Kirche F. W. 
Krummacher die ref. Kirche tadelte und ihr aniieth, sich aaf 
den apostolischen Amtsbegriff zu besinnen, da erhob sich am Schleus 
der redekundige, warmherzige Mall et aus Bremen, einer der wem- f' 
gen treuen Lehrer unserer Kirche in diesem Jahrhundert, und zeidt- 
nete in seiner »den heiseren Löwenc beschftmenden Weise die re£ 
Earche als eine arme, leidende, barmherzige, die nach einem reinei 
Herzen und nach Frieden trachte. Wir konnten kecklich r&hmeii, 
dass der brandenburgisch-preussische Staat eine Schöpfung Calyii» 
sei *) — aber was half es uns: Bei der in Worten brausenden 
Oktoberkonferenz in Berlin 1871 offenbarte Wange mann der Yer- 
Sammlung, dass alles, was jetzt in Deutschland gläubig sei, luthe- 
risch wäre. Wir armen Eeformirten hörten das mit dem Geffüil 
an, dass etwas Theures begraben werde, konnten aber mit dieser 
Allherrschaft des Lutherthums nicht vereinen, wie gleich nachher 
gegenüber den Bedrängungen der Union Hof mann aus Erlangen 
seine Hofbung darauf setzte, dass doch den Lutheranern der freie 
Himmel noch bliebe. Er selbst der seltsamste Vertreter des hith. 
Bekenntnisses. Die Rheinländer aber meinten, Wangemann kenne 
wohl nur Hinterpommem, wie einmal Scheibe! nur Breslau kannte. 
Während die Kirche der Union sich die kirchlichen Verfe^sungs- 
formen der ref Kirche aneignete, sie mit fremden konsistorialeiL 
Einrichtungen verschmelzend, auch die calvinische Abendmahlslehre 
lieb gewann, bekämpfte sie doch überall die Prädestination, 
diesen heiligen, göttlichen Protest gegen alle den Menschen ver- 
herrlichende Systeme, die tmser Jahrhundert erfrillen, in Schrift und 
Reformation tausendfach begründet, und in allen Zeiten religiöser 
Lebendigkeit behauptet, und that nichts, ref Besonderheiten zu 
pflegen. Versuchte sich einmal ein reformirter Theologe, es sei in 
Halle oder Göttingen zu habilitiren, so wurde er mit Kränkung ab- 
gewiesen. Kritik und Unglauben Hess man üppig blühen. Dies 
bewirkte ein auffallendes Verschwinden ref. Kandidaten, die oft nur 
als ganz vereinzelte in grossen Provinzen sich fanden, Hess die ref. 
Gemeinen verwaist dastehen und immermehr abnehmen und er- 
zwang zuletzt einen solchen Klageruf, wie er sich in der Schrift 
ausspricht: die Ursachen des Niederganges der ref. Kirche in Deutsch- 



*) Vergl. die Schrifl; von mir: Der Einfluss der ref. Kirche auf 
Preussens Grösse, 1871. 



Die reformirte Kirche. 71 

hnd (1881). Die Union hatte für diesen Schmerz nnr einige höh- 
nische Bemerkungen, ohne Gefühl, dass sie — da die Union kein 
Konfessionswechsel ist, namentlich den Boden der Berliner Domkirche 
ndt Unrecht behaupte, denn mit welchem furchtbaren Ernst war 
diese einmal dem rel Bekenntniss übergeben! Die immer leerer wer- 
dende N. E. Kirchenzeitung hatte für alle ernsten ref. Bekenntnisse 
nar armseligen Spott. Ihr eigenes, ganz uneyangeUsches Bekennt- 
niss, dass der Mensch die Gnade annehmen und verwerfen könne, 
ülnstrirten die Berliner kirchlichen Zustände. Als sich die Eefor- 
mirten wieder im August 1884 in Marburg zu einem ref. Bunde 
nfrafften, nicht ohne die Theilnahme der grossen Presbyterianischen 
Alhanz des Auslandes, wurden sie von Kassel konsistorialisch ange- 
&hren, sich doch hübsch ruhig zu verhalten und der Festredner 
konnte uns nur noch mit einem »Häuslein im Weinberg« vergleichen, 
das aber grosse und wichtige Grüter zu bewahren habe. Ausser den 
bedeutenden Einflüssen von Kohlbrügge ist die Bildung einer 
synodalen Gemeinschafb in Hannover, die 1885 ihre erste ordentliche 
Gesammtsynode in Aurich unter dem geistigen Einflüsse des General- 
Superintendenten Bartels hielt, ein Lichtpunkt in der sonst viel- 
&ch dunklen und armen Gegenwart der ref. Kirche Deutschlands. 
Bartels sagte auf dieser Synode: »Die Erfahrung hat mich gelehrt, 
dass anf den Landes-Üniversitäten sowohl ausserhalb als innerhalb 
der Union das Bedür&iss der auf den Dienst an unseren Gemeinen 
sich vorbereitenden Studiosen unberücksichtigt bleibt; was sich auf 
die reformirte Kirche und den Dienst in ihr bezieht, wird in der 
Regel ignorirt oder mit seltenen Ausnahmen schief und vorurtheils- 
voll behandelt«. Ein Ostfriese ruft auf einer synodalen Versammlung 
aas: »Ich habe auf der Universität nie etwas vom Heidelberger Kate- 
chismus gehört«. Nicht zu verwundem, da einmal A. Knapp in 
Stattgart mit Staxmen den Heidelberger findet und in eine Versamm- 
hmg der Frommen bringt *). In Anhalt ^)y das nur noch in Köthen 
reformirt ist, erstrebt man auch hier eine liturgische Einheit mit 
den übrigen Landestheilen an, ohne Yerständniss für ref. Eigenthüm- 
Hchkeit; in Niederhessen haben die Vilmar'schen Einfalle und Grewalt- 
streiche verwirrend gewirkt und man wiU dort, um den Zustand 



' *) Welche Mängel beeinträchtigen die theoretische und praktische 
Ausbildung der Diener der ref. Kirche auf deutschen Universitäten, von 
Stockmann, 1877. 

**) Yergl. meine Schrift: Das gute Recht des ref. Bekenntnisses in 
Anhalt, 1866. 



, 



72 Zwölftes EapiteL Die reformirte Kirche. 

auf eine entsprechende Formel zu bringen, eine ref. Kirche mit 
lutherischem Bekenntniss haben, obwohl der Eechtsstand nach dem 
Gutachten der Marburger theol. Fakultät vom Jahre 1855 ausser 
allem Zweifel ist; in Westphalen und Bheinland drückt der Kan- 
didatenmange] ; in der französisch-ref. Kirche Brandenburgs sind die 
Enkel der Hugenotten diesen wenig ähnlich und wie die Erinnerung 
an die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1885) mit ihren erschüt- 
ternden Märtjnrerzügen in die Gregenwart blickte — war derselben 
dies Leiden etwas völlig Unverstandenes*); die anderen hie und da 
wie vereinsamte Fähnlein noch bemerkbaren ref. Gemeinen kämpfen 
mühsam um ihre Existenz. Der Gegensatz des Lutherthums wird 
oft noch so stark betont, dass nach den letzten Augustkonferenzen 
in Berlin die ref. Kirche nicht die rechte Gotteserkenntniss habe 
und eigentlich auf deutschem Boden gar nicht zu existiren sich er- 
frechen sollte**) — aber man bedenkt nicht, dass der Nieder- 
gang des Calvinismus in Deutschland der Niedergang 
des Protestantismus ist, an dessen Thore Rom mit Hohn und 
Verachtung klopft. — Es war erhebend, als bei der Feier des 200- 
jährigen Bestehens der französischen Kolonie in Berlin (gegenwärtig 
4894 Seelen) der Magistrat der Stadt dieselbe mit den Worten dank- 
bar begrüsste, dass nach ihrem Vorbilde der Verfassung sich die 
evangelische Landeskirche eingerichtet habe. Aber sonst sind wir 
weder reformirt noch lutherisch, sondern moderne Leute, die an die 
Stelle der Freiheit der Gnade die Freiheit des Menschen gesetzt 
haben. Unser scheinbarer Confessionalismus ruft ein Alterthum des 
Glaubens hervor, das uns und unseren Gemeinen als ein Anachro- 
nismus erscheinen muss. Still nach der prunkenden Lutherfeier ging 
der Tag Zwingiis (1. Januar 1884) über den deutschen Boden; 
Süddeutschland und Hessen verdanken ihm doch viel. Li Strass- 
burg ehrte ihn wenigstens Kraus s mit einem guten Vortrag und 
in Tübingen der Schreiber mit einem über Zwingli's Verdienste 
um die biblische Abendmahlslehre. Man scheint vergessen zu haben, 
dass Zwingli die grosse Entdeckung der symbolischen Form des 
Abendmahls gemacht hat. 

Wohlthätig ist in der letzten Zeit die Arbeit eines ref. Schriften- 
vereins in Barmen, der manches gute Buch vor der Vergessenheit 
bewahrt. Sonst aber ist unsere Zeit nicht berufen, die ref. Kirche 



*) Schott, Die Aufhebung des Ediktes von Nantes, 1885. Muret, 
Gescfau der französischen Kolonie in Brandenburg-Preussen, 1885. 

**) Yergl. von mir: Sendschreiben an Herrn Professor So hm, 1882. 



Dreizehntes KapiteL Der Kampf mit Rom. 73 

erneuern. Sie, die heilige Kirche der Märtjrrer, hat eine Zeit lang 
ih Deutschland ihre reine Lehre und Zucht, ihr oft thränenreiches, 
lendes Gesicht gezeigt, jetzt hat sie sich verhüllt und zurück- 
zogen: keine menschliche Hand wird ihre Decke heben und 

wiederbringen. Die wenigen reformirten Lehrer, die es in Deutsch- 
id noch gibt, stehen in enger Verbindung mit der deutsch- re£ 
rche von Amerika. Diese ist nach ihrer letzljährigen Statistik 
$87) vereinigt unter einer Generalsynode, 7 Distrikts-Synoden und 

Klassen; die Zahl ihrer Prediger beträgt 802, ihrer Gemeinen 
L81, ihrer Glieder 183,980; noch nicht konfirmirte Glieder zählt 
I 108,724; im letzten Jahre wurden 14,199 Taufen vollzogen; an 
r Feier des hl. Abendmahles betheiligten sich 141,122 Glieder; 
* wohlthätige Zwecke wurden gesammelt Doli. 146,486, und für 
iterhalt der Gemeinen die Summe von Doli. 804,821. Für die 
dden - Mission in Japan Doli. 35,709. Von den 7 Distrikts- 
noden der Kirche sind drei ganz deutsch, während die übrigen 4 
rwiegend englisch sind. Ebenso hat die Kirche drei theologische 
minare, von denen eines deutsch ist und ausserdem eine Anzahl 
)llegien. Organ ist die ref. Kirchenzeitung in Cleveland. — Man 
hlt 8 Millionen Eeformirte auf dem Oontinent, 20 Millionen in 
ir Welt. Vergl. Appendix bei Good, The Origin of the ref. Church 

Germany, 1887. 



Dreizehntes Kapitel. 

Der Kampf mit Rom. 

iteratnr: Nipp cid, Geschichte des Eatholicismiis , seit der Zeit der 
Bestauration des Papstthums, 1883. 

Obwohl die Schilderang des furchtbaren Wachsthums der Macht 
oms in die Geschichte der katholischen Kirche gehört, so haben 
Ir doch hier einen kurzen Blick auf das Thun der evang. Kirche 
)genüber dieser unerhörten modernen Erscheinung zu thun. Es 
igt sich gerade hier, wie wenig ernst und tief man zur Refor- 
ation zurückgekehrt war, denn evangelische Fürsten, Staatsmänner 
id Theologen erleiden nur Niederlagen. Unser Jahrhundert in 
r Zeit der Konkordatsverhandlungen hatte bei seinem Beginn in 
r ersten Auflage der Geschichte der Päps\/d '^oil ^«m. \ecö%'s«cl 



74 Dreizehntes Kapitel. 

Bänke in der Vorrede die yollkommen blinde Bemerkung: »Die 
Zeiten, wo wir etwas fürchten konnten, sind vorüber«. Niebuhr . 
aber hatte schon früher von der sinkenden Macht des Papstthnma 
geredet. Nach dem Tode Leo's Xu. dachte Bansen nur zaweileft 
an die Gefährlichkeit Boms in schlaflosen Nachten. Es folgte der 
Triumph über die preussische Begierung in dem Kölner Kirchen- 
konflikt wegen der gemischten Ehen; die ideal träumerischen Worte, 
die Friedrich Wilhelm IV. bei der Grundsteinlegung des Kölnor -] 
Domportals sprach: über Deutschland, über Zeiten rage, reich an ' 
Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden, bis ans Ende der Tage — 
zeigten nicht, dass man etwas gelernt habe. Er hatte die unglüdc- 
liehe katholische Abtheilung im Kultusministerium eingerichtet. Die 
Bömlinge singen noch heute sein Lob. In Bheinland und Westphalen 
mehrten sich die Klöster : Zwingburgen des Wahnes *). Der Sturm 
von 1848 Hess die Konservativen erlogene Hilfe bei Born suchen. 
Die wankenden Throne glaubten hier Stütze zu haben. ESine Beihe 
von Konvertiten aus fürstlichen und adeligen Häusern, Gelehrte und 
Schriftsteller betraten die »Wege nach Bom«. Später fiel sogar die 
Königin Wittwe in Bayern, die Tochter der edlen Prinzess Wilhelm 
von Preussen, durch die plumpe List eines Bauemp&rrers ab. 
Als eine Schmerzensmutter erwählte sie die schmerzhafbe Himmels- 
königin zu ihrer Patronin, doch konnte sie das grauenvolle Schicksal 
ihrer Söhne nicht abwenden und suchte vergeblich Trost in einer 
Wallfahrt nach Einsiedel und in einer Sühnkapelle an der Stätte, 
wo der See den wahnsinnigen Herrscher verschlungen. Das Msche 
Lutherthum entliess manchen seiner Schüler in die »Objektivität« 
Boms. Der liberale Pius IX. war gedemüthigt bald ganz das 
Werkzeug der Jesuiten geworden. Was geschah von evangelischer 
Seite, als nun das Dogma der unbefleckten Empf^gniss die Beihe 
der eitlen ruhmrednerischen Seligsprechungen vollendete? Friedrich 
Wilhelm IV. sagte: »Ist die ev. Kirche nicht zur Buine geworden, ^ 
so muss sie bei dieser Gelegenheit Zeugniss von ihrem Glauben j 
ablegen. Wir müssen den Moment zu den beiligsten und aller- ^ 
rechtmässigsten Eroberungen benützen. Die gesammte ev. Kirche ^ 
muss sprechen und bekennen. Der deutsche Evangelische wird mit 
seiner deutschen Taktlosigkeit, Plumpheit, Glaubenslosigkeit , Bo- 
manismus, Bationaüsmus, die Irvingerei und Baptisterei werden die i 
heilige Sache in wenig Monaten gründlich verpfuscht haben, dass - 



*) HinschiuB, Die Orden und Kongregationen der katholischen 
Kirche in Preussen, 1874. 






Der Kampf mit Rom. 75 

Born Tor Wonne brüllen wird. Das einzige Resultat wird prote- 
stantische Schmach und Schande sein.« Dazu kam es dann auch. 
Der König konnte so wenig die gesammte evangelische Kirche zu 
einer That bewegen, dass er selbst in Berlin kein Yerständniss fand. 
Die Mariensftulen erhoben sich überall ohne alle Hinderung. Der 
eine Sieg feuerte zu einem anderen an. Die Jesuitenherrschaft; war 
inzwischen in Rom eine allmächtige geworden. Zwar das badische^ 
das württembergische Konkordat zeigte eine mannhafte deutsche 
Erhebung, die den Fall derselben brachte — aber in Berlin ging 
man in ünkenntniss des Feindes weiter. Die Maulwurfsarbeit blühte ; 
der SjUabus erklärte jeden Protestanten ohne das WohlgeMlen 
Grottes. Man rüstete den Entscheidungskampf auf märkischem Sande. 
Preussen wurde als der Hort des Protestantismus mehr als je ins 
Auge ge&sst. Der Sieg von 1866 war von religiösen Interessen ge- 
tragen. Die katholische Vormacht Deutschlands ' war nach Gottes 
Willen geschlagen worden. Man suchte neue Stärkung und die 
Eitelkeit des Papstes setzte die Unfehlbarkeitserklärung in Scene. 
Allein der Katholik Fürst Hohenlohein München sah das kommende 
Unwetter. Die Völker der Reformation schliefen. Ihre Theologen 
besdiäftigten sich mit der Kritik des Pentateuch. Doch hat der 
Ev. Oberkirchenrath, als sich der Papst an alle Protestanten wandte, 
eüie schwächliche Circular- Verfügung an die Consistorien erlassen 
(Oktober 1868). Einige waren dankbar, dass er überhaupt den 
Mund geö&et habe. Julius Müller in dem Vorwort zu seinen 
dogmatischen Abhandlungen 1870 fürchtete nichts von den Katho- 
liken, mit denen er sich in einer höheren Einheit verbunden fand. 
So äusserte damals sich Halle- Wittenberg , von wo man jetzt in 
TöUiger Ohnmacht lärmt. Unfehlbarkeitserklärung und Kriegserklä- 
rung fielen auf einen Tag: den grossen 18. Juli 1870. Noch am 
20. Juli war für Bismarck die InMlibüität ohne Interesse, auf die 
doch der (Jesandte von Arnim so besorgt blickte. Der Krieg war 
ein Werk der Jesuiten durch die Kaiserin Eugenie gegen den über- 
wältigten Napoleon. »C'est ma guerre«. Man wollte nun auch einen 
pohtischen Sieg. Gottes Macht wandte Rom zum Unheü, was es 
brütete. Das Evangelium siegte bei Gravelotte und Sedan in glanz- 
voller Herrlichkeit, obwohl die Soldaten kaum ahnten, als sie am 
blutigen Abend : Nun danket alle Gott anstimmten, wofür sie eigent- 
lich zu danken hatten. Sie feierten unbewusst einen Triumph des 
evangelischen Liedes. Eine grossartige Sühne war für die Selbst- 
vergötterung des römischen Antichrist geschehen. Auch für die 
Ludwig XrV.^ denn im ScMosa von Versaüies xiei inasi ^««l tqss^ 



76 Dreizehntes Kapitel. 

Kaiser aus, dessen Vorfahren prtttendirten, reformirt zu sein. Welch 
eine Wendung durch Gottes Führung! Zwanzig Tage nach 
Sedan war auch die weltliche Herrschaft des Papstes in Born zer- 
stört: der unfehlbare ein Grefangener im Vatikan. Die zertretene 
Schlange nahte sich darauf gleich dem gefürchteten Adler, um nun 
schlau unter seinen Fittigen Hilfe zu suchen. Der von Grott empor- 
getragene Fürst verstand es noch nicht, dass er namentlich auch 
Born geschlagen habe. Erzbischof Ledochowski aus Posen, eine 
persona gratissima am Berliner Hofe, der einst mit Hilfe der Königin 
die Einrichtung von Nonnenklöstern in Posen gegen die Bemühungen 
des Finanzministers v. d. Hey dt durchgesetzt hatte, erschien, um 
für den Frieden zu wirken. Auch Antonelli rüstete sich zur Beise. 
Im Februar 1871 empfing der erste evangelische Kaiser eine Adresse, 
welche die Maltheser imd viele andere Adelige zu Gunsten des 
heiligen Vaters nach Versailles brachten. Er erklärte: er sehe in 
der BesitzergreiAing Boms einen Gewaltakt. Pius sagte darauf dem 
Kaiser seinen Dank für den Ausdruck der Freundschaft und erbat 
von Gott, dass er den Kaiser mit ihm durch das Band vollkommener 
Liebe verbinde. Damals, im März 1871, hat der ref. Presbyter 
Daniel von der Hey dt an den Kaiser geschrieben: »Je völliger, 
je lauterer Eure Majestät den Verkehr mit dem römischen Papste, 
geschweige eine offene oder geheime Unterstützung seiner weltlichen 
oder geistlichen Macht als protestantischer Kaiser und König in der 
Furcht Gottes, heimgekehrt als der von dem grossen Kurfürsten im 
Geist durch göttliche Offenbarung gesehene Bächer, von sich weisen, 
um so herrlicher wird sich der Gott Ihrer Väter zu Urnen bekennen, c 
— Es erfolgte die Bildung des Centrums, die Erweckung einer 
überall verbreiteten ultramontanen Presse, an ihrer Spitze die Ger- 
mania, nach dem Mailänder Katholikenblatt ein Schwindelblatt, das 
den Strick verdient, und die Gesetzgebung von Bismarck und 
Falk*). Wenn irgend eine Erscheinung in diesem Jahrhundert 
das ganze Jahrhundert charakterisirt hat, so der Kampf, den der 



♦) Aus der reichen Literatur dieses: K. Hase, Des Kulturk. Ende, 
1879. Hahn, Gesch. d, Kulturk. in Pr., 1881. Wiermann, Gesch. d. 
Kulturk., 1886. Hahn, Fürst Bismarck, 1878 ff. Bismarck nach dem 
Kriege, 1883. Gegen Hahn P. X. Schulte, Geschichte der ersten 
sieben Jahre des preuss. Kulturk., 1879 u. 1882. Ketteier, Die An- 
schauungen des Kultusm. Falk, 1878. Majunke, Gesch. d. Kulturk. 
in Preussen-Deutschland, 1886. Ein kurzer Abriss bei Hase, Lehrb., 
Ä 690 ff. 



Der Kampf mit Rom. 77 

Unglaube eines Virchow Mvol genug den »Kulturkampf« genannt 
hat. Er ging von der gerechten Empfindung des preussischen 
Staates, als einer Schöpfung der Eeformation, aus, dass durch die 
Ünfehlbarkeitserklärung die Grenzen zwischen Staat und Kirche ver- 
rückt seien, dass in dieser Welt der Staat den Vortritt vor der 
Kirche habe, die dadurch, dass die beiden katholischen Mächte ge- 
schlagen waren, die Buhe völlig verloren hatte und nun in einer 
politischen, mit lauter antinationalen Kräften durchsetzten und unter 
der Leitung des schlauen, Preussen hassenden Weifen Windthorst 
stehenden Partei, die Anton elli nicht reichsfreundlich stimmen 
mochte, verlorenes Gebiet wieder erobern wollte. Der Kampf ist 
durchzogen worden von lauteren evangelischen Bekenntnissen, die, 
weil so selten in unseren Tagen, namentlich aus dem Munde der 
Grossen, der Aufbewahrung werth sind. Am 7. August 1873 schrieb 
Pio Nono an den Kaiser: »Jeder, der die Taufe empfangen hat, 
gehört in irgend einer Hinsicht dem Papste an«, und er erhielt am 
unvergesslichen 3. September 1873 die wahrhaft kaiserliche Ant- 
wort: »Der evangelische Glaube, zu dem ich mich, wie Eurer Hei- 
ligkeit bekannt sein muss, gleich meinen Vorfahren und mit der 
Mehrheit meiner ünterthanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem 
Verhältniss zu Gott einen anderen Vermittler als unseren Herrn 
Jesum Chnstnm anzunehmen.« Bei der Aufhebung des Jesuiten- 
ordens 1875 sagte der Kaiser: »Ich glaube die Mission von Oben 
dazu zu haben.« Als das englische Volk dem Streite zujauchzte, 
hat Kaiser Wilhelm am 18. Februar 1874 an Lord Bus sei ge- 
schrieben: »Mir liegt die Führung in einem Kampfe ob, welchen 
schon frühere deutsche Kaiser Jahrhunderte hindurch mit wechseln- 
dem Glück gegen eine Macht zu fuhren gehabt haben, deren Herr- 
schaft sich in keinem Lande der Welt mit dem Frieden und der 
Wohlfahrt der Völker verträglich erwiesen hat, und deren Sieg in 
unseren Tagen die Segnungen der Beformation, die Gewissensfreiheit 
und die Autorität der Gesetze nicht bloss in Deutschland in Frage 
stellen würde.« Am 15. April 1875 hat Bismarck im Herrenhause 
gesagt: »Endlich habe ich einmal aus der konservativen Seite des 
Hauses ein freies, fröhliches Bekenntniss zu unserem Evangelium 
der Beformation gehört. Es ist sehr gefährlich, wie v. Kleist-Betzow 
thut, nur immer von einer »Kirche« zu reden. Viele meiner alten 
Freunde kommen dahin, in krypto-katholisirender Bichtung alles^ 
was unserem vorwiegend evangelischen Staate feindlich geworden 
oder geblieben ist, als Freund und Bundesgenossen zu betrachten. 
Man sagt sich damit loa von der Treue gegen KömgTmÖLN^^-tSsassA^ 



78 Dreizehntes Kapitel. 

von dem Eyangelinm. Folge ich dem Papst, geht för mich die 
Seligkeit verloren; der Ps^st hat sie für mich nicht. Er ist aadi } 
nicht in dem Sinne, wie der Graf y. Brühl andeutete, der Nachfolger 
Petri; Petras war nicht unfehlbar, er sündigte, er bereute seine 
Sünde und weinte bitterlich über sie; von dem Papste, glaube ich, 
dürfen wir das nicht erwarten.« 

Neben diesen evangelischen Worten sind dann auch viele andere 
verhängnissvolle gesprochen worden, wie das berühmte am 14. Mai 
1872: »Nach Oanossa gehen wir nicht«; wie das über die vom 
Kronprinzen im Schreiben an den Papst (10. Juni 1878) hervor- 
gehobene Unmöglichkeit, die Gesetze Preussens nach den Satzungen 
der römisch-katholischen Kirche abzuändern; wie jenes nach viel^ 
Friedensverhandlungen und Zugeständnissen, als man schon ganz 
auf schiefer Ebene war, dass man jetzt auch keine Handbreit mehr 
nachgeben wolle (1885). Der Kampf ist begleitet worden von der 
Offenbarung der vollkommenen Gesetzlosigkeit des Menschen der 
Sünde in Rom, der schon den Stein sich lösen sah, der den Koloss 
zertrümmern werde, imd in Bismarck den neuen Attila erblickte, 
von dem Attentat in Kissingen, das sich an die Schösse des Centroms 
bing, von dem Aufstand und Ungehorsam der Bischöfe; auf prote- 
stantischer Seite von der treulosen Fahnenflucht der evangelischen 
Konservativen, die mit dem Papst das Christliche retten wollten 
xmd in allen ihren Blättern von der Kreuzzeitung ab bis zu der 
Allgem. Ev. Luth. Kirchenzeitung und den frommen Blättlein in 
Schwaben den Kulturkampf in Verruf brachten als den Untergang 
aller Beligion ; von der Frivolität der Freisinnigen, die die glückliche 
Zeit gekommen sahen, da jede Kirche als Inhaberin einer Wahr- 
heit beseitigt werde, und die sich über die Jagd des Schwarzwildes 
vergnügten : doch nur mit ihrem lauten Geschrei »wie ein zirpendes 
JSeimchen vor den Mauern des Vatikans«. In eherner Einheit blieben 
allein die Päpstlichen, die mit jedem Jahr in den parlamentarischen 
Kämpfen an Einfluss gewannen bis zur völligen Herrschaft. Es sind 
die grössten Missgriffe gemacht worden, indem man auch der evan- 
gelischen Kirche einen Theil der Gesetze gegen Rom auflud in 
falscher Parität, indem man eine nationale Erziehung und einen 
staatlichen Schutz des Klerus erzwingen wollte, indem man in das 
Gebiet der Messe imd Sakramentsspendung eingriff und das katho- 
lische Volk empörte — indem man von vorneherein nicht erkannte, 
dass der Protestantismus der Gegenwart waffenlos gegen Rom und 
die stumpfeste Waffe ein geehrter Liberalismus ist. Kaiser und 
-Kanzler waren zuletzt Heerführer okjift ü^et , ^md von den hohen 



Der Kampf mit Rom. 79 

ilen des AnfiEUigs sank man zu einem kleinlichen Feilschen um 
dsse Voriheile pari passn herab, verHess die grossen Positionen, 

andere Pläne durchzufahren und wollte ebenso gewaltig, wie 
n zugegrifEen , jetzt mit allen Mitteln den Kulturkampf aus der 
It geschafiEt wissen. Da war die Zeit fßr den friedliebenden 
> xni - gekommen, der (nachdem er sich von dem Eindruck des 
leimnissvoll schnellen Todes des wohlwollenden Kardinals Franchi 

August 1878] erholt hatte) in dem kleinen Finger mit mehr 
üLaoheit begabt als sein plumper Vorgänger in seiner ganzen 
rson hatte, in diplomatischen Bemühungen zuletzt den vollen Sieg 
:ung und durch seinen »jesuitischen Versucher«, den Bischof 
^pp, im Herrenhause das als einen giftigen Mehlthau erklären 
188, was einst der eyangelische Kaiser im festen Vertrauen auf 
>ttes Hilfe aufgerichtet hatte. Es waren wieder Maitage (1886), als 
e Maigesetze von 1873 und ihre Nachfolger bei grosser Heuchelei auf 
nden Seiten stürzten. Die souveraine »Wurschtigkeit«, die sich über- 
urzende Schnelle'*'), in der das geschah, konnten selbst die nicht mehr 
Bwnndem, die sonst alles bewunderten. Der kleine Weife hatte doch 
lies erreicht. Seit 15 Jahren wollte der Kanzler nur Fehler in 
ieser Sache gemacht haben; der Strahlenkranz wurde mit eigener 
Eand zerrissen. Der Eealpolitiker nahm bei dem starken Friedens- 
^ürfiüss des alten Kaisers die Lage, wie sie war: gegen Bom 
laben wir keine Macht als die des Vertrauens auf einen Medlieben- 
len Papst. Der Eitelkeit desselben hatte man schon geschmeichelt, 
udem man ihn zum Schiedsrichter in der Frage der kümmerlichen 
Karolinen (eine Lumperei) machte, was dann zur Folge hatte, dass 
der »antichristliche« Bismarck den Christusorden bekam. Nach dem 
Terlogenen Friedensschluss wurde der Papst durch ein kostbares 
P^torale geehrt, das ihm Kaiser Wilhelm sandte, und Bischof Kopp 
empfing yon der von ihm verherrlichten Kaiserin Glasfenster mit 
Bildern von der k Elisabeth. In aller Stille hatte die einflussreiche 
Frau schon vorher die goldene Eose vom Papst emp&ngen. Ein 
allgemeiner Schrecken ergriff nun diejenigen, die noch evangelisch 
eBdjpsfiuideiL. Selbst den ärgsten Schmähem des Kulturkampfes wurde 
es bange. Bom stand da in dem Staate der Beformation stärker 
als je, reichlich dotirt, ganz unabhängig in der Erziehung seines 



*) Das prenssische Eirchengesetz vom 21. Mai 1886 von Hinschins. 
1886. Derselbe hat anch Oommentare zn den übrigen EircheDgesetzen 
gegeben. 



80 Dreizehntes KapiteL 

Klaras , mit devoter BegrüBsmig seiner neu ernannten Bischöfe, — 
gnädig konnte man nnn die noch dentongsflUiige Anzeigepflicfat n» 
gestehen und von den beiden souverflnen G^ewalten auf Erden red«: 
erst dem Papst und dann dem Kaiser. Die alte Stadt am Bhem 
feierte dann in unerhörtem Rausche den Einzug ihres neuen En- 
bischofs. So jammervoll war die Ordnung Oottes, der Staat, gegn 
die Anmassung der römischen Hure unterlegen: ein bezeichneiulei 
Ende dieses stolzen und doch so leeren Jahrhunderts. Die Neid* 
deutsche Allgemeine Zeitung, als Organ des Kanzlers geachtet, mi 
zuletzt das leichtfertige Wort hin: Das katholische Dogma von der 
Unfehlbarkeit ist nicht Etwas, wodurch das protestantische Bewnsst- 
sein belastet wird (18. Juli 1886). Bald nach der Niederlage 
Preussens offenbarte sich der Mann des Vertrauens in Eom als cter, 
der den Jesuitenorden, »diesen Diener der Grerechtigkeit«, wieder in 
alle seine Eechte einsetzte. Erschreckender noch als die Niederlage 
war der Euin alles Charakters und sittlichen ürtheüs, der. an den 
Tag trat. Die Konservativen konnten nicht eüig genug dem Staate 
bei seinem verhängnissvollen Schritte helfen, die Freisinnigen setzten 
sich schamlos auf den Schoss von Windthorst, ein wenig würdig 
benahmen sich allein die NationaUiberalen , doch fanden auch sie 
zuletzt den Kulturkampf abgeschmackt. Der grosse Streit ersdofla 
als ein Spiel der PoHtik und Diplomatie. Man will einen Moment 
gewinnen und verdirbt die Zukunft. Preussen wird nie mehr 
Bom angreifen. Es hat eine zu furchtbare Lehre empfangen, denn 
welcher Kluge f^de im Vatikan nicht seinen Meister? 

Unser Jahrhundert hat keinen Beruf, etwas für die Ehre Gottes 
zu thun. In der Zukunfb wird sich das deutsche Leben in einen 
faden Liberalismus, den verkommenen Sohn des Protestantismus, 
und in einen mehr als je weltmächtigen ültramontanismus scheiden. 
Bald zeigte sich auch, dass der Beichskanzler mit seinen Zugeständ- 
nissen nichts gewonnen hatte: das Oentrum blieb das Centram, 
selbst durch und durch verlogen, als der Papst gegen dasselbe zn 
Hilfe gerufen wurde: der Mann, dessen Programm dem des Staates 
schnurstracks entgegensteht und der, wenn er zur Herrschaft käme, 
vollständig mit der evang. Mehrheit in Preussen aufräumen müsste 
(Bismarck 16. April 1875). 

Die Herrschafb des Diplomaten in der Tiara ist ein gerechtes 
Gericht über das protestantische Deutschland. Als ein kleiner Trost 
fiel in die verworrene Lage die frische nationale Erhebung bei den 
Wahlen Februar 1887. Der römische Klerus befand sich dabei von 
den Vogesen bis zur russischen Grenze in vollem Aufstand wider 



Der Kampf mit Born. 81 

[aiser und Beich und selbst gegen den Friedenspapst. Dieser em- 
pfing eine öffentliche Belobung vor dem Reichstag. So stand die 
mge geschmeichelt da. Welch ein fremdes Gresicht machte doch 
las Prenssen, dem Friedrich d. Gr. einst zugewünscht hatte, dass 
6 die protestantische Religion in Enropa und in dem Reiche zur 
)lnthe bringen sollte! Als im März 1887 Rom das letzte zurück- 
orobert hatte und Bismarck, wie er sagte, einen ehrenvollen Frieden 
schlössen, der auch die Seelsorgerorden zurückkehren liess, da 
tah man im Schloss der HohenzoUem den päpstlichen Delegirten 
S-alimberti in langem braunem Gewände, geschmückt mit dem 
rothen Adlerorden 1. Klasse au dem 22. März (dem Tage, wo 
jk>tt das Siegel auf alle seine Wohlthaten am Hause Brandenburg 
Irückte), als einen Gegenstand allgemeiner Auszeichnung, während 
Dian in eben dieser Zeit den bescheidenen Bitten der ey. Kirche 
kohl bis ans Herz heran gegenüberstand. 

Die Täuschung des Friedens wird noch grösser sein als die des 
Streites. Die schliesslich anerkannte Anzeigepflicht mit dem Ein- 
qxmchsrecht für fest angestellte Pfarrer war »keinen Pfifferling 
werth«. Am Ende war der ganze Kampf nur ein Zwangsmittel 
gegen das Centrum gewesen: der religiöse Gedanke war ganz er- 
storben. Es liegt in dem Geschehenen ein heiliger Pragmatismus: 
1870 und 71 zeigten die Thaten der freien Gnade Gottes gegen 
die unfehlbare Lüge: die Folgezeit das Thun der Menschen. — 
Nachdem sich Preussen mit dem Vatikan versöhnt hatte, thaten 
dies auch Hessen-Darmstadt und Baden. Trotz alledem tobte die 
Katholikenversammlung in Trier (1887) in alter Frechheit, doch 
wartete sie auf ein grosses Weltereigniss, tun den ungenähten Rock 
auszustellen. Zu dem Jubiläum des Papstes schickte man auch von 
Berlin Tiara und Messgewand. — Will die protestantische Kritik, die 
die Bibel zerstört, ihre völlige Ohnmacht erkennen, so kann sie dies 
an der die Völker bezaubernden Finstemiss Roms. Was vermag 
sie gegen dieselbe? In Süddeutschland lassen die geduldigen 
Schwaben von Rom sich friedlich ruhig scheeren*), während am 
Rhein die gemischten Ehen das reiche Land in die Fesseln des 
Papstes schlagen**). Von 1880 an haben sich die Mitglieder der 



*) VergL die Schrift von mir : Die ultramontane Presse in Schwaben, 
1885. Von Pferrem in Württemberg erscheinen jetzt Mittheilimgen über 
die confessionellen Verhältnisse im Lande, 1886 ff. 

**) In der Rheinprovinz wurden von 9750 in gemischten Ehen ge- 
borenen Kindern 3907 ev. getauft, von 2657 Paaren 1171 ev. ^^tcwol, 

Zahn, Kirobeageacbicbte, 2. Aufl. ^ 



82 yienehntM KapiteL 

krankenpflegenden Orden von 5000 auf 7000 vermehrt Allein IM 
ohramontane Butter slhlt man in Btieinland-Westplialeft. fiWk 
16 Jahren hat sich die rtaiisdie Presse ao entwickelt, daas in PreiUMi 
&st jede katholische Provinadalstadt ihr ]Natt hat. 1876 sBhlte im |t 
140 Zeitungen in Preossea, 1881 mehr als 200^). Dem wes^ihll> i 
sehen Baoemkönig v. Schorlemer-Alst sohliesst fiach nicht av i 
die G^olgschaft des katholischen Mtinsterlandea , scmdem auch te a 
protestantischen Gra£schaft Mark an. Selbst in der evang. PitFrai ^ 
Sachsen ist die Lage der Mischehen eine traurige. Die Madkt v 
Roms ist das Gericht über die Kritik der heiligen Schrift t 
Sehr zu rühmen sind die polemischen Arbeiten von Kipp cid, 
Tschackert und Warneck, aach die werthvollen Arbeiten d« 
Vereins für Beformationsgescfaichte. Letzterer hielt 1886 seine enle 
Oeneralversammlnng in Frankfort a. M. mit 150 — 160 Besaehflo. 
Unsere Geschichte sollten wir doch wenigstens vor den Ldg« c 
Borns retten! 1887 stiftete man einen evangelisdien Band gegen > 
Eom. Man rühmte laut: der Herr ist in miserer Mitte. Als « 
»das evangelische Berlin« aufrief, versammeltoi sich »beinahe 200 
ausgezeichnete Männer«. Bei der ersten G^neralveraammlmig a 
Frankfort a. M. zählte er 10,000 Mitglieder. 



Vierzehntes KapiteL 

Die Zustände in den 



Lfteratvr: v. Kapff, der reL ZuAtand d. ev. DeatschL, 1856. Hof^ 
mann, Deutschland einst und Jetzt, 1868. Todt, die ÜcaacheB 
der Unkirchlichkeit in den Zeitfragen des christlichen VoOn- 
lebens, VII, 6, tmd andere dort befindliche Anfafttze. Uhlhorn, 
KaÜiolicismus und Protestantismus gegenüber der socialen Frage. 
1887. 

YieKach ist die Eirchengescbichte nur eine Darstellung dog- 
matischer Ideen und Kämpfe oder kirchenpolitischer Ereignisse. 
Dies namentlich in Deutschland, wo ein uns eigenthümlicher , tief 
schädlicher Biss Theologie und Gemeinen trennt. Was aber in 
diesen geschieht, ist wichtiger als die dogmatische oder kirchen- 
politische Bewegung. Das ILaterial muss aber erst noch gesucht 



*) Die Preseyerhältnisse im Königreich Preussen von Woerl, 1881. 



Die Zattiiide in 4mi Gemeinen. S8 

irerden, weldiee ^e Sarckengeechiehte als Gang des oreligiösea Qe- 
4ankeiis isn Volk«, vor allem auch in der Froaenwelt darzustellen 
«iaubt Der tiefe Alifall von den Wahrheiten der Reformation, 
tveloher sioh wn die Mitte des vorigen J^uinamderts vollzogen, wurde 
ia den 19. nidit geheilt, im Allgemeinen blieb auch ia ihm in 
4en Gemeinen eine rationalistisch-moralistische Aauchauung die herr- 
Mhende, die zuweilen auch noch manche fromme Sitte und ein- 
luhe Gottesscheu der Auf klärangsperiode verlor. Der Pietisnitts 
hat keine frommen Gebräuche im Volke geschaffen. An die »£on- 
iiimationc lehnte sich noch das häusliche Leben an, aber sie sank 
immer n^hr zur leeren Schaustellung herab. Der Protestantismus 
wurde farblos im Vergleich zum Heidenthum und Bomanismus. Füir 
die Gebildeten war er nur ohne leidvolles Bingen ein schneller Zu- 
gang zur freien Wissenschaft. £uie in der ganz^i Weltgeschidbfte 
«iierii5rte Erscheinung lastet zerstörend auf der Gegenwart: deir 
Gedanke an die unsichtbare Welt ist geschwunden, er, der zur Zeit 
Luthers die Welt mit Fieberschaudem erfeisste. Ein anderer madii- 
voller Ckdanke, der das ganze Heiden- und Christenthum durchzieht, 
ist ebenso aus den modernen Gewissen genommen, der, dass eis 
keine Gemeinschaft mit Gott ohne Genugthuung und Opfer gibt 
und in diesem tiefeten aller Mängel stehen wir unter jeder Stufe 
menschlicher Entwicklung. Denn nicht nach der Glätte der Kultur, 
sondentL nack der Furcht vor einem zürnenden Gk)tt ist der Werth 
einer Zeit zu messen. Der erwachende Pietismus täuschte sich, 
irenn er eine Wiedergeburt des Volkes nach seinem Sinn erhoffbe. 
Wohl wurden von dem mächtigen Geist der Erweckung auch grössere 
Yolkskreise ergriffen, wie das energische WupperthaP) mitsein^ 
aachdenklicben und strebsamen Bevölkerung, wie die charakterfesten 
Bavensberger mit ihrem kernigen Volkening, dem Pietisten- 
general'*^), die Siegener, Lipper, die tiefsinnigen, in sich ge- 
kehrten Schwaben, <üe Schlesier im Gebirge und die Pommern 



*) Die Biographieen von G. D. Krummacher, Sander (1860 von 
Fr. W. Erummacher), Fr. W. Erumtt&cher (Selbstbiographie), ref. 
lärchenzextimg, tet Wochenblatt Monatsschrift fßr die ev. Kirche der 
Bheinprovinz mid Westphalen, seit 1842. Palmblätter von Erum- 
macher und Sander, 1844 ff. Evang. Gemeindebl for Bheinland und 
Westphalen, seit 18$6, neuerdings wieder aufgenommen, auch ein kirch- 
liches Monatsblatt, seit 1886. Ein Gang durchs Wapperthal in diesem 
Jahrhundert, von A. Sincerus, 1^7. 

♦♦) Ueber ihn Erummacher in dem Buche : Lebendi>ilder von Freun- 
den ev. Jtnglmgavereine, 1882, 



84 yienelmtet 

in ihrem geistlichen Bingen nnd Begen am Ostseestrande*), ift 
Brandenburg tritt der ZtQsdorfer Pastor Licht anf (f 1887), ancik 
eine grosse Anzahl adeliger Familien gab sich gerne nadi der Aih 
regong und dem Vorbilde des edlen Baron yon Kottwitz in Bedk 
dem Einflasse des erwachten Olaubenslebens hin, in Posen sind & 
y. Bappards nnd y. Massenbachs zu erwähnen; aof allen Ge- 
bieten des Lebens wurden bedeutende Oeister angefasst: der groBM 
Staatsmami yon Stein, die G^graphen Bitter**) und Karl toa L 
Baumer***), die ffistoriker Bänke und Leo, der Bachhftodkr 
Friedrich Perthes f), der Patriot Ernst Moritz Arndt ffX dtr 
Naturforscher Gotthilf Schubert fff), der Wohlthäter Johannes 
Falk*t) mit seiner ersten Betfcungsanstalt in Weimar, der Gnf 
yon der Becke-Volmerstein mit einem gleichen Unternehmen ia 
Düsselthal, die yielyerdienten Schulmänner Harnisch, Adler, Dreist^ 
Henning, und der durch seine biblische Geschichte so wohlthfttige 
Franz Zahn und yiele andere bis in die Kreise der H5fe, wo 
Prinz Wilhelm und Prinzessin Wilhelm yon Preussen*tt) ^ 
später der hochbegabte Kronprinz stark berührt werden; auch der 
fromme Joseph yon Altenburg glaubte besser durch sein nächir 
liches Gebet als durch ein Fakultätsgutachten geleitet zu werden; 
ehrwürdig ist die Erscheinung der Prinzessin Auguste yon Hessen- 
Homburg am Mecklenburger Hofe, die der Henriette yon Württem- 
berg *ttt) und der Markgräfin Elisabeth yon Baden. Aber ein 
allgemeiner Durchbruch der eyangelischen Wahrheit geschah nicht 
Hiezu waren auch die Führer immer noch zu sehr Suchende und 
Forschende und fingen erst wieder an, zu den alten Brunnen der 
Vergangenheit langsam und müheyoll sich zurückzufinden. Als dann 
der Betrug der HegeTschen Philosophie, die Kritik der Tübinger, 



*) Wangemann, (Geistliches Ringen und Begen am Ostseeatzande, 
1861, nnd Qnstay Enak, ein Prediger der Gerechtigkeit, 1881. 

**) Ueber ihn Kram er (1875) mid Gage (1867). 

***) Von ihm eine Selbstbiographie, 1866. 

t) üeber ihn der Sohn (1872). 

tt) Ueber ihn Langenberge r (1869), Banr (1870), Schenkel 
(1869). 

ttt) Von ihm eine Selbstbiographie : Erwerb aus einem vergangenen 
und Erwartungen yon einem zukünftigen Leben, 1854 — 1856. Ueber ihn 
Schneider, 1868. 

*t) Ueber ihn Nietschmann, 1881. 

*tt) Ihr Leben von Banr, 1886. 

*ttt) Ihr Leben von Ledderhose, 1867, und Merz, 1886. 



Die ZuBtSnde in den Gemeinen. 85 

iDes berauschte und wieder erschütterte, schwankten auch sie theils 
m speknlatiTem Wahn, theils in gleichen Zweifeln wie die Gegner. 
Der Mensch mit der Macht der Selbstbestimmmig kritisirt auch die 
fibel: dies, zuletzt die Snmma auch der gläubigen Systeme. Das 
Tolk, an£Emgs an vielen Orten von der Neuheit des unbekannten 
lyangeUnms ergriffen, wurde nach kurzem Zeitraum die gläubige 
^redi^ gewohnt, ürtheilslose Magistrate haben in Bremen und 
[agdeburg rationalistische Prediger, die die alte P&ffenkirche als 
inen Leichnam betrachteten, in Schutz genommen. In Berlin 
iagten sie treue Männer beim Könige an, während die ohne Klage 
leromgingen, die theure Eide auf das ev. Bekenntniss geschworen 
latten und nun den Ab&ll predigten (Oktober 1845). Es kam das 
Fahr 1848 mit seiner BeyolutionsfiEtckel: da erlahmte sichtlich das 
leligiöse Interesse und die Politik fing an, immer mehr die Beligion 
les Volkes zu werden. In die Mitte dieses Jahrhunderts fült eine 
apx>sse Scheidung der Gredanken: die Anmassungen der Spekulation 
vnirden yerachtet, man ging zur blossen Empirie über. Diese wurde 
ungemein fruchtbar. Die bedeutenden praktischen Resultate der 
neue Gebiete erobernden Naturwissenschaft, die bald die Welt 
erstaunen machten und durch ihre üeberwindung des Baumes eine 
sich überstürzende Schnelligkeit und Vielseitigkeit des Verkehres 
mid G^schäftslebens hervorriefen, nahmen die Sinne für das Irdische 
ge&ngen und erdichteten für die Gebildeten und das niedrige Volk 
eme Weltanschauung, in der sich alles nach den unveränderlichen 
Gesetzen der Entwicklung und des geschichtlichen Werdens voll- 
zieht und für Wunder und Weissagung, ja für alle Thatsachen des 
^stolischen Glaubens keine Stätte mehr ist. In Nord- und Mittel- 
deutschland hat sich fäst die ganze Männerwelt von jeder lebendigen 
Beziehung mit der Kirche losgesagt Als der Franzose Renan 1868 
seine Vie de J6sus veröffentlichte, fand dieselbe auch in Deutschland 
l)egehrte Aufnahme, obwohl nur ein zuweilen lüsterner Roman mit 
idyllischem, galiMschem Hintergrunde. Strauss aber schloss, von 
dem Franzosen angeregt, seine zerstörende Wirksamkeit zuletzt mit 
dem Bekenntniss : der alte und der neue Glaube, darin die Gedanken 
Ungezählter offenbarend, die nach allerlei Zugeständnissen doch am . 
Ende in dem Darwinismus die Wegweiser gesteckt sahen, denen 
sie, schon lange keine Christen mehr, folgen mussten. Denn die 
Anschauungen des englischen Naturforschers, dass die Pflanzen- und 
Thierarten nicht unveränderlich und nur vorübergehend fixirte 
Zustände in dem allgemeinen Entwicldungsprozess seien, die sich 
im Kampf ums Dasein und durch die nat^Aic\vQ TiuOci^^^ic^ ^- 



1.1 



: 



86 Tienehntet KapsteL 

mttUich gebildet, dtutete die Mmige dalim, das» man mxm 
keines Schöpfers mehv bedüife und die ganze Tnamwg&itige Wi 
gieichsam Tom selbst ans einem Pilz eder irgendwelchem Schlau: 
sich au^ebant habe*). Werner Siemens beeeidmete nnn 
Zeit als die natorwissenschaftliche. Bald wnrde es aber auch mad 
znm üeberdmss wiederiiolte Phrase, dass unser Jahrhundert daä 
Materialismus yerftJlen sei ÜCt ihm auch dem Pessimismus; 
der in Schopenhauer und E. t. Hartmann, dem üiilosof^Mi^ 
des ünbewussten, seine Lehrer hatte, die dmin auch die S^bsl^^ 
Zersetzung des Ohrisienthums behaupteten. Immerhin blieben auÜ 
den FriTolen noch sieben WelträthseL Alle Freisinnigkeit hinderte 
nicht, dass sich der Aberglaube zur ünfehllNurkeit steigerte^ nachdusf 
sdbon lange die unfehlbar^ Schrift als Lttge erklttrt war. Der heiv^ 
sehende Geist offenbarte sich in erschreckender Weise, als nach dm 
Erweisungen Gottes in den unvergleichlichen Thaten von 1870 und 
1(871 man sich nur im Tanz um das goldene Kalb berauschte vai. 
bald die wildesten und. wahnwitzigsten Agitationen des Sociali»* t 
mus selbst das Leben des mit Lorbeer gekrönten Kaisers antastete e 
und för die Enthüllung des grossartigsten Denkmales der Natioa - 
an sagenumrauschter lieblicher Stelle ein grauenvolles Massenatt^tat 
mit der Bosheit des Dynamits vorbereitete. Drei mächtige Ströme 
durchziehen offenbar verderblich die Gegenwart : der P^resse und 
Börse schlau besitzende Judaismus, von entnervten, ihm fthnHck 
gewordenen Chmstenvölkem weichlich geduldet, der das arbeitende 
Volk immer weitgreif^der mit Polypenarmen imistrickende Socifr* 
lismus (700,000 Wahlstimmen), der allein als Kirche sich gebfir- 
dende, die Welt, wie er sich rühmt, regierende Bomanismus. 
Daneben erlischt mehr und mehr wahre evangelische Erkenntniss. 
Ausser den HohenzoUem sind der acht evangelischen Fürsten wenig, 
sie, die einst im 17. Jahrhimdert so reichlich da waren. W<^ 
wnrde ein kirchlich ziemlich liberal gefärbter Fürst als Doktor der 
Theologie auf die Höhe Friedrichs des Frommen, des Helfer» beim 
Catechismus Palatinus, gestellt (1886) — es war nur eine aka- 
demische JubilSumsdekoration. Lieblich ist das Bild, das Schubert 
von der Meckl^iburgerin Helene von Orleans gezeichnet hat; 
als der Sieger von Orleans starb, war es ritterlich und christ- 
lieh geschehen mit dem ruhigen Auftrag: Seiner Majestät zu melden, 



*) Schon Bengel 1752: Man wird die Kräfte der Natur so erhöhen, 
dgßß nicbubgi ITebenmtllrliches mehr %em wixd\ 



Die Zuftiade in den Gemeinen. 87 

IBS seine MilitirauspdktiQii erledigt sei*). Aber sonst kOrt man 
i den FüisteB und F&rstmnen Ton romonisirenden Liebhabereien: 
mische Altftre werden geschmückt, barmherzige Schwestern geehrt, 
einer Stadt am Bhein das hohe Fest Aller Seelen mitgefeiert, 
d gegen die Altkatholiken gearbeitet. Mit Schrecken untersucht 
OL das Wachsthum der allgemeinen Gleichgültigkeit, die Selbst- 
»rdsmanie, die schon kleine Kinder ergreift (im Mittelalter sehr 
Aen), die dSmonischen Eamiüenmorde , die Schamlosigkeit der 
ostitolicB, oS^ mehr tob der Noth als von der Lust diktirt — 
UL firagt sieh, was im Volke noch von natürlichem Gemüthsleben 
odg sei, warum die Kunst dem rohen Naturalismus und dem »bösen 
tmoBL« diene und nur noch der einzige Pfannsckmid (f 1887) 
A Evangelinm des Friedens abbilde, und doch steht das Deutsche 
dch und der evangdülsche Kaiser als leuchtende Beweise da, dass 
lein das Eyangeliam der Reformation Staaten und Kirchen bildet 
id erhält**). Als 1883 das deutsche Volk in hoher Begeisterung 
18 LutherjubilSom nach dem Geschick der modernen Zeit, Feste 
i fieieni, beging, gefiel doch am meisten das fürstliche Wort am 
labe Luthers, dass das Wesen des Protestantismus in dem zugleich 
bendigen und demüthigen Streben nach der Erkenntniss Christ- 
ch^ Wahrheit besteht: ein welker Lorbeerkranz für den, der die 
T'ahrheit besass. Von den Luidierreden aber £Etnd allein die den 
ietismus und evangelischen Glauben verhöhnende des Professor 
»^ender in Bonn die Verbreitung und den Dank des Liberalismus. 
Q der wüxttembergischen Kammer sprach es dann 1884 bei einer 
iehtigen Grelegenheit angesichts der Komischen der Kanzler Bümelim 
m, dass das Volk nichts mehr von dem Bekeimtniss wisse. Aller- 
ings: die Wahrheit der Reformation von der freien Gnade, die« 
lande vergibt, an wen sie will, ißt theoretisch und praktisch ver- 
nren. Einigen wurde es in der <^cken Abendluft zn schwül und 
ie erdichteten einen konservativen Hauch, spürten ihn aber ganz 
Hein. 

Hat nach dem Gesagten der Pietismus, der an den Wurzeln 
inseres Jahrhunderts frisch ergrünte, nicht gehalten, was er oft zu 



*) Weber, Zum Gedächtniss des am 15. April 1883 selig entsehla- 
inen Gbrosaherzogs Friedrich Franz II., 1888. 

**) Einen vortrefflichen Versuch, die bäuerliche Glaubens'- und Sitten-- 
ihre der Gegenwart darzustellen — und das ist mehr Eirchengesehichte 
8 vieles andere — bat ein thäiingischer Landpioriex g^icAJ^Wt ^%H^.. 




88 Vieraehntes Kapitel 

laat versprach, so yerdanken wir ihm doch einige grosse Wo! 
die in dem Lehen tmserer Gemeinen konservativ wirken. 



1. 

Die Predigt 

AoB vieler literator nur: Nebe, Zur Geschichte der Predigt, ISTtL 
Batsermann, Handbuch der geistlichen Beredsamkeit, 1835. 

In der Zeit der Erweckong war dieselbe von mächtiger WI^ 
kung nnd lockte grosse Volksschaaren herbei. Sie war der Mittel- 
pnnkt des Gottesdienstes. Als sich die parlamentarische Fertigkeit 
der Redekunst wunderbar schnell entwickelte und die Yielgeschwfttzig- 
keit den Werth der Worte verminderte, sank auch die Bedeutong 
der Predigt. Sie ist im Laufe des Jahrhunderts immer geringv 
geworden. Die Gegenwart verlangt eine Predigt so kurz, wie eine 
eilige Messe. Es haben ihr grosse glänzende Talente gedient, wß 
Fr. W. Erummacher*) mit seinen »narkotischen Predigten«, 
Bischof Dräseke in Magdeburg, Hoi^rediger Theremin mid 
Schleiermacher**) in Berlin, die aus der Beredsamkeit eme 
Tugend machten, neuerdings der geschichtenreiche, anmuthige Ahl- 
feld***), »der so predigte als wenn man Korn schüttet«, in Schiw- 
ben der ästhetische Gerok, in Hessen Römheld, in Berlin der 
schlagfertige Stöcker, weiter der volksthümliche £. Frommel, 
der in geistreichen Pointen starke Eögelf), der in humoristisch- 
belletristischer Weise übersprudelnd reich sich äussernde Funke 
in Bremen und Andere; aber wer die Grundlehre der Reformation 
f&r das allein nothwendige immer zu wiederholende Thema ansieht, 
der findet Besseres bei den Beformirten G. D. Erummacher, dem 
Erlanger Erafft, H. Fr. Eohlbrügge, Mallet in Bremenft)» 
dem mit Recht viel gelesenen Ludwig Hofacker in Schwaben 
imd dem als »Sonnendreher« geschmähten wackeren Gustav Enak 



*) Selbstbiographie, 1869. 

**) Ueber Schleiermacher als Prediger haben sich Lückei 
Schweizer mid Bien&cker geäussert. 

***) Sein Leben von seinem Sohne und Ron seh, 1885. 

t) Eine Biographie von ihm in dem P&rramts-Kalender von Ueber* 
schaer, 1887. 

tt) Sein Leben von Hupfeld (1865), Menrer (1866), Wilkens 
CIS7£). 



Die Znstftnde in^ den. Oemeinen. g9 

k Berlin. Im Allgemeinen beherrscht die Predigtiiteratar ein syner- 
^Bter Pietismus, d«: Gesetz und Evangelium nicht recht schei- 
det Die ganze protestantenvereinliche Richtung der modernen Pre- 
d^ steht unter dem Urtheü des von ihr bekämpften y. Hartmann: 
der liberale Protestantismus sucht durch die Gkiukeleien, mit denen 
er Bibelstellen zum Predigttext nimmt, den Schein der geschicht- 
üchen Continuität zu wahren, während er durch das Anheben der 
ILutoiität der Schrift diesen stetigen Zuhammenhang unheilbar zer- 
itört hat. Nur der Eiertanz künstlicher Silbenstecherei hält die 
DUusion. der Christenheit auf. 

2. 

Das evangelische Pfarrhaus. 

Uteratwr: Meuss, Leben und Fracht des evangelischen Pfarrhauses, 
1884. Baur, das deutsche evangelische Pfarrhaas, 1885. Die 
schwäbischen P&rrhäofier in den Qeschichten von Ottilie Wilder- 
muth. Ein musikalisches Pfarrhaus von Strebel, 1884. Neaerdings 
auch eine Zeitschrift: Das Pfarrhaus von Steinhausen. 

Gregenüber den Angriffen und der Undankbarkeit des profeaien 
Jahrhunderts hat man mit vollem Recht die Bedeutung und den 
Segen des evangelischen Pfarrhauses inmitten eines einsamen rohen 
Dorfes oder einer volkreichen Stadt hervorgehoben. Von ihm gehen 
in der oft vorbildlichen Ehe des Pfarrhauses, in viel Wohlthat an 
Armen und Elenden, in den Wirkungen feinerer Sitte ganz abgesehen 
von der Kraft der Predigt mannigfache Hilfeleistungen aus. Es ist 
aach die Mutterstätte der angesehensten Geister des Volkes gewesen. 

8. 

Die evangelische Presse. 

literatur: Christenthum und Presse von Dr. Mühlhäuser, Zeitfragen 
des christlichen Volkslebens. Heft 1. 

Schon an der Stellung, die die Ev. Eirchenzeitung von Heng- 
stenberg einnahm, an der sich mehrenden Leserschaft des durch 
Leo gewürzten Volksblattes für Stadt und Land von Philipp 
^athusius, an dem Einfluss der die konservative Aristokratie 
Um sich sammelnden Exeuzzeitung konnte man die Nothwendigkeit 
erkennen, auch durch die moderne grösste Macht, die Presse, dem 
evangelischen Volke zu nahen. Mühlhäuser*) in Baden trat 

*) JJeher ihn Beinmnth in den christl. Zeititagen, "ä^iiXi^^. 




90 Yienehntes KaiuteL 

dafiär besonders ein. Mehr als viele B&cher berühmter Theoloi 
hat der mdaichdy emsige, schwäbische PfEurer Held durch die 
dnng und die glücklioke Yarforesiimg seines Er. Sonntagsbl 
(jetzt 123,000 AbcHmenten), durch eine Wcbhhätigkeit as Viele, 
wohl die Summe einer Million Mark erreicht hat, der Menge gedl< 
mn d&e sich oft so wenig die G^eMirsaaikfiit anf ihren H^ien 
mert. Sdion vor dem ScmntagsUatt war d«r ChristeBbote Ton BvxÜji 
eststaaden, jetzt Ton G*. Weit brecht in Stuttgart mit 45i,Mt^^^ 
Abonnenten redigiert; das Sonntagsblatt ahmten nach der ISachboe 
von dem thätigen Nink in Hamburg mit 90,000 Abonnenten,, dm 
Duisburger Sonntagsblatt, das Berliner (130,000 Auflage), das Bay- 
rische und immer weiter andere. Während die gelehrten theoL ; 
Zeitschriften meist alle an Deficits leiden, blüht diese mächtig an- 
wachsende populäre Literatur. Die Fortschritte der Zeit in mecha- 
nischer Fertigkeit unterstützen auch sie. unter den grösseren theod, 
Zeitschriften mmmt allein die Allg. £hr. Luth. Eirehenzeituiig, Yon 
L u th a r d t vortrefflich redigirt, einen angesehenen Platz ein. Novem- 
ber 1886 sank matt das schon lange herbstliche Blatt der N. £?. 
Kirchenzeitung in das winterliche Grab der Kirche der Union. Nie- 
mand trauerte ihr nach. Die Deutsche Ev. Kirchenzeitung vos 
Stöcker trat an ihre Stelle. Das Interesse Deutschlands an det'l 
grösseren Blättern zeigen Zahlen: Allg. Ev. Luth. Kirchenzeitong 
Auflage 2,500, Kirchliche Monatsschrift 980, Protest. Kirchenzeitosg 
850, Deutsche Ev. Blätter 800, TheoL Literaturzeitung 750, £?. | 
Kirchenzeitung 710, Bef. Kirchenzeitung 500. 



4. 

Die Lutherbibel. 

Literatnr: Sop^enannte Probebibel von Dr. th. Schröder, 1888. Da- 
neben viele Gutachten. 

Luthers Bibel und das evangelische Kirchenlied sind die Klam- 
mem, die noch die grosse Menge umfassen: von unberechenbarem 
Werth. Das Bedürfitiiss einer Korrektur der alten Lutherbibel, 
dieses ehrwürdigsten Domes der Deutschen, wurde zuerst auf dem 
Kirchentage zu Stuttgart 1857 ausgesprochen und führte zu einer 
Konferenz von Theologen, die vom 2. — 16. Oktober 1865 und 4. bis 
16. April 1866 in Halle zusammentrat und deren G-eschäftsordnung 
bestimmte, dass eine Berichtigung Luthers nach dem Grundtext nur 
dann aJb bescblossen anzusehen sei,, wenn xwe\T>rvk^<Qäfe ^«st ^^imonen 



Dia Zamtad» in den Qemeinen. 91 

dafür ansspreehin. Der letzte Zusammentritt der Konferenz 
ginhali im Jahre 1881 und zom Latheijubilftum 1883 erschien zur 
MhIIhiIiiih Bespreohimg die Probebibel von dem Württemberger 
ÜBrer Dfr. Schröder besoigi Es war begreiflich, dass Lob und 
IML sich in der schirfttoi Weise über das wichtige Werk aus- 
^Hicfaen, das noch ganz im Hader der Ajudchten liegt und bis jetzt 
& Eirche nicht gefördert hat. Das Volk nahm auch ron der Probe- 
Ijbel wenig Notiz. Bis zum Jahre 1890 hofft man mit der Revision. 
dn A. T. fertig zu werden. — Eine Zeit lang ist auch ein Kampf 
ftr — so von Stier — und gegen die Apokryphen geführt worden. 

5. 

Das KirchenKed* 

Utwahir: Fischer, KirchenHederlexikon. 1879. 

Eines der grössten Verbrechen an unserem Volke war die Zer- 
störung des ererbten Kirchenliedes durch die Naseweisheit des Ra- 
tionalismus. Noch bis auf die Gegenwart ist dieser Schaden nicht 
ganz geheilt, selbst die Liebhabereien eines Albert Knapp än- 
derten noch in subjektivem Geschmack an den ofb machtvollea 
Eemworten, die zugleich auch deutsche Denkmale sind. Die Be- 
mühungen der Gebrüder Wackernagel, Bunsen^s, Stier's^ 
Lange's, Bähr's, Schöberlein's, Stip's u. A., der erneuerte 
Geschichts- xmd Sprachsinn brachten das Alte wieder zu Ehren, ob- 
wohl noch stets schwankende Lesarten stören und hindern. Die 
Hanptlieder sind aber doch wieder unserm Volke gerettet worden. 
Ton jeher hat die Macht des Protestantismus in seinem Gesänge 
beraht von den Psabnen an, dem grossen Heldengedicht der Refor- 
mirten, bis zu den Liedern eines Gallerts, des letzten kirchlich reci- 
pirten Sttngers. Dieses Jahrhundert, obwohl liederreich, doch ohne 
die Weihe und Tiefe der Noth und Einfalt der Alten, brachte nur 
wenige Lieder in das Gesangbuch; einige von dem Sänger der Frei- 
iieitskiiege, Ernst Moritz Arndt, von Christian Gottlob 
Barth, dem unermüdlichen, populären Schriftsteller in Calw*)^ 
von der Dichterin Louise Hensel, dem vielgeliebten K. Joh. 
Philipp Spitta in Hannover, dem endlos dichtenden Albert 
Knapp, der feinsinnigen und bedeutenden M eta Häusser-Schwei- 
zer. Aber fitst allen diesen Liedern fehlt der einfach ernste, kirch- 



•; Sein Leben von Werner, 1865—1869, loaA von TLo^^ , \^^. 




92 Yienehntes EapiteL 

liehe Charakter, der heilige Drang des Martyriums. Dem mod 
Unglauben eines Lindau erscheint das geistliche Lied als ein 
Winkel, in dem die Gegend gleich dem zaudernden Wasser auf 
mal einen anderen Charakter bekommt, auf dem der Strom 
Lebens stille steht, für den die religiösen Fragen keine Le 
mehr sind: eintönig, freudlos, fr^md sind solche Winkel der 
meinen Entchristlichung. 

6. 

Das geistliche Lied. 

Dies hat süssere Früchte gezeigt als das Kirchenlied. Di« 
Talente , die auf diesem G-ebiete arbeiteten, haben glücklicher dis [^ 
Kirche befruchtet als die dogmatischen Systeme. Yor allen der 
oben genannte Spitta (f 1859 als Superintendent zu Burgdorf)^ 
dessen »Psalter und Harfe« und nachgelassene geistliche Lieder 
ebenso Viele erbauten wie sie bis zur 50. Aufl. erschienen*). Neben 
ihm der feinsinnige, sprachgewandte, anmuthige Stuttgarter Prälat 
Karl y. Qerok, dessen »Palmblätter«, »Pfingstrosen«, »Blumen 
und Sterne«, »Deutsche Ostern«, »Auf einsamen G-ängen«, »Letzter 
Strauss« und »Unter dem Abendstem« in aller Welt Trost und ^ 
Freude bereiteten. Er hat uns auch seine Jügenderinnerungen er- 
zählt. Femer haben J. K. Sturm, P&xrer in Köstritz, Zell er, 
der geniale Psychiater in Winnenthal (»Lieder des Leides«), Fried- 
rich Weyermüller in Niederbronn im Sinne des alten Kirchen- 
liedes, Knack in Berlin in pietistischer Linigkeit, Schwarzkoff 
in Wernigerode, auch die Dichtergrössen Gr e i b e 1 und B ü c k e r t , dann 
Budolf Stier, Gustav Schwab, neuerdings die Brüder Joseph 
und Qotthold Knapp, Eckelmann, Dichter von Kinderliedem 
u. A. ihren Harfen liebliche Laute entlockt. Jahn hat in seinem 
Hohenliede in überraschender Tiefe die Bechtfertigungslehre be- 
sungen. 

Die Erneuerung des kirchlichen Gesanges rief eine Beihe der 
unerquicklichsten Streitigkeiten hervor, indem sich die Leerheit des 
Liberalismus an die alten Fadheiten klammerte, als ob er in ihnen 
Heiligthümer hätte und das unwissende Volk für seinen Unverstand 
eiferte. Im linksrheinischen Bayern wurde der Konsistorialrath D. 
Ebrard durch grosse Volksversammlungen gezwungen, sein gutes 
Gesangbuch und seinen neuen Katechismus zurückzuziehen. Er 



*) Ueber um Münkel, 1861. 



Die Zwttnde in den Qemeinen. 98 

1861 sein Amt nieder*). Die PfiJz wurde der gepflegte Wein- 
des Protestantenyereins nnd brachte es so weit, das schlechteste 
[Q«angbnch in der Weh, den schlechtest bezahlten P£ajTstand, eine 
[flomunpirende P£uTwahl, leere Kirchen in den liberalen Städten^ 
gemeinsames Glaabensbekenntniss etc. zu besitzen. 1853 hatte die 
' fisenacher Konferenz, eine Vereinigung von Deputirten aller Kirchen- 
legimenter, 150 »Kemlieder« sammt Melodieen herausgegeben. Dies 
var das Signal zu gerechten Klagen auf der einen Seite wegen der 
»G^esangbuchsnoth« und auf der anderen: mit Annahme und Verwer- 
fang der Gesangbücher ein frivoles Spiel zu treiben, das dem Volke 
Beine Lieder&eude tmd die wichtigste Quelle seiner Erbauung trübte. 
Bis heute dauert noch die Gbsangbuchsfrage, obwohl überall das 
atte Lied im Vordringen sich befindet. Köstliche Proben aus einigen 
Thüringischen Gtesangbüchem bewiesen, dass man dort noch immer 
nngt: das kleinste Thier betritt die Welt mit mir auf gleiche 
Weise. 

7. 

Der Katechismus. 

Eine Kirche ohne Bekenntniss ist keine Kirche. Das populäre 
Bekenntniss ist der Katechismus. Es waren jammervolle Machwerke, 
die das vorige Jahrhundert dem unsrigen überlieferte. In ihnen 
lag der ganze Bankerott der Vergangenheit. Nur mit vielen Streitig- 
keiten, die ganze Provinzialkirchen wie kleine Gemeinen zerrissen, 
gelang die Wiedereinfohrung der reformatorischen Katechismen. 
Als man 1862 in Hannover einen alten Katechismus aus dem 16. 
J^hundert von Mich. Walther eingeführt hatte, erzwang der 
Stann d^ Gemeinen die Wiedergabe des bisherigen Landeskate- 
chismus**). In anderer Weise eroberte der heldenmüthige Protest 
von fünf Pastoren in Lippe den Heidelberger £[atechismus. Die 
Kämpfe der Union sind namentlich auch Kämpfe um den E^atechis- 
mus, doch büdete sie selbst die wunderlichsten Büchlein in den 
ünionskatechismen, diesen Bildern unserer vielversuchenden und doch 
so schaffnngsarmen Zeit. Neuerdings hat man in Baden, der grossen 
Versuchsstation des Deutschen Beiches, einen Katechismus beliebt, 
der herzlos, reflektirend und ohne Wärme ist. 



*) Ebrard, Eirchengesch., Bd. IV., S. 358. Guth, Der pfälzische 
Gesangbnchsstreit, 1856 — 61. 

**) Dieatelmann, Die Katechismus-Angelegenheit m H&imover« 



94 YienefantM Kapitel 

Es ist eine der etüreulichgte& ErabheimiiigeK der Zeit, disi liili^ 
in der ref. Kirche der Heidelberger KateeliisBiiiB so in der bäMfrl^ 
49cheii und xmirten der kleine IttÜMrisolie wieder weite GeUete Wl! 
jntzt: Oaben für das Volk von grossem WertiL 

8. 

Das Bekenntniss. 

Yon Znstftnden wie in dem französischen ProtestaatisM») m 
"bei jeder Nationalsynode die Confession de fei besehw^nren wuzd^ 
sind wir weit entfernt. Der Ei£nr gegen den Symbolswaag, 
die Unterscheidungen zwischen dem quia und quateaus der Bezuhr 
tmg der Symbole zur hL Schrift, ihrer Subeftanz tmd ihrer Fooi, 
die Freiheit oder Yeipflichtong der evang. Fakultiten nach dem Mass 
der kirchlichen Lehre, die Grenzen der Lehrfreiheit — diese Fragst 
liaben unser Jahrhundert bewegt bis zur Beseitigung der kirchlidien 
Terlesung des Apostolicums, welches nur noch in historischer Rela- 
tion vorgetragen werden sollte. Ln Allgemeinen weiss das evang. 
Tolk nicht mehr, wie sein Bekenntniss ist und die Verpflichtungen 
der Pastoren auf die evangelischen Bekenntnissschriften ' oder nur 
auf die Augsburgische Eonfession veranlassen die Gemeinen nicht, 
dieselben nach diesen Bekenntnissen zu prüfen. Mit Becht rOhmt 
man die Bekenntnissparagraphen der Rheinisch- Westphtiischen ISjr- 
chenordnung, aber für die G^meineai ist doch alles im Fluss. Lnme^ 
liin sind es edle Bemühungen, hie und da doch wieder eine Be^ 
J:emitmsseinheit zu schaffen. Die letzte Generalsynode Preussens 
liat nicht nur das Vorhandensein von Lrrlehre, sondern auch deren 
disciplinarische Behandlung festgestellt, auch dort wo sie mdit atif 
der Kanzel ausgesprochen wird. Zu den unerquicklichsten Veihatid- 
Itmgen kam es, als gegen die Lrrlehren von Sydow, Lisco und Lfdff 
TOrgegangen wurde. Da die Männer der OberMrchenrath und der 
Kultusminister in ihren Aemtem Hessen, war es billig, dass dfin 
wackeren Ehrenmann, den Konsistorialprasidenten Hegel, die Gmut 
nond die Gerechtigkeit des Kaisers rettete, obwohl ihn Hermann vnoi 
Palk bedrohten. 

9. 

Liturgie. 

Mit dem erwachenden Lutherthum, auch vielfach mit der Pflege 
Tomanisirender Ideen kam auch die Neigung für liturgischen Gt)ttes- 



Die Zufttade in den Gemeinen. 95 

tatst auf: tibieils als !Eäxileitaiig fSr die Predigt, die dock das Volk 
voiig besuchte, theils als besondere Metten tind Vespern, die stiller 
Heditation dienen sollten. Das ganze Jahrhundert durchziehen die 
Bemühungen fiir diese Formen der Erbauung, die doch nicht dem 
Princip der Eeformation entsprechen. Schöberlein in Göttingen 
liat einen Schatz des liturgischen Chor- und Gemeinegesanges ge- 
sammelt. i>er Eirchengesang erhielt einen Aufschwung durch die 
BüduBg Ton Verein^i fiir diesen Zweck und biachte es auch zu 
Srchengesangstagen. Gewiss ist der Chorgesang noch eine bessere 
Belebung der Gottesdienste als langgedehnte Liturgien, wenn die- 
selben auch Hof- und Domkirchen das Gepr&ge einer feierlichen 
ümnJmmng gaben, namentlich durch die Begleitung von Meister- 
gesang. Der Förderung des Gesanges dienen jetzt einige Zeit- 
sefaiiften. Johannes Zahn und M. Herold in Bajem haben 
hier einen Namen*). 

10. 

Das evangelische Volksbuch. 

Gute Lektüre für das Volk war allgemeiner Wunsch und rief 
manch tüchtigen Mann in die Arbeit. Alle übertraf der geniale, 
grossartig gestaltende Schweizer Jeremias Gotthelf (Albert 
Biteius f 1854). Dann haben wir den lieblichen und wahren 
Glaubrecht**), den überreichen W. 0. Hörn, den Biographien- 
schreiber Ledderhose, den Elsässer Stöber, den Vater der Er- 
säilung, den milden und freundlichen Naturforscher Gotthilf 
Schubert, die Caspari und Redenbacher, Fries u. A. Li 
^ Träume unserer Jugend verflochten steht Gustav Nieritz 
4a (t 1876)***). 

Neuerdings wird Armin Stein (Diakonus Nietzschmann 
in Halle) viel gelesen, und ebenso Emil Frommel und eigen- 
thümlicher als sie alle die Züridierin Johanna Spyri. Die Volks- 
Uhliotheken sind schon wohlgeordnete Körper verschiedener Buch- 
luadlungen und für Gross und Klein (hier namentlich der Kinder- 
freond von Nink, dem wackeren Pastor an der Anscharkapelle in 
Hamburg (f 1887), empfehlenswerth) ist fast zu reichlich gesorgt 



*) Eümmerle, Eneyklopädie der ev. Eirchenmnsik, 1886 ff. 
**) üeber ihn Banr in den Lebensbildern, 1887, S. SOI. 
^•) V«n ihm eine Seltetbipgimphie, 1872, 



96 VienehntM KapiieL 

Auch grosse illostairte Zeitschriften wie das vorzügHohe »Dalieim«, 
»Quellwasserc, »Grüss Gbtt« nnd andere dienen dem LesererlangaiL 

11. 

Das Vereinsleben. 

Literatur: Johann Hinrich Wichern Ton Oldenbnrff, 1881 iL Sehl- 
fer, die weibliche Diakonie, 1880. 8 Bde. Derselbe, Leitfiidendfli 
inneren Mission, 1887. Orlich, die Wemerschen Stiftnngaanststtei^ 
1870. Zimmermann, der Gnstav- Adolf- Verein nach seiner Ge* 
schichte, Verfassung nnd seinen Werken, 1877. Derselbe, dii 
Bauten des Gustay-ixlolf- Vereins in Bild und Geschichte, 1850—70. 

Viel wichtiger als theologische Gelehrsamkeit und die davos 
abhängenden Schulen ist für die Beeinflussung der Gemeinen das 
in unserem Jahrhundert erblühende und gepfl^^te Vereinswesen, 
da sich am glücklichsten gestaltend, wo es mit dem Pastorat in der 
Gemeine blieb und nicht neben der Kirche in freier Wnchenmg 
dieselbe dadurch schädigend sich ausbreitete. Hier nimmt die erste 
Stelle Johann Hinrich Wichern ein, der Begründe der soge- 
nannten inneren Mission; am 21. April 1808 in Hamburg geboren 
gründete er dort 1888 die Bettungsanstalt zum »Bauhen Hans«, eine 
Stiftung, welche sich ünmermehr zu einer Kolonie erweiterte, die 
Anstalten für Verwahrloste, für Personen, die im Schulamt oder in 
Korrektions-, Straf- oder Krankenanstalten angestellt sein wollten, 
auch eine Buchdruckerei, Buchbinderei und Buchhandlung und eSuk 
Pensionat für Kinder höherer Stände um&ksste. Die für ein Yor- 
steheramt in ähnlichen Anstalten ausgebildeten »Brüder« hat man in 
gehässiger Weise mit den katholischen Orden verglichen. Wichems 
Stiftung gab den Anstoss zu vielen ähnlichen Anstalten in allen 
Ländern. Auf dem Kirchentag 1848 in Wittenberg schuf er einen 
Centralverein für die innere Mission, der später regel- 
mässig mit den Kirchentagen berieth und als diese eingingen, sich 
als der Kon gross für die innere Mission behauptete, doch 
in seinen Hauptversammlungen wenigstens mit nicht gerade wach- 
sendem Interesse. Immer auf Reisen sah man an allen Orten den 
eifrigen Mann mit seiner packenden volksthümlichen Bedekraft, eine 
anziehende frische Erscheinung, für seine Sache wirken, namentlich 
auch für den preussischen Hof und die adeligen Kreise bedeutsam. 
1851 durchmusterte er im Auffrage der Regierung die Geföngnisse, 
xua Vorschläge für die Verbesserung derselben zu machen. 1858 
ist der »Kandidat der Theologie« Rath im preussischen Ministerium 
des Innern und Mitglied des Oberkirchenrathes geworden. Seine 



Die TioMniifi in daa Gemeinen. 97 

war Beüdem eine Vides nmfitfsende. Weithin gingen die 
len BUtter€ dea Banken Hausee. Er starib am 7. A|urfl 
il nach dmüdeoi Jahren. Sein Schüler nnd Mitarbeiter Olden- 
irg hat sein Leben so besehrieben, dass der Mann in lebendiger 
rskhchkeit vor nns steht Wi Wichern war in Hamburg Amalie 
^yeking verbanden, eine Wohlthäterin Armer und Kranker*); 
wollte in einem Sarge mit flachem Deckel beerdigt sein, damit 
Beerdigungsweise der Armen nicht mehr yerachtet werde, 
leodor Fliednex, der Yater des protestantischen Diakonissen- 
ist am 21. Januar 1800 zu Ebstein im Nassauischen gebooren 
wurde 1822 Pfiurer zu Eaiserswerth. Auf Eollektenreiflai 
Ummelte er die Mittel, um in seiner Gemeine 1883 ein Asyl fiir 
BBtiaasene weibliche Gefangene, 1885 eine Kleinkindersehule in Düs- 
ieUor^ 1836 eine gleiche in Eaiserswerth zu gründen. Der Ein- 
oehtung eines Seminars für Eleinkinderlehrerinnen folgte 1836 der 
Bheiniscb-Wesiph&lische Diakonissenverein, der im Oktober d. Js. 
iie erste ev. Diakonissenanstalt zu Eaiserswerth erö&eta 
IGt derselben wurden dann auch Anstalten fär Eindererziehung und 
Lehrerinnenbildung, die Pflege gemüthskranker tmd die Bettung ge- 
fiillener Frauen verbunden. Die »Schwestern« erhalten nach einer 
halbjährigen Probezeit eine Anstellnng je auf fünf Jahre; so laage 
dauert die Verpflichtung. Die Wohlthat der »Erankenpflege«, der 
818 bestimmt waren, erwies sich als eine grosse, wenn auch die 
Diakonissen nicht mit dem apostolischen Wittweninstitut der Pres- 
bjtiden zu yergleichen sind und es schwer ist, die katholische Trieb- 
feder der Arbeit TOn ihnen fem zu haltrax und überhaupt die Mängel 
des katholischen Vorbildes zu mildem. Das Beispiel Eaiserswerth^s 
zog bald die Bildung von Diakonissenhäusem in der ganzen Welt 
Bach sich, bis in den Orient hinein. 1879 gab es 51 Diakonissen- 
Mutterhäuser mit 8908 Sehwestem in 1079 Arbeitsstationen, davon 
33 innerhalb des Deutschen Eeiches. Die Summe, die bis jetzt für 
diese Zwecke verwendet ist, wird weit 1 Million Thaler übersteigen. 
Doch gibt es in Preussen mehr katholische Barmherzige Schwestern 
als in der ganzen ev. Eirche Deutschlands Diakonissinnen und mehr 
Arbeitsstätten derselben als in der ganzen Welt zusammen genommen. 
Am 23. September 1886 feierte das Diakonissen -Mutterhaus zu 
Eaiserswerth sein SOjähriges Bestehen. Man zählte 57 Mutterhäuser, 
6000 Diakonissinnen, 2000 Arbeitsfelder; das Eaiserswerther Haus 



*) Denkwürdigkeiten aus ihrem Leben, 1860. 

Zahn, KiTGhengBBobichte. 2, Auä, 



98 YianehnteB Kapitel 

mit seinen Töchteriiftnsem hatte eine jährliche Einnahme von 338; 
Mark (1836: 6000 Thaler). Als Denkschrift znr Jubelfeier ersehkt 
von Dissellioff ein Jubilate! und von dem Sohne Fliedner oa 
Lebensabriss des Vaters. Man erinnerte daran, dass schon P&nfr 
Elönne und Graf von der Recke-Yollmerstein den Gedankn 
der Diakonissumen angeregt und der Kronprinz Friedrich Wilhelm 
denselben mit wahrem Jauchzen angenommen. Born aber spradi 
von lächerlicher Nachä£ferei. 

Gustav Werner, geb. am 12. März 1809 zu ZwieÜEdt^ m 
Schwaben, von Swedenborg berührt, ein Gegner der biblischen Satis* 
foktionslehre, dem Christus Yorbüd wahrer, edler Humanität^ mussto 
seine Stellung als Vikar in Walddorf bei Tübingen au%eben md 
schuf sich nun als unermüdlicher Beiseprediger eine selbständige 
Thätigkeit, bis er, da er die Augsburgische Eonfession nicht unter- 
zeichnen wollte, 1851 aus der Liste der Kandidaten gestrichen wurde. 
Jetzt gründete er seine auch durch einen drohenden Bankerott ge- 
retteten Anstalten in Beutlingen. Im Mai 1885 umfa,ssten die Wer- 
ner'schen Anstalten: 1) das Bruderhaus in Beutlingen mit 10 Zweig- 
anstalten mit einem Personalbestand von etwa 1000 Personen, ver- 
bunden mit denselben ist der Betrieb der LandwirthschdPb; 2) 
industrielle Unternehmungen, das ist eine grosse Maschinen- und 
Möbelfabrik in Beutlingen und eine blühende Papierfabrik in Bei* 
tingen — jetzt Eigenthum eines Actienvereins — , welche schwach- 
begabten Leuten moralisch dienen wollen. Ausgabe: 477,541 Mark. 
Der alte Vorsteher der vielen Anstalten reiste bis ins Jahr 1887, 
wo er stirbt, thätig und wunderbar elastisch im Lande herum und 
hielt seine besuchten Wandervorträge. Da konnte man sein aus- 
drucksvolles, väterlich wohlwollendes Gesicht sehen und seine schon 
schwache Stimme hören*). Maler Heck hat Vater Werner darge- 
stellt, wie er in einer Scheune vor schwäbischem Landvolke predigt. 

Karl Zimmermann, geb. am 23. August 1808 zu Darm- 
stadt, wo er seit 1842 Hoi^rediger und Prälat war (f 12. Juni 1877) 
hat sich ein grosses Verdienst durch die Stiftung des Gustav- 
Adolf- Vereins erworben. Am 6. November 1882 feierte man 
die zweite Säkularfeier des Todes Gustav Adolfs. Eine Samm- 
lung für ein Monument über dem Schwedenstein brachte einen 
üeberschuss, der kapitaJisirt werden sollte, um mit den Zinsen arme 
ev. Gemeinen in der katholischen Diaspora zu unterstützen. Der 
Superintendent Grossmann, der Archidiakonus Gold hörn und 



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iL!» 

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*) Zum Andenken an Vater Werner, 1887. 



Die Znsttade in den Gemeinen. 99 

Kanfmann Lampe nahmen sich der Angelegenheit an und es 
sidi för Leipzig nnd Dresden zwei Hanptvereine. Am 6. 
iber 1834 übernahm der Leipziger Haaptverein die Fühnmg 
einem Vermögen von 4251 Thalem. Als sich darauf Zimmer- 
för die Sache begeistert», kam es am 16. September 1842 in 
zu einer von 600 Mftnnem besuchten Yersammlnng, die den 
; Verein der G.-A.-Stiftong ins Leben riefen. Zu Frankfurt 1848 
worden die Statuten festgesetzt, die allen ev. Gemeinschaften eine 
WoUtihat zusagten und in einzelnen Vereinen und in dem Central- 
"mBtand in Leipzig die Mitteln sammeln und verwalten wollten. 
i> Anfang« Ton den Positiven und der bayrischen Regierung bekämpft, 
^mirde der Verein bald der erkl&rte Liebling des evang. Volkes. Er 
Kgennam auch Frauenzweigvereine, dehnte sich über Oesterreich, 
Ungarn, Holland und die Schweiz aus und als er am Gustav-Adolfis- 
Denkmal selbst von einer schwedischen Gesandtschaft begrüsst in 
der zweiten Septemberwoche 1888 sein Jubelfest hielt, konnte er 
mit Eecht rühmen, bis zu dieser Zeit 17 225 403,16 Mark veraus- 
gabt zu haben tmd damit 1167 Kirchen, 695 Schulen, 412 Pforr- 
hinser theils ganz erbaut, theils durch reichliche Gaben zur Voll- 
: endnng gebracht, überhaupt 2983 verkümmerten Gemeinen geholfen 
m haben. Selbst ganze Parochialverbftnde hat er geschaffen. Der 
Festredner E. Gerok sdüoss seinen Trinkspruch bei der Festtafel 
in Lützen so: 

Der wilde Kampf der Waffen, 
. Einst w&hrt er dreissig Jahr; 

L Am Friedenswerke schaffen 

Wir heute ffinfzig gar. 
und geh'n wir nun znr Buh? 
Kein, Herz mid Hand ermuntert 
Ffir*8 zweite Halbjahrhundert! — 
Herr, sprich Dein Ja dazu! 

In der Zerrissenheit der ev. Kirche ist der Gustav-Adolüs- Verein 
unter der Leitung seines auch in lateinischen Begrüssungsworten 
; c^bizenden rede&ohen Leipziger Professors Gustav Adolf Fricke 
das einzige wichtige Einheitsband. Ln Jahre 1886 betrug die Min- 
der-Einnahme des Vereins die Summe von 22 300 Mark; der kath. 
Bonüaciufl-Verein hatte um dieselbe Zeit 750 000 Mark Einnahme 
gegenüber 660086 Mark des G.-A.-Vereins. 

Daniel von der Heydt*) (f 1874), Geheimer Kommerzien- 



*) Ueber ihn das Buch von mir: der Grossvater, 1881. Manuscript, 
aber anf den Univerait&tBbibliotlieken, 



'?S\K\\KS'^- 



100 yienebiitM KqpiteL 

rath in Elberfbld imd Aeltester der niederlfindiaok-ref Omoim^ W 
wogen durch die wachsenden Anagaben der Elberfelder Ainifl i i f#{ 
waltong und von Jethro's Bath an Moses lernend das Volk in 
Gruppen nnter besondere Anfiseher za gliedern, stellte mit lieki 
und Hingebung das Elberfelder System der Armenverwaltong m^ 
das viele kleine Kreise und viele Besnche derselbeii zom Pkindf V 
hatte nnd sich so bewährte, dass nicht nnr der Elberfelder Amnfrl^ 
etat sich verminderte, sondern diese Ordnung auch in aller Wdkp 
Nachahmung fand und dem Stifter die Anerkennung esines grosMftl^ 
Wohlthäters brachte. Der unstete Victor Aim6 Hub er (f 1M)|^ 
hat durch Schriften für christlich-sociale Bestrebungen gewiikt 

Dr. th. V. Bodelschwingh, Pastorin Bielefeld'*'), Grfinder f 
vieler wohlthatiger Anstalten für allerlei Nothleidende, gab donl "- 
die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf fEb* arbeitslose Vaganten da 
Anstoss durch ähnliche Stätten der Heimath und Beschäftigung in 
ganz Deutschland Hilfe gegen einen der schlimmsten üebelst&nde 
der Neuzeit zu schaffen. Ausser Wilhelmsdorf bestehen jetzt in 
Deutschland 16 solche Kolonieen mit 2350 Plätzen. 

Der Berliner Ho^rediger Adolf Stöcker, obwohl er das 
2arte und Stille der christlichen Wahrheit in die Aufregung da- 
gegen die Juden tobenden Volksversammlungen der Hauptstadt 
hineinträgt und im stolzen Idealismus meint, das grosse Babel 
noch erneuern zu können, hat doch in der Förderung der Berliner 
Stadtmission manchem Elend gesteuert und in der um 50 — 60000 
Einwohner jährlich wachsenden Stadt 33 Stadtmissionare beschäftigt, 
allwöchentlich 80000 gedruckte Predigten vertheilen lassen (1886 
117000 Predigten in allen Landen), und Säle und Kapellen in dem 
kirchenarmen Berlin, dem geistlich verwahrlosesten Orte der ganzen 
Christenheit, das nur 50000 Sitzplätze in allen seinen Eirchen hat, 
zu bauen geplant; in diesem Thun mehr zu fbrdem als von un- 
fruchtbaren E[ritikem zu schmähen. Von der Berliner Bewegung im 
Grossen und Ganzen sagt ein Mithelfer, dass sie das »JHJig)^i>4ift 
Leben noch nicht geändert habe. Sie hat weniger einen reüigidsen 
als einen poüitiscih-conservativen, antijüdischen ObJEDrakter. 

Wir können hier nicht alle die ungezählten Vereine nennen. 
Von dem Pastor Döring in Elberfeld gingen die JünglingsTereine 
aus, denen sich ev. Yereinshäuser, Herbergen und ev. Gesellschaften 
anschlössen. Bröckelmann in Heidelberg rief nach englisch-ameri- 



*) Eine SchilderuDg von ihm in Daltons Ferienreise, 1886. 



Die Zoftiade in den Gemeinen. 101 

Vorbild seit 1864 die jetzt über ganz Deutschland ver- 
Bonntagsscbulen ins Leben. Von heilsamster Bedeutung 
Bibelgesellschaften; die preussische wurde 1814 ge- 
Naeh 12 Jahren waren in Deutschland schon 80000 
und Testamente verbreitet. Seit der Gründung bis jetzt 
[0914816 Exemplare, unter je 88 Einwohner 1 Exemplar*). Wichtig 
in dar Gegenwart die Bewegongen för Sonntagsheiligung, die 
'AsBich durch die Enquete des Beichskanzlers eine völlige Entfrem- 
Anig dar protestantischen Arbeiterbevölkerung von allem Eirchen- 
tosneh enthüllen. Am reichsten ist die Vereinsthatigkeit in Würt- 
temberg und davon habe ich ein für dieses ganze Gebiet vielleicht 
wäsk unrichtiges Bild in der Sammlung: »Christliche Zeitfragen« 
gegeben: das evangelische Schwaben 1886. Vielfach beruht indessen 
diese Liebesthfttigkeit auf dem Zwang des Gesetzes. Erklärlich, da 
die relbrmatoriflchen Grundgedanken erlöschen. 



12. 

Die kirchliche Verfassung. 

Idteratur: die Presbyteriale Synodalverfassimg der ev. Kirche in Nord- 
deatschland von Hoppe, 1868. 

Der Kampf um die Verüassung ist eine wesentliche Eigenthüm- 
lichkeit unserer Zeit. Die französische Besetzung des linken Ehein- 
x&rs hatte an die Stelle der Synoden Konsistorien gebracht. In 
Preussen wurden 1808 die Konsistorien und Centralbehörden der 
Siehe beseitigt und die kirchHchen Angelegenheiten besonderen 
Ibtheüungen der Begierungen und des Ministeriums des Innern 
zugewiesen. Die gesonderten konfessionellen Behörden hörten da- 
mit ao^ auch das ref. £[irchendirektorium. Am 80. Oktober 1810 
zog ein Edict die Gföter aller Klöster, Dom- und anderer Stifte, 
BaUeien und Kommenden ein, um die pünktliche Abzahlung der 
' Eontribution an Frankreich möglich zu machen. Man versprach in 
§4 eine hinreichende Entschädigung. Schleiermacher hatte, wie 
wir schon hörten, Vorschläge gemacht zu Gunsten episkopaler Ein- 
nehtnngen mit presbyterialen in den Gemeinen. Eine liturgische 
Konmiission emp&hl 1814 Presbyterien und daneben G^istlichkeits- 



*) In der v. C an st ein 'sehen Bibel-Anstalt in Halle erschien 1886 
die 1000, AofJ^ der Meinen Octaybibel. 



102 yienehntes Kapiid. 

Synoden. Auf dem rechten Bheinnfer war der alte presbyteriik 
synodale Organismus im Grange geblieben. Die Grabchaft Midi 
feierte 1812 den lOOjfthrigen Bestand ihrer Synode. Ln Henof 
thmn Berg entfernte nachher der rassische Gonvemenr die Synoda 
und errichtete in Düsseldorf ein Oberkonsistorium. 1815 erschieiin 
wieder die selbstst&ndigen Konsistorien; es folgte die Emeiming 
eines besonderen Ministers der geistlichen Angelegenheiten; 18tt 
gab es auch wieder Greneralsuperintendenten. Ifit der Union wui* 
den auch Kreis- und Proyinzialsynoden ins Leben gerufen, aber 
diese, die nur aus Geistlichen bestanden und deshalb mit Bedrk 
von den französisch-ref. Gremeinen bekämpft wurden, blieben ohne 
Erfolg. Man resignirte wieder der Kirche so zu helfen. Für Rhein- 
land und Westphalen lag die Sache günstiger und hier wurde eise 
Kirchenordnung vorgeschlagen, in der die Kreissynoden von dem 
vom Könige ernannten Superintendenten geleitet werden sollten: 
eine für die jülich-cleve'schen Lande unerhörte Auffassung. Die 
rheinischen Proyinzialsynoden sprachen sich gegen diese königlichen 
Pläne aus. Am 1. September 1819 gab die aus lutherischen und 
reformirten Vertretern rereinigte erste wesiphälische Provinzialsynode 
zu Lippstadt die Erklärung ab, dass sie an ihrer alten freien Pres- 
byterial-Yerfessung festhalte, weil diese die einzige einem 
evangelischen Kirchenwesen an gemessene seL »Das ein- 
zige Haupt der Gemeine ist Jesus Christus und die Kirche kennt nicht 
zwei Stände: einen herrschenden und einen beherrschten. c »Der 
Begent hat nur von den Beschlüssen der Synoden Kenntniss zn 
nehmen und ihre Bestätigung zu verweigern, wenn sie die bürger- 
lichen Gresetze verletzen«: die klaren Grundsätze der calvinischen 
Beformation. Die Regierung Hess einstweilen ihre Vorschläge fallen, 
bis neue Anregungen die »Kirchenordnung für die evangelischen 
Gemeinen der Provinz Westphalen imd der Rheinprovinz 1835« ent- 
stehen Hessen. Es war eine Verschmelzung von presbyterialer 
-Synodalordnung mit konsistorialem Element. Erstere empfing die 
Wandlung, dass die Aeltesten nur für eine zweijährige Amtsthätig- 
keit gewählt wurden imd die Presbyterien neben sich eine G^meine- 
repräsentation erhielten. Die Provinzen wurden in Kreisgemeinen 
eingetheilt, die eine Ejreissynode bildeten. Diese ist ein Theil der 
alle drei Jahre zusammentretenden Provinzialsynode. Als die Am- 
sichtsbehörden der Staatsgewalt bestehen das Ministerium der geist- 
Hohen Angelegenheiten, die Provinzialkonsistorien und die Regie- 
rungen. Der Generalsuperintendent als vom König ernannter G^eist- 
Hcher ist der Vorsteher der Provinz und hat das Recht, bei der 



2 



Die Zoitftnde in den Gemeinen. X03 

nmnsdalsynode Antrftge zu stellen. In- dieser von allen echten 
ifimnirten gehassten Ejrchenordnnng war das staatliche Eirchen- 
giment wie ein todtes Metall in einem lebendigen Körper. — 
iter dem Minister Eichhorn geschah an die westlichen Synoden 
44c die AnfTordernng einer Bevision der bestehenden Verfassung. 
ese wünschten die Bildung einer bestimmten staatlichen Behörde, 
3 das YoUziehungs- und BeauMchtigungsrecht habe. Die im 
iten. 1844 gehaltenen Provinzialsynoden — nur erweiterte Oeist- 
ihkeitssjnoden — sprachen sich fiir die Heranziehung des Gemeine- 
eoDLentes ans. 

In der Gbneralsynode von 1846 Luiden sich auch schon aus 
der Provinz je drei Gbmeineälteste. Man beantragte, sich an 
w Vorbild des Westens anschliessend die Einfuhrung einer neuen 
emeineordnung. Friedrich Wilhelm IV. hatte kein Wohlgefallen 
D. diesen Beschlüssen: es kam nur zur Bildung eines Oberkonsi- 
kxdums in Berlin; dasselbe stürzte schon wieder 1848. Die Ver- 
issungsurkunde vom 5. Dezember 1848 stellte in Artikel 12 den 
atz auf: »Die evangelische und die römisch-kathoUsche Kirche sowie 
)de andere Beligionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Ange- 
igenheiten selbstständig.« Gutachten, die der Minister v. Laden- 
»erg in Bezug auf die ev. Kirche einforderte, stimmten wenigstens 
gemeinsam fiir die Errichtung von Presbjterien; auch Stahl war 
afor eingetreten. Eine besondere Abtheilung des Ministeriums der 
:eistlichen Angelegenheiten sollte sich nun mit den VerfEissungs- 
orschlftgen beschäftigen. Sie wurde 1850 »der Evangelische Ober- 
irchenrath« mit erweiterten Befugnissen. Inzwischen hatte der 
besten sich mit der Bevision seiner Verfassung beschäftigt und es 
rschien 1849 die »revidirte Kirchenordnung« mit grösserer ünab- 
iSngigkeit von der Staatsgewalt. Für die anderen Provinzen rückte 
ie Angelegenheit nicht weiter, weil der König, von tiefsinnigen, 
igenen Gedanken über das Kirchenregiment beseelt, wie er sie so 
ßhön gegen Bunsen ausspricht, sich nicht für die modernen Ideen 
egeistem konnte*). Im Jahre 1852 erlangten die östlichen Pro- 
inzen nur die Genehmigung einer Reihe von Einzelbestimmungen, 
'ergeblich suchte der edle und weiterblickende König die »rechten 
[ände«, in welche er die Bürde seiner Kirchengewalt niederlegen 
onnte. Die Beformbewegung wurde wieder aufgenommen durch 
rläuterongen zu einer Gemeineordnung, die den unevangelischen 



*) Richter, König Friedrich Wühelm IV. und die Verfassung der 
V. Kirche, 1861. 



104 Umnbnfcet KmpML 1 

SatE entiDAlteii: die Gememe konunt la ifann Begriffe mr donäV^ 
das Amt und hat in ihm den IGttelpiinkt Ifagutrale von libentaülj^ 
Ansicht» Patrone von Intheriacher agitirten gegen die Gememeadi-B^ 
nong mit ihrem »Sjrehenrathc Ss kam m keiner ToUstiiidigail!! 
Oarganisation. Das Jahr 1860 Uess die KOnigUohe Ordre xnr aOg»- If 
meinen Sinrichtong von Pk^foyterien oder OemeinekireheniflUlMill 
eoTBcheinen. »Die Yertzetong der Gemeinen gesehieht daiA dieli 
Aelte8ten.€ Zuerst kam es in der Provinz Preos e en m KresesynodBi l| 
(1861): aus dem SiqMrintendenten, sämmtlichen Pfiirrem und je li 
einem für drei Jahre gewählten Aeltesten jeder Gemeine beetehenL I: 
Einige Eirchenpatrone kannten als Ehrenmitglieder beiwc^lmen. In | 
Jahre 1862 traten in Posen und Pommern, 1864 in BrandenbBig^ 
Schlesien nnd Sachsen die Kreissynoden sosammen. !hi Preossn 
nnd Sachsen konnten sich zwei kleine ref. Ereissynoden InMn: 
ohne Grand von den Lutheranern beneidet. 1867 ging der Entwurf 
einer Provinzial-Synodal-Ordnung zur Berathung an die Ereissynoden 
ein. Es war dieselbe Verbindung wie im Westen von presbyteriaka 
und konsistorialen Elementen. Eine reformirte Stimme sagte: »Da 
die sogenamite Provinzialsynode in § 6 sich nur im Allgemeinfln 
amf die in unserer evangelischen Lasideskirehe — was diese er. 
Landeskirche ist, ist schwer zu sagen — zu Becht bestehraideH 
reformatorischen Bekenntnissen stellt, diese aber in wichtigen Punk- 
ten differiren und weil sie dann für jede einzelne Gemeiae wieder 
ein besonderes Bekenntniss nach § 1 anericennt, so kann sie selbst 
nur trotz alles entgegenstehenden Scheines dne bekenntnisslose 
Vereinigung mehrerer Bekenntadsse sein. Alle früheren Pnmmdal- 
Synoden begannen mit der Zustinmrang zu einem Glaubensbekemit- 
niss, das ihre Konformität beieugte.c Das BSthsel der Union e^ 
nenerte sich in der Verfeussung. Lfiagere Zeit gab es weitezhm 
doch nur &eis8ynoden, bis das Eirchenregiment des Dr. Herrmann, 
unterstfitzt Ton dem Eultusminister Falk, eine gründliche Aende- 
nmg bewiricte. In dem gerechten Eampfe mit Rom hatte man »pari- 
tätische Stockprügel« für die ev. Eirche (1887 waren die bddea 
Eirchen ganz »incommensurabele Grössen«) für nöthig gehaHen: 
man lud ihr ungerechter Weise in der Gesetzgebung von 1872 — ^75*) 
einen Eanzelparagraphen, ein Schulaufidchtsgesetz, ein Eulturexamen, 
önen Gerichtehof für geistliche Angelegenheiten auf und grüF mit 
blinder Eile, ohne auch nur den Oberkirchenrath zu fragen, durch 



*) Ein Scfarifbchen von 1678: Ein Wort über die Eirehen- 
gesetze sah das Ende dieser Gesetzgebung yoraus. 



Zngiliide in den Gemeinen. 105 



Svileh^geseti in die innersten Veriiftltnisfle derselben ein, selbst 
diilos den ünterbah vieler QeisÜicber durch das Aufhören der 
ienmen serstöiend. Die ev. Kirche musste ein Schmerzeii|igeld 
n, zumal taudk Artikel 12 der Yerßissung ge&llen war. Auch 
n den Spott der Liberalen, welche aus dem Munde eines E. 
hier Terkfindeten, dass das Civilehegesetz gerade in dem Mittel- 
st der Bildung und Gesittung bewiesen, dass die ev. Kirche 
u Boden im Volke voUstftndig verloren habe und zu einem 
Q noch einen Inhalt aufweisenden Schemen au%etrocknet sei. 
Herrmanns Mühe brachte im September 1878 eine neue 
henver&ssung mit Gbmeinekirchenrath und Oemeinekirchen- 
letung ans licht mit so weitgehender Bestimmung über die 
Ibaikeit, dass nur offenkundige Spötter ausgeschlossen waren. 
bren ersten Anflingen war diese neue Yer&ssung ein Aergemiss 
t Gleichen: Spötter, Atheisten und Freimaurer erschienen in der 
retnng der Gemeinen; die Wahlen der Pastoren wurden die 
ben Erniedrigungen der sich dem unwissenden Volke vorstel- 
en Bewerber. Die ganze ünvorbereitetheit des ev. Volkes für 
le Freiheit zeigte sich. Nachdem die Verfassung die widerliche 
itzemühle des Landtagesc durchgemacht hatte und die Kosten 
üe Synoden spftrlich bewüligt waren, während die Nation Mil- 
en im Rausche des masslosen Untemehmungstriebes vergeudete^ 
Ol die Provinzialsynoden und 1875 die ausserordentliche Gene- 
node zusammen, deren Beschlüsse 1876 die Genehmigung des 
Itages erlangten. Herrmann hielt sich noch gegen den Ein- 
der HoJ^rediger bis 1878, wo der König alle von ihm vorge- 
kgenen Mitglieder der Provinzialsynoden ablehnte und so seinen 
herbeiführte (f 1885). 1879 wurde die erste ordentliche Gbne- 
node des ganzen alten Preussens in Berlin unter dem Präsidium 
Graf Arnim gehalten. Sie erliess eine Trauordnung. 1885 
die zweite, die wesentliche Aendemngen an einigen Paragraphen 
Verfassung vornahm. Die Synode beschloss einen Hirtenbrief 
Seneralsuperintendenten für die Sonntagsruhe: disciplinarische 
ohungen verhinderten denselben. Das staatliche Hoch brach die 
oität der Synode. Selbst in der Halbheit seiner Benützung 
ler refonmrte Veifassungsgedanke der kranken Gegenwart Wohl- 
erwiesen. Auch die neuen Provinzen haben jetzt ihre Provin- 
Tnoden, darunter das ref. Hessen, in dem schon einmal früher 
seil und Hupfeld den Gedanken angeregt hatten. In anderen 
sehen Landestheilen war schon früher das Synodalwesen einge- 
;; 1818 in Ehembayera, 1821 im GroBsliQirzo^xmv. %^^tl Tsdk» 



i 



106 Vierzehntes Ki^iteL 

regelmässigen Diözesansynoden und einer periodischen Landessynodt^ 
Nach 1848 wurde die Sache auch in Bayern, Württemberg (185K; 
bis 1867), Sachsen und anderen lutherischen Landeskirchen in 
griff genommen und überall Synoden gebildet, 1881 aach in Anhalii? 
Neue Bemühungen für die Gestaltung der ev. Kirche erhoben 
1886 in Preussen, als Rom seine völlige Selbstständigkeit wieder^ 
errungen. Man wünschte eine bessere Dotation und berechnete^ 
dass die ev. Kirche während 50 Jahren, wenn sie völlig paritätisek le: 
behandelt wäre, 145674129 Mark zu wenig erhalten habe; mw' 
wollte eine grössere Freiheit der Qeneralsuperintendenten, der Be- 
schlüsse der Gbneralsynode gegenüber dem Veto des Staatsmim» 
steriums (Gesetz vom 8. Juni 1876), eine kirchliche Beeinflussung 
der Besetzung der theol. Professuren: eine mehr hirtenamtliche 0^ 
ganisation schwebte Vielen in bescheidenen und billigen Wünschen 
vor, aber alsbald malte die Parteisucht das Gespenst der Hierarchie 
an die Wand nach römischem Muster, die Kirche war wieder ze^ 
rissen und der Liberalismus höhnte die ev. Orthodoxie als ein» 
Emporkömmling plebejischen Ursprunges, fem von der Höhe, aof 
der wandellos Rom steht. Der Staat selbst verhielt sich kalt und 
abweisend und hatte kein Trostwort für das misshandelte Aschen- 
brödel. Von Ihm wurde ein Wort colportirt: Ein römischer Bischof 
ist mir mehr werth als die ganze ev. Ejrche. Als in Württemberg 
der Staat neben den P&rrgemeinerath 1886 noch einen Gemeine- 
kirchenrath setzte und die ganze Synodalverfassung erschütterte, ^ 
nannte nicht ohne Becht Bümelin mit einem badischen Ein&ll i 
die Vereinigung von Konsistorium mit Landessynode eine Bepublik 
mit einem Grossherzog an der Spitze. Eine Neugestaltung des ev. 
Kirchenrechts in unserem Jahrhundert versuchten mit grossem 
Talent Ludwig Bichter, E. Herrmann, Jacobson, Dove und 
Hinschius. 

18. 

Die evangelische Volksschule. 

Literatur: Heppe, Geschichte des deutschen Yolksschalwesens, 1858 
bis 1860. A. Schorn, Geschichte der Pädagogik, 1878. H. Beckh, 
Lehrbuch der ev. VolksBchulkunde, 1885. Schmid, Encyklopftdie 
des gesammten Erziehungswesens, 2. Aufl. 1877 ff. 

Keiner der Träger der Erweckung in unserem Jahrhundert war 

zugleich ein hervorragender Schulmann. Das 19. Jahrhundert hat 

auf dem Schulgebiete weder emen Lutibftr noch auch nur einen 



Die Zotttüde in den Gtomeintn. 107 

Fruieke aa&nweiseiL Es hat das nächst dem, dass sich solche 

Hilmar eben nicht heryormfen lassen, hauptsächlich drei Ursachen. 

¥fli8 erste waren die mächtigen Anstösse, welche das Schulwesen 

fÜbeiiiaiq>t von drei verschiedenen Seiten her, nämlich von dem 

IttBliBtifichen Francke, dem rationalistisch-fronmien Pestalozzi 

und dem radikal-freisinnigen Boussean erhalten hatte, noch zu 

siaik nachwirkend, als dass etwas wesentlich Neues hätte dagegen 

aufkommen können. Gerade in evangelisch erweckten Kreisen geht 

his heute das Streben dahin, auch in unseren Volksschulen den 

Grandsätzen A. H. Francke*s][^Geltung zu verschaffen — Dann 

beschäflägten sich seit der nationalen Erhebung in den Freiheits- 

kriegen die weitesten Kreise mit dem Schul- und Erziehungswesen: 

Staatsmänner, Philosophen (Fichte, Herbart) und Theologen 

(Behleiermacher und vor ihm A. G. Niemeyer und Professor 

Schwarz in Heidelberg). Fürs dritte nahmen die Regierungs- 

(H!gane die Gestaltung des Schulwesens immer mehr in ihre Hand 

und liessen einzelnen Männern nur beschränkten Baum zur Aus- 

f&hnmg et¥raiger origineller Gedanken. 

Die wieder erwachende, positiv evangelische Geistesrichtung 
machte sich nach und nach über die freiere humanitäre Bichtung 
geltend. Das zeigte sich in Preussen besonders in zwei Thatsachen: 
in der Entlassung des freisinnigen Diesterweg im Jahr 1847 und 
in der Au&tellung der drei preussischen Schulregulative 1854. In den 
letzteren zeigte sich der Einfluss der positiv ev. Bichtung in dreier- 
- lä: 1) Während der Seminarunterricht im allgemeinen im beschei- 
denen Bahmen des Yolksschulunterrichts bleiben sollte, wurde be- 
stimmt, dass er bezüglich des Unterrichts in der deutschen Sprache 
und des Beligionsunterrichts über die direkten Bedürfrisse 
der Elementarschule hinauszugehen habe. 2) Die schon im General- 
i Landschul-Beglement von 1763 gegebenen Bestimmungen bezüglich 
des sogenannten Wochenspruchs, des Memorirens bestimmter Lieder 
nnd Psalmen, welchö theilweise in Vergessenheit gerathen waren, 
wmrden wieder ins Leben gerufen. 3) Die biblische Geschichte, 
ior welche in jedem Beglement nur 1 Stunde wöchentlich einge- 
iftqmt war, soUte nun zur Grundlage des gesammten Beligions- 
unterrichts gemacht werden. (Ver&sser der Begulative ist Ferd. 
Stiehl; ausgegeben wurden sie durch Minister v. Baum er). Ein 
heftiger E^ampf gegen die Begulative begann. Falk ersetzte sie 
im Jahre 1872 durch die sog. Allgemeinen Bestimmungen. 

Die hervorragendsten Vertreter der ev. Pädagogik in unserem 
Jahrhundert sind Theologen. Der bedeutendstÄ vonihnftu ist Cht i- 






108 YienehntM 

stian Palmer, Professor in Tübingen. (EvangeHsdie Rldagogik 
1858, 5. A. 1882). Neben ihm ist zu nennen Bormann, preoss. Sclnd- 
rath, Yer&sser einer »Evang. Yolksschnlknnde« nnd Heransgeber 
des Scbnlblattes der Provinz Brandenbarg. Femer: Schütze, Send- 
nardirektor in Waldenbnrg in Sachsen (Evang. Schnlknnde), Lndw. 
Völter, langjähriger Bedakteor des Südd. Schnlboten, nnd Pro- 
fessor Gerhard y. Zezschwitz in Erlangen (f 1886)*). Zu 
vergessen ist hier anch nicht der Seminardirektor Wilhelm Stern 
in Earlsrohe: ein leuchtender Stern am Himmel der Yolksschnb 
(t 1878) ♦♦). 

Das Jahr 1848 brachte eine erneute Scheidung der Geister andt 
auf dem Schulgebiet und zugleich eine neue praktische Erscheinung: 
die Schul- und Lehre rvereine. Wie die »fiieisinnigen« Lehrer 
und Schulfreunde sich zusammenschlössen zum Kampfe für ibre 
Ideen und Wünsche, so auch die evangelisch gesinnten. Die her- 
vorragendsten evangelischen Yereine dieser Art sind: 

1) Der Yerein evangelischer Lehrer und Schulfreunde 
in Bheinland und Westphalen, gegründet 1848 und ge- 
leitet von Bektor Dörpfeld in Barmen, dem bedeutendsten 
positiv evangelischen Yolksschullehrer der Gegenwart 

2) Der Deutsche ev. Schulverein, gegründet auf dem Kirchen- 
tage zu Berlin 1858 durch Gymnasiallehrer Th. v. Thrämer, 
gegenwärtig geleitet von Gymnasialdirektor Lic. Dr. Kolbe 
in Treptow a. d. Bega. üm&sst Lehrer aller Kategorien. 

8) Der Verein ev. Lehrer in Württemberg, gegründet 1865 
von dem Lehrer Dietrich, zählt jetzt 500 Mitglieder. 

4) Der Deutsche ev. Lehrerbund, gegründet 1872 von Ham- 
burger Lehrern und jetzt über ganz Norddeutschland aas- 
gedehnt. 

5) Der Yerein zur Erhaltung der ev. Yolksschule, ge- 
gründet 1877 von Pastor Zillessen in Orsoy a. Bh. zur Be- 
kämpfimg der Simultan- und religionslosen Schulen. 

Mit Ausnahme von Nr. 2 befassen sich alle diese Yereine &8t 
ausschliesslich mit dem Yolksschulwesen. Kleinere Yereine bestehen 
ausserdem noch in verschiedenen Theilen des Deutschen Beiches. 

Um alle diese Yereine und Bestrebungen zusammenzu&ssen, 
wurde (zum erstenmal 1882) der Deutsche ev. Schulkongress 
ins Leben gerufen. 



*) Eine Erixmenmg an ihn, 1887. ] 

**) Ueber ihn Ledderhose, 1877. 



Die Ziistftiid6 in den Gemeinen. 109 

Da die Predigt so wenig in der Gegenwart geliört wird, ist die 

. Yolksschnie *) mit ihrer Bibel nnd dem ev. Liede* von unübw- 

hbarer Bedeutung: sie die Ursache, dass der Amerikaner Taylor 

Deutschland am meisten Moral, Beamtentreue und Pflichtgef&hl 

nd. 

Und hier erhebt sich das Lob der Reformation: während die 
&Iker Borns sich in sittlicher fllulniss befinden, ist Deutschland 
ach hier die Eriminalstatistik zu Ungunsten der Römischen) noch 
3erall mit heilsamem Salze bestreut und von Gedanken der G^ 
tchtigkeit durchzogen. Auch unter der Decke religiöser Gleich- 
ültigkeit leben dieselben segnend fort, und dies namentlich durch 
ie Volksschule. Nach vier Jahrhunderten wirkt noch immer die 
meuerung durch Luther. »Sie wissen gar nicht,« sagte Gk>ethe 
1 den romanisirenden Romantikem, »was sie alles Luther ver- 
Ulken.« 

14. 

Die Sekten. 

iteratar: The ScTenty-First Report of the Weslejan-Methodist Mis« 
sionary Society, 1885. Flitt, die Albrechtsleute, 1877. Jüngst, 
die ev. £irche u. die Separatisten der Gegenw., 1881. E. Miller, 
History an Doctr. of Lringisine. Schlagintweit, die Mormonen, 
1874. Schneider, der neuere Geisterglaube, 1882. KnrzgefaBste 
Nachrieht von der ev. Brüder-Unität, 1876. Brüder-Almanach £. 
1886. Eolde, die Heilsarmee, 1885. Richter, die christlichen 
Sekten, 1887. Dresbach, die protest. Sekt, der Gegenw., 1887. 

Von der grossen methodistischen Gemeinschaft arbeiten in 
Deutschland die von Amerika unterstützten bischöflichen Metho- 
isten, welche der Bischof Hurst neulich visitirt hat (in Deutsch- 
ind und in der Schweiz 10,713 Mitglieder), die von England 
aterstützten wesleyanischen Methodisten, die »evangelische 
em ein Schaft oder Albrechtsleute«, mit Amerika in Verbindung 
riter der Oberleitung des Bischofs Escher, der 1885 Deutschland 
im achtenmal bereiste; letztere zählt 5300 Glieder, von denen der 
rösste Theil auf Württemberg kommt, das überhaupt der frucht- 
are Boden für die Methodisten ist, die jetzt aber von der Kirche, 
ie sie abbrechen wollen, energisch bekämpft werden. Der Metho- 
ismus wül nichts als das ernstlich genommene Christenthum sein, 
limmt sich eifrig des armen Volkes an, ist aber vorwiegend eine 



*) In Prenssen besuchen 4,800^000 £indei dia ö&atüfQha Yolkaeßbnl«^. 



110 Vienehntee Ki^iteL 

gesetzliche YollkommenheitstreibereL Als Pearsall Smitli'*') näl' 
uaeniiüdlicben Worten und schönen gefthrlichen ' Augen Dentadb«! 
land 1875 phantastisch durchwanderte — er bekehrte unzählige, iir~ 
Berlin wurden ihm in einer nächtlichen Yerheissimg gleich mdurl- 
als 200 Jünglinge auf einmal geschenkt, — da offenbarten aiige> 
sehene Lehrer, was sie von Rechtfertigung und Heiligung verstandoL 
Er verschwand wieder nach einem grossen Aeigemiss. Neuerdingi 
hat er seine Tochter mit einem liberalen englischen KatholÜDOi 
verheirathet. Doch noch immer tauchen Amerikaner oder Engländer 
au^ die mit stammelnden Beden und Verbreitung von N. T. »Deutsck» 
land evangelisiren wollen«, während es besser wäre, dafür zu sorget» 
dass in England der gute deutsche Schulunterricht eingeführt werde. 
Sommer ville Hess- in Oannstatt von den Leibern seiner gegen- 
wärtigen Freunde grössere Ströme des Lebens ausgehen als dar 
Neckar. — Ebenso thätig sind die Baptisten mit innerem Streito, 
ob der Kopf der Täuflinge zuerst und vor dem übrigen Körper m 
Wasser getaucht werden müsse oder ob dies auch anders geschehe 
könne. Sie verbreiteten mit Erfolg die volksthümlichen Predigten 
ihres berühmtesten Eedners Spurgeon und haben in Deutschland 
in Oncken zu Hamburg einen auch in einem reichen Verlag ener- 
gischen Arbeiter gehabt. 1886 zählte man 101 Baptistengemeinen 
in Deutschland. — Die Irvingianer, von dem Schotten Edward 
Irving (t 1884) gegründet, traten mit der erlogenen Zuversicht 
auj^ die Apostel, auf die die Kirche für alle Zeiten als eine in ihr 
nothwendig zu bestehende Ordnung gegründet sei, in ihrer üfitte 
zu haben, neben ihnen nach Ephes. 4, 11 noch andere Aemter, 
dabei eine prophetische €^be, die die Zukunft des Herrn als nahe 
bevorstehend laut verkünden müsse. Die Sündlosigkeit Christi be- 
streitend wurden sie auch darin als Verfahrer offenbar, dass ihie 
Apostel wegstarben, ehe die Zukunft des Herrn hereinbrach. Sie 
gewannen den vortrefflichen Professor Thiersch (f 1885)**), der 
die beste Lanze gegen Baur eingelegt hatte und dann missionirend 
mit seinem schweigsamen Apostel Carlyle als der Prophet des- 
selben in umgekehrter Weise wie Paulus und Bamabas durch die 
Lande zog. Neuerdings Streitigkeiten unter den Lringianem, ob 
neu erstandene Apostel nicht falsche Apostel seien. — Die Dar- 
bysten, von John Darby (f 1882) ins Leben gerufen, bekämpften 
die geistlichen Aemter und die Kirche als ein Babel und lehrten 



*) Pearsall Smith in Berlin, von Baur, 1875. 
**) Von ihm ein LebenslnLd m dei QQii»«c^«i^'7«ii Monatsschrift, 1886. 



■^ 



Die Znstftnde in den Gemeinen« Hl 

eine schwännerisclie Heiligang, die die Sünde ganz überwunden 
habe. — Christoph Hoffmann in Schwaben errichtete in seinen 
Freundeskreisen den »deutschen Tempel« oder die Sammlung 
des Volkes Gottes in Palästina und gründete dort Kolonien, die 
gegen den Earmel vorrückten (f 1885). Mehr und mehr ungläubig 
gab er die Warte des Tempels heraus und seine Lebenserinnerungen. 
Der Beichsbrüderbund zu Haifa sagte sich von ihm los. — In 
Württemberg haben auch die Swedenborgianer durch die Be- 
mühungen der Tafel und die Wochenschnffc der Neuen Kirche einen 
Kreis von Anhängern. Sie verkehren viel in einem Jenseits, das 
sie nicht kennen, in das aber der moderne Mensch in abergläubi- 
scher Neugierde in Briefen aus der Hölle und aus dem Himmel, in 
Todtentänzen und dergleichen, um so lieber schaut, um so weniger 
er ein Unsichtbares glaubt. Diesem kranken und unter dämonischem 
Betrage stehenden Bedürfioiss dient auch der namentlich in Sachsen 
wuchernde Spiritismus des Grafen Poninsky und des Dr. Wittig, 
des Redakteurs der Psychischen Studien, dem selbst ein tüchtiger 
Naturforscher zum Opfer fiel, der aber von dem Erzherzog Johann 
in Wien in seiner geschickten Taschenspielerei aufgedeckt wurdeu 
— Der bayerische Pfarrer ClÖter organisirte eine deutsche Aus- 
zogsgemeine nach Südrussland und rief die Fluchworte der Be- 
trogenen auf sich herab. — Die englische Heilsarmee hat bis 
1886 nur die Grenzen Deutschlands mit ihrem pro&nen HaUelujah 
erfüllt, da machte sie einen Einbruch in Stuttgart. Auch die Mor- 
monen gewinnen nur in den Küstenstädten einige Opfer, doch soll 
es auch in Bayern 124 Mormonen geben. — Nicht zu den Sekten 
gehört die Brüdergemeine, deren .»Losungen« in der ganzen 
Kirche verbreitet sind. In Albertini hat sie einen Dichter lieb- 
licher Lieder gehabt. Sie ist in diesem Jahrhundert in ruhigem 
Gange fortgeschritten. Der äussere Zugang ist gering gewesen. 
Diaspora- und Missionswerk gewann grössere Ausdehnung, 6 Synoden 
wurden bis 1857 gehalten, sämmtlich in Herrnhut. Zur Stärkung 
des Glaubens und Belebung des Gemeingeistes diente die erhebende 
Feier des hundertjährigen Jubelfestes in Hermhut am 17. 
bis 19. Juni 1822. Grosse Schaaren nahmen daran Theil. Kölling 
ver&Bste die Gedenktage der alten und erneuerten Brüderkirche. 
Wichtig war die Synode von 1857, in der die Trennung in drei 
Provinzen mit gesonderter Verwaltung ausgesprochen wurde. Die 
Synode von 1869 zeigte eine besondere Theilnahme für das Werk 
in Böhmen und Mähren. Sie sanktionirte auch die Missions-Bildungs- 
Schule in Niesky. 1888 hat ihr bester Theologe Y\\\»\. \il >^tä&ä 



112 Vienehntes Kapitel 

und Wahrheit« ihre Lehre zusammengefEisst. Die G^eBammtuhl 
Brüdergemeinen beträgt 154, davon 28 auf die deutsche 

15. 

Die Mission. 

Literatur: Hier dot: Christlieb, der gegenwftrt^e Stand der 6f?aii§^ 
lischen Heidenmission , 1880. Qnndert, die er. Minion, IML 
Warneck, Abriss einer Geschichte der protest. Missionen» ISSH' 
Von demselben: Protest. Belenchtnnff der rOnuschen Angriffe wd 
die ey. Heidenmission , 1884. Zor Statistik der er. Mission roa 
Ornndemann, 1886. AUg. Missionsieitschrift Ton Warneel^ 
seit 1874. Derselbe: Die Mission in der Schule, 1887. 

Während die Reformatoren nicht einmal den Missionsgedanken 
kannten, oder sich mit dem für die Unentschnldbarkeit der Natunua 
ausreichenden Schöpfongs- und Gewissenszengniss zufrieden gabsBi 
bat der Pietismus dieses Jahrhunderts in seiner weltum&ssendea 
Wärme eifrig auch die Heidenmission betrieben. Kaum naehdaa 
er einige Plätze in seinem eigenen Hause wieder erobert hatte, er- 
griff er die Missionspläne. Der Aussendungsbefehl des Herrn, Matth. 28, 
gilt nur den Aposteln, denn auf deren Onmd ist die Kirche g»- 
l)aut. Zu Anfang dieses Jahrhunderts gründete Pastor Jänicke in 
Berlin eine kleine Missionsschule. Er war durcb ausserdeutsche 
Missionsuntemehmungen, die deutsche Christenthumsgesellschaft und 
den Oberförster von Schirnding in Dobrilugk angeregt worden. 
Er begann mit 7 Jünglingen. Etwa 80 Missionsarbeiter sollen ans 
dieser Schule hervorgegangen sein; unter ihnen bedeutende Mämier 
wie Gützlaff, der grosse Kenner Chinas, und Biedel, der in dor 
Minahassa wirkte , aber in dem Dienst englischer und niederländi- 
scher Missionen. 

Zählen wir die einzelnen Missionsgesellschaften auf: 

1. Die Brüdergemeine mit dem Haiqptsitz in Herrnhni 
Die Mission hier Sache der ganzen Bruderkirche (jetzt 81,000 Seelen). 
Mit der Losung : Im Glauben wagen wollte man sich der gesunkenstsa 
Heiden annehmen. Nach Westindien, Grönland, Labrador, nadi 
Nordamerika zu den Indianern, nach Gentralamerika und Suiinaa, 
nach Südafrika, Australien und in die Schneeregionen des HimaJaya 
wurden im Lauf von 154 Jahren gegen 2800 Männer und Fiaaen 
gesandt. Gegenwärtig 107 Stationen mit 152 europäischen und etwa 
1625 einheimischen Arbeitern (ohne die Frauen), 88,052 Ghzisten, 
-darunter 29,283 Kommunikanten. Ausgaben 405,046 Mark. 

2. Die Baseler Missionsgesellschaft. Die erwähnte 



Die Zustande in den Gtemeinen. 118 

CSnistenthnmsgesellBchaffc, seit 1780 in Basel thätig, regte anch die 
Seidenmission an. Zwei ilirer Sekretäre, Blnmliardt und Spitt- 
ler*), wurden die Väter der 1815 eröf&ieten Baseler Missions- 
Bchnle, welche in den Kaukasus bis nach Persien ihre ersten 
Si^linge sandte. Als man Asien aufgeben musste, wandte man 
sich nach Westafrika, Indien und China, neuerdings auch nach 
Kamerun und Victoria. Die Baseler Mission ist eine FiHale Württem- 
bergs, von dem sie die Inspektoren und Lehrer und die grQssten 
•Chben empfitaigt (1884 147,006 Mark). Schwaben wie Chr. G. 
Blumhardt, Hoffmann, Chr. Blumhardt, Josenhans, Ot. 
Oehler, Schott, Prätorius (er stirbt auf einer Inspektionsreise 
in Westafrika) , neuerdings wieder ein Oehler, dann Gess, Reiff, 
Kinzler wirkten oder wirken an der Anstalt. Ihre Feste waren 
«ft die Glanzpunkte der Vereinigung aller Christen. Eine Ver- 
3ifl]ehtung der Missionare auf ein kirchliches Sonderbekenntniss findet 
nidit statt Im Jahre 1884 99 europäische und 339 einheimische 
Jfissionare mit 16,154 Christen, darunter 8017 Kommunikanten; 
Ausgaben 832,614 Mark. 

3. Die Pilgermission auf St. Chrischona bei Basel, 1849 
Ton Spittler begründet, hat ihre 2 Missionare aus dem G^alande 

; mr&ckziehen müssen; ihre Boten in Palästina treiben wohl wenig 
Iddenmission ; Ausgaben 42,134 Mark. 

4. Die Berliner Missionsgesellschaft, 1824 begründet, 
; -empfing 1830 ein eigenes Missionsseminar und sandte 1834 die ersten 

Missionare nach Südafrika, wo sie in der Kiipkolome, Natal, dem 
Oranje und ganz besonders dem Transvaal-Freistaate 46 Stationen 
Hut 62 europäischen und 300 einheimischen Missionaren besitzt; 
14,673 Christen, darunter 6561 Kommunikanten. Eine kleine Mission 
in China ist hinzugekommen mit etwa 800 Christen. Ausgaben 
530,390 Mark; 1885 ein Deficit von 52,895 Mark (in der Tügung 
begriffen). Bekannt ist ihr jetziger Missionsinspektor Wangemann, 
der uns aus seinem zweimaligen Aufenthalt in Afrika in lebhafter 
Weise mitgetheilt hat. Viele Tage war er zu Pferde und durch- 
schwamm Flüsse mit Krokodilen. Auf der letzten Versammlung 
der Naturforscher hat Georg Schweinfurth die Opferwilligkeit, 
den Idealismus und die Erfolge der afrikanischen Missionare gerühmt. 
Der Superintendent Merensky habe das Beste über die Erziehung 
der Schwarzen geschrieben. Die Berliner Gesellschaft hat einen 
konfessionell lutherischen Charakter. 

5. Die Bheinische Missionsgesellschaft (auch Barmer 

*) Sein Leben von Kober. 1886. 

Zahn, Kirchengeschichte. 2. Aofl. 8 



1 14 YwKwOBkim KapiteL 

nach ihrem Sitze genannt) ging 1828 aus matt 1826 gegrfindtibii] 
IfissionsgeseUschaft hekror. Ihr Gfebiet ist die Eapkokttie, Nsa*!*^^ 
mid Herorolaad; ee erweitert» sith und nahm Bomeo^ Sumatra ulF^ 
Nias in Angriff. Anch China zog man heran; neaerdings denkt nar 
an Kaiser Wilhehnsknd und Neuguinea. I>er Inspektor Fabri(kdit 
1884 zurück) ist als theologischer Schriftsteller und Anreger der sull^ 
mit Missionsfragen so reich geschmückten EolcwieeBb-Sac^e bekanai^|^ 
52 Stationen mit 70 europäischen und 868 einheimischen Missionan%|''^ 
24,828 Christen, danmter 8483 Eommanikaiitea; Ausgaben 850 Wf 
Mark. Die friedliche Conföderation luth. und ref. Elemente kt ah |^ 
weilen gestört. 

6. Die norddeutsche Missionsge Seilschaft (auch nadi ihrem 1^ 
Sitze Bremer genannt) wurde 1836 in Hamburg gegründet. 'Bmy 
Missionsschule schloss sich an. Konfession^e Fehden hinderten fa r 
Gedeihen der Gesellschaft Die Verlegung nach Bremen biadrlB"^ 
mehr Frieden. Die Missionare wurden seitdem aus Basel bezogen. 
Die Sklavenküste mit ihrem mörderischen Klima und 4as Ewerdk 
(hier schon 54 Missionsgeschwister in den Tod gegimgen) sind die 
Arbeitsgebiete. Ihr Inspektor Michael Zahn kftmpfb eifiig gegen 
den gewinnsüchtigen Branntweinhandel, der die Neger wtlst und tdl 
macht. 4 Stationen mit 10 europäischen und 30 einheiraisdifliL 
Missionaren, 700 Christen, darunter 250 Kommunikanten; Ausgaboi 
83,000 Mark. 1886 Feier des 50jährigen Bestehens. 

7. Die evangelisch-lutherische Missionsgeeellschafi 
(nach ihrem Sitz auch die Leipziger). 1836 bestand in Diesdeai 
ein Missionsseminar. Als 1844 Graul als begabter Organisator 
aufbrät, verlegte er die Missionsanstalt nach Leipzig und besudite 
selbst Indien. Das Gebiet der Thätigkeit ist bei den Tamulen im 
Süden der Ostküste Indiens. 20 Stationen mit 21 europäischen und 
305 einheimischen Missionaren, 13,103 Christen, darunter 4040 Kom- 
munikanten; Ausgaben 254,609 Mark. 1886 feierte die GeseUsdnlt 
ihr 50jähriges Bestehen. 

8. Die Gossner'sche Missionsgesellschaft. Eine der eigen- 
thümlichsten Erscheiuungen des kirchlichen Lebens in Berlin in den 
ersten Jahrzehnten d. J. war der markige, originelle Johannes 
Evangelista Gossner, der, ein Schüler des Bischof S aller, 1826 
zur ev. Kirche übergetreten und in Berlin Jänicke^s Nachfolger 
geworden war. Prochnow und Dalton haben uns das Leben 



1 



*) Warneck; Welche Pflichten legen uns unsere Kolonieen auf? 
Eefb S nnd 4 der Zeitfr. des christl. Yolksl., 1885. 



Die Zostinde in den Gemeinen. 115 

)8es oft aach wunderlichen Heiligen beschrieben, der sein »Schatz- 
stehen« in alle Welt sandte und eine ausgedehnte Korrespondenz 
brte. Er verliess 1886 das Komite der südafrikanischen Berliner 
-G. und bereitete schon 63 Jahre alt junge Handwerker zum 
issionsdienst vor, da eine allzu wissenschaftliche Ausbildung nicht 
ihig und die Apostel von ihrer Hfinde Arbeit gelebt. Im ersten 
hrzehnt schickte er 80 Missionare nach Australien, britisch und 
dderlftndisch Indien, Nordamerika und Westafrika. Er zog die 
stglocke mehr als die Bettelglocke, und war alles in allem. Mit 
an Holländer Heldring verbunden sandte er im zweiten Jahr- 
hnt 25 Missionare in den indischen Archipel und 38 auf die 
äheren Gebiete. Nach seinem Tode änderte sich der Charakter 
ines Vereines und der Gossner'sche Missionsverein betreibt 
imentlich die erfolgreiche Mission bei den Eolhs in Indien. 11 Sta- 
uten mit 20 europäischen und 224 einheimischen Missionaren, 
1,268 Christen, darunter 12,078 Kommunikanten; Ausgaben 149,648 
ark. 1886 feierte die Mission ihr 5Qjähriges Jubiläum. 

9. Die Hermannsburger Mission. Ein gleich origineller 
ann wie der Vater Gossner, der uns schon bekannte Ludwig 
arms in Hermannsburg, entsandte seit 1849 Missionskolonieen nach 
Btafrika. Sie kamen aber statt zu den Grallas nach Natal. Später 
)8Ghahen neue Aussendungen nach Indien (Telugngebiet), Australien 
id Neuseeland. An Geldmitteln fehlte es nicht. Als sich der 
rader Th. Harms separirte, kamen Klagen über grosse Schulden 
: die Oeffentlichkeit. 64 Stationen mit 76 europäischen und 87 
nheimischen Missionaren, 11,220 Christen, darunter 5061 Kom- 
miikanten; Ausgaben 200,000 Mark. 

10. Die Schleswig-Holstein'sche und eine zu Neukirchen 
)i Mors entstandene Gesellschaft regen eben erst ihre Flügel, 
rstere 2 Stationen mit 4 europäischen und 1 einheimischen Mis- 
jnar in Vorderindien (Dschaipur) und 35,000 Mark Einnahme. 

11. Der Missionsverein der »Protestanten« wiU die Japaner 
id Chinesen mit einer besseren Kultur versöhnen. 2 Missionare; 
innahme 85,662 Mark. 

12. Der Knak'sche Frauen-Missionsverein für China mit 
ner Einnahme von 22,488 Mark sorgt für das Findel- und Waisen- 
Kus auf Hongkong; der Frauenverein für christliche Bil- 
nng des weiblichen Geschlechtes im Morgenlande sendet 
rbeiterinnen nach Indien. Im Allgemeinen haben die deutschen 
rotestanten in AfriVa. 152, Asien 104, Australien 6, Amerika 80 
Qssionsstationen mit 72,706 Kommunikanteii. lA« 1£0&&t«sdl^x \s^ 



116 Vierzehntes Kapitel. 

Bayern haben neuerdings Neuguinea und Ostafrika ins Auge ge£E»st 
2 Missionare sind in der Nähe von Mombas stationirt. 

Unter den theologischen Schrifbstellem im Gebiete der MissioA 
sind zu nennen: der unermüdlich thätige Barth in dem 7(m 
Schwarzwald umsäumten Calw, ein rechtes schwäbisches Original, 
sein Landsgenosse Blumhardt, der wohlunterrichtete Warneck, 
Christlieb, Gundert, Plath, der Earthograph Grundemani 
u. A. Christlieb hält uns Deutschen unerbittlich yor, wie wenig 
wir im Yerhältniss zu den Amerikanern und Engländern iMtea 
»Alles in einander gerechnet erhalten wir auf den Kopf der eVan- 
gelischen Bevölkerung Deutschlands und der Schweiz nur etws 
7 — 8 Pf. und erreichen so nicht einmal ganz die Ziffer der luthe- 
rischen Norwegener mit 9 — 10 Pf.« Aber er freut sich dennoch 
des Wortes von Rev. Parkhurst: »Ich habe, nachdem ich eine 
Reise um die Welt gemacht, nirgends ganz neue Götzentempel, 

sondern nur überall alternde und zerfallende gesehen.« Li 

den unzähligen Missionsblättem und regelmässigen Missionsstund^ 
treten uns viele Bilder aufopfernder Missionare entgegen, die zu- 
gleich bedeutende Linguisten (Krapf*) und Christaller) und 
Geographen (Eebmann, der Entdecker des Kilimandscharo) sind — 
aber ihre Schilderung geht über den Rahmen unseres Abrisses hin- 
aus. Mit den grossartigen deutschen Kolonisationsbestrebungen 
gehen auch die Missionsgedanken Hand in Hand, selbst von dem 
Wohlwollen der Reichsregierung begleitet, die einen Deputirten zu 
den Bremer Verhandlungen zu senden nicht zögerte. Eine deutsoh- 
ostafrikanische Missionsgesellschafb hat sich gebildet, 1 Missionar 
und 1 Diakonissin. Auch Kaiser Wilhelmsland ist in Angriff genom- 
men. — Ueber die Mission unter den Juden hat letzthin de le Boi 
in der Schrift: die ev. Christenheit lind die Juden sich geäussert 
Der Pfarrer Imm. Völter in Schwaben, zwei englische, eine schot- 
tische und vier deutsche Gesellschaften, Franz Delitzsch und 
Paulus Cassel in Zeitschriften und Flugschriften, auch ein In- 
stitutum Judaicum an einigen Universitäten betreiben die Bekehrong 
eines Volkes, das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr ver- 
härtet und aus dessen Mitte auch die Konvertiten etwas Zweifel- 
haftes behalten. Auch das von Fr. Wilhelm IV. gegründete Bia- 
thum zu S. Jacob in Jerusalem, dies Senfkorn des Protestantismus 
auf dem Berge Zion, war unter dem Bischof Gobat (f 1879) **) meist 



i 



i 



*) Sein Leben von Claus, 1882. 

**) Sein Leben, 1884 (Baael, obuft Aü^abe des Ver^sers). 



Die Zustände in den Gemeinen. 117 

ar auf Judemnission verwiesen. Jetzt ist dies englisch-preussische 
isthum zu Grabe getragen. — Die Mission unter den Katholiken 
%i das auffallende Ereigniss zu bemerken, dass im Jahre 1823 der 
rösste Theil der Gremeine zu Mühlhausen im badischen Schwarz- 
ald mit dem Pfarrer Henhöfer, dessen Originalität und Wirk- 
jnkeit Frommel und Ledderhose beschrieben, zur evangelischen 
rrehe übertrat. Die Familie des Preiherm von Gemmingen ge- 
)rte mit zu denen, die den Schritt thaten. Henhöfer wurde in 
eidelberg zum Doktor der Theologie creirt als pietatis christianae 
ceptor venerabilis. Im Yerhältniss zu den Erfolgen der römischen 
irche sind die Eonversionen zur ev. Kirche nicht sehr häufig, 
^elferich, Eisenschmid, Sudhoff in Prankfürt, der Domherr 
on Richthofen*), der Erzbischof Sedlnitzky (f 1871) gehören 
ierher. Letzterer gab uns seine Selbstbiographie. Vor ihnen schon 
le Schule Sailers, Gossner und Lindl, nicht ohne ein gut 
fciick KathoHcismus herüberzunehmen. Haas, der Redakteur der 
influssreichen kath. Siona in Augsburg, schrieb seinen Weg nieder: 
bn Wittenberg nach Rom und von Rom nach Wittenberg (f 1884). 
n der preussischen Seite des Riesengebirges siedelten sich 1838 
K) Zillerthaler an, die in Tyrol keine eigene evangelische Ge- 
eine gründen konnten. 1887 feierte man ein Jubüäum, für das 

Hahn eine Denkschrift herausgab. In Schwaben ist ein Verein, 
T Bibeln im Oberlande verbreitet, aber ohne rechte Bedeutung. 

den gemischten Ehen überflügelt überall der Romanismus die 
^angelischen. In schrecklicher Weise in Rheinland und Westphalen 
d in Schlesien. Als die Gräfin Henckel von Donnersmark ihrem 
angelischen Verlobten in seinen Glauben folgte und dicht vor der 
)irath plötzlich starb, rühmten die Römischen das Gottes-G^richt, 
dere sprachen von Gift. Die Zeiten sind für Deutschland jetzt 
nz vorbei, wo manche Katholiken, wie ein Ludwig Richter**), 
chten: nicht die Präge nach der Earche bedrängte sie, sondern 
dl einer festen göttlichen Wahrheit; die besten Katholiken sind 
in politische und religiöse Fanatiker. 

Wir erwähnen hier weiter das Missionswerk von dem deutschen 
ritz Fliedner, dem Sohne des Kaiserswerther, in Spanien, der 
ßh anschliessend an den fast zu sehr gefeierten Märtyrer Manuel 
[atamoros (f 1866)***) und die Evangelisten Ruet, Carrasco 



*) Ueber ihn Besser, 1877. 
»♦) Seine Selbstbiographie, 1886. 



) Ueber ihn Böhmer und Capadose, \B6S. 



118 yierzelmtM Kapitel 

and Alhama dag Eyangelinm auf der pyrenSischen Halbinsel wt^ '^ 
breitet mit wachsender Freudigkeit, die selbst nadi den Sonntags- 
sehul^ nnd einem Waisenhanse eine höhere Bildnngsanstalt gewam 
— nicht ohne priesterlichen Hass, aber bb jetzt geschützt imd von 
dem niederen Volke, das mit so vielen Plagen heimgesucht wird, 
gerne gehört. In Barcelona arbeitet der Schweizer Empajtai. 
Ln Mai 1886 hat sich die überwiegende Zahl der ev. GreuMOMi 
Spaniens zur gegenseitigen Hilfeleistung zusammengeechlossen. El 
existiren 70 kleine evangelische Missionsgemeinen. In GuadamM 
ist ein kleines Waisenhaus in einem Kloster ^richtet, das Philqip U 
gebaut. Was würde der Tyrann dazu sagen? Die erste {Hrotest» 
tische Kirche ist in San Tom6 von armen Fischern erbaut Bb 
prot. Student ist Licentiat in Madrid geworden. 

Es erscheint uns passend, jetzt auch schon über die Walden8e^ 
mission zu berichten, da dieselbe auch von Deutschland unter- 
stützt wird. Wie eine mater dolorosa ragt die alte Waldenso^ 
geschichte auf Schritt und Tritt in unsere Medlichere Gegenwart 
hinein. Jetzt bilden 17 selbststftndige Gemeinen die Waldenser- 
kirche, davon eine in Bosario über dem Ocean in Uruguay. Sie zfthleo 
(1886) mit 120 Missionaren und 36 ordinirten Predigern im GranzeB 
4000 Abendmahlsgenossen, 454 Katechumenen , 1961 Schüler der 
Elementarschulen, 2434 Schüler der Sonntagsschulen und 773 Schfiler 
der Abendschulen. Die Verwaltung der Eorche ist eine synodale. 
Die Synode wählt die »Tafel«, das deutsche Moderamen. Von aus- 
wärts wird sie mit Vs Million Frcs. unterstützt, namentüdi von 
Schottland. Italien ist in fünf Distrikte eingetheilt. Die Mission 
ist in langsamem aber stetigem Fortschritt begriffen, obwohl die 
Masse der Italiener entweder bigott oder neologisch bleibt. Itahen 
ist vom Atheismus ausgebrannt. Lux lucet in tenebris: der aHe 
Wahlspruch der Waldenser, hat noch einige, wenn auch schwadM 
Bedeutung für die Gegenwart. Neuerdings hat Dalton eine BM- 
demng von ihnen in seiner »Ferienreise« 1885 gegeben. Vergl 
auch Actes synodaux de TEglise ev. Vaudoise de 1856 — 78. I^gnerol 
1864 und 1879. Jetzt bemühen sich die Waldenser mit den übrigen 
Meinen evangelischen Gemeinen und manchen sectirerischen evange- 
lischen Verbindungen in eine gewisse Einheit zu treten, damit 
König Humbert nicht mehr eine evangelische Deputation zu fragen 
brauche: Quante tinte?*) Sehr verdient hat sich um die evange- 



i 



*; Die Waldenser und ihr Werk von C. Comba, 1885. Die freie 



IK* Zniitiitfte m deo OemeiMn. 119 

'bebe JEaaik^ in ItaUm dar Sehotta Dr. Stewart in Legkom go- 
«wki 

16, 

Statistisches. 

Naah der ktaten YottBzfthluug hak DentschlaBd 46,8afi,704 Eisr 
rohaer. DavcMA 1«,774^822 Katholiken, davon 7,500,000 nicht 
lUramantan. 188& gab es in Preoseen 18,248,587 ErangeliBoke^ 
tute ibnon 248,17t IMhiewier und 878,275 Befonnirte; 9,621,624 
Eatholiken mit 7641 Friefitem und eiser Dotation von 2,500,000 
lark gegenüber 2»666,755 Mark for den ev. Knltus; 88,020 sosr 
{(ige Christen, 866,543^ Juden. Unter den sonstigen Christen 4711 
aenrnbuter, 18,022 bringianer, 22,728 Baptisten, 18,9^ Mennoniten, 
i821 Methodisten, QiMÜEer und Presbjterianer, 28,918 Dissidenten. 
Ißff altkatholischen Kirche gehörten in Preussea 1884 14,967 Mit^ 
jßiedar. Im deutsehen Beiche gibt es etwa 1^/3 Million Beformirte, 
SO^OOO separirte Lutheraner niit den Benitenten in Hessen, 41,600 
hptietea und Mennoniten, 6,500 Methodisten. Für 1884 kamsn 
im ganzen Beiche auf 100 Geburten 9,22 uneheliche. 1885 betrag 
in Preussen die Zahl der ungetauften Kinder aus rein evangelischen 
Ehen 4®/o, die der ungetauften unehelichen Binder 15%. Die Tau- 
fen der Sander aus Mischehen gingen auf 81,06 % zurück. Ehe- 
Schliessungen geschahen 127,027, darunter 15,296 von Mischpaaren. 
Kommunikanten 5,631,957. 30,74 % der Pfarrstellen wurden durch 
Gfemeinewahl besetzt. 2,588 Personen traten zur ev. Kirche über. 
In den östlichen Provinzen Preussens wächst die Zahl der Katho- 
iken gegenüber der der Evangelischen. In Westpreussen 8,12 gegen 
>,82. Von 1092 Pfarrstellen sind in Hannover 124 vakant. Nach 
ifittheilungen vom Jahre 1882 stellte sich das Yerhältniss der 
Kommunikanten im Beiche so: Waldeck 72,42, Bayern rechts des 
ELheins 65,31, (1886 68,1), Sachsen 64,47, Preussen 42,48, Olden- 
burg 20,26, Hamburg 8,91. 1885 waren es in Sachsen 1,469,112 
Kommunikanten. Ebendort zählte man auf 1 Million 400 Selbst- 
morde. Im Winter 1885/86 studierten in Berlin 726 Studenten 
Iheologie. In vier Jahren hatten sich in Preussen die Theol. Stu- 
dierenden um 70 Procent vermehrt. In Württemberg entspricht 
einem Aufwand von 100 Mark auf kath. Seite ein Aufwand von 



Christi. Kirche in Italien und ihr EvangeUsationswerk von Sine er o 
V. Angelico, 1886. Witte, Das Evangelium in Italien, 1861. 



120 Vierzehntes XapiteL Die Zustände in den Qemeinen. 

181 Mark anf ev. Seite bei 100 kath. Einwohnern gegenüber 
evangelischen. Von Lübeck hörte man, dass bei einer Yerdoppe! 
der Seelenzahl die Zahl der Geistlichen von 22 auf 15, der Kir* 
von 13 auf 6, der öffentlichen Gottesdienste von 45 anf 13 gesun 
1780 gingen 27,417 Personen, 1880 7,125 znm Abendmahl. B 
hat 19,251 Evangelische auf 1 Parochie, 9091 auf 1 gottesdi( 
liches Gebäude, 7982 auf 1 geistliche Stelle. Vorstadt Moabit 
80,000 Seelen und 2 Geistlichen. Im Jahre 1884 hatte die e^ 
Kirche 72 Schenkungen im G«sammtbetrage von 811,325 Mk 
kommen, die kath. Kirche 106 im G«sammtbetrage von 1,338, 
bei 64,62 % der evangelischen Bevölkerung und 88,74 ^/q der k{ 
lischen B. von der Gesammtbevölkerung. Von der Männei 
Nord- und Mitteldeutschlands werden 1 ^/q zur Kirche gehen, ! 
etwa an den grossen Festen. Höher ist die Ziffer in VTürtteml 
Bentheim, Siegen. Die gesteigerte Forderung der gerichÜi 
Eide mehrt die Meineide : 1854 bis 74 zeigt eine Zunahme in ?] 
sen um 120 Prozent, in Bayern um 300, in Württemberg um 
In Berlin sind nach Aufhebung des geistlichen Sühneverfahrens 
Anträge auf Ehescheidungen von 1881—84 auf 2,020, 2,783, 2, 
2,945 gewachsen. 



Zweiter Abschnitt. 



evangelische Kirche in Franl(reich, Belgien, 
linavien, Russland und Oesterreich - Ungarn. 



L Frankreich. 

iteratnr: G. de Police, Histoire des Protestants de France depois 
rorigine de la R^fonnatioii juaqa^au temps präsent 5«* Edition. 
Toulouse 1873. F. Bonifas, flistoire des Protestants de France 
depuis 1861. Toulouse 1874. Pres sei, Zustände des Protestan- 
tienms in Fr«nkr«ioh, 1848. Die protestantische £[irclie Ftank- 
reichs Yon 1787 — 1846. Herausgegeben von Gieseler, 1848. 
Guizot, Mäditations sur T^tat actuel de la r^ligion chr^tienne, 
1866. Geiz er, Prot. Briefe aus Südfrankreich und Italien, 1852. 
Bersier, Histoire du Synode gänäral de Täglise reform^e de 
France, 1872. Real-Encjdopädie Ton Herzog: Artikel f^nnk- 
reich, yon Pf ender. Verhandlungen der ev. Allianz vom Jahre 
1857, 1882 und 1884. 

Erstes Kapitel. 

Die Erweckung. 

Die Entwicklung der refonnirten Kirche in Frankreich ist den- 
Iben Weg gegangen, welchen die evangelische Kirche in Deutsch- 
id innegehalten hat. Am Anfang dieses Jahrhunderts war der 
istand dieser: »die Prediger predigten, das Volk hörte sie, die 
)iisistorien versammelten sich, der Gottesdienst behielt alle seine 
nuen, ausserdem beschäftigte Niemand sich damit, Niemand be- 
mmerte sich darum ; die Religion war ausserhalb der Lebenssphäre 
1er.« Um 1812 gab es in Paris 10,000 Protestanten, von denen 
r 500 — 1000 die Kirchen noch besuchten. Eine orthodoxe Partei 
rch Daniel Encontre, Dekan der Fakultät von Montauban*), 
le liberale, durch Pastor Samuel Vincent vertreteu, standen 
edlich neben einander. Vincent hatte 1829 in seinen Vues sur 
Prostantisme en France zuerst für die Trennung von Kirche und 

*) Histoire de TAcadämie Protestante de Montauban par Nicolas, 

35. 



124 Frankreich. 

Staat sich ausgesprochen. Als später Vinet in Grenf diesen Ge- 
danken steigerte, — die Verbindung beider Institute ist ein Ehebrach 
in der Moral — ist der französische Protestantismus bis in die 
Neuzeit davon bewegt worden. In die religionslose Stille kam eine 
mächtige Bewegung hinein durch den Mann, der der bedeutendste 
und ehrwürdigste in diesem Jahrhundert in der reformirten Kirche 
Frankreichs gewesen ist — durch Adolf Mono d. *) Er ist 1802 
in Kopenhagen geboren als der Sohn des dortigen französischen 
Predigers. Von seinen acht Geschwistern haben sich noch vier 
Brüder dem Dienste des Wortes gewidmet. Er studirte in Gent 
wo er sich den Strenggläubigen noch nicht anschliessen konnte, und 
bekleidete dann von 1826 — 27 ein Pfarramt in Neapel, melancholisch 
gestimmt bei liebeleerer, hoffiiungsloser Arbeit, bis ihn der Gedanke 
mächtig erfasst: Niemand kann Jesum einen Herrn nennen ohne 
den heiligen Geist: nun belebt ihn eine göttliche Traurigkeit. Er 
findet die beiden Grundgedanken des christlichen Glaubens: das 
Elend des Menschen und die Barmherzigkeit Gottes. Als er nach 
Lyon an die ref. Gemeine berufen war, ersuchte ihn bald das eigen- 
gerechte Konsistorium, seine Predigtweise und sein ganzes amt- 
liches Verhältniss zu ändern. Die Spannung stieg, als Monod an 
der Entheiligung des Abendmahls, bei dem die alte Disciplin nicht 
mehr geübt wurde, Anstoss nahm und sich darüber in dem 
Schriftchen äusserte: Wer darf zum Abendmahl gehen? Er wurde 
auf die Anklage der Bationalisten durch den katholischen Kultus- 
minister seines Amtes entsetzt (1832). »Er habe Meinungen, die 
seit zehn Generationen in Frankreich wie in allen protestantischen 
Landen in Veraltung begraben seien.« Er predigte nun in einem 
Saale und nahm sich der armen Bevölkerung an. Eine statt- 
liche freie Gemeine wuchs durch ihn heran, durch bekehrte Katho- 
liken wesentlich vermehrt. 1836 berief man ihn als Professor 
nach Montauban, der einzigen reformirten Fakultät in Frankreich. 
Die gelehrte Blüte altreformirter Theologie war in Frankreich ganz 
erloschen; die wissenschaftliche Bildung eine mangelhafte und oft 
pastoral naive; der nach englischem Vorbild arbeitende Methodismus 
glaubte der exakten Gelehrsamkeit entbehren zu können, zufrieden 
mit seiner Glut der Liebe, die alles im Sturm erobern werde. Monod 



*) Souvenirs de sa vie, Paris 1885. Adolph Monod von Mai 
Reichard, 1887. Edmond de Pressens^, J^tudes contemporaines. Seine 
ausgewählten Schriften deutsch von Seinecke, 1869. G. A. Monod, 
Quelques lettres ächang^es entre QmVVaam ^t käsA^^i Konod, 1886. 



EMet KapiteL Die Erwecku^. 125 

?er8nchte zu helfen wie er konnte, besass die Faknlt&t ja nicht 
einmal eine bnmchbare Kbliothek. £r blieb 11 Jahre dort, auch 
als weithin berähmter Prediger th&dg. 1841 erschien die apolo> 
getisch-polemische Preisschrift Ludle oa la lectore de la Bible: 
die Bekehrung eines Katholiken durch das Lesen der Bibel. Der 
Elfolg des Baches war gross. Seine Predigten waren so beliebt. 
dass man die Leute Nachts aus den Betten dafür zusammen ISuteu 
komite. Zuletzt ist er in Paris, wo er noch 9 Jahre zur Belehrung un«l 
zum Tröste ^eler wirken konnte, namentlich im Oratoire seinen wun- 
derbar beredten Mund ö&end. Seinem Bruder Frederic widerstand 
er, als dieser zur Separation schritt und legte seine Gedanken darüber 
nieder in der Schrift: »Warum bleibe ich in der Landeskirche V^ 
Seine Zuhörer sagten von ihm: man zittert noch in Gedanken au 
seine Worte. Einer der edelsten und lautersten Prediger unserer 
Zeit. Seine Beden, die fast »zu schön» waren, hätten ihm Schaden 
bringen können, wenn er nicht von wahrer Demuth gewesen wäre 
Und begleitet von geheimer Schwermuth. Sonst eine harmonische 
Katur mit tiefem VerstSndniss fiir das Schöne und Vollkommene. 
Grosse geistige Yerändeningen durchziehen alle Völker immer 
gleichmässig. Es war in Frankreich wie in Deutschland. Dei* 
flachste Pelagianismus herrschte. Gegen ihn trat zuerst Monod 
auf in den Reden von 1830. »Nur die Wahrheit Gottes heiligt.^ 
In der Schrift: La credulite de Tincredule leistete er ein Meister- 
stück der Apologetik. Viel gelesen und viel übersetzt sind seine 
Beden über »das Weib« und über den Apostel Paulus, letztere das 
ergreifendste und schönste, was unser Jahrhundert über den Lehrer 
der Heiden geschrieben. Die Frage, warum unsere Predigten so 
wenig Erfolg haben, hat er mit der Beweisführung beantwortet: 
Gebt der Kirche Christi dasselbe Leben wieder wie zur Zeit der 
Apostel und sie wird dieselben Wunder erzeugen. Er selbst hat 
aber auch noch viel von diesem Leben der Alten lernen müssen, 
als er sein Krankenlager zur Predigtstätte machte und seine Adieux 
d'Adolphe Monod ä ses amis et ä l'Eglise veröffentlichte. Hier 
hat er es in der belehrendsten und innigsten Weise ausgesprochen: 
dass er es jetzt erst gelernt, dass der Mensch voll Haas gegen seinen 
Nächsten sei und dass alles, was man thue, befleckt und unrein sei, 
und nur die Kraft des Blutes Jesu Christi uns bleibe. 1854 schrieb 
er noch an seinen Neffen, Professor Jean Monod: Das Bild dos 
menschlichen Herzens, Titus 3 v. 3, kann ich mir geistlich noch nicht 
aaeignen. Es zeigt eine Spur von Uebertreibung. Er stirbt am 
6. April 1856. Wer hat nicht mit inniger Theilnahme sein d\mkftl 



126 Frankreich. 

&rbige8 Gesicht betrachtet mit dem sumenden melancholischen Znge: 
schwarzes üppiges Haar beschattet die tie%ewölbte von Falten dnrdi- 
furchte Stirn, fein geschnitten ist der Mund: überall tiefete Em- 
pfindung. 

Gerade Monod, der so viele Prediger der Erwecknng an Lauter- 
keit übertrifft, hat es erst zuletzt erkannt, was das ganze Elend 
des Menschen ist. Unser Jahrhundert versucht es nnr, die Wucht 
der reformatorischen Lehre zu tragen: es bringt es aber nicht weit i 
Monod ist der einflussreichste Träger der Erwecknng (le B^veil), ! 
die in den zwanziger Jahren von der Schweiz nach Frankreich drang. 
Sie unterscheidet sich nicht von ihrer Schwester in Dentschland. Es 
war das Wiederanknüpfen an die Lehren der Beformation, verbunden 
mit einem heftigen Kampf gegen Rom ; dabei ein glühender Missions- 
eifer auf allen Gebieten; eine geschickte Methode durch Damen, 
angesehene Geschäftsleute, Banquiers Geld zu sammeln und pie- 
tistische B^unions anzustellen. Li französischer Freiheit trat in die 
zwanglose Unterhaltung die Schriftverlesung und das Grebet auf den ^ 
Knieen hinein. Ein Pietismus innig genug aber ohne die Er&hnmg 
und die Tiefe der Hugenotten, doch in grossartiger Freigiebigkeii 
1822 entstand in Paris die Sod^t^ des Missions ^v. chez les peuples ^ 
non chr^tiens, die in Südafrika, Haiti und Senegal arbeitete. Die 
Bibel- Verbreitung geschah durch die Soci^tö biblique britanniqne 
et ^trang^re, die sich stetig ein grösseres Arbeitsfeld schuf. Seit 
1818 wirkte auch die Soci6t6 biblique de Paris und 1864 die von 
Frankreich. Die Evangelisation unter Protestanten und Katholiken 
betrieb die Soci^te ^vangelique de France seit 1838, namentlich mit 
der freien ref. Kirche verbunden. Der ref. Landeskirche hat sid 
seit 1847 angeschlossen die Sod^t^ centrale protestante d'^vangeli- 
saüon. Sie begründete in mehr denn 800 Ortschaften den evang. 
Gk)ttesdienst und in Paris eine theologische Prftparandenanstali 
Sie wird unterstützt von der Sod6t6 pour Tencouragement de Tinda- 
strie primaire parmi les protestantes de France (seit 1829). 

Schriften verbreiten die Sod6t6 des Traitös religieux sdt 1822 
und die Soci6t6 des livres religieux de Toulouse seit 1881. 1841 
tritt eine Diakonissenanstalt in Paris ins Leben. Die Sod6t6 dn 
Sou Protestant hat von 1846 — 1879 eine halbe Million Franken an 
verschiedene Werke gespendet. Noch eine grosse Anza.hl anderer .. 
Vereine blühten auf*). Anfangs war der ß^veil gegen kirchliche 

*) Westphal-Castelnau de Montpellier: Hier et anjonrd'hni, ou Tao- 
tivit^ int^rieure du Protestantisme fran9ai8 depuis le commencement da 
sibole, 1884. 



Erstes EapiteL Die Erweckung. 127 

Lehre tmd Wiesenschaft mehr gleichgültig, mit seiner Wftrme zn- 
frieden, aber er suchte spftter mehr Anschloss an ein festes Bekennt- 
niss, besonders als die Angriffe der kritischen Schule begannen. In 
Plans blühte die Sod^ de THistoire du Protestantisme fran9ais seit 
1852 auf unter der Protektion des freigebigen Baron v. Schickler. 
Ein reger Eifer förderte die Erscheinung des Bulletin in Monats- 
k^ten. Hierin glftnzt der französische Protestantismus. Einen Namen 
ha^ Jules Bonnet durch seine Olympia Morata, Lebensbilder aus 
der Beformationszeit und Anderes. Wahrhaft grossartig mit riesigem 
Meiss in unvergleichlicher Akribie ist La France protestante der 
Gebrüder Haag gearbeitet, jetzt in zweiter Auflage erscheinend 
dnrch Henri Bordier. Als man in Paris eine neue theologische 
Fakultät schuf, konnte ihr Dekan Lichtenberger eine Encyclop^die 
des ScieiK^es reHgieuses ins Leben rufen. So erstreckte die Er- 
ireckung ihren Einfluss auf viele Gebiete. Ungezählt sind die prak- 
tischen Tr^rtate mit den Gaben des französischen Greistes: Klarheit, 
Ordnung, Bestimmtheit und Beredsamkeit. Weniger gelehrte syste- 
matische Werke, zu denen der heutige französische Protestantismus 
keinen rechten Trieb fühlt. Besonders erhob sich die Kanzelbered- 
samkeit. Neben A. Monod ist Grandpierre, Edmond de Pres- 
sens6, Bersier, Dhombres zu nennen, auf liberaler Seite Atha- 
nase Coquerel Vater und Sohn, Fontanes, R^ville, Vigui6 
und Andere, üeber Vinet und die deutsche Vermittlungstheologie 
ist man nie recht hinausgekommen; der Inspiraüonsbegriff eines 
Ganssen ist bald aufgegeben worden; neuerdings föngt man an die 
Sdiule Bitschrs als die der Zukunft zu bezeichnen. Bekannt in 
Deutschland ist besonders de Fressens^, der von Neander und 
Tholuck angeregt ist, überall auch im Auslande sich zeigt, selbst 
auf d«i Katholikenversammlungen, die ihnn nicht wenig imponiren, 
in Kopenhagen bei der Allianz allzusehr der leidenschaftliche Patriot; 
Fabarius hat seine Schriften ins Deutsche übersetzt. Dann der 
beredte Bersier, dessen Predigten auch in deutscher Uebersetzung 
ausgingen. 

Die Erweckung ergriff auch die lutherische Kirche. In Möm- 
pelgard erinnerte das Volksleben an die Kirche Württembergs. Der 
Ami chretien des FamiUes weckte christliches Leben. Li Strassburg 
trat Pforrer Härter an der Neuen Kirche mit ungeheurem Aufsehen 
aufi seit 1846 an Jung St. Peter Friedrich Theodor Horning: 
eine mächtige Orgel mit Trombonen und Grundbässen ftir die Lehre 
tmd das Recht der luth. Kirche Mit Freuden sang er die Liturgie 
am Altar und erweckte das alte Strassburger Gre^^xi^MOt^^ xsol ^»01^. 



"3 



128 Frankreich. 

Kampf mit dem »Conferenzgesangbachc au&tmehmeiL Eine eherne 
Mauer nannten ihn seine Freunde (f 1882)*). 

1809 wurde in Paris die Konsistorialkirche der Augsburgischen 
Konfession anerkannt. Zu ihr gehören die Gemeinen von Lyon und 
Nizza. Ihre Pastoren Mayer (f 1887) und Valette sind Mftmier 
von Namen. Wie keiner aber arbeitete Hosemann an der geisti 
gen Begründung der lutherischen Kirche (f 1886). Auch Verny 
der Freund A. Monods ist zu erwähnen: er sank bei Eröffiimig ] 
der Generalsynode 1854 in Strassburg mitten in der Bede auf der 
Kanzel todt zu Boden. Neuerdings verbreitet der »protestantisch- 
liberale Verein« in Elsass-Lothringen Schriften. Ein von Past(»r 
Kuhn herausgegebenes Blatt Le T^moignage, Journal de TEglise 
de la Conf. d'Augsbourg seit 1867 ist von Einfluss und in Verbin- 
dung mit den deutschen lutherischen Theologen. Seit 1848 ist auch 
eine innere Mission an der Arbeit, welche für die deutsch Redenden 
das Schifflein Christi, für die französisch Redenden Le Messager de 
TEglise herausgibt. Die 1874 gegründete Diakonissenanstalt steht 
im Dienste der lutherischen Kirche. Von 1868 — 1864 hat als Mis- 
sionsprediger der Deutschen in der Seinestadt Pastor von Bodel- 
schwingh gewirkt. 

Im Jahre 1808 gab es nur 190 reformirte Kirchen in Frank- 
reich, 1857 waren es 972 Kirchen mit 986 Erbauungsorten und 
1069 Schulen unter der Leitung von 601 Pastoren. 1830 hatte die 
luth. Kirche nur einen Versammlungsort in Paris, 1857 waren es 
3 und 7 im Weichbilde. Um diese Zeit war die Hftlfbe der prote- 
stantischen Pastoren »gläubig«, die andere latitudinarisch. Sie hatten 
in gleicher Zahl Genf wie Montauban und Strassburg besucht. 

Der Beschluss der Synode von 1848, von einem bestimmten 
Glaubensbekenntniss abzusehen, bewirkte es, dass Frederic Monod 
austrat und eine Eglise libre bildete; 30 andere freie Gemeinen 
schlössen sich 1849 in einer Union des Eglises evangeliques de 
France an. Die beiden de Pressense Vater und Sohn gehörten 
ihr an, auch Bersier, Armand-Delille u. A. Die Earche um- 
fiasste 1872 50 Gemeinen und lehrte mit Heftigkeit die Trennung 
vom Staate. Ihre Studenten besuchten die »Schule« in Genf, an der 
Merle d'Aubigne und Graussen unterrichteten. 1877 verliessen ae 
bedeutende Mitglieder, auch Bersier; ebenso John Bost, der 






*) Friedr. Th. Homing, Lebensbild eines ev. luth. Bekenners, von 
Wilhelm Homing, 1885. Vergl auch Selbstbiographie von Diemer 
In den Beiträgen zur Eirchengesch. de« EVaa»&Q«. HL Jahi^. 1888. 



Zweites Kapitel. Die kritische Schale. 129 

Grründer der Anstalten von Laforce. Dieser, aus einer alten Hnge- 

nottenfamilie hervorgegangen, hatte in dem anmuthigen Dordogne- 

thal, reich an blutigen Erinnerungen und Treue der Väter, eine 

Beihe von wohlthätigen Stiftungen geschaffen: die »Familie« für 

Waisen, das »Bethesda« und »Siloa« für Idioten, »Eben Ezer« und 

»Bethel« für Epileptische, »Mitleid« und »Barmherzigkeit« för die 

Jammervollsten aller Menschen, »Zuflucht« und »Buhe« för müde 

Dienstmädchen und Erzieherinnen: ein grosser Acker der Liebe. 

1886 betrugen die Ausgaben 240354 Franks. Bost starb am 1. 

November 1881 *). Alle Kirchen haben ihre Asyle , Waisenhäuser, 

St&tten der inneren Mission u. s. w. Die äussere Mission zählt bei 

den Bassutos 20 Missionare und 4252 Kommunikanten. Einnahme 

1886 beinahe 400000 Mark, dabei 20000 Mark för eine Mission 

am Kongo. 



Zweites Kapitel. 

Die kritische Schule. 

Die Entwicklung des französischen Protestantismus hätte eine 
glückliche sein können, wenn nicht die durch die Ideen von Baur 
tmd Ötrauss angeregte kritische Schule von Strassburg aus, der 
zweiten theologischen Bildungsstätte neben Montauban, wie ein aus- 
dörrender Ostwind in die G^föhlswärme des Pietismus und seine 
übereifidge Werkthätigkeit, die sich ofb nur, namentlich in der Evan- 
gelisation der Katholiken, mit Scheinerfolgen tröstete, hereingebrochen 
wäre. Das war ein anderer Luftzug, als wie er seit 1841 in dem 
Leiden des alten Ath. Coquerel geweht hatte. Seine »moderne« 
Orthodoxie war etwa das, was die deutsche Vermittlungstheologie 
lehrt Die ältere rationalistische Schule hatte noch auf einer der 
viel besuchten und einen Mittelpunkt bildenden Pariser Konferenzen 
1855 durch den Pfarrer Martin Paschoud erklärt, dass das apo- 
stolische Glaubensbekenntniss ein Bestandtheil der gegenwärtigen 
Institutionen seL Von 1850 an erschien in Strassburg die Bevue 
de th^logie, 1858 als Nouvelle revue, welche vorwiegend negative 



*) Le Pasteor John Bost, fondateur des asiles de Laforce par 
Bonvier-Monod, 1882. 

Zahn, Kbrchengeschichte. 2. Aufl. ^ 



130 Frankreich. 

Gedanken entwickelte und die Autorität der Schrift untergrab. Der 
Kriticismus höhlte den Pietismas aas: seine ganze Haltlosigkdt 
trat an den Tag. Indem man sich über natarel and somatord 
stritt, sank man unter das Niveau der religiösen Fragen aller Zeiten. | 
Colani und Sch6rer redigirten die Zeitschrift. Ersterer seit 1851 
ein beliebter Prediger in Strassburg, seit 1864 auch Professor der 
praktischen Theologie. Letzterer einst rechtgläubiger Lehrer an der 
theologischen Schule der freien Kirche in Oenf^ Bewunderer Yinet^ 
Freund von Merle d'Aubign^ und Gauss en, dann ein eifriger 
Gegner der Inspiration und kirchlichen Dogmatik wird er seit 1850 ^ 
Führer der liberalen Partei, später auch Mitglied des Senats unter 
der Eepublik. Mehr gemässigt stand neben ihnen Prof. Eduard 
Reu SS, von grosser eleganter Gelehrsamkeit und anziehender Dar- 
stellungsgabe, ein wahrer Liebhaber der Bücherkunde, nur ein ästhe- 
tischer Rationalist, in seiner Geschichte der hl. Schrifben Alten und 
Neuen Testaments über dem hl. Buche nach kritischem Belieben 
waltend; nicht ohne Stolz, dass er der Anfänger der Graf- Well- 
hau sen'schen Theorie sei. Mit seinem Freunde Cunitz hat er in ^ 
der musterhaftesten Akribie die Werke Calvins herausgegeben, 
obwohl nicht getroffen von dem überzeugenden Geiste derselben. ^ 
Sein Bibelwerk fasste seine Resultate zusammen und rief eine Gegen- 
arbeit hervor. Von Cunitz heisst es: Wann und wo es galt, für 
die angestammten Freiheiten und Rechte der Kirche einzustehen» 
war er in der vordersten Reihe zu finden. Athanase Coquerel*) 
gab eine Christologie im Sinne des Unglaubens heraus und Felix 
Pecaut scheiterte mit einer Verwerfung der Sündlosigkeit Christi 
auch an der Theologie. Ernst Renan hatte schon 1859 den Mono- 
theismus als eine Rasseneigenthümlichkeit der Semiten erklärt und 
Hess 1863 sein frivoles Leben Jesu auslaufen. Pastoren und Theo- 
logen haben ihn dafür beglückwünscht: der schmutzigste Fleck in 
der Geschichte des ref. Protestantismus. Die zerstörenden Elemente 
sammelten sich in der Gründung der Union protestante liberale 
(1861). Der Hohn rühmte, man wolle das Werk der Reformatoren 
vollenden. Ein tiefer Riss ging durch die Kirche. Während in 
Paris die Orthodoxen überwiegend waren, bearbeitete die Union mit 
Erfolgen die Provinzen. Astie verkündete 1868 eine Theologie der 
Mitte, die psychologisch die Wahrheit des Christenthums beweisen 
wollte. Der Kampf wurde heisser. Als Pfarrer Martin-Pas choud 
1864 Athanase Coquerel noch fernerhin als Helfer für sich wünschte, 



*; üeber ihn Ströhlin, 1B86. 



Drittes Kapitel. Der Kampf um die VerfiEtösung. 131 

xde dieser abgesetzt Eugen Bersier vertheidigte die That, 
I namentlich der berühmte Staatsmann und glänzende Historiker 
lizot betrieben hatte. Eine G-eneralkonferenz von Pastoren und 
istlichen verwaif die schrankenlose Freiheit der Lehre. Die Libe- 
en flüchteten sich hinter die Phrasen von christlichem Gewissen 
d Geist der Wahrheit. Guizot formulirte nun die Gmndwahr- 
iten des christlichen Glaubens. In der lutherischen Kirche be- 
ulten sich in gleichem Sinne Bodelschwingh und Findeisen. 

Nimes drängten die Liberalen durch ihre Manöver 121 Männer 

einer besonderen Vereinigung zusammen. Man sprach von 
)ser her seine Üebereinstimmung mit den Pariser Beschlüssen 
s. Bei der Erneuerung des Konsistoriums in Paris 1865 siegte 
lizot erst bei einer Ergänzungswahl. Es handelte sich darum, 

die Kirche noch christlich sein solle. Ueber Guizot und seine 
igung zum Katholidsmus, wie sie sein Zeitgenosse Stahl auch 
pflegt hatte, verhandelte damals die Schrift eines Journalisten: 

papaute de M. Guizot. Doch war seine erste Frau noch auf 
em Todtenbette evangelisch geworden. Bei der pastoralen (jene- 
Versammlung 1865 erklärte Pressense mit Hecht gegen die 
>eralen, dass wenn die Auferstehung Christi nichts sei, es sich 
ht lohne, über den Eest des Christenthums zu reden. Die Ab- 
zung von Martin-Pas choud im folgenden Jahre bestätigte die 
^emng nicht. Als die Pastoralkonferenz darauf die Autorität 
- hl. Schrift und das apostolische Glaubensbekenntniss als kurze 
sammenfassung ihrer wunderbaren Thatsachen aufstellte, traten 
Pfarrer aus und bildeten bei dem älteren Coquerel eine besondere 
nferenz. Der Streit wurde nun auf das Gebiet der Verfassung 
LÜbergetragen, für die man lange viele Wünsche an den Staat 
richtet hatte. 



Drittes Kapitel. 

Der Kampf um die Verfassung. 

Eine neue Epoche für das Kirchenrecht der reformirten und 
üherischen Kirche datirt von dem organischen Gesetz des 18. Ger- 
nal (8. April) 1802. Die alte Repräsentatiwerfassung wird durch 
»selbe anerkannt, Presbyterien, Konsistorien und Synoden wieder 
igesetzt. Ein Konsistorium sollte mindestens 6000 Seelen um* 



132 Frankreich. 

fassen. Die Zahl der Aeltesten darf nicht unter sechs, noch über 
zwölf sein. Sie werden aus den höchst Besteuerten gewählt. Zu j 
Provinzialsynoden und zu einer Generalsynode kam es nicht. X^i ^ 
Pastoren wurden von dem Konsistorium frei gewählt, mussten aber ' 
von dem Staate bestätigt werden. Die einzelnen Konsistorien zu- .: 
sammenhangslos neben einander stehend bekämpften sich im er* 
wachenden Streit der Geister. Man fand weder die Einheit des 
Glaubens noch die Einheit der Kirche. Wenige Jahrzehnte hatten 
die Kirche der Zucht zuchtlos gemacht. Die Konsistorien lebten 
in getrennter Haushaltung. Die Spitze der reformirten Kirche war 
eine berathende Kommission, Conseil central genannt. Die luthe- 
rische Kirche erhielt 1802 Konsistorien, Inspektionen und General- 
konsistorien. An der Spitze jeder Inspektion, deren es sechs gab, ^ 
stand ein von der Regierung lebenslänglich ernannter geistlicher 
Direktor. Die Inspektionsversammlungen durften anfangs nur Ifit- 
glieder in das Generalkonsistorium wählen, beriethen aber später : 
auch über allgemeine Interessen. Das Generalkonsistorium in Strass- i 
bürg, aus einem weltlichen Deputirten jeder Inspektion, zwei toh I 
der Regierung gewählten geistlichen Inspektoren und einem von der I 
Regierung gewählten Präsidenten gebildet, hatte einen permanente 
Ausschuss in dem Direktorium, welches aus einer Vorschlagsliste den 
Pfarrer ernennt. Wir verfolgen hier gleich die Greschichte der Ver- 
fassung der Lutheraner weiter. Rationalistisch in ihrem BekenntnisB 
mit dem Gebrauch der Holsteinischen Agende und dem Katechismus 
von Dräseke und anderer Bücher, willkürlich in Vielem, hat die 
lutherische Kirche, nachdem sie von der Erweckung erfasst war, zu- 
letzt 1871 einen heftigen Kampf gegen die Unionsneigungen, die 
von Mömpelgard kamen, zu bestehen gehabt. In Paris entstanden 
auch separirte national-deutsche Gemeinen. 

In schwierigen Verhältnissen trat am 23. Juli 1 872 die General- 
synode zusammen. Ihr Präsident, Pf. Vallette, unter den geist- 
lichen Inspektoren Mettetal, Fallot, Kuhn (neuerdings bekannt 
geworden durch ein Leben Luthers), der den Kranken gütige Dürr 
aus Algier, Mayer aus Lyon, der wackere Schwabe u. A. In sechs 
Sitzungen wurden in glücklichem Verlauf das Projet de loi organique 
de TEglise evangeKque de la Confession d'Augsbourg vereinbart 
Die souveräne Autorität der hl. Schrift und die Augsburgische Kon- 
fession wurden als Glaubensnormen bekannt; die Union wurde ab- 
gewiesen. Die Verfassung ordnete zwei von einander unabhängige 
Öynodalbezirke Mömpelgard und Paris, in ihnen Konsistorien, geist- 
liche Inspektoren und Provinzialsynoden. Die Generalsynode besteht 









DnttoB Kajiitel Der Kampf um die YerfiAssung. 133 

den Yon den Pnmnzialsynodeii erwfthlton Pfiurrenu einer dop> 
en Anzahl Yon Laiennntgliedem und einem Abgeordneten der 
»logischen Fakutttt Der Gesetzesentworf Atn pfiTig aber in den 
Ten Frankreidis nicht die Bestfttdgong der Regienmg. Die Grün- 
g einer theologischen Sdmle war ebenso schwierig« erst 1876 
de die Strassbmger theologische Fakoltftt nach Paiis veri^. 
«n ihr ein Seminar, welches provisorisch auch reformirte Stu- 
ten anfhahm. Am 1. Angost 1879 erlangte dann aach die Ver> 
nng die obrigkeitliche Anerkennung. Das »Prfiambohun«^, be- 
fend die Antoritftt der Schrift und des Aogsburger Bekenntnisses 
sste man feilen lassen. Aach das Wahlgesetz erlitt eine Aende- 
g. Man fugte sich darein, nur um die VerÜEtösung zu erhalten, 
ih 9 Jahre langem Kampfe einigte sich auch das alte Pariser 
sionscomite und das separirte »deutsche Gomite« . In ihren regeU 
(sigen und offiziell anerkannten Synoden sind die Lutheraner vx>r 
Beformirten bevorzugt. 

Die Orthodoxen wollten die Synoden als Autoritftten für Lehre 
Zucht, die Liberalen versagten denselben jede Ueberwachung 
Lehre: sie sollten nur eine administrative Bedeutung haben, 
waren längere Zeit immer wieder Petitionen an die Regierung 
Provinzialsynoden und G^neralsynoden erneuert worden. Erst 
Bepublik unter dem Präsidenten Thiers ordnete den Zusammen- 
; einer reformirten G^neralsynode an. Aus 21 Wahlbezirken 
\. Provinzialsynoden sollten 108 Mitglieder (49 Pfarrer und 59 
tyeste) deputirt werden. Die Synode, welche am 6. Juni 1872 
?aris in dem Temple du Saint-Esprit sich versammelte, theilte 
in vier Gruppen, von denen die Bechte in Guizot und Bois, 
fessor in Montauban, ihre bedeutendsten Führer hatte. Die 
ke hatte als Führer Prof. Ja labert, Dekan der juristischen 
ultät in Nancy. Die Liberalen bekämpften das Beoht der Synode 
lediglich darum weü sie nicht in der Majorität waren — und 
Iten von keiner Lehmorm etwas wissen. Es wurde aber doch 
Bossen, dass die reformirte Kirche Frankreichs, da sie seit 
9 wieder eine ordentliche Synode halten dürfe, sich wie ihre 
er zur souveränen Autorität der hl. Sohriffc bekenne und an den 
jsen Heilsthatsachen, wie sie in dem öffentlichen Gottesdienste be- 
at würden, festhalte. Jeder Predigtamtskandidat soUe sich zu 
em Bekenntniss der Synode verpflichten lassen; die Provinzial- 
>den, die Generalsynoden wurden fest geordnet. Die Wähler- 
in sollten nur die Namen derer tragen, die sich der hl. Schrift 
3rwerfen wollten: eine Bestimmimg, die 1880 zum Jubel der 



134 Frankreich. 

Liberalen die Regierung wieder aufhob und damit die ganze Synode 
beseitigte. Es waren dreissig Sitzungen gehalten, als die Synode 
schloss. Ein permanenter Ausschuss war ernannt. Bersier hal' 
uns ausführlich und schön diese Synode mit ihrem Si^ der Ortho- 
doxen beschrieben. Als 41 liberale Konsistorien protestirten, kas» 
sirte die Begierung ihre Beschlüsse. Im November 1873 war die 
Synode wieder in Paris ohne die Liberalen vereinigt, nm die Lelov 
norm zu veröffentlichen. Diese erhielt (ein minimuTn de la foi) 1874 
ihre Autonsirung. Die neuen Konsistorialwahlen riefen endlosen 
Streit hervor, in denen auch eine Mittelpartei sich abmühte. Erst ^ 
1877 trat einige Ordnung ein. Da die Begierung, welche halb 
theilnehmend, halb spöttisch in diesen Hader hineinsah, keine zweite 
Synode berief, wurden die offiziösen Provinzialsynoden Sitte. »Wir 
können keine offiziellen Synoden erhalten — vereinigen wir uns 
denn zu offiziösen.« 

Am 1. Juni 1877 lebte auch in Paris eine evangelisch-theo- 
logische Fakultät auf: für Beformirte und Lutheraner: eine ganz 
neue Erscheinung in Frankreich. 

Es fehlte an Kandidaten. 61 Kanzeln waren nicht besetzt 
Aufsehen erregte es, als eine ganze katholische Gemeine zum Prote- 
stantismus übertrat. Auch an anderen Orten wuchs dieser. Das 
altberühmte Charenton empfing wieder eine Kirche. Berühmte Con- 
vertiten waren Isambert, Mitglied des Kassationshofes und der 
Geschichtsschreiber Bosseuw St. Hilaire, der beredte Advokat 
Eugene Beveillaud. Der Schotte Mac All betrieb später die 
Evangelisation in grossem Massstab. Coligny's Gedächtniss wurde 
durch die Legung eines Grundsteins zu seinem Denkmal mit Unter- 
stützung der Begierung begangen. Zola aber bezeichnete den Prote- 
stantismus als den Feind, denn er dringe überall vor. Der Prüfung 
lag die sechzehnjährige Arbeit von Dr. Segond vor: eine neue 
üebersetzung der Schrift. 

Bezeichnend für die Zustände Frankreichs wurde die Erklärung 
des Ministers des Linem 1882: die Begierung erkennt Athedsmus 
und Materialismus als Doktrinen an, welche man nicht das Becht 
hat zu brandmarken: dies eine Unterschrift für das gegenwärtige 
Frankreich. Am 11. Juni 1884 trat eine offiziöse Generalsynode 
der reformirten Kirche in Paris zusammen, die dritte nach der im 1 
Jahre 1872. Im Oktober 1881 war die zweite in Marseille gehalten 
worden. Die Synode konnte von wachsender Anerkennung sprechen, 
425 von 700 Pfarrern bekannten sich zu ihr, nicht ohne die Eifer- j 
sucht der Liberalen. Diese haben im Februar 1885 beschlossen, j 



^ 



Drittes Kapitel. Der Kampf um die Verfassung. 135 

eine theologische Vorhereitungsschule in Nimes zu erö&en. Die 
hitherische offizielle G^eralsynode erreichte in diesem Jahre (1884) 
eine Yerständignng zwischen Konfessionellen und Liberalen. Beide 
Parteien willigten in den Wiederabdruck der evangelischen Liturgie 
von 1844 und feierten auch gemeinsam Luthers Gedächtnisstag 1883. 
Fdr die Stellung der Regierung zu dem lutherischen Diakonissenhaus 
in Paris ist ein Wort treffend: man nütze die menschlichen Leiden 
und die Selbstverleugnung einiger armer Greschöpfe aus, um Schätze 
ZQ sammeln und die Familien zu evangelisiren. Der Gedächtnisstag 
d^ Aufhebung des Edictes von Nantes brachte Schmerz und feier- 
üehe Erinnerungen. Man schickte ins Ausland den schön ausge- 
statteten Bulletin des Geschichtsvereins und das Oratoire vernahm 
die tief ernsten Psalmengesänge der alten Zeugen und die beredten 
Worte von Bersier und Vigui6. Auch Pater Hyacinth Loyson 
sprach an einem Gedenktag zu Ehren der Hugenotten von dem 
Verbrechen der Väter. 

Der immer mehr atheistisch sich gestaltende Staat droht mit 
der Entziehung der Unterstützung der Wohnungsmiethe der Pastoren 
und der Seminare und Fakultäten: eine völlige Trennung von Kirche 
and Staat scheint hereinzubrechen. Das Lehrerseminar in Courbevoie 
bei Paris musste geschlossen werden. Eenan aber schloss seine 
kirchengeschichtlichen Studien mit einer Verherrlichung der freiesten 
Liebe vor dem Untergang der Welt in der Aebtissin von Jouarre. 

Blicken wir zurück auf die Entwicklung der französischen Kirche, 
so erwacht nach dem Schlaf des Bationalismus die Erweckung und 
sucht im Fluge des Eifers das alte Gebiet des Glaubens wieder zu 
erobern; ihre Schwäche offenbart der Angriff der Kritik; der alte 
Rationalismus verbindet sich mit dem neuen von furchtbareren 
Waffen; die Kirche zerfleischt sich in wüthendem Kampf, die Er- 
&hrungen und Erquickungen der Erweckung ersterben, die Gemeinen 
werden müde, die Tempel leerer imd ob man auch mit allem Eifer 
noch immer weiter baut: auf einer Kanzel reisst einer ein, was der 
andere errichtet — und es dehnt sich imter den Söhnen der Mär- 
tyrer die Gleichgiltigkeit aus. Die Geschichte des Pietismus ist die 
der Bekehrung so Vieler. Man erlebt eine wirkliche Anfassung 
Gottes, aber gleich nachher richtet man das todte Gesetz auf: man 
muss etwas für den Herrn thim. Das erste Feuer hält eine Zeit lang 
an. Aber dann erlischt die Kraft und jetzt ist man von der völ- 
ligen Unj&nchtbarkeit vieler Werke der inneren Mission in Frank- 
reich überzeugt. Die Werkthätigkeit des Pietismus ist in ihrem 
innersten Triebe doch nur das Judenchristenthum, welches Paulus 



136 Frankreich. Drittes Kap. Der Kampf am die VerCusmig. 

bekämpft*). Becolin sagte auf der Versammlang der ev. Allianx 
in Kopenhagen 1884: die Hoffimngen, die man auf den Beveil ge- 
setzt, sind nicht alle erfüllt. In vielen unserer Glemeinen ist die 
lebendige Frömmigkeit selten, die geistige Lanheit ist der herrschendS 
Zog. Im Norden mehr konservative Gewohnheiten , im Süden im 
Schoosse selbst der grossen protestantischen Mittelpunkte ist der 
Kultus vernachlässigt, besonders von den Männern. Die Politik hat 
den Geist der Religion erstickt. Auch 1871 hat keine wklidte 
moralische Erhebung gebracht. 69 Kanzeln sind nnbesetzi 1886 
53 vakante Stellen. Der Protestantismus kennt nicht den Heroismus. 
Es sind krankhafte Anstrengungen, die eine neue geistige Erfrisch- 
ung herbeiführen wollen. Dennoch gibt es immer noch in Frank- 
reich eine gute Anzahl von Familien von wahrer Frömmigkeit. — 
Neuerdings hat die Kommission der offiziösen Synode ein Befestig- 
ungsformular für ICandidaten bearbeitet, das nichts bestimmt Befor- 
mirtes enthält. An der letzten offiziösen Synode (1887) nahmen 
414 Gemeinen und 475 Pfarrer Theü. Die gezeichneten fireiwilligen 
Beiträge waren von 58000 Frcs. auf 84000 Frcs. gestiegen. 

Statistisches. 

Gegenwärtig zählt man 650000 Protestanten, davon 550000 
Reformirte, 80000 Lutheraner (mit etwa 90 Pastoren) und 2000Ö 
anderen ev. Gemeinschaften angehörig mit 30 ordentlichen und 100 
Laien-Prediger (Methodisten, Baptisten, Mennoniten, Brüdergemeine. 
Darbysten, Hinschisten, Schüler von Madame Armen gaud geb. 
Hinsch »mit prophetischer Grabe«). 480 religiöse Vereine sind thätig. 
Der Unterhalt der Kirchen und Wohlthätigkeitsanstalten verlangt 
jährlich 4 700000 Frcs., davon 1879100 Frcs. Unterstützung des 
Staates, welche in Gefahr steht, verloren zu gehen. Vergl. Theodor 
de Pratt, annuaire protestant und Decappet, Paris protestant 
1876. Die wichtigsten kirchlichen Blätter — unter etwa 80, die 
erscheinen — sind: Christianisme au XIXe. siecle, Journal der refor- 
mirten Kirche, Eglise Kbre, Journal der ev. Reformirten, Journal 
du Protestantisme fran9ais, Revue chrötienne (Vermittlungstheologie) 
und andere von uns schon genannte. Im Vergleich mit der litera- 
rischen Thätigkeit der reformirten Kirche in Deutschland ein grosser 
Reichthum. 



*) Vergl. die lehrreichea Artikel im Heraut von Dr. Kuyper. 
Oct. 1886. 



Belgien. 137 



2. Belgien. 



Kermtvr: Die jährlichen Rapports der Kirche. 

1) Die belgische Missionskirche. 

Von Meinen Anflbigen hat sich diese Kirche immer mehr auf- 
ebaut. Ln Beginn der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts waren 
kwa nur 7 evangelische Gremeinen in Belgien. Das Wachsthum 
rforderte eine Organisation. Die Kirche wurde in Konsistorien, 
ine Synode, in ein administratives Comit^ und in kleinere Yerwal- 
imgsgrappen getheilt und hat als Bekenntniss die belgische Kou- 
»sion mit Ausnahme von Artikel 36. Denn sie ist eine vom Staate 
9llig unabhängige. Von grosser Wohlthat in einem Lande, in dem 
eben dem alles überwuchernden Ultramontanismus mit seinen rie- 
gen Geldspekulationen der Schnaps seine furchtbaren Verheerungen 
isübt. Die Missionskirche hält auf einige Zucht in ihrer Mitte. 
Is der Pfarrer Byse in Brüssel eine bedingte Unsterblichkeit lehrte, 
orde er von der Liste der Pfarrer gestrichen. Für diese dem ev. 
3kenntniss bewiesene Treue sandte ein Gönner der Synode 2000 
res. Nach dem Bericht von 1885 — 86 umfiasste die Missionskirche 27 
irchen oder Stationen mit 53 Filialen, 1 7 Pastoren und 5 Kandidaten. 
} Agenten waren thätig. 49 Tempel und andere gottesdienstliche 
rte, 57 Sonntagsschulen. Bibeln, religiöse Tractate werden ver- 
reitet. Membres adultes etwa 4000. Von allen Ländern wird das Werk 
nterstützt, namentlich von England und Schottland. Die Monats- 
ßhrift ist: Le Chretien beige, Maranatha für die Leser flamländischer 
•prache. Bei einer Einnahme von 136951 Frcs. hatte die Kirche 
in Deficit von 10 968 Frcs. Die Synode gedachte 1885 des ver- 
lienten M. L. Anet, des Generalsekretärs, der am 5. Dezember 1884 
gestorben war. Uebertritte sind .nicht selten. Der Sohn des Pre- 
Dierministers Fröre- Orban trat mit seiner ganzen Familie über. 
öer feingebildete katholische Professor de Laveleye widmet der 
Grche seine Theilnahme, zu der seine Frau gehört. Angesehene 
t^en sind Baron P risse und Pagny. Als der Socialisten- Aufstand 
n blutigem Roth das Elend Belgiens beleuchtete (1886), konnten 
ie ev. Prediger rühmen, dass ihre Anhänger sich nicht daran be- 
heüigt hatten. In Liege Seraing blüht das Werk besonders. Kennedy 
^net vermittelt die Verbindung mit der presbyterianischen Allianz, 
an 11. Juli 1887 feierte die Kirche ihr öOjUhrigoM Jubiläum. 18 
erschiedene Kirchen und Gemeinschafben hatten DopuiJrt«« gtmundt. 



1 38 Dänemark. 

Die freiwilligen Graben steigerten sich so, dass der Jubelrof erschallte: 
Bas Deficit ist aufgehoben. 

2) Die evangelische Nationalkirche. 

Sie wird von einer Synode geleitet und umfasst etwa 10000 
Seelen. 1851 zählte sie nur 10 Pastoren, 1856 15. Ein Evangeli- 
sations-Comit6 sorgt für die Bedürfiiisse der zerstreuten Evangeli- 
schen. Gründet sich durch ihre Arbeit eine selbstständige G-emeine, 
so schliesst sie sich der Synode an und sucht die staatliche Unter- 
stützung. Der Gustav- Adolf- Verein hilft hier kräftiglich. 



3. Dänemark. 

Literatur: Helveg, den Danske Eirkes Historie efter Ref. 11. 1855, 1888 
in zweiter, umgearbeit. Aufl. R. TOnder Nissen, De nordiske 
Eirkers Historie, von Ödland 1884 heraosgegeben. Theologisk 
Tidskrift von Scharling und Engelstoft, 1837 ff. ßegoonen 
ist ein Handbuch der Kirchengeschichte von Nielsen, 1884. 
Hagen, Kirkelig Statistik, 1861. Lütke, kirchliche Zustände in 
den skandinavischen Ländern, 1864. Die Verhandlungen der er. 
Allianz vom Jahre 1884. Henrik Steffens, Ein Lebensbild tob 
Petersen, deutsch von Michels en, 1864. Aus meinem Leben. 
Mittheilungen von Martensen, aus dem Dänischen von Mi eh ei- 
sen, 1883 und 1884. Hansen, Wesen und Bedeutung des Gnmdt- 
vigianismus, 1863. Eaftan, Eine Reise in Dänemark in der Allg. 
kons. Monatsschrift in dänischer Uebersetzung, 1883. 

Unter dem Könige Christian \\1. war der Rationalismus in 
Dänemark so in Blüte, dass dieser wünschen konnte, alle Kirchen 
in Kommagazine verwandelt zu sehen und alle Prediger des Landes 
beseitigt. Der Bischof Nicolai Edinger Balle, ein unermüd- ^ 
lieber Vertreter des Bibelglaubens, rettete denselben unter bitteren J 
Kämpfen in dem »Lehrbuch der evangelisch-christlichen Religion,« ' 
das für den allgemeinen Schul^brauch bestimmt war, über die 
Grenze des Jahrhunderts. Ein von ihm hervorgerufenes »Christlich- 
Ev. Gesangbuch« enthielt mehr gereimte Prosa als echte Poesie. 
Die Freidenker hatten sich in »Klubs« organisirt und stürmten gegen 
Altar und Thron. »Die Liebe war erkaltet,« erzählt Grundtvig 
in seiner Weltchronik, »jeder dachte nur an sich selbst und die 
Geistlichen konnten stille sitzen, während Tausenden ihrer Brüder 
der Glaube geraubt wurde.« Gegen die Lästerungen in dem Wochen- 
blatt: Jesus und die Vernunft, stellte Balle sein Blatt: die Bibel 
sich selbst verantwortend. Die Schlacht auf der Bhede von Kopen- 
bagen eröffnete mit ihrem Doimer ^m i^evifc^ J^Jarhundert auch in 



D&nemark. 139 

geistiger Hinsicht Balle starb 1816*). In Kiel rief 1817 der 
Archidiakonns Klaus Harms in seinen Thesen ein Lutherthum 
von den Todten, das noch gar nicht verstanden wurde. Der Philo- 
soph Henrik Steffens erschien dann mit seinen Anregungen. »Er 
sprach der ausposaunten Aufklärung Hohn und redete von Christo 
und seiner göttlichen Würde mit staunenerregender Ehrfurcht; er 
verspottete die Abgötter der dänischen Leserwelt, Kotzebue und 
Lafontaine.« Eine neue Zeit für die Kirche Dänemarks begann mit 
dem Auftreten des gewaltigen Recken Nicolai Frederik Severin 
ärundtvig (f 1872), der gegen den rationalistischen Professor 
Claus en (f 1877) mit seiner Kirche als einer Gesellschaft zur Pör- 
lerung allgemeiner Büdung seinen »Protest der Kirche« (Kirkens 
Grjenmäle) schleuderte (1825). So unklar dieses Schriftchen auch 
doch in sich war, so gab es doch einen Anstoss zum Erwachen der 
Greister. Grundtvig, eine stark empfindende, originelle Natur, ver- 
äfift in die Scenen aus dem Untergang des Kämpenlebens im Norden, 
sin begeisterter Erwecker des nordischen Alterthums vor dem Rieh- 
berstuhl der Sage, yerband seine nationale Empfindung mit der 
Liebe zu Luthers Katechismus und zu dem Lutherthum als der 
vollkommensten Form für die Aneignung des Christenthums. Eine 
oft trübe Mischung von Christlichem und Nationalem. Gewaltthätig 
wies der kräftige Mann die hochgradige Thorheit des Rationalismus 
zurück — oft nur in dem Poltern einer ungebändigten Kraft. Als 
er an der deutschen Frederikskirche die Nachmittagspredigten halten 
durfte, sammelte er eine begeisterte Gemeine um sich, die von dem 
Odem der Erweckung ergriffen wurde, der damals durch Anregung 
der Brüdergemeine von Fünen ausging, nicht ohne Bedrängung von 
Pöbel und Obrigkeit. Auf den Taufbund gründete Grundtvig 
seinen Glauben. Gegen den Berliner Hegeling Marheineke sprach 
er das entscheidende Wort: Nicht Spekulation, sondern Leben oder 
Tod gilt es. Neben ihm förderte die Ideen der erwachenden evang. 
Bewegung der Prediger J. P. Mynster, eine mehr besonnene und 
harmonische Natur, der 1833 seine weit berühmten Betrachtungen 
über die christlichen Glaubenslehren ausgehen Hess. Er stimmte 
dem allgemeinen rücksichtslosen Treiben der Grundtvigianer nicht 
zu**). Der grosse Dichter Oehlen Schläger, ein genialer Mann 
von weichem Gemüth und grossem Herz, zeigte mit seinem wunder- 
baren Aufschwung auch auf neue Ziele hin. Mit Grundtvig und 



♦) Sem Leben von Koch, 1876. 

**) Zur Eriuneras^ an ihn eine Schrift von "NLaTt^iiÄeiv, V^^'^, 



140 Dänemark. 

Lindberg gab Rndelbach die Theologische Monatsschrift heraus: 
in seiner ungeheuren Bibliothek stand letzterer selbst da als ein 
Wunder der Gelehrsamkeit. 1829 ging er nach Sachsen. Schleier- 
machers Anwesenheit in Kopenhagen 1838, wo der »kleine, magere 
und yerwachsene Mann« sehr gefeiert wurde, brachte Vielen Anreg- 
ung. Als bald darauf die Nachricht von seinem Tode zu den Dänen 
kam, meinten die bösen Grundtvigianer: er wäre gestorben wie Kuser 
Augustus. Im Jahre 1838 begann Hans Lassen Martensen, eine 
feine und ebene Natur, seine Thätigkeit an der Universität, seit 
1845 auch Ho^rediger und dann 1854 Bischof von Seeland: nicht 
nur der vielgeschätzte Dogmatiker Dänemarks, sondern überall ge- 
lesen. Seine Dogmatik und Ethik erlebten viele Auflagen. Er hatte 
Gesinnungsgenossen in dem Beichtvater der königlichen Familie 
J. H. Paulli und in dem Bischof von Wiborg 0. Laub. Er ist 
ganz der deutsche Yermittlungstheologe im Sinne eines Domer*). In 
die theologische Bewegung griff verwirrend die »beispiellose« Ent- 
deckung von Grundtvig ein, dass das apostolische Bekenntniss Christi 
mündliches Wort sei, von dem Auferstandenen während der vierzig 
Tage seinen Jüngern mitgetheüt und zwar mit der abrenundatio 
diaboli. Dabei ein Antinomismus, der die 10 Gebote aus dem Kate- 
chismus entfernen will und die Busspredigt für die Kinder des 
Lichtes für unnöthig hält. Auch Budelbach bekämpfte dieses 
Fündlein seines Freimdes, von dem er auch die Umdichtungen klas- 
sischer Kirchenlieder zurückwiess, obwohl derselbe bewundemswerthe 
Lieder auf goldener Harfe sang. 1863 trat Martensen gegen 
Grundtvig auf und bestritt dessen »Licht- und Lebenswort.« Er 
behauptete eine Wirkung der Sakramente auch dort, wo diese nicht ^ 
von gläubigen Predigern verwaltet werden. Grundtvig zog sieh 
von ihm zurück, immer mehr mit seinen christlichen Volkshochschnlen j 
und dem Eifer gegen den Parochialverband beschäftigt, denn dieser hin- 
derte die Büdung von Freigemeinen. Gegen die Bischöfe hat ihn 
dabei die weltliche Macht unterstützt. In den Nebel blinder Ver- 
götterung gehüllt schwärmte er für eine völlige Pastorenfreiheit. 
Neben Martensen und Grundtvig ist noch eine räthselhafte 
Persönlichkeit zu nennen: Sören Aaby Kierkegaard. Ein ge- 
waltiger Geist von tiefem Gemüth und scharfer Spekulation, in ein- 
samer Stille in Kopenhagen, alle kennend aber von Niemanden ge* 
kannt, mit grossartiger Gewalt die markige Sprache beherrschend, 
der Theologe der Schwermuth und des Leidens. Die Entwicklung 



i 



*) Briefwechsel v. Martenaen mit ÖL^VÄ^^ÄWi, VÄtwaa^. 1887. 



V 



Dänemark. 141 

m christlichen Glauben vollzieht sich in den drei Stufen der ästhe- 
jchen — rein geniessenden, der ethischen — in Beruf und Pflicht 
'beitenden, der religiösen — zuletzt an ein Paradoxon glaubenden, 
lies bewegt sich in den dialektischen Gegensätzen des Endlichen 
ad Ewigen. Dabei eine tiefe Erkenntniss, dass das gegenwärtige 
hristenthum nur eine Karikatur des wahren sei. Aus der persön- 
shen Aneignung und Existenz ist eine unpersönliche Betrachtung 
^worden: allerdings die tiefste Charakterisirung unseres Jahrhun- 
arts. Ueberall bei ihm erzreiche aber labyrinthische Schachte. Wie 
i allen Schwermüthigen oft blitzartig von der Wahrheit beleuchtet, 
3ht ohne tiefe Bitterkeit und Sarkasmus. Dies namentlich im 
impfe gegen Märten sen, als dieser mit leichtem Worte Mynster 
( einen Zeugen der Wahrheit in der Leichenrede kanonisirte. In 
nem Blatte: der Augenblick, warf damals Kierkegaard seinen 
•m in die Menge, obwohl er sonst nur von den Einzelnen etwas 
ssen wollte. Er verdammte nun alles Kirchliche, der Einzelne 
lle sich nicht hinter einer unverantwortlichen Menge verstecken. 
n unglücklicher zerrissener Mann, der am 11. November 1855 im 
iedrichshospital in Kopenhagen starb. Seine Lehre und sein 
jben haben Petersen 1877 und Brandes 1879 beschrieben, 
ärthold hat viele seiner Schriften ins Deutsche übersetzt, auch 
in Tagebuch voU geistigem Raffinement. Sein Hauptwerk ist: 
atweder — Oder, ein Lebensfragment. 

Martensen hat auch in dem »politischen Sokrates«, in dem 
beralen Kultusminister Ditlev Gothard Monrad (f 1887), der 
inst den Muth nicht verlieren wollte nach dem Fall des Dane- 
irke, dann aber in den ewigen Urwäldern Neuseelands politische 
"räume träumte, zeitweise einen Gregner gehabt. Monrad's Begabung 
ig auf dem asketischen Gebiet. Er hat sich in der Welt des Ge- 
betes und in der Welt der Seele bewegt. Letztere dachte er sich 
is ewig wie Gott, mit dem Recht der Selbstbestimmung, darum 
Qüsse auch das allgemeine Stimmrecht herrschen. Mit Hilfe des 
•eliebten, vorsichtigen Dichters Ingemann brachte Martensen ein 
leues Gesangbuch 1854 zu Stande, das sog. Kovents Psalmebog. 
^uch Luthers Katechismus wurde wieder eingeführt mit Balslev's 
Erklärung; die erweiterten Konvente der Pröbste und Pastoren be- 
bten die kirchliche Thätigkeit, 1871 erschien eine revidirte Bibel, 
reilich mit seinen Verfassungsgedanken hatte Martensen kein 
lück. Er wollte das konsistoriale und bischöfliche Element stärken, 
ährend Clausen in der Kirchenkommission von 1854 das synodale 
ätonte. Man verurtheilte die Pastorenkirehe. D«iÄ Miii«,tÄd\3iSL 



142 Dänemark 

hatte für alle diese Bemühungen keine Bereitwilligkeit des Ent- 
gegenkommens. Das Jahr 1848 hatte einst volle Religionsfreiheit 
gebracht, bis dahin waren noch die Kinder von Baptisten-Eltern 
dem kirchlichen Taufzwang unterworfen gewesen, aber noch immer 
war die lutherische Kirche die allein anerkannte, die der König als "^ 
Oberbischof und unter ihm der Kultminister und die Volksrertretang J 
leiteten. Schwankende Majoritäten regierten in der letzteren anck 1 
die Kirche. Wohl war das kirchliche und religiöse Leben erwacktyl 
aber för Yer£assungsfragen war kein Sinn vorhanden. Die Juristen 1 
schenkten der Yolkskirche keine Theilnahme und die Grundtvigianer 
arbeiteten für völlige Freilassimg der Pastoren und Gemeinen aa 
ihr individuelles Belieben. Ihre leidenschaftliche Agitation erreichte 
wenigstens, dass die Konfirmation vom Könige freigegeben und der 
Parochialverband gelöst wurde (1855). 1873 gestattete ein Gesett 
die Bildung von Wahlgemeinen in der Volkskirche; die Befiirchtung, 
dass die Grundtvig'schen Freiheitsideen die Yolkskirche zerstören 
würden, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. Im Jahre 1880 bestanden ' 
acht Wahlgemeinen; der Grundtvigianismus ist konsequent liberal 
und radikal geworden. 1883 hat die Begierung die Erlaubniss ge- ' 
geben, dass sich die Bischöfe des Beiches von Zeit zu Zeit zur Be- 
rathimg innerkirchlicher Fragen versammeln dürfen. Das Werk dei 
inneren Mission wurde von Pastor B Ö n n e angeregt. Für die 
Hauptstadt ein Zweig derselben mit dem Blatte: Bethesda, und ein 
anderer, für das Land mit dem Blatte: Innere Missionszeitung, mit 
14,000 Abonnenten; Leiter Pastor Beck. Mancher methodistische 
Unfag mit den »Heiligen« wird hier getrieben. Die Pastoren Blädel 
und Frimodt (f 1879) und Harald Stein sind hier thätig ge- 
wesen *) ; ersterer auch der eiMge Förderer von Ejrchenbauten in 
den Yorstädten Kopenhagens. Pastor Hans Knudsen (f 1886) 
widmete sich der Pflege von verkrüppelten Kindern. Der Privat^ 
mann C lausen betreibt die Mission in den Häusern der am stärksten 
bevölkerten Stadtquartiere. Bei vielfach verbreiteter Gleichgiltigkeifc 
sind die Dänen doch auch eifrige Predigtleser und Predigthörer. 
Die Traktatgesellschafb (gegr. 1843) entfaltet eine reiche Wirksam- 
keit; auch die Tagesblätter werden von der Geistlichkeit viel&ch 
benutzt. Man zählt in der Hauptstadt auf 11,000 Seelen einen 
Pastor. Für den geschmackvollen Bau von Bethesda kamen in kurzer 



*) Vergl. die Monatsschrift für innere Mission vom Jahre 1881: Mi*- 
theilungen von dem unermüdlichen Dolmetscher dänisch -kirchlicher 
Literatur, Pastor Mich eisen in lÄ)oec\L. 



Dänemark. 143 

eit 165,000 Maxk freiwillige Gaben zusammen: eine Diakonissen- 
üstalt, die nach dem Wunsche der Königin auf dem Boden der 
Folkskirche stehen sollte. Sie hat ein Organ in der Eöbe und 1883 
m Einnahme von 91,383 Mark Eine pietistisch -methodistische 
Wegung, die sog. Trandberg'sche , ergriff die abgelegene Insel 
fomholm. Da Dänemark kein Dissentergesetz hat, ist das Inselland 
is Paradies vielfacher Sektirerei. Das Mormonenthum (obwohl un- 
esetzHch), der Irvingismus und der Methodismus, der Baptismus 
1500 Seelen), sind mit grossem Erfolge thätig; 1851 hat man für 
!e Dissenter die Civilehe eingeführt. Auch eine ansehnliche katho- 
sehe Gemeine hat sich in der Hauptstadt gebildet und als der von 
arten sen unterrichtete Prinz Waldemar eine Tochter aus dem 
ause der Orleans heirathete, willigte er m die katholische Erziehung 
a: Kinder weiblichen Geschlechts: ein Abfall aus altlutherischem 
egentenhaus. Weil in Dänemark alles Orden sein muss, vereinigt 
oh auch die Temperenz-Bewegung im Good Templar-Orden , auf 
eltlicher Grundlage. 

Am 3. Februar 1884 ist Märten sen gestorben. Am 2. Sept. 
872 war Grundtvig 89 Jahre alt entschlafen: ein Mann feurigen 
>lickes, mit langem, weissem Barte. Nie sah Kopenhagen ein Be- 
räbniss wie das des »Propheten des Nordens« *). Ein Prophet im 
»inne der Schrift war er nicht. Die dänische Mission arbeitet auf 
len Stationen von Puttambaukam, Tricolore und Areas. Auch unter 
len Santals in Bengalen. Hier wirkt der Norwege Skrefsrud, der 
düiessHch Freimaurer wurde. Auch Grönland ist ein Feld der 
ISnischen Mission (etwa 7000 Seelen). Von der Santalistanischen 
ifissionsgemeine zu Assam hat sich eine selbstständige Mission 
mter dem Volke der Metschen abgezweigt. Eine Seemanns- und 
aine Auswanderermission sind im Auslande thätig. Der Präsident 
einer Missionsschule war Dr. Kaikar (f 1886). 1884 hatte die 
dänische Missionsgesellschaft 58,907 Kronen Einnahme. 1885 war 
ein Kapitalvermögen von 21,705 Ejronen vorhanden. Die Santal- 
Uission hatte 1884 eine Einnahme von 17,825 Kronen; 1886 55,336 
Kark. Die katholischen 7 Gemeinen zählen 4000 Seelen. Geld und 
Versprechungen mehren die Bekehrten. Die romanisirenden Ten- 
denzen der Lutheraner haben den Einfluss Boms gefördert. Ein 
dänischer Janssen ist in der Person eines pensionirten lutherischen 
Propstes erstanden. Der Priester Hansen arbeitet an einer Kirchen- 
^schichte, in der römisches Licht alles erleuchten soll. Die Sonn- 



*) Sein Leben von Pry (1871) und Kaftan (1876V 



144 Schweden. 

tagsentheilignng ist erschreckend, ünsittlichkeit und Freimaiirem 
beherrschen die hohen Stände. Socialismas und Fraaenemancipatioit 
sind die Fracht massloser Freiheitsphrasen auch auf theologischer 
Seite, wo aach die Leichenreden nach yerschiedenen Taxen tief daa 
Ansehen der Kirche schädigen. Das Christenthum erhebt zum Lebett i 
— so ruft der Grundtvigianismus — die Theologie erstickt zum ^ 
Tode. Theologie und Gedankenfreiheit sind unvereinbare (Gegen- 
sätze. In dem Buche von Gleis s (1882): »Aus dem evangelischeii | 
Norden« lernen wir die jetzige Predigtweise kennen. Bekannt ist I 
auch auswärts der Professor Scharling (f 1877), den Reuss den \ 
ausgezeichnetsten unter den lebenden Bibelforschem Dänemarks 
nannte. Neuerdings haben skandalöse Geschichten des Kultos- r 
ministers Scavenius die Dänen bewegt. 



4. Schweden. 

Literatur: A. £. Knös, die schwedische EorchenyerfiAsauiig, 1852. Svenska 
Kyrkans och statens förhallande tili hvarandra, 1872. Aehnliche 
Schriften Yon B y d ^ n und Westerling. Die Stockholmer Proto- 
kelle und Jahresberichte der yerschiedenen Gesellschaften. Die 
Kirche und Schule Schwedens von Esaias Tegn^r, 1887. No^ 
disk Eevy, 1883 fL 

Eine die schwedische Kirche lebhaft charakterisirende Eigen- 
thümlichkeit ist die starke Betheiligung des Laienelements an geist- 
licher Thätigkeit. Zunächst ist dieses auch in den Verfftssungsformen 
stark vertreten. Die schwedische Kirchenversammlung, die neben 
dem Könige, seinem Kirchenminister und dem Reichstag die Kirche 
leitet, besteht zur Hälfte aus Laien. In den Domkapiteln sind diese 
sogar in der Mehrheit. Der Kirchenrath und der Schulrath sind in 
den Parochialgemeinen von grossem Einfluss. Ja, jede Gemeine 
kann eine Kirchenzusammenkunft halten, in der ein Wahlrecht fBr 
geistliche Anstellungen geübt wird. Das Volk hat ein grosses Becht 
in allen kirchlichen Beziehungen. Aber noch viel weiter geht diese 
Thätigkeit der Laien: dieselben treten überall predigend und lehrend 
auf. Die Anregung dazu hat namentlich der gewaltige Bauern- 
prediger Hans Nielsen Hange gegeben, der in.Norwegen indem 
Kirchspiel Thune am Ende des vorigen Jahrhunderts auftrat und 
den Rationalismus, den das sittenlose Vorbild des Hofes von König 
Gustav ni. begleitete, auch mit Schriften bekämpfte. Er machte 



Sdhweden. 145 

DgezShlte Meilen za Fass xmd verband die Seinen in Brüderkreisen. 
an liebenswüidiger Mann mit mildem Gesiebt, bellem Haar imd 
leiter Brost) von gesetzlicb vorsicbtiger Weise. Er wieb eigentlich 
idit Yon dem kitherischen Lebrbegriff ab, hielt aber den geistlioben 
Hand f&r mmöthig. Sein Iirthnm lag in seinem Prophetenthmn, 
las ihn sogar zehn Jahre in Haft brachte. Nach denselben hat er 
n aller Stille in seinem Banemhof Bredwill bei Christiania gelebt 
1 1824). Hange gewann viele Anhänger. Man nannte sie auch 
ioser wegen ihres Studiums der Bibel und der Schriften ihres 
feisters. Sie machten keine eigentlichen Separatisten aus und be- 
ichten fleissig die Oottesdienste. Sie wollten nur ausüben, was 
ie Kirche bekannte, imd dies mit strengster Feier des Sabbaths. 
me ernste, fast düstere Frömmigkeit. Die Trunkenheit schwand 
iter ümen, Eide und Schwüre hörte man nicht. Sie glaubten, die 
eistlichen wohl zu erkennen, die vom Geist geleitet wurden. Ihre 
^sonderen Konventikel waren ihre Freude. Nahm die Bewegung 
yr Leser auch ab, so blieb doch überall die Lust an der Laien- 
Lätigkeit, und als nun 1868 die Konventikelgesetze aufgehoben 
nrden und die Mitglieder der Kirche ohne die unmittelbare Leitung 
er gehörigen Geistlichkeit zusammen kommen konnten, blühte die 
laienthätigkeit so zuchtlos und wuchernd auf, dass neben den 
rdentlichen Kirchen in grosser Zahl Missionskirchen entstanden, in 
enen die Laien ofb gleichzeitig wie dort Gottesdienste hielten. Mit 
rerirrungen in der Lehre und Praxis, in allezeit Traurige und alle- 
eit Fröhliche getheilt. Man wollte aber dabei in der Volkskirche 
deiben, deren Taufe man noch immer hochachtete. Als nach eng- 
isch-amerikanischem Muster 1859 und 1860 eine neue Erweckung 
las Land durchzog, trat der theologisch gebildete Lector Walden- 
itröm an der lateinischen Schule zu Gefle an die Spitze und förderte 
out grosser Begabung, obwohl in der Genugthuungslehre ketzerisch, 
^e ungebundene Laienthätigkeit. Man büdete Abendmahlsvereine. 
Bine eigenthümliche Actiengesellschaft übernahm seine Zeitschrift 
»Ketister« und seine Schriften. Natürlich wurde durch die Frei- 
?ebung der Konventikel auch das Dissenterthum mächtig gefördert. 
Srst 1860 war das Gesetz der Landesverweisungsstrafe wegen Ab- 
alls von der Landesreligion aufgehoben worden. Man hatte bis 
4hin noch das Land von jeder anderen Beligion als der lutherischen 
*eigehalten. Katholische Eheleute waren ausgewiesen worden. Die 
V. Allianz hatte oft laut geklagt. 1873 erschien auch ein sehr 
berales Dissentergesetz und nun haben sich die Baptisten (1879 

Zahn, Elrohengeschichte. 2. Anfl. 10 



146 Sehweden. 

gab es 13,773, 1882 — 22,891 in Schweden), die Advenüstei 
Parkerianer, die Swedenborger, die Monnonen und Positi' 
weitgehend vermehrt Die Freande des Amerikaners The 
Parker*), dieses glühenden, sich selbst aufreibenden Unit: 
nnd Feindes der Sklaverei, schlössen sich za einer G^ellschai 
Wahrheitssucher nnd einem Schwedischen Ptotestantenvereii 
sammen. Atheismus und Theismus stritten sich hier. Zu l 
derem Ansehen kam die methodistisch-episkopale £arche, die 
64 Kirchen hatte. 

Obwohl von diesen vielen Secten geschädigt, ist docl 
schwedische Kirche noch eine von grosser Theilnahme des Y 
getragene und die Zeit, wo Staat und Kirche sich trennen kön 
liegt fem. — Am Anfsuig dieses Jahrhunderts steht in dem 
We^ö der Dichter schönster Sprache, der Bischof Esaias Teg 
da. Seine Frithjofs-Saga wanderte durch alle Welt. »Der 1 
nalismus«, sagte er, »ist eine nackte Einseitigkeit, ohne Geha] 
die Wissenschaft, ohne Farbe für die Phantasie und ohne Tros 
das Herz.« Doch hat er auch zu H. Leo gesagt: Solchen U 
wie die justificatio vicaria hat man in Schweden völlig bei 
geworfen. Er hat die Kirche und Schule namentlich seines S 
beschrieben (f 1846). Wir nennen auch Dr. Peter Fjells 
und Dr. Andres Fryxell. Ersterer wunderbar sprachbegab 
der Mission lange thätig, in der Türkei dann Herausgeber 
Lehrbüchern und einer revidirten Uebersetzung der Bibel, i 
zuletzt an der Missionsanstalt in Lnnd, wo er die Schrifb er 
ein preisgekröntes Andachtsbuch für G^fEuigene und die symboHi 
Bücher herausgibt. Halle machte ihn zum Doktor der [ 
logie. Er stirbt 1881. Emilia Ahnfelt-Laurin hat sein I 
beschrieben (1881). Der andere Schwede war erst Probst im 
liehen Wermland und dami ohne Amt angesehener Historiker. 
Berichte aus der Geschichte Schwedens wurden vielfach über 
Wie so mancher schwedische Pastor ist auch er hochalt gewc 
(f 1881). Auf den beiden Universitäten üpsala und Lund 
orthodox lutherisch gelehrt, wenn auch in Schwankungen zwii 
Kliefoth und Beck. Die Kirchenzeitung mehr lutherisch, 
Kirchenfreund im Sinne der ev. Allianz. Die Liturgie von 180! 
den Gottesdienst geordnet. Ein dreifaches Perikopensystem hei 
Das 1819 eingeführte Psalmbuch des Erzbischofs Wallin, g 



♦) Sein Leben von Weiss (1863), R^ville (1866) und Froting 
(1876). 



Nor wegen. 147 

3 einst die Leser protestirten , hat alles Beste und Gehaltvollste 
r mit leichter Hand timgearbeitet aufgenommen. »Viele dieser 
sänge sind die Ehre der Kirche and des Landes.« 1878 geschah 
) Einfohrong einer neuen Erklärung des luth. Katechismus. Eine 
ddirte Bibelübersetzung hat 1883 Anerkennung geftmden. Seit 
36 wirkt eine »Schwedische Missionsgesellschafb« unter Lappen 
d Tamulen, neuerdings auch unter den Zulus. Etwa 15 Missionare 
d eine Einnahme von über 200,000 Mark. Weiter die seit 1856 
tstandene einflussreiche »evangelische vaterländische Stiftung« , die 
beiboten zum Predigtdienst bildet und dann auch unter die Gallas 
issionare sandte. 1882 war sie der Mittelpunkt von 108 Missions- 
reinen. Der »schwedische Missionsbund« (seit 1879) umfässte in 
m genannten Jahre 121 Missionsvereine in 42 Freigemeinen, 
ele andere Vereine bestehen daneben. Es sind bedeutende Summen, 
e dahin zusammen fliessen. 

Am 28. November 1830 hatte man das tausendjährige Fest der 
nfuhrung des Christenthums in Schweden begangen. Am 6. No- 
mber 1832 feierte man nach 200 Jahren das Gedächtniss »des 
-ossen königlichen Märtyrers: es war ein Sabbath mitten in den 
'erkeltagen des Lebens«; nach 250 Jahren sprach König Oskar 
d gleicher Gelegenheit : »Des grossen Königs Andenken soll femer 
ben, so lange in Schweden ein Volk lebt, das Gott den Herrn 
rchtet.« Zwei reiche Grosshändler schenkten dabei der Universität 
psala 120,000 Kronen. Von schwedischen Theologen ist auswärts 
. V. Scheele bekannt» der jetzt auch mit dem Lector Dr. Uli- 
lann eine neue Quartalschriffc herausgibt: »Tidskrifb fbr kristlig 
:o och bildning«. 1885 ist eine christliche Tageszeitung geschaffen, 
er Bedakteur ist der Oandidat Torduis in Stockholm. Man klagt 
iel über die Unsittlichkeit der Hauptstadt, die dadurch noch ver- 
lehrt wird, dass es verboten ist, nach dem Namen der Mutter von 
inem unehelichen Kinde zu forschen. Ein Bild eines schwed. Land- 
»astors tritt uns in Hermann Wilhelm ülff entgegen. 



5. Norwegen. 

Literatur: Zorn, Staat und E[irche in Norwegen, 1875. Bang, Hans 
Nielsen Hange og hans Samtid. 2. AvA, 1875. Färden, Peter 
Harems Liv. og Virksomhed, 1878. Norsk Maanedskrift, 1884 & 

Ausser dem schon genannten Hange waren es die Professoren 
Steuer Johannes Stenersen und SvendBoicYim^ixi3LB.^x^\^V 



148 Norwegen. 

welche die Bückkehr zur kirchlichen Lehre förderten. Der Pastor 
Wilhelm Andreas Wexel bekämpfte den Philosophen Treschow. 
Seit 1850 haben in Christiania Paul Karl Oaspari, der aach in 
Deutschland wohlbekannte Exeget, Orientalist und Bogmenhistoriker 
(aus Dessau stammend), G. Johson und Jörgen Hansen gewirkt. 
Gas pari bekämpfte mit seinen Studien über das Tan£93rmbol die 
Ansichten von Grund tv ig, dessen G^edanken auch in Norwegen 
weite Verbreitung ÜEUiden und auf den gemeinsamen skandinavischen 
Konferenzen von ihm ausgesprochen wurden. Als er radikaler wurde, 
verlor er sehr an Ansehen. Seit 1858 besteht eine Zeitschrift fnr 
die ev. luth. Kirche Norwegens. Die norwegische Kirche ist enge 
mit dem Staate verbunden, dessen Beamte lutherischer Konfession 
sein müssen. Am 16. Juli 1845 erschien ein Dissentergesetz , das 
Beligionsfreiheit einführte, aber erst in neuerer Zeit ist auch den 
NichÜutheranem Zutritt zu den Staatsämtem gewährt. Der staii 
demokratisch gefärbte Storthing ist doch sehr vorsichtig in kirch- 
lichen Dingen, da er die enge Yerwachsenheit derselben mit dem 
häuslichen Bestände kennt. Man hat in schöner Ermaimung das 
Krug- und Wirthschafbswesen beschränkt und dem Branntweinverkanf 
Halt geboten. In den fünfziger Jahren wurde Gustav Adolf 
Lamm er 8, Pastor in Skien, der Träger einer donatistischen Be- 
wegung. Indem er an der speziellen Absolution im Abendmahle 
Anstoss nahm, gründete er die apostolische Ereigemeine in Skien. 
Als sich baptistische Elemente in dieselbe eindrängten, kehrte er 
zur Staatskirche zurück. 1869 wurde das neue Gesangbuch von 
Landstad und 1872 das von Hauge eingeführt. Die blühende 
Laienpredigt blieb theüs eine ganz freie, theüs wurde sie durch die 
Bibelboten der Lutherstiftning in Christiania geordnet: man gibt 
einen gewissen Unterricht. Die Gesellschaft für innere Mission am 
Skiens^örd und die Seemannsmission sind thätig. D^e Freigebigkeit 
ist für die Einwohnerzahl eine grosse. Unter den Heiden wird seit 
1842 bei den Zulus und in Madagaskar Mission getrieben. Eine 
Missionsschule ist 1843 eröfbet worden. In Madagaskar zählt man 
2000 Kommunikanten. 1878 hatte bei der lutherischen Fakultät 
der vortreffliche Kandidat Harem eine Studentenherberge gegründet. 
Für Judenmission und Pflege der männlichen Jugend eifrig thStig, 
wurde das Oel seiner zu hell brennenden Lampe frühe verzehrt 
Nach Grundtvig's Antrieben sind 6 Fortbildungsschulen entstan- 
den. Der Wohlthäter und Vater der armen Lappen und Finnen 
wurde in den norwegischen Finnmarken Niels Joachim Christian 
Vibe Stockfleih., der von Jugend di-a Bestimmung zum Pastor im 



^ 



BoBslancL 149 

rden fohlte und dann in den qualmigen Hütten und den eisigen 
ilden der Lappen ihre tiefe und poetische Sprache, ein Denkmal 
)r Zeit, erlernte und ihnen Bibel und Katechismus gab. Er hielt 
38t unter tobenden sectirerischen Hotten aus und eroberte durch 
16 vier Missionsreisen von 1825 — 1852 ein unglückliches Land 

die christliche Wahrheit. Sein Tagebuch erzählt davon (f 1866). 
) Schwester des Königs, Eugenie, empfindet auch' theilnehmend 

diese Mission. — Durch das Dissentergesetz mehrten sich die 
thodisten zu etwa 3000 Gliedern und aufGallend waren die Ueber- 
;te zur katholischen Kirche. Das norwegische Volk hat noch einen 
vorragend kirchlichen Charakter und mit Anmuth und Beiz be- 
iren uns die Bilder des Soimtags, wenn seefahrend in den Fjorden 
)r bergau&teigend zu den Höhen die Kirchgänger ankommen. 
s alter Zeit ragen in die (Gegenwart die so oft gezeichneten 
zemen Stavekirchen hinein, vom Volke mit Ehrfurcht betrachtet, 
chtem und zäh liebt es bei grossem Freiheitssinn die altlutherische 
idition und Kirche, obwohl auch heftig vom Badikalismus an- 
bebten, der in den widerwärtigen Angriffen des Dichters Björnson 
aen stärksten Ausdruck findet. Die Badikalen wollen die ganze 
'chenverwaltung in Laienhände legen, während der kirchlich ge- 
nte, bäuerlich rechte Flügel der Demokratie das geistliche Kirchen- 
[iment aufrecht erhalten will. Doch scheiterten die Versuche der 
dikalen. — unter den theologischen Schriftstellern Norwegens ist 
nas Dahl in Kongsberg zu nennen, der Noveller og Studier und 
igionsgeschichtUche Abhandlungen geliefert hat. Schon 1816 war 
le Bibel- und Tractatgesellschaft gegründet. 



6. BusslaDd. 

teratar: Busch, Materialien zur Geschichte mid Statistik des Eirchen- 
und Schulwesens der ev. luth. Gemeinen in Russland, 1862; der- 
selbe, Ergänzungen, 1867; derselbe, Beiträge für das Kirchen- und 
Schulwesen im Königreich Polen, 1867; derselbe, Beiträge fOr Finn- 
luid, 1874; Dalton, Geschichte der ref. Kirche in Bussland, 1865; 
derselbe. Evangelische Strömungen in der russischen K. d. Gegen- 
wart; Zeitfr. des christL Volkslebens, 1881; Nöltingk in der 
Beal-Encyclopädie v. Herzog; derselbe, Bericht Clber die Wirk- 
samkeit der ünterstützungskasse , 1884; Wurstemb erger, die 
Gewissensfreiheit in den Ostseeprovinzen Busslands, 1872; See- 
berg, Ans altes Zeiten. Lebensbilder au& 'Sxa\BaÄ> \%^^\ ^^ 



■^ 



150 Bnnland. 

periodischen Blätter, Mittheilangen und Nachrichten, St. Peten- p 
Dnrger Sonntagsblatt, Biga*8chea Eirchenblatt u. s. w. Berichte 
der Diakonie der dentsch-ref. Gemeine in St. Petersburff, Mackenzie 
Wallace M A. Bassland, 1879; Harless, Geschichtsbilder aas 
der luth. Kirche Livlands, 1869; Bock, Liylftndische Beiträge, 
1869; Panlsen, Esthlands Kirchen und Prediger seit 1848, 1886. 
Verfossnngsgesch. der ev. luth. K. in Bassland von Dalton, 1887. 

Erstes Kapitel. 

Die kirchliche Entwicidung. 

Von einer erkennbaren und bedeutenden geistigen Entwicklong 
in dem ausgedehnten Gebiete der ev. Kirche Busslands kann nnr in 
Bezug auf die ev. lutherische Kirche der Ostseeprovinzen, diesen 
treuesten, blühendsten, steuerkräftigsten und ordnungsliebendsten 
Theilen des unglücklichen Landes, geredet werden. Der Njstädter 
Friede (1721) bestimmte, dass die lutherische Kirche in den früheren 
schwedischen Provinzen Liv-, Est- und Ingermanland die herrschende 
sein solle; doch wurde schon 1794 die für nach Sibirien verschickte 
Lutherische eingeführte Massregel, dass die Ehen zwischen Luthera- 
nern und orthodox rassischen Christen Trauung und Kinder der 
letztgenannten Konfession zufallen müssten, auf das ganze Beich 1 
ausgedehnt. Das Schulwesen kam nach dem Zusammenbruch der 
schwedischen Herrschaft so herunter, dass in manchen Eorchsprengeln 
nur 5 pCt. der Bauern lesen konnten. Die Universität von Dorpat 
war eingegangen; viele Ausländer, die sich die Volkssprachen nur 
unvollkommen aneigneten und ofb dem Volke ihr Leben lang fremd 
blieben, kamen ins Predigtamt. Unter diesen Umständen war es 
eine Wohlthat, dass die Brüdergemeine von 1729 an, erst in 
Livland, dann in Estland sich auszubreiten anfing. Durch stets 
erweiterte Freiheiten (1764 und 1817) gelangte sie sogar zu 250 i 
Societäten mit 50 000 Mitgliedern. Der mannigfach gedrückte Bauer j 
fend hier Theilnahme, Trost, Anregung, leider aber auch Nahrung j 
für geistliche Selbstüberhebung, Heuchelei und nationalen Antago- 
nismus. Der aufkommende Eationalismus Hess die von pietistiscb 
angeregten Predigern und Adligen ins Land gerufene Brüdergemeine 
als unschuldigen Volksglauben fortbestehen, nachdem er «ich ver- 
geblich gemüht hatte, sein eigenes Licht unter das Volk zu bringen. 
Ein Konflikt mit der Brüdergemeine trat erst ein, als eine Erneue- 
rung des christlichen Lebens unter der (Geistlichkeit sich vollzog. 
Diese ging von der theologischen Fakultät zu Dorpat aus. Alexander 
I. hatte dort durch die Stiftungsxrrlöm'äLö ^oin. 1Ä02 die Universität neu 



Erstes Kapitel. Die kirchliche Entwicklung. 161 

eingerichtet — in einem palastartigen Gebäude. Es war Ernst 
Wilhelm Christian Sartorius ans Darmstadt, firüher Professor 
in Marburg, der yon 1824 — ^85 in Doxpat wirkte und die Liebe 
zum väterlichen Bekenntniss erneuerte. Er hat uns in seinen »Medi- 
tationen« seinen inneren Gang geschildert. Schon am dreihundert- 
jährigen Jubelfest der Augustana sprach er das Wort seines Lebens 
aus: Augustana semper augusta. Seine Schriften über die Person 
Christi und über die heilige Liebe fanden weite Verbreitung. Mit 
dem Jahre 1842 begann Philip pi seine Lehrthätigkeit in Dorpat, 
w^elche nicht bloss auf seine Zuhörer, sondern auf die gesammte 
lutherische Greistlichkeit einen durchgreifenden Einfluss ausübte und 
zmr Erstarkung des kirchlichen Bewusstseins führte. — Nächst ihm 
inrkten segensreich Keil als EiXeget, Harnack als Litorg, und 
£urtz als Eorchenhistoriker. Ihre hervorragendsten Schüler wurden 
Engel hardt als Kirchenhistoriker (f 1881) und Oettinger als 
Bogmatiker und Moralstatistiker. Die »Inbegriffe des Christenthums 
:för den gesunden Menschenverstand« verschwanden. Luthers Kate- 
<}hismu8 trat in sein Recht. Ein Gesangbuch im Tone von Teller 
wurde durch ein neues von Dr. ülmann beseitigt; ein Biga*sches, 
ein Bevarsches Gesangbuch erschienen. Die innere und äussere 
Mission wurden in Angriff genommen. Die Deutschen waren nidit 
nur die Herren, sondern auch die Lehrer des estnischen und letti* 
sehen Volkes. Ein hochherziger, gastfreier und freigebiger Adel 
ging mit edlem Beispiel voran. Eifrig besuchte man die Kirchen; 
die Sangeslust freute sich der geistlichen Lieder. Bei dieser Beg^ 
samkeit der erwachenden Konfessionalität fühlte man viel Hin- 
derliches in dem Treiben der Brüdergemeine. Diese hatte das Loos 
za einem sakramentlich-liturgischen-mystischen Gnadenakt gestempelt, 
l)ei welchem der Herr als Oberältester persönlich gegenwärtig die 
Uoss getauften Lutheraner von den in den Gnadenbund Eingeloosten 
feierlich absonderte. Diese und andere Einrichtungen wirkten in 
der lutherischen Kirche verwirrend. Harnack hat darüber ein 
Buch geschrieben (1860). Die Brüdergemeine stellte mehrfe,che 
IGssbräuche ab, die lutherische Geistlichkeit aber bot alles auf, um 
durch die Schule und durch die kirchlich organisirte Seelenpflege 
die Arbeit der fremden Gehilfen zu ersetzen, was bei den grossen 
Brchspielen oft sehr schwierig ist. Die Entwicklang der luth. Kirche 
ficMen eine glückliche zu werden, getragen von dem Feinsinn dor* 
tiger deutscher Bildung. Der Bauernstand schritt nach Aufhebung 
der Leibeigenschafb (1817) vom Erbpachtverhältniss fast ausnahmslos 
zum Erbbesitz fort. Banken von der »Bitterachaft* ^e>^i5as!ÄÄ\>\ÄJ&fi50L 



152 Ruasland, 



/ 



dazu. Von letzterer d. h. von dem Orossgnmdbesitz wurde unter 
kräftiger Mitwirkung der Prediger das Yolksschulwesen geschaffen, 
das durch vier Seminare, durch Lehrerkonferenzen u. s. w. gefördert *" 
wird. Bis vor 25 Jahren wurde auch die lettische und estnische 
Yolksliteratur ÜEist einzig durch die Prediger gepflegt, wie sie denn 
ihnen überhaupt ihre Entstehung verdankt In diesem Frieden brach 
der erste Versuch einer Eonversion zur orthodox russischen Ejrche 
ein. Er wurde von 1846—47 in Livland unter Anwendung der 
verschiedensten* Lock- und Schreckmittel, durch Versprechung von \z 
»Seelenlandc u. s. w. gemacht. Von den 40 — 50000 rein ftusserlich 
meist nur durch den Empfang eines Salbungskreuzes an der Stim 
Eonvertirten kehrten unter Alexander IL ganze Scharen zum IntL 
Bekenntniss zurück. Von den Eriminalstrafen, die sie für AbM 
von der russischen Eirche hätten treffen müssen, wurde wegen der 
Menge der Schuldigen abgesehen. Alexander IE. hob auch in d^ 
Noth der Gewissen des elend betrogenen Landvolkes, in dem Jammer 
einer verächtlichen Popenwirthschafb, in einer grenzenlosen sittiichea 
Verwilderung durch die heldenmüthige persönliche Vorstellung dar 
Pastoren Holst und Walter 1865, durch geheimen Eabinetsbefehl 
für die Ostseeprovinzen, den Zwang au^ bei Ehen mit Gliedern der 
russischen Eirche die Einder in dem letztgenannten Bekeimtmss za 
erziehen. Ein Gefühl der Befreiung ging durch das Land. 1872 
sagte Alexander zu dem französischen Zweige der fürbittenden 
Allianz: Je reconnais avec vous que ce mouvement n'6tait pas sincke. 
Die gegenwärtige Begierung hat diesen Zwang jetzt wiederhergestellt 
(26. Juli 1885) namentlich durch den Einfiuss des allmftchtigen 
Oberprokureurs des hl. Sjnods Pobedonoszew, des Grossinquisitors 
und Beichtvaters des Zaren, der in seinem Fanatismus jene kaiser- 
liche Bemerkung ableugnet und die besten Elemente des unglück- 
lichen Reiches ersticken will. Ein geheimer ükas soll besteheiir 
nach dem alle höheren Stellen in den Ostseeprovinzen mit Ortho- 
doxen zu besetzen seien. Die Begierong wird darin von der pan- 
slavistischen Presse unterstützt. Dieser ist es auch gelungen, unter 
Anwendung socialdemokratischer Mittel, Esten und Letten in gemein- 
samem Hasse gegen die Deutschen zu vereinen. Die Eonversionen 
haben aufs neue begonnen. Agitatoren der schlimmsten Art nnd 
der dunkelsten Vergangenheit treiben in Nordlivland und Estland 
Proseljtenmacherei; Eonvertiten ist die Befreiung aller kirchlichen 
Beallasten, die zu Gunsten der lutherischen Ereise an Grund nnd 
Boden haften, zugestanden. Spione lauem bei den Eommunionen 
der Lutheraner, ob nicht irgend ein Eonvertit zugelassen wird. Man 






Zweites Kapitel. Ein Büd der gegenwärtigen Lage. 158 

Uagt dann an. Ein Pastor ist nach Smolensk geschickt worden, 
leaerdings wieder freigegeben, doch nicht in den Dienst seiner 
Ifibnath. Die baltische orthodox-rassische Brüderschaft verfolgt mit 
glossartigen Mitteln ähnliche Zwecke. Vier Missionare, mit 1000 
BUL Jahrgehalt angestellt, sind thätig. Die deutsche Schale soll 
lerstfirt werden. Ein Bittgesuch an den Kaiser erschien als ganz 
migehörig. (Die Lage der ev. Kirche erscheint aussichtslos, da jeder 
auch nur seelsorgerische Tadel der orthodoxen Kirchenlehre und 
Gebräuche strafirechtiicher Verfolgung unterliegt. Mit brutaler Roh- 
heit wüthet das arme Bussland gegen sich selbst.) Jn Kurland sind 
1885 994 Personen zur griechisch-orthodoxen Konfession übergetreten. 
In Esthland betreibt der Fürst Schachowskoj die Bussificirung. 
Konvertirte Bauern werden der Verpflichtung entlassen, ihre Pacht 
zu bezahlen, lutherische Kirchen ihres Einkommens beraubt. Die 
Existenz der Universität Dorpat ist bedroht; selbst der Beligions- 
unterricht soll in russischer Sprache ertheilt werden. Eine »Ueber- 
gangsreligion« ist erfunden"'). April 1887 wurde die Einführung 
der russischen Unterrichtssprache in allen deutschen Gymnasien und 
Bealschulen befohlen, (regen 40 Pastoren sind Anklagen wegen 
»Verbrechen« beim weltlichen Gericht erhoben. Man schreitet von 
Gewaltakt zu Gewaltakt. Obgleich die Lage der lutherischen Kirche 
aussichtslos erscheint, so verlieren dennoch die Pastoren, die Bürger- 
schaft und der Adel nicht die Freudigkeit, sondern setzen ihre Hoff- 
nimg allein auf Grott, der ihren Vätern schon oftmals so wunderbar 
dordigeholfen hat. Jn Folge der Trübsal wächst auch in den Ge- 
meinen die Liebe zur Kirche. 



Zweites Kapitel. 

Ein Bild der gegenwärtigen Lage. 

Es ist ein ungeheures Gebiet: vom Nordkap bis zum Ararat 
tmd schwarzen Meere und von den baltischen Gestaden bis zum 
stillen Ocean, auf dem sich die ev. Kirche Eusslands ausbreitet. 
Man theilt sie in drei grössere Körperschafben: die Kirche des Gross- 



*) Die Bedrückung der Deutschen mid die EDtrechtung der prot. 
E. in den Ostseeprovinzen, 1886. Die lettische nationale Bewegung und 
die kurländische Geistlichkeit, 1886. 



154 Bassland. 

fürstenthnms Finnland, die des früheren Königreichs Polen tmd die 
des gesammten übrigen Reiches. Letztere hat durch das Gesetz für 
die ev. lutherische Kirche in Bussland vom 28. Dezember 1832 ihre 
rechtliche Grundlage empfangen. Das G^neralkonsistorium in Peters- 
burg ist die kirchliche Oberbehörde. Es hat 8 Konsistorien unter 
sich. Der geistliche Präses desselben ist der Oberhirte eines Konai* 
storialbezirkes. Dem Prediger stehen in den einzelnen Gemeinen 
Stadtkirchenräthe zur Seite. In den Landgemeinen gibt es Kirchen- 
vorsteher. Die Konkordienformel, eine an die schwedische Tom 
Jahre 1687 sich anschliessende Agende bestehen zu Becht. Der 
Petersburgische, Moskauische *und ein Theil des Kurlftndischen Be- 
zirks umfassen auch die weitausgedehnte, in kleinen Gruppen un- 
übersehbar versprengte, pastoral unendlich mühevoll zu pflegende 
lutherische Diaspora. Der Petersburgische Konsistorialbezirk vom 
flnnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer zählt in der Haupt- 
stadt selbst in 18 Kirchspielen etwa 70000 Lutheraner mit wohl- 
organisirter Armenpflege und mancherlei Asylen, um die Stadt 
zieht sich ein Kreis kleiner deutscher Gemeinen. Traurig sind die 
Zustände in den 19 finnischen Landgemeinen. Li den nach Norden 
und Osten von der Hauptstadt gelegenen 6 Grouvemements zeigt 
die Stadt Kiew ein reges Leben. Li dem Süden Busslands breitet 
sich eine lutherische Bevölkerung von 130000 Seelen aus. Li Odessft 
ist eine grössere Gemeine au%eblüht. Li den Kolonien waltet ein 
stark schwäbisches, frommes Element mit kirchlichem Bewusstsein, 
von den Baptisten heimgesucht, neben methodistischen Springern 
und Hüpfem, mehr in Laxheit versinkend, nachdem die Kolonial- 
obrigkeiten aufgehoben sind. Man übt hier die Armen- und Waisen- 
pflege und hat in Sanata ein Diakonissenhaus und in Herzlieben- 
thal ein Haus der Barmherzigkeit. 

Der Moskauische Konsistorialbezirk umfasst 382 860 Einge- 
pfarrte; nur in Moskau fester geordnete Gemeinen, sonst überall das 
schmerzliche Bild des vergeblichen Bingens der Hirten um Erhal- 
tung der Herden. An der Berg- und Wiesenseite der Wolga wohnen 
fast 300 000 Lutheraner, die auf dem immermehr erschöpften Boden 
eine Hungersnoth hervorriefen, in Schulden sinken, ohne genügende 
Schulbildung, wenn auch nicht ohne kirchlichen Sinn. Sie sind von 
etwa 54000 ursprünglich Beformirten, von »neuen Brüdern«, die 
eine Gemeine der Sündlosen darstellen wollen und von Baptisten 
durchsetzt. Dabei grosser Mangel an Pastoren. Der Kaukasus wird 
von 4 Gemeinen aus pastorirt; interessant ist eine kleine luth. Ge- 
meine Schemachu und Baku armenischen Ursprungs. La Sibirien 



Zweites SapiteL Ein Bild der gegenwärtigen Lage. 155 

Uen 6649 Lutheraner wohnen, namentlich in den Deportirkolonien, 

5 Kirchspiele vertheilt mit den schwierigsten Verhältnissen. Ofb 

dem Elend der Goldwäschereien und Bergwerke. Als der Gtene- 

Isoperintendent Jürgenssen Taschkent und Sibirien bereiste, 

innte er zwei Wochen nur Thee als Nahrung erhalten und starb 

Folge der Erschöpfung (1886). Die Probstei Wilna zum kurlän- 

schen Konsistorium gehörig umfasst 86 888 Seelen in vielfach ver- 

immerter Lage. 

Li dem Konsistorialbezirk von Kurland, Biga, Livland, Oesel, 
ithland und Beval ist die absolute Mehrheit der Bevölkerung luthe- 
ich. Hier ist ein so guter Stand der Volksschulen, dass 1881 auf 
Kinder 1 Schule kam. Neuerdings wächst der Baptismus. Eine 
^enthümHche geistige Bewegung zeigt sich auf den Insehi Nukoe 
id Worms. Eine reiche Liebesthätigkeit betreiben die estnische 
axrerversorgungskasse, die Bücher- Verlagskasse, der Tractatverein, 
e ev. Bibelgesellschaft. Bischof Dr. ülmann rief eine ünter- 
ützungskasse der luth. Gemeinen 1858 hervor. Sie wird von dem 
sntral-Comite in St. Petersburg geleitet und hat eine jährliche 
innahme von ca. 60 000 Bbl. Es gibt christliche Leihbibliotheken, 
deutsche Gemeineblätter und die Theologische Monatsschrift. Die 
eidenmission steht mit Leipzig in Verbindung. Das Literesse der 
adenmission ruht auf den Bewegungen in Ejschinew. Die ünter- 
cützungskasse verfügte 1886 über 62017 Eubel. 

Die ev. lutherische Kirche des früheren Königreichs Polen um- 
Lsst etwa 327 845 Protestanten, Lutheraner und Beformirte mit 
Drwiegend deutschem Charakter, seltner schon Htthauischem und 
ohiischem. Die gesetzliche Grundlage ist das Gesetz vom 8./20. 
ebruar 1849. Li Warschau ist ein Evangelisch-Augsburgisches 
onsistorium. Unter einem Generalsuperintendenten stehen vier 
aperintendenten. Die Gemeinen wählen die Prediger. Kirchen- 
sUegien stehen diesen zur Seite. Die Volksschulen sind jetzt der 
ufsicht des Predigers entzogen und in Simultanschulen verwandelt, 
ie Unterrichtssprache ist die russische. Die Verdrängung der 
3utschen Sprache bewirkt eine starke Auswanderung in andere 
issische Provinzen. Neuerdings tritt der sonst herrschende Batio- 
idismus etwas zurück. Lol Grusien zählt man 8 luth. Gemeinen, 
. TipUs die wichtigste; sie sind synodal verfasst. Ln Gouveme- 
ent Gerson ist die einst aus Württemberg geflüchtete Gemeine 
of&iungsthal. Die ev. lutherische Kirche des Gxossfürstenthums 
innland zählt 2019727 Lutheraner. Bischöfe und ein Domkapitel 
nrwalten sie. Eine Generalsynode mit einem Laien-Element hat 



156 Bnasland. Zweites Kap. Ein Büd der gegenwftri. Lage. 

die Legislation in Händen. Die Gemeinen wählen die Pastoren, j 
diese die oberen kirchlichen Stufen. Die von der Eirche getrennte I 
Schule hat doch yorwiegend geistliche Direktoren. Die üniversititt r 
ist Helsingfors. In Wiborg ist ein Diakonissenhans. Eine Bibd- p 
geseUschaft ist in Thätigkeit. Die Mission arbeitet unter den tief 
gesunkenen Lappen und unter den Ovambo in Afirika. Ln eigenen 
Lande wird der Branntweinyerkauf von den Gemeinen bewacht. Eine 
pietistische Eichtung ist durch den Bauer Paarvo Buotsalainen her- 
vorgerufen; ihr gegenüber betont die Bechtfertigungslehre der Probst 
Hedberg. 1878 hat sich auch ein ev.-luth. Verein gebildet. 

Die reformirte Eirche Busslands hat ihren geschmackvollen Ge- 
schichtsschreiber in dem Eonsistoriahuth und Pastor Dr. th. Her- 
mann Dalton, der uns auch mit seiner anmuthigen Feder das 
Leben des Vaters Gossner und des Beformators Johannes a 
Lasco beschrieben hat, ein durch Beisen und Beisebilder in Europa 
bekannter Mann. Ueber evangelische Strömungen in Bussland bat 
er in den christlichen Zeit&agen berichtet. Hier er£a>hren wir etwas 
von den »Stundistenc und den Bemühungen des Lord Bad stock 
und seines Schülers Paschkoff. Gteme folgen wir ihm, wenn er 
uns den Beiz der Einsamkeit auf den steppenweiten Gebieten der 
ref. Eolonisten schildert. Die ref. Eirche Busslands zählt 2 grössere 
Zusammenfassungen von ref. Gemeinen: den litthauischen Synodal- 
bezirk und den Warschauer. Die übrigen 10 Gemeinen stehen unter 
den reformirten Sitzungen der »Eonsistorienc zu Petersburg, Moskau, 
Biga und Mitau, welche die Ehesachen, die Prüfung und Ordination 
der Eandidaten zu verwalten haben. Sehr regsam ist die deutsch- 
ref. Gemeine in Petersburg (1047 Eommunikanten) mit einer Schule 
verbimden. Ihre Jahresberichte kommen auch ins Ausland. Sie 
bewahrt das Gedächtniss des Schweizers Johannes von Muralt, 
dessen Leben Dalton erzählt hat. Bei der litthauischen reformirten 
Eirche begegnen wir überall den Verwüstungen der Jesuiten. Der 
Heidelberger Eatechismus war im Lande verschwunden. Ein zer- 
tretener, mit Blut gedüngter Boden. Jetzt leitet eine Synode (Prä- 
sident gegenwärtig Graf Puttkammer) und ein Synedrium die 
Eirche. Die laufenden Geschäfte führt ein ref. Eollegium zu Wilna. 
Die Staatsschulen haben die russische Sprache. Ein Gymnasium 
zu Sluzk ist von der Begierung ' eingezogen. Es gibt 14 G^emeinen 
mit 11125 Seelen, auf denen Armuth und Niedergang liegt Am 
3. Dezember 1879 starb der Generalsuperintendent Stefan von 
Lipinski: ein zurückgebliebener erratischer Block, der an die ent- 
ßcbwundene polnische Glanzzeit mQjlmQ.\A. ^m «tcenger Calvinist und 



Oesterreich-Üngarn. Erstes Kapitel Die Toleranzzeit. 157 

ner aller freieren Bichtangen; eine ehrwürdige alte Gestalt mit 
^arzseidenem Oewand. Ein echter polnischer Nationalheld, der 
Schmerz den Ab&ll des ref. Adels sah. In Polen ist die Yer- 
nng eine konsistorial-synodale. Ihr Becht beruht anf dem Oe- 
e von 1849. In den 9 Pfarrgemeinen wird in 4 Sprachen ge- 
t und gepredigt. Im Allgemeinen schätzt man die Beformirten 
den 40 000 an der Wolga anf 71 159. Methodisten gibt es 34217"'). 



7. Oesterreich-Ungam. 



A. Oesterreich. 

nratnr: Ausser den im Text angegebenen Quellen hier noch folgende 
Schriften: Die Rechte und Verfassmig der Akatholiken in dem 
Österreich. Kaiserstaate yon Jos. Helfert, 1848. Die Berichte 
über die Konferenz des Jahres 1848 und die Versammlung der 
Superintendenten vom Jahre 1849. Letopisy, ev. cirkvi vlast. 
z. r. 1848 und 49 von Jos. Buzioka, 1850« Lehrbuch des allg. 
und österr. ev. protest. Kirchenrechts von Karl Kuzmanj, 1856. 
Urkundenbuch zum Osterr. ev. Kirchenrecht, 1856, von demselben. 
Pamatka, roku slaynostniho von Janata, Subert und Tardj, 
1868. Die Rechte der Protestanten in Oesterreich, yon Gustay 
Porubszky, 1867. Die K K. ey. theol Fakultät in Wien, yon 
Frank, 1871. Das Eyangelium in Böhmen, yon Lemme, 1877. 
Doba poroby a yzkriseni, yon Adamek, 1878. Les fSglises de la 
confession Hely^tique en Boheme et en Morayie et Ja question 
scolaire, 1879. Kaiser Joseph 11. und die Protestanten in Oester- 
reich, yon Stursberg, 1881. Weghs »Zapiskyc, herausgeg. yon 
Szalatnay, 1882. Austrian Ideas of Religious Liberty by R. S. 
Ashton, 1881. Toleranz und Intoleranz gegen das Eyangelium 
in Oesterreich, yon Zimmermann, 1881. Zu beachten sind auch 
die kirchl. Briefe aus Oesterreich in der Ey. Kirchenztg., 1868, 
Nr. 95. ChristL Zeitfragen, Vü, Heft 2. Schematismus der ey. 
K. Augsb. und Hely. Bekenntn., 1886. Witz, das ey. Wien, 1887. 
Trautenberger, Ein Vierteljahrhundert unter dem Gustay- 
Adolfig-Banher, 1862—1887. 

Erstes Kapitel. 

Die Toleranzzeit 

Die Yerfolgongen der Evangelischen dauerten mit wenigen 
inahmen (Schlesien, Galizien, Triest) bis zmn Tode der Kaiserin 



*) Quarterly Register of th. AU. of ref. churches No. 7^ Jub^ tB&7« 



158 Oesterreich-Ungam. 

Maria Theresia: das erlösende Wort sprach erst Joseph IE. nach 
seinem Begienmgsantritt 1780. Nach einigen vorausgehenden vor- 
bereitenden Dekreten erscheint am 13. Oktober 1781 das Toleranz- 
patent. Unbeschreiblich war die Freude und innig der Dank der f= 
bisher unterdrückten und verfolgten Protestanten, die nun ein pri- 
vates Glaubensexercitium entweder nach der Augsburgischen od& 
Helvetischen Eonfession ausüben konnten (A. C. und H. 0). 
Im Jahre 1782 zählte man 78 722 Ev. A. u. H. C, 
» 1783 » » 79226 » » » » 

» 1785 » » 107454 » » » » 

» 1788 » » 156865 » » » » 

In Böhmen und Mähren bekannte sich die Mehrzahl zur H. C, 
ein neuer Beweis für die Zugehörigkeit der alten böhmischen Bräder- 
kirche zu den Beformirten, denn der Einfluss der Schriften der 
Unität war der Grund dieser Erscheinung. 

Leider wurde der Uebertritt durch das Dekret vom 25. Dezem- 
ber 1782 beschränkt, welches für die vom Eatholidsmus üeber- 
tretenden den sechswöchentlichen Religionsunterricht beim katho- 
lischen Pfarrer festsetzte, von denen mancher diesen Unterricht auf 
Monate, ja Jahre ausdehnte. Erst das Jahr 1848 befreite die Ueber- 
tretenden von der Qual dieses Unterrichts. Die lutherischen Ge- 
meinen erhielten ihre ersten Prediger aus der Slovakei in Ungarn 
und aus Deutschland, auch aus anderen Ländern. Ebenso bekamen 
die 4 reformirten deutschen Gemeinen ihre ersten Prediger ans 
Deutschland und Holland. Die böhmischen reformirten Gememen 
standen eine Zeit lang rathlos da, bis sich endlich auf ihr wieder- 
holtes Bitten, und das Drängen der Regierung ungarische (magya- 
rische) Kandidaten entschlossen, dem Rufe der neuen Gemeinen za 
folgen, deren Sprache sie erst zu erlernen hatten. Freudig wurden 
sie von den ref. Böhmen angenommen als die sehnlichst erwünschten 
Prediger ref. Bekenntnisses; 87 gingen nach Böhmen, 15 nacli 
Mähren*), denen im Laufe der Jahre noch andere folgten, bis böh- 
mische Jünglinge Theologie studirten und vakante Stellen übernehmen 
konnten. Der Gottesdienst wurde nach ref. Ordnung eingerichtet 
und der Heidelberger EAtechismus in den meisten Gemeinen als 
Lehrbuch eingeführt. 

In den meisten Gemeinen wurden auch sofort Schulen errichtet, 



*) Die Nachkommen von 7 dieser ersten Prediger stehen noch jetst 
im Dienste der ref . Kirche : Molnar, Kun, Tardy, Szalatnay, Nagy, 
Solteaz, Garcik. 



Erstes KapiteL Die Toleranzzeit. 159 

deren Lehrer allerdings oft ohne die nöthige Vorbildung waren und 
sieh auf Unterweisung des Einfachsten beschränkten. Im Jahre 1784: 
wurden für die (Jemeinen die ersten Superintendenten bestellt und 
ebenso die Konsistorien in Wien errichtet. Jede Konfession erhielt 
ihr eigenes Konsistorium; beide hatten einen gemeinschaftlichen 
kath. Präses (einen Juristen). 

Kaiser Joseph ü. war der Ueberzeugung, dass beide ev. Kon- 
fessionen so von einander abweichen, dass jede ihre eigene Kirchen- 
verfessung haben müsse. Als aber die Evangelischen in Wien A. 
und H. 0. sich imionistisch äusserten, Hess es Joseph zu, dass für 
beide Kirchen ein und dieselbe kirchenregimentliche Ordnung be- 
stimmt werde. Die Gemeinen wählten sich ihre Presbyterien und 
ihre Pfarrer und Schullehrer. Die Senioren und Superintendenten 
wurden von der politischen Obrigkeit ernannt. 

In der ersten Zeit wurden auch Synoden, besonders von den 
ref. Predigern in Böhmen abgehalten, bald jedoch untersagt. 

Als nach Kaiser Josephs Tode die böhm. Stände an Kaiser 
Leopold n. dpÄ Verlangen stellten, das Toleranzpatent wieder auf- 
zuheben, wies dieser das Ansinnen mit Entschiedenheit zurück. Aus 
der Zeit Kaiser Franz I. ist besonders zu bemerken, dass die Be- 
strebungen nach Errichtung einer eigenen theol. Lehranstalt zur 
Ausführung gelangten. Bis dahin erhielten die Studirenden der 
Theologie ihre Bildung auf ungarischen Gymnasien und Fakultäten. 
Im Jahre 1814 wurde die akatholische Lehranstalt zu Teschen in 
ein akatholisches Gymnasium umgewandelt und im Jahre 1821 eine 
theoL Lehranstalt für die Studirenden der Theologie A. und H. C. 
in Wien eröföiet. Dieselbe stand unter einem Studiendirektor (der 
einer der Wiener Pastoren war) und unter der Aufsicht der Kon- 
sistorien. Die Professuren der Exegese und Dogmatik sollten mit 
je einem Professor A. C. und H. C. besetzt werden, bezüglich H. C. 
kam diese Anordnung vollständig nie zur Ausführung, was von ref. 
Seite auch sehr beklagt wurde. Zunächst wurde ein Professor der 
Exegese H. C. Patay aus Ungarn, berufen; ihm folgte Szeremley 
als Professor fiir Dogmatik H. C; nach dessen Eücktritt im Jahre 
1856. nach einer 7jährigen Vacanz, wurde Dr. Bohl als Professor 
fOr Dogmatik und Symbolik berufen. Von ihm haben wir das ein- 
zige Lehrbuch der reformirten Dogmatik in diesem Jahrhundert: 
Dogmatil. Darstellung der christlichen Glaubenslehre auf refor- 
mirt-kirchlicher Grundlage, 1887. Alle übrigen Stellen hatten bis 
jetzt nur Professoren A. C. Das 300jährige Jubiläum der Refor- 
mation durch Luther und Zwingli wurde mit Genehmi^an^ der 



160 Oesterreich-Ungam. 

Begienmg im Jahre 1817 in allen Gemeinen A. 0. und H. 0. mit ^ 
grosser Innigkeit und tiefem Dank gefeiert. Nach den Berichten jj 
der einzelnen Pfarrämter verfiEisste der luth. Pfiarrer Qlatz in Wiea -t 
eine Geschichte dieser Feier. 

In ihrer nur tolerirten Stellung verblieben die Evangelischea ^ 
beider Bekenntnisse während der Begierung der Kaiser Franz und/ 
Ferdinand I. Vergleicht man die ersten Jahre der Begierong 
Joseph n. mit dieser späteren Zeit, so lässt sich nicht leugnen, . 
dass sogar eine Verringerung und Beschränkung der ihnen ye^ - 
liehenen Duldung eingetreten war. Bei Ertheilung des Toleraii2- ^ 
Patents war der üebertritt zur ev. Kirche H. C. oder A. C. för 
jedes Alter frei und Kinder traten zugleich mit ihren Eltern über. 
Jetzt durfte ein Katholik vor seinem 18. Jahre nicht übertreten. 
Die Beverse zu katholischer Kindererziehung in gemischten Ehen 
waren von Kaiser Joseph aufgehoben. Im Jahr 1842 wurden sie 
wieder eingeführt, wogegen die Gestattung der Eheschliessung per 
passivam assistentiam einen sehr geringen Ersatz bot*). Der Be- 
zug der Bibeln ausländischer Bibelgesellschaften war yerboten u.a.m. 

Doch die Tage einer besseren Zeit, die der gesetzlich gesicherten 
und gleichberechtigten Stellung, waren bereits nahe. Das Jahr 1848 
brachte auch hierin eine Aenderung. Während der Toleranzzeit 
war die sociale Stellung der Evangelischen und besonders ihrer Pre- 
diger eine sehr gedrückte. Um so inniger hielten sie zu einandw. 
Gemeineglieder und Prediger besuchten sich häufig, Grastfreundschaft 



*) Da Ehen von Brautpaaren verschied. Eeligion nur vor dem rOm. 
kathol. Priester geschlossen werden konnten, befanden sich jene in der 
denkbar peinlichsten Lage, wenn der evangel. Theil den Etevers wegen 
kathol. Eindererziehung nicht ausstellen, oder der eine Theil noch vor- 
her zu der Religion des andern nicht übertreten wollte. Da der üeber- 
tritt zur evangel. Religion aber, so lange das sechswOchentliche Examen 
gefordert wurde, zumal in einem solchen Falle, bekanntlich nicht leicht 
bewerkstelligt werden konnte, so wurde diesem Gewissenszwange daduich 
einigermassen abgeholfen, dass der Papst über eine Vorstellung der 
(^sterr. Bischöfe durch ein Breve, welchem am 24. Aug. 1841 das placetom 
ertheilt wurde, gestattete, dass solche Ehen, wo der evang. Theil sich 
zu keinem Reverse entschliessen wollte, per passivam assistentiam sacer- 
dotis, d. h. vor dem in gewöhnlicher Kleidung gegenwärtigen Priester 
ohne die üblichen Ceremonien der röm. Kirche, lediglich durch AnhOmng 
des gegenseitigen Eheversprechens, gültig geschlossen würden. Eine 
nachträgliche kirchliche Befestigung dieser Ehen seitens des evangeL 
Oeistlichen war streng untersagt. 



c. 



Entes KapiteL Dia Toleranzzeit. 161 

imrde in herzlichBter Weise geübt. Man schreckte vor meilenweiten 
Wegen nicht zar&ok. Man theilte sich gegenseitig Erendiges nnd 
Seiinierzliches mit nnd berieth über den besten Weg, die Hinder- 
asse zu überwinden, nnd hiebei ein gleichmässiges Vorgehen zn 
leaditen. Auch Eröffiinngen von Bethänsem, Schulen, oder auch 
Begräbnisse u. s. w. gaben Anlass zu zahlreicheren Zusammenkünften. 
Iha that besonders den ungarischen Fredigem noth, die die Yer- 
Iilltzdsse des Landes und Volkes und die bestehenden Gesetze erst 
kennen zu lernen hatten. Die Gemeinen standen mit ihren Pastoren 
im herzlichsten Verkehre. Freilich waren auch die Pastoren an- 
spruchslose eiaÜEUshe Seelsorger, die ja ihre theure Heimat in dem 
Bewusstsein verlassen hatten, zu einem armen, einfia.chen Volke zu 
ziehen, das nur in seinen niedrigen Bauemhütten sich den Eest 
der Bekenner des Evangeliums bewahrt hatte, während die bemittel- 
teiren Klassen, die Intelligenz, die adeligen Geschlechter in der Ge- 
walt des Papstthums verblieben. Die Kirchen waren ein&*ch ohne 
Tfannn, Glocken und Orgeln, aber bei den Beformirten gut reformirt 
eh&gefichtet , ohne Altäre, denen zu Liebe die Kanzel bei Seite ge- 
schoben wird. Die Kanzel nahm den -Hauptplatz ein und vor ihr 
stand ein Tisch zur Bedienung mit den Sakramenten und för andere 
Fonktionen. Bei dem gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst wurde nur 
die Kanzel benützt. Die ersten Prediger, zumal bei den refomdrten 
Böhmen, waren auch ihre ersten geistlichen Schriftsteller; freilich 
bedienten sich die ersten ungarischen Prediger hiebei einheimischer 
Hülfe; ein katholischer aber literarisch tüchtiger Jüngling, der 
spftter als Literat eine hervorragende Stellung einnahm, war ihr 
Translator und Korrektor. So wurde sofort eine Agende, der Heidel- 
berger Katechismus und die 2. helv. Konfession ins Böhmische über- 
setzt und herausgegeben. In Mähren war besonders der erste Super- 
intendent Blazek, der böhmischen Sprache von Hause aus mäch- 
tig, hierin thätig, in Böhmen vor allem der feurige Wegh. Auch 
Gesangbücher und Gebetbücher erschienen, jene wurden jedoch' meist 
nur in Mähren benützt, in Böhmen wurden die Lieder bis in die 
neueste Zeit meist nur von dem Vorsänger vorgesagt und von der 
Gemeine nachgesungen. Die Gemeineglieder selbst hatten während 
des Gottesdienstes kein Gesangbuch. Man sang Lieder und Psalmen, 
diese nach den Goudimerschen Melodien, in der alten üebersetzung 
des Predigers der alten Brüderunität vom Jahre 1585, Georg Stryc. 
Eine Geschichte der Gründung der Gemeinen verfasste Wegh und 
Szalatnay, jene ist im Auszuge gesondert erschienen, diese in der 

Zahn, Eirchengeschichte. 2. Aufl. 11 



Ig2 Oesterreich-Üngam. 

ref. Zeitschrift Hl. ze S. veröffentlicht worden. Selbst die Katholü^i 
freuten sich über diese literarischen Anftnge, und der Bector d^ 
Prager Universität, zugleich Mitglied der OensurbehOrde, mit 
Wegh dieserhalb zu verkehren hatte, sagte zu diesem: Nehmt 
nur der Böhmen an; denn exstirpata religio, exstirpata eruditiol 



Zweites EapiteL 

Die Zeit der Gleichberechtigung. 

Die kaiserl. Konstitution von 25. April 1848 gewährte in §. 17 
den österreichischen Unterthanen die voDe Freiheit des Bekennt» 
nisses. Die hienach den Evangelischen zu gewährenden Rechte, dis 
interkonfessionelle Stellung, die Neuorganisimng der Kirche beschul- 
tigte alle (Geister der Evangelischen und Adressen und Gresuche 
wurden an das Ministerium und die Konsistorien gerichtet, die alle 
vornehmlich auf Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen 
und eine presbyterial-sjnodale Kirchen- Yer£Ehssung hinzielten; anA 
der Union beider ev. Kirchen gedachten. Der mährische reformirte 
Superintendent Samuel v. Nagy in Yanovic lud Vertreter beider 
ey Konfessionen zu einer Konfelz nach Wien ein. die auch vom J 
3. — 11. August 1848 abgehalten wurde und die nächsten Wünsche 
der Evangelischen formulirte: statt »Akatholikenc sollen dieBekenner 
der ev. Kirchen »Evangelische« genannt werden; der IJebertritt von 
einer Religion zur anderen sei frei; das Bekenntniss der Kinder 
werde den Eltern anheimgestellt; Stolgebühren und sonstige Giebig- 
keiten an die römisch-katholischen Pfarrer seitens der Evangelischen 
haben zu entfaUen; gemischte Ehen sollen auch nur vor dem ev. 
Pfarrer geschlossen werden können. Die ev. Pfarrer haben ihre 
Matrikeln selbstständig zu führen. Die YerfiEissung der Kirche sei 
synodal. Bezüglich der Union wurde ausgesprochen, dass sie vor- 
zubereiten sei. Die Beschlüsse wurden mit Begleitberichten dem 
Minister Doblhoff und dem konstituirenden Beichstage vorgel^ 

Unterdessen voUzog sich der Thronwechsel, Ferdinand rerig- 
nirte und Franz Joseph bestieg am 2. Dezember 1848 den Kai- 
serthron und bald erfreute dessen Regierung die Evangelischen 
Oesterreichs mit dem Dekret vom 30. Januar 1849, welche einige 
der meistgeföhlten Mängel beseitigte: die Protestanten sollen nun 



Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigcmg. 163 

mehr Akatholiken, sondern Evangelische A. C, resp. H. C. 
fittsseii; der Uebertritt nach zurückgelegtem 18. Lebensjahr ist frei, 
;% dass der üebertretende sich noch einem sechswöchentlichen 
'lottnen zu nnterwerfen hätte. Die ev. PfEirrer fahren ihre Matrikeln 
^ststftndig; die evangelischen Brautpaare sind nur in der evan- 
tiischen Kirche aufzubieten; die gemischten auch in der evange- 
BcheiL Als nun auch durch das kais. Patent vom *4. März 1849 
ieder volle Glaubensfreiheit gewährt und jeder gesetzlich aner- 
nnten Kirche und Eeligionsgenossenschaft volle Selbstständigkeit 
der Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten zuerkannt 
irde, war in den evangelischen Kirchen grosser Jubel. Zur Er- 
ittnng eines Vorschlages, wie noch die künftige, gleichberechtigte 
ellung der evang. Kirche neben der katholischen und in ihren Be- 
^tmgen zum Staate im Wege einer besonderen Erchen-Verfassmig 
. regeln sei, wurde von dem Ministerium im Jahre 1849 eine Ver- 
rrnnluTig der Superintendenten und ihrer Vertrauensmänner einbe- 
fen und dieselbe am 29. Juli 1849 in Wien erö&et; 18 Eefor- 
irte und 28 Lutherische nahmen an derselben Theil. Die Beschlüsse 
»rselben waren im Wesentlichen eine Wiederholung und Ausführung 
ner der Konferenz vom Jahr 1848. Eine presbyterial-synodale 
irchenver£Etösung wurde in ihrem Grandrisse gezeichnet, die Kon- 
storien sollten aufhören und an ihre Stelle ein von der Vertretung 
er G«sammtkirche beider Konfessionen gewählter Eeichskirchenrath 
raten. Die Beschlüsse der Eeichssynode sind der Eeichsregierung 
orzulegen und treten in Kraft, wenn sie von dieser nicht bean- 
bandet werden. Zur Feststellung dieser Kirchen-Verfassung sei 
ine Synode ad hoc einzuberufen. 

Die Beschlüsse wurden in -einer besonderen Denkschrift vom 
8. August 1849 durch eine Deputation dem Kultusminister Grafen 
leo Thun überreicht, welcher diese aufs Wohlwollendste empfing 
nd die Aufinerksamkeit und Beachtung des Gutachtens seitens der 
iegierung zusagte. 

Die mit Sehnsucht erwartete Erledigung dieser Angelegenheit 
ms jedoch lange auf sich warten. Jahre vergingen und es schien, 
b wenn alle Anstrengungen vergeblich gewesen wären und die 
vangelischen die ümen im Princip zugesicherte Eechtsstellung und 
utonomie thatsächlich nicht erhalten, vielmehr in dem schon ver- 
ladenen kargen Besitze noch geschmälert werden sollten. Es waren 
kbre der Beaktion, wie in politischer, so in religiöser Hinsicht, wo 
ir Absolutismus sich durch Mehrung der Macht der römischen 
rche zu festigen und dem Staate dadurch am Besten zu dienen 



164 Oetterreich-Üqgsnu 

glaubte. Durch den Abschluss des Konkordats vom Jahr 1855 solUn 
die letzten Beste des Josephinismns im Yerhältniss des Staates xor 
römischen Kirche getilgt werden. Dieser »unselige Vertrage, (m 
ihn auch der G«meinerath von Wien nannte), erklärte die römisdift 
Kirche für die privüegirte Kirche des Reiches, sah bezüglich d« 
Enunciationen des Papstes von einem placetnm regium ab; steQle 
das ganze Schulwesen unter die Au&icht des Episkopats, das Bücher 
wesen unter bischöfliche Censur; übergab die Priester und dem 
persönliche Freiheit in die Gewalt ihrer Oberen, denen der weltüehe 
Arm hiebei den nöthigen Beistand zu leisten hatte; gestattete die 
freie Entfaltung der bestehenden und die Einführung neuer Ordet 
u. s. w. Die Jesuiten kamen nach Oesterreich zurück. Die £van> 
gelischen empfsuiden bald den ihnen feindseligen Eonkordatsgeist, 
wenn auch nicht überall in gleichem Masse. Er erstreckte sidi bis 
auf die bisher gemeinschaftlichen Friedhöfe, von welchen die £van> 
gelischen entweder ganz ausgeschlossen wurden, oder aber mit ihm 
Todten auf die für die Selbstmörder abgesteckten Plätze verwiesen 
wurden. Die Evangelischen wurden hierdurch genöthigt, an nicht 
wenigen Orten, sich neue eigene Friedhöfe zu errichten. 

Da brach der Österreich-italienische Krieg aus; Oesterreich verlor 
im Kampfe mit Napoleon die Lombardei. Die Folge dieses Schlages 
war eine Aenderung in der inneren Politik. Den 15. August 1859 
erliess der Kaiser ein Manifest an seine Völker, in welchem er 
ihnen Verbesserungen in der Verwaltung und Gesetzgebung zusagte. 
Am 21. Aug. 1859 entliess er den Minister Bach. Am 5. März 1860 
wurde durch ein kais. Patent eine neue konstitutionelle Aera ein- 
geleitet. 

Bereits am 1. September 1859 war der neue Staatsminister 
beauftragt worden, die geeigneten Einleitungen zu treffen, damit 
auch in dem Eorchenregimente der den Konsistorien in Wien unter- 
stehenden Evangelischen A. und H. C. jene Verbesserungen ein- 
geführt werden, welche anerkannten Bedürfiiissen entsprecheiL Die 
Konsistorien wurden angewiesen, die Berathungen der Versammlung 
vom Jahr 1849 in Erinnerung zu ziehen, in wie weit unter Auf- 
rechthaltung der Konsistorialverfiarssung den Evangelischen in der 
aufsteigenden Gliederung der kirchenregimentlichen Organe eine 
Betheiligung einzuräumen wäre und welche Veränderungen in der 
Einrichtung imd Zusammensetzung der Konsistorien wünschenswerth 
wären und hierüber dem Minister Bericht zu erstatten. Den Vor- 
sitz in den Konsistorien solle von nun an nur ein Mann führen^ 
welcher einem der ev. Bekenntnisse angehört. Zum. ersten ev. Prä- 



r:_ 



Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigung. 165 

ienten wurde der ans Siebenbürgen gebürtige, in Yer&ssnngs- 
ehen und deren Geschichte wohl versirte Ministerialrath Jos. An- 
•eas Zimmermann ernannt. Die Konsistorien schritten unter 
m Vorsitz des neuen Präsidenten sofort an die Arbeit und legten 
. Jahr 1860 dem Ministerium einen Entwurf einer Kirchen-Yer- 
tsnng für beide ev. Kirchen vor. Derselbe darf das Zeugniss 
fli(dier Erwägung und möglichster Wahrung der kirchlichen Au- 
lomie xmd entschiedenen Eintretens für die Interessen der Kirche 
- sich in Anspruch nehmen. Auch die durch die Verordnung des 
nisters vom Jahr 1850 ihrer kirchlichen Unterordnung enthobene 
M>L Fakultät soUte mit der Kirche wieder in organische Verbin- 
ng gebracht, der Oberaufsicht des Oberkirchenraths, welchen 
unen die Konsistorien in der neuen Verfassung erhalten sollten, 
iterstellt und eine Lehrkanzel an derselben nur nach Abgabe eines 
xtachtens resp. eigenen Vorschlages des Oberkirchenrathes besetzt 
arden, ein gewiss völlig begründetes Verlangen, wenn die Fakultät 
ndir^ade der Theologie für den Dienst in dieser Kirche vorbe- 
iten soIL 

Es war die Absicht des Ministers Thun, allen Evangelischen 
. und H. C, auch denen der Länder der ungarischen Krone eine 
a Wesentlichen gleichgeartete Verfassung zu geben: für Ungarn 
urde dieselbe bereits im Jahr 1859 publizirt, stiess jedoch, vor 
Uem bei der ungarisch-reformirten Kirche, die sich durch diese 
ctroyirte Ver^sung in ihren Eechten beeinträchtigt sah, auf solchen 
Widerstand, dass dieselbe schliesslich wieder zurückgezogen wurde, 
de Evangelischen der deutsch-slavischen Länder erblickten in dem 
[ais. Patent vom 8. April 1861 und der zugleich publicirten provi- 
orischen Kirchen-Verfassung vom 9. April 1861, wiewohl dieselbe 
on den Beschlüssen des Jahres 1849, auch von dem Konsistorial- 
atwurfe vom Jahr 1860 in Manchem und Wesentlichem abwich, 
och einen Akt Kaiserlicher Huld und Treue, der die Herzen der 
ivangelischen mit grosser Freude erfüllte und zu Dank gegen Gott 
nd den Kaiser stimmte. Durch diese Akte wurde die »den Evan- 
ehschen beider Bekenntnisse bereits vordem zuerkannte und zu- 
esicherte principielle Gleichheit vor dem Gesetze auch hinsichtlich 
er Beziehungen ihrer Kirche zum Staate in unzweifelhafter Weise 
ewährleistet« und der Grundsatz der Gleichberechtigung aller aner- 
uinten Konfessionen nach sämmÜichen Eichtungen des bürgerlichen 
id politischen Lebens bei den protestantischen Unterthanen — zur 
latsÄchlichen vollen Geltung gebracht. Die früheren Beschränk- 
igen der Toleranzzeit wurden durch dieses Patent aufgehoben und 



166 Oesterreich-üngariL 

die Evangelischen för berechtigt erklärt, ihre kirchlichen Angelegen- 
heiten selbststftndig zu ordnen, zu verwalten und zu leiten, üntear 
Belassung der Konsistorien, die nun den Namen Oberkirchenraäi 
A. u. H. C. erhielten, war ihnen eine presbyterial-synodale EmriGh- . 
tnng ihrer Eirchenver£Etösung verliehen: die Wahl der Senioren und L 
der Superintendenten wurde ihnen wie die der PfEurer freigegeben. I: 
Sie dürfen Schulen nach eigenem Ermessen an allen Orten auf ge- 
setzlich zulässige Weisse errichten. Alle Leistungen for katholische 
Oeistliche und katholischen Kultus werden aufgehoben. Bei Bege- 
lung und Handhabung ihrer kirchlichen Angelegenheiten sind obne 
Ausnahme lediglich und ausschliesslich die Grundsätze ihrer eigenen 
Kirche massgebend. Die von der Generalsjnode beschlossenen 
Kirchengesetze bedürfen zu ihrer Gültigkeit der landesfurstlidien 
Bestätigung. Die Verschiedenheit der Glaubensbekenntnisse kann 
keinen Unterschied in dem Grenusse der bürgerlichen und politischen 
Eechte begründen u. s. w. Bald darauf gewährte der £[aiser durch 
EntSchliessung vom 14. April 1861 die durch das Patent zugesagte 
jährlichen Beiträge zur Bestreitung der kirchlichen Bedürfoisse der 
Evangelischen beider Bekenntnisse und zwar 24830 fl. für die Kirche 
A. C. und 16880 fl. für die Kirche H. C. zusammen 41 660 i 
Nach Deckung der für die Superintendenten und Senioren bestimmtai 
Besoldungen resp. Fimktionszulage, soll der Best zur Unterstützung 
armer Kirchen- und Schulgemeinen verwendet werden *). 

Die Gemeinen organisirten sich nun nach der neuen Ordnmig, 
wählten ihre Senioren und Superintendenten, hielten ihre erst^ 
Seniorats- und Superintendential-Yersammlungen und sendeten ihie 
Vertreter in die ersten Generalsynoden, die im Jahr 1864 nach 
Wien berufen wurden imd beide, die reformirte wie die lutherische, 
vornehmlich über eine definitive Kirchenordnung zu berathen und 
zu beschliessen hatten, jedoch auch interkonfessionelle und staats- 
rechtliche Fragen, ebenso Schul- und Unterrichtsangelegenheiten zum 
Gegenstande ihrer Verhandlungen machten. Jede der Synoden wurde 
gesondert, je in der Kirche ihres Bekenntnisses am 22. Mai 1864 
eröfEnet, jedoch vereinigten sie sich am 28. Mai zu gemeinschaflr 
Hchen Sitzungen in der reformirten Kirche. Die mit Verordnung 



*) Durch Kaiserl. Entschliessung vom Jahr 1867 wurde diese jähr- 
liche ünterstützungssumme in Berücksichtigung der gesteigerten Bedürf- 
nisse für Kirche und Schule auf 50 000 fl. , im Jahr 1877 auf 75 000 fl., 
1887 auf 80000 fl. erhöht, von denen 48 000 fl. auf die Kirche A. C, 
32 000 fl. auf die Kirche H. C. entfallen. 



Zweites KapiteL Die Zeit der Qleichberechtigang. 167 

"^ Btaatsministers Yom 9. Apiil 1861 verlaatbarte Eirchen-Yer- 
hBBS wnrde nun «vidirt und nach mehrwöchentiicher Berathni« 
% neue YerEBSswug mit dem omonistischeii § 15 festgestellt, welche 
4ti Mmisteriom vorgelegt, die KaiserL Sanktion am 6. Jan. 1866 
9iieLt — einige Bestimmungen abgerechnet, welche mit den staat- 
Sefaen. Bechten nicht für vereinbar erachtet worden und an deren 
Stelle der WortLaat der provisorischen Eirchenordnnng wieder sub- 
atoirt wnrde. 

Die Wunsche der Synoden betreffis der interkonfessionellen An- 
degenheiten und staatsrechtlichen Beziehungen der ev. Eorche A. C. 
id H. C. wurden dem Minister in besonderer Denkschrift vorgelegt. 
} ynirde in dieser darauf hingewiesen, wie in vielen Punkten noch 
ne Gesetzgebung in voller Erafb besteht, welche mit dem durch 
IS EaiserL Patent vom Jahr 1861 sanktionirten Princip der Gleich- 
nrechtigung in schroffem Widerspruch steht, so bezüglich der ge- 
ischten Ehen, der religiösen Erziehung der Eonder aus solchen, 
38 Uebertritts von einer Eonfession zu der andern (hier besonders 
Irin, dass die politische Gesetzgebung diesem üebertritte nicht 
ie entsprechenden gleichen Folgen zuerkennt, wie dem zur katho- 
sehen Kirche) u. s. w. Auch die Nothwendigkeit der Einverleibung 
9r evang.-theoL Fakultät in die Wiener Universität wurde berührt 
id der Bildungsgang und die Prüfung der evang. Theologen von 
euem geregelt, im Uebrigen aber von der Wahrung eines kirch- 
3hen Einflusses auf die Fakultät, die jetzt nur dem Ministerium 
ir E. und ü. untersteht, abgesehen. Schliesslich wurde das Er- 
rdemiss der Eevision der alten politischen Schulverfassung betont 
id auch bezüglich der Herstellung nothwendiger Kirchenbücher 
sschlüsse ge&sst. 

Anlangend die Einrichtung des Oberkirchenrathes wurde von 
ar Synode H. 0. besonders dem Wunsche Ausdruck gegeben, dass 
a der böhmischen Sprache kundiger Geistlicher H. C. aus der 
»hmischen oder mährischen Superintendenz in den Oberldrchenrath 
anfen werde, »der mit den Umständen und Bedürfiiissen der beiden 
Indeskirchen aus eigener Anschauung vertraut wäre« und bei 
•hmischen Eingaben dem Oberkirchenrathe seine Kräfbe zur Ver- 
jüng stellen könnte. Zu Beginn der Synoden hat eine besondere 
»putation dem Kaiser den Dank beider Kirchen für die Verleihung 
s Patents vom 8. April 1861 ausgesprochen. Nach Schluss der 
noden trugen noch die beiden Vorsitzenden derselben dem Kaiser 
$ Bitte um allerh. Genehmigung der synodalen Beschlüsse vor. 
ide Male wurde die Deputation von dem Kaiser in huldvollster 



168 OesteTreioh-üxigani. 

Weise empfangen. Der nach Schluss der Synoden onpi 
Deputation erwiderte der Kaiser aof die Ansprache des SuperinteC-] 
denten Haase beilAnfig Folgendes: »Ich habe den Gang der 
Synoden mit lebhaftem Interesse verfolgt und frene mich, dass diÄ 
Synoden ihre schwierige nnd umfassende Arbeit in veihftltnissmässif 
so kurzer Zeit und mit so grosser Ausdauer verrichtet haben. Ina^ 
besondere haben die loyalen Oesinnungen mir wohlgefiEdlen, welche 
in den Versammlungen der Generalsynoden sich kundgegeben habea. 
Es wird mir eine G«nugthuung sein, die kirchliche Verfiassungsfrage ^ 
definitiv geordnet und die sonstigen noch schwebenden Angel^ieih 
heiten einer günstigen Lösung zugeführt zu sehen, c 

Die Desiderien der Synoden bezüglich der interkonfessioneUoi 
Beziehungen fimden zumeist ihre Erledigung in dem G^etz Y<m ^ 
25. Mai 1868, durch welches auch die Reverse zu katholischer 
Eondererziehung in gemischten Ehen für wirkungslos erklärt worden 
und die gegentheiligen Bestimmungen des Konkordats au^ehobea 
wurden. Ein überwiegender Einfluss römisch-katholischer Dogmen 
ist aber auch durch dieses Gesetz noch nicht völlig behoben worden» 
da z. B. dem Art. 5 desselben, welcher sagt, dass durch die Beli- 
gionsverftnderung alle genossenschaftlichen Bechte der verlassenen 
Kirche oder Beligionsgenossenschaft an den Ausgetretenen, ebenso 
wie die Ansprüche dieses an jene verloren gehen, bis jetzt bezüglidi 
evangelisch gewordener, früher römisch-katholischer Geistlicher und ^ 
bezüglich gemischter Ehen, wo der eine Theil bei der Eheschliessong 
römisch-katholisch war, die Tragweite nicht zuerkannt wird, die 
jedermann nach dem einfachen Wortlaut des Gesetzes erwarten 
sollte. Für diese beiden Fälle stehen somit noch die bezüglichen §§. 
des allgem. bürgerlichen Gesetzbuches für Oesterreich in Geltung 
und harren dieselben noch einer Lösung im Sinne der Gleichberech- 
tigimg, wie solche in Ungarn bereits rechtskräftig besteht *), Neuer- 
dings ist diese in die Feme gerückt, da einem SynodaJgesuch wegen 
legislativer Aenderung der Ehegesetzgebung keine Folge gegeben 
wurde. (Erlass des Ministeriums f. E. u. U. vom 20. Nov. 1886). 

An Stelle der alten politischen Schulverfassung traten neue 
Schulgesetze, das vom 25. Mai 1868 und vom 14. Mai 1869, dnrck 
welche alle von der Ortsgemeine, vom Lande und vom Staate ganz 
oder zum Theil gegründeten oder erhaltenen Schulen für öffentliclie, 



*) So dass z. B. in Oesterreich zur ev. Kirche A. C. oder H. C. tbe^ 
getretene römisch-katholische Priester in Oesterreich nicht heirathen 
dttrfen; sie gehen daher nach Ungarn und heirathen dort. 



Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigimg. 169 

Ar Jngend ohne Unterschied der Eonfession zugängliche Schnlen 
«Uflrt, bezüglich des Unterrichts, des Lehrzieles, der Lehrer neu 
iigerichtet, und der staatlichen Inspektion untergeordnet wurden. 
iSe in anderer Weise gegründeten und erhaltenen Volksschulen 
ttd Privatschulen, in welche Kategorie nun auch die ev. Schulen 
gBstellt wurden. Alle bisher katholische Schulen wurden öffentliche, 
a deren Erhaltong, resp. zur Gründung neuer jetzt die Glieder 
der neuen Sdiulgemeine ohne Unterschied der Konfession beitragen 
müssen. Viele ev. Schulen gingen ein, da die Evangelischen bei 
dem weiteren Festhalten der eigenen, die doppelte Last zu tragen 
hatten, oder wurden in öffentliche Schulen verwandelt. Auch das 
einzige ev. Gynmasium in Teschen wurde vereint mit dem dortigen 
kathoL ein öffentliches. Die ev. Kirche A. C. wie H. C. empfindet 
den Verlust so vieler ihrer Schulen sehr schmerzlich. Wenn auch 
anerkannt werden muss, dass durch die neue Unterrichtsordnung 
die Schule im Allgemeinen sehr gehoben wurde, und der grosse 
Fortschritt, den Oesterreich in seinem Schulwesen in der neuesten 
Zeit gemacht hat, gern und dankend zugestanden wird, so kann doch 
wiederum nicht geleugnet werden, dass zumal die Volksschule, wo 
die Majorität der Kinder römisch ist — und dies sind mit geringen 
Ausnahmen &st alle Schulen, — ganz begreiflicher Weise römisches 
Wesen bekundet und die Evangelischen sich in ihr fremd, in ihrer 
religiösen Ueberzeugung beengt fühlen; dazu kommt, dass der Kon- 
fessionalität der Majorität der Schüler, die wie gesagt fast in allen 
Schulen römisch-katholisch ist, durch das Gesetz vom 2. Mai 1883, 
durch welches das Gesetz vom 14. Mai 1869 in Einigem abgeändert 
und ergänzt wird, ein noch weiterer Einfluss damit zugestanden 
wird, dass »als verantwortliche Schulleiter nur solche Lehrpersonen 
bestellt werden können, welche auch die Befähigung zum Beligions- 
unterrichte jenes Glaubensbekenntnisses nachweisen, welchem die 
Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule angehört.« Weil nun 
in den weitaus meisten Schulen die Majorität der Schüler römisch- 
katholisch ist, muss also der Schullehrer römischer Katholik sein. 
Das was die Evangelischen wünschen, kann ihnen nur die ev. Schule 
bieten und die Generalsynoden beider ev. Kirchen haben sich be- 
reits mehrfach in diesem Sinne ausgesprochen und die Festhaltung 
ihrer eigenen konfess. Schulen für nothwendig erklärt. Es handelt" 
sich aber hiebei vor Allem darum, dass dies den Evangelischen er- 
möglicht werde, sie also dort, wo sie eigene Schulen besitzen und 
unterhalten, von der Beitragsleistung für die öffentlichen Schulen, 
die sie gar nicht benützen, losgesprochen werden oder für ihre Bei- 



170 Oesterreich-Ungam. 

träge einen Ersatz erhalten. Für ersteres ist besonders die ref. 
Greneralsynode vom Jahr 1883 eingetreten. Die Beschlüsse der 
Synoden sind dem Kaiser und dem Ministerium vorgelegt worden, 
und fänden ihre Erledigung durch den Ministerialerlass vom 20. 
November 1886, aber leider in abweislichem Sinne, da die Befrei- 
ung der evang. Glaubensgenossen von Öffentlichen Schullasten ohne 
principielle Aenderung des gesammten Yolksschulsystems weder - 
ganz noch theilweise zulässig, beziehungsweise durchführbar sei. 

Die ev.-theologische Fakultät in Wien besteht noch in ihrer 
Sonderung von der Universität, deren Fakultäten, der Ansicht von 
dem Charakter der Wiener Universität als einer kathol. Stifknng 
sich zuneigend, sich gegen ihre Einverleibung erklärten. Das (be- 
such der Synoden um räumliche Einbeziehung der Fakultät in die 
Wiener Universität wurde ebenfalls mit dem oben bezogenen Mini- 
sterialerlass abgewiesen. 

Bei der Beorganisirung des Oberkirchenraths fand der Wunsch 
der ref. G^neralsynode Berücksichtigung und wurde der ref. Kon- 
senior und Pfeurer H. v. Tardy aus Böhmen im Jahr 1867 zum 
geistlichen Bath ernannt. 

Auf die ersten Synoden vom Jahr 1864 sind bereits 8 Synoden 
des einen und des andern evangelischen Bekenntnisses gefolgt, im 
Jahr 1871, 1877 und 1883. Im Jahre 1871 kam es nicht mehr zu 
gemeinschaftlichen Sitzungen. Die Erstarkung des konfessionellen 
Bewusstseins führte besonders in der reformirten Kirche zurUeber- 
Zeugung, dass eine Sonderung beider Eorchen auch in der YerfEissung 
dem Gedeihen der ref. Eorche am Erspriesslichsten sei In der 
Erinnerung an die Selbstständigkeit der alten böhmischen Kirche, 
an deren eigene Geschichte und Sprache, entschied sich die ref. 
Synode nach Beschluss der Majorität ihrer böhmischen Mitglieder*) 
sogar für eine völlig selbstständige Organisirung einer böhmisch- 
mährischen ref. Kirche. Dieser Beschluss erlangte nicht die staat- 
liche Genehmigung und wurde auch von der ref. Synode des Jahres 
1877 fallen gelassen, allerdings nur unter der Voraussetzung, die 
eigene Organisirung ihrer Kirche nicht auf die böhmische nnd 
mährische Superintendenz zu beschränken, sondern alle Beformirten 
Oesterreichs in derselben zu vereinigen. • 



*) Die ref. Kirche Oesterreichs besteht zumeist aus Böhmen (ca. 
110 000 Seelen), während sie nur etwa 10 000 deutsche und 800 magya- 
rische Beformirte zählt. Auf der Synode haben somit die böhmischen 
Reformirten aus Böhmen und Mähren die grosse Majorität. 



Zweites EapiteL Die Zeit der Gleichberechtigang. 171 

Die lath. Synode des Jahres 1871 beschränkte sich anlangend 
die Yer^ssnng auf eine Revision derselben in geringerem Masse. 

In Folge dieser in YerfEtösnngsfragen von einander so diver- 
girenden Beschlüsse beider Synoden, wnrde durch Kaiserliche Ent- 
schliessnng vom 18. Februar 1877 der Oberkirchenrath beanftxagt, 
einen Bevisionsentwnrf für beide Kirchen auszuarbeiten und den 
Synoden zur Berathung und Beschlussfassung vorzulegen. Dieser 
im Wesentlichen mit der bisherigen YerfELSsung übereinstimmende 
Entwurf ist bereits im Sommer des Jahres 1887 den Presbyterien 
zugestellt worden und wird in den beiden Synoden des Jahres 1889 
zur schliesslichen Verhandlung gelangen. 

Die ref G^eneralsynode des Jahres 1877 vollbrachte ein wich- 
tiges Werk in der Berathung und Feststellung einer böhmisch-ref. 
Agende, welche ausser einem gut ref. Direktorium fiir die einzelnen 
geistlichen Handlungen, nach dem Muster der alten ref. Pf^er 
Agende, auch die erforderlichen Formulare dieser alten bewährten 
Agende, nebst einigen in der alten böhmischen Kirche üblichen be- 
stimmte, und hiedurch einem tie%efiihlten , bereits auf der ersten 
Synode des Jahres 1864 zum Ausdruck gebrachten Bedürfiiiss ent- 
sprach. Die Agende erhielt im Jubeljahre 1881 die Genehmigung 
und wird nun in den meisten aemeinen benützt. Sie ist keine 
Zwangsagende, will aber zeigen, was echt reformirt ist und in den 
Gemeinen angestrebt werden soll. Ein Verdienst um das Zustande- 
kommen dieser Agende erwarb sich Prof. Dr. Bö hl als MitgHed 
der Synode und der Synodalausschuss unter seinem tüchtigen 
Obmann, dem mährischen Superintendenten Ben es, welche gemeinsam 
mit dem Oberkirchenrathe Tardy das Material der Agende ordneten 
und sichteten und dem Direktorium einfügten. Ihre linguistische 
Vollkommenheit verdankt sie zumeist dem ausgezeichneten Kenner 
böhmischer Klassicität, dem böhmischen Superintendenten Vesely. 
Die lutherische Synode des Jahres 1877 versuchte es noch ein- 
mal, die reformirte Synode zu gemeinschafblichen Sitzungen für 
Verfassungs- und Schul&agen zu bewegen. Doch refüsirte die ref. 
Synode mit der Motivirung, dass ihre Ansichten, zumal in der Ver- 
fassungssache , von denen der luth. Synode abweichen und sie be- 
strebt sei, sich eine eigene selbstständige, nach rein ref Grundsätzen 
eingerichtete Verfassung zu geben. Nach den hierüber von der ref 
Synode abgegebenen weiteren Erklärungen strebt dieselbe die kon- 
sequente Durchführung einer presbyterial-synodalen Kirchenordnung 
an, in welcher der Oberkirchenrath, wie er jetzt besteht, allerdings 
kdnen Platz findet, sondern durch einen von der Synode auf eine 



172 OeBterreich-üngam. 

bestimmte Anzahl von Jahren gewählten Sjnodalrath mit einem 
Oeneralsuperintendenten an der Spitze ersetzt werden soU, ia welchem 
Sinne sich bereits die in Wien im Jahre 1849 versammelten Super- j 
intendenten und deren Vertrauensmänner beider Konfessionen ge> 
äussert hatten. [ 

Auf diesem Standpunkt verharrte auch die letzte ref. Greneral^ f 
Synode des Jahres 1883, der auch bereits eine hienach vollständig 
ausgearbeitete und von der böhmisch-reformirten Superintendential- 
versammlung angenommene Eorchen-Yerfassung vorlag, deren Be- 
rathung sie jedoch bis zur nächsten Synode verschob. 

Ein denkwürdiger und ergreifender Akt, der sich auf dieser 
Synode vom Jahr 1888 vollzog, war die Feststellung der Symbol- 
schriften der hierländischen ref. Kirche. Das Toleranzpatent spricht 
von »augsb. und helvet. Beligionsverwandten«, die Konsistorial- und 
Superintendential- Instruktionen sprechen von »augsb. und helvet 
Konfessionc, auch von »symbolischen Büchern« der einen und der 
anderen Kirche, das Kaiserliche Patent vom Jahre 1861 von »Be- 
kenntnissschriften« und die bestehende Yer^Etösung vom Jahr 1866, 
sowie die vorgeschriebenen Pfarrerreverse verpflichten den Seelsorger, 
»die Lehre der hl. Schrift in üebereinstimmung mit dem kirchlichen 
Bekenntniss« zu verkünden. Nirgends findet sich jedoch eine be- 
stimmte MrchenregimenÜiche Aussage darüber, welche Symbol- 
schriften zu verstehen seien. Die Kirche A. C. ist darüber im Un- 
gewissen, ob ihre »Augustana Confessio« die variata oder iuvariata 
seL Die ref Kirche hegt zwar keinen Zweifel, dass unter »Helvetica 
Confessio« nur die U. helv. Konfession zu verstehen sei, findet dies 
aber in keinem Akte ausdrücklich ausgesagt und was bedeutet 
der Plural: »Bekenntnissschriften«, welches sind die übrigen, sind 
es die alten kirchlichen Katechismen? Die Praxis hat freilich alle 
diese Fragen und grösstentheüs schon längst beantwortet. Ein 
Kaiserliches Dekret vom 22. Juni 1782 gestattete den Druck von 
Eeligionsbüchem für die Gemeinen, den »kleinen und grossen« 
(lutherischen) und den »Heidelberger Katechismus«, die auch bald 
gedruckt wurden, zumal der Heidelberger böhmisch in mehreren 
Ausgaben. Die H. helv. Konfession gab sofort einer der aus Ungarn 
gekommenen Prediger in Böhmen als die Konfession der helv. Be- 
ligionsverwandten heraus. Die augsb. Konfession, und zwar die 
invariata, wurde für die böhmischen Lutheraner von dem Pfarrer in 
Kreuzberg, dem jetzigen böhmischen Superintendenten A. C. in Prag, 
Theoph. Molnar, im Jahr 1857 herausgegeben. Eine bestimmte 
gesetzliche Feststellung der Symbolschnften eiuer jeden Kirche aber 



Drittes KapiteL Die Zostände in den Gemeinen. 178 

Ute. Der Forderung der EarchenverfassTing, dass der Prediger 
e Lehre der hL Schrift in Uebereinstimmmig mit dem kirchlichen 
Bkenntniss verkünde, ermangelte es daher der Yoranssetzung, der 
Üämng über die Bekenntnissschrift. Die ref. Synode glaubte 
r ihre Kirche in die Sache endlich Klarheit bringen zn müssen 
id erklärte in ihrer 7. Sitzung vom 30. Okt. 1883 in feierlicher 
eise, einstimmig und durch Erhebung von den Sitzen , dass sie 
A Bek^uitniss der hierländischen ref. Kirche in der 11. helv. Kon- 
ssion vom Jahr 1566 und dem Heidelberger Katechismus vom 
ihr 1563 vollständig zum Ausdruck gebracht findet. Das dieser- 
ilb angesetzte Schriftstück wurde von allen Synodalen eigenhändig 
iterschrieben und beim Oberkirchenrath deponirt. Das Ministerium 
it diesen Beschluss zur Kenntniss genommen, um seine staatliche 
mktion wird es sich jedoch bei Erledigung der oben besprochenen 
ei&ssungsrevision handeln. 



Drittes KapiteL 

Die Zustände in den Gemeinen. 

Mit den neuen Freiheiten und Gerechtsamen erstarkte auch 
ie innere Thätigkeit der Kirchen. Es war ein Msches Leben, 
elches in ihnen zu pulsiren begann. Neue Kirchen und Schul- 
emeinen entstanden. Besonders die Zahl der letzteren mehrte 
eh in erfreulicher Weise. Man war überzeugt, wie wichtig es sei, 
3r Jugend sofort ev. Schulunterricht zu Theil werden zu lassen, 
m aber för dieselben auch die geeignetsten Lehrer zu gewinnen, 
nrde sofort auch die Gründung ev. Schullehrerseminare 
schlössen und eines för die deutschen Gemeinen von der ev. Ge- 
eine A. C. in Bielitz in Schlesien, ein anderes für die böhmischen 
emeinen in Caslau in Böhmen von der ref. böhmischen und mSh- 
sehen Superintendenz errichtet. Leider sind viele der ev. Schulen, 
ie schon oben erwähnt, nach dem Inslebentreten der neuen Schul- 
3setze, durch welche die Evangelischen zur Erhaltung der öffent- 
3hen Schulen verpflichtet werden, eingegangen und der Bestand 
Ancher noch bestehenden ist dieserhalb bedroht. Auch der Be- 
and der beiden ev. Schullehrerseminare ist hiedurch gefllhrdet, 
Lsbesondere der des ref. Caslauer Seminars, das überdies von An- 
Hg an finanziell weniger günstig situirt ist. Zur Erhaltung dieser 
nstalten tragen, ausser dem Staatsunterstützungspauschale, der 



174 Oefiterreich-Üngam. 

GtLstay-Adolf-Yerein, die protestantischen HüjGsvereine der Schweix 
und sonstige (Gönner nach Möglichkeit bei Auch ans Schottüani 
kommen jfthrlich einige Gaben. In Genf hat sich unter Anregasg 
Theod. Necker 's ein besonderes Eomite znr Hüfeleistnng for re£ 
Schnlen gebildet. Ohne alle diese Unterstätznngen wären die Schot 
anstalten zmn Theil gar nicht zn erhalten gewesen. 

Die Schnlen der Landgemeinen sind dorchaus Elementarschnlen, 
in den grösseren Städten, Wien, Prag, Brunn, sind ev. Bürger- 
schalen, nnd zwar gesondert f&r Knaben nnd Mädchen. Bürger- 
schnlen mit 8 Klassen besitzen noch die Gemeinen H. C. in Gias, 
Bielitz nnd Biala. Der Pfarrer Snbert errichtete in Krabsic in 
Böhmen eine höhere Mädchenerzieh nngsanstalt, die sich eines 
gaten Enfes erfreut. Nach dem Tode ihres Gründers im Jahre 1885 
übernahm zunächst während eines Jahres der Superintendenten- 
Stellvertreter Pfarrer Kaspar die Leitung derselben, nach demselben 
Pfarrer G. Soltesz von Sobehrad. 

Ein eigenes ev. Gymnasium besteht in der westlichen Beichs- 
hälfte nicht mehr, da das bisherige zu Teschen in ein öffentliches 
umgewandelt worden ist. Jedoch ist an demselben ein eigener 
Beligionslehrer (jetzt Augsb. Konf.) angestellt und wird das bis- 
herige Alumne um, in welchem ev. Schüler gegen einen massigen 
Preis Wohnung und Verköstigung erhalten, von der Teschener Ge- 
meine weiter unterhalten. Ein ähnliches luth. Alunmeum ist in 
neuester Zeit von dem Senior v. Lany in Königingrätz in Böhmen 
errichtet worden. Eines für beide ev. Konfessionen besteht in Wall. 
Meseritsch in Mähren. Ein reformirtes in Prag ist erst im Ent- 
stehen begriffen. 

Für die Heranbildung der Prediger beider Eorchen ist die im 
Jahre 1821 gegründete k. k. ev. theologische Fakultät be- 
stimmt ; an ihr wirken sechs Professoren, von denen je einer speziell 
luth. und ref. Dogmatik und Symbolik vorzutragen hat, Dr. Frank 
und Dr. Bohl; Dr. L o e s c h e trägt Kirchengeschichte vor, Dr. 
V. Vogel hat die Exegese des Neuen, Dr. Lotz die des Alten 
Testaments. Dr. Seberiny pflegt die praktischen Fächer der Theo- 
logie, wobei er auch den sprachlichen Bedür&issen in Einigem Rech- 
nung zu tragen sucht. In den von Professor Dr. v. Vogel mit 
Eifer und grossem Geschick geleiteten Sonntags schulen finden 
die Studenten eine gute Gelegenheit, sich in der Katechese zu üben. 
Segensreich ist der Einfluss des Professors Dr. Bohl auf seine ref 
Zuhörer, die er nicht nur in die ref Dogmatik einfährt, sondern 
auch mit Liebe zu dem Bekenntniss der Väter erföUt und zu reger 



m 



Drittes KapiteL Die ZuBtände in den Gemeinen. 175 

[leäiätigiiiig desselben anleitet. Wenn der mährisch -ref. Saper- 
lyondent SancL ▼. Nagy in den vierziger Jahren noch vor der Be- 
[afimg Szeremley's Grand hatte, sich bitter za beschweren, dass 
[iancher yon der Wiener theoL Fakaltät kommende Kandidat H. C. 
iHh zum BatLonalismos hinneige, ja mit ihm prahle, so ist dies jetzt 
aders geworden. Aach mit den bereits in Aemtem Angestellten 
Mit Dr. Bohl noch in regem, brieflichen und zum Theil aach per- 
jAifichen Yerkefar. Die Wiener theol. Fakaltät besachten in dem 
Wintersemester 1885/86 52 Theologen. Bis zam Jahre 1878 hatten 
ibh die Stadirenden der Theologie nar einer theologischen 
Prftfang vor dem Saperintendenten ihres Landes za anterziehen. 
Seitdem sind von ihnen zwei Prüfongen za bestehen, die pro can- 
didatora vor der theoL Prüfangskommission in Wien, and die zweite 
pro ministerio nach Ablaaf eines halben Jahres vor ihrem Saper- 
intendenten. Die böhmisch-reformirte Saperintendential-VersamTnlnng 
hat in Anbetracht der eigenen speziellen Bedürfiusse der böhmischen 
Gemeinen die Gründang eines Predigers eminars beschlossen. 
Doch hat der Beschlass bis jetzt noch keine greifbare Gestalt ge- 
wonnen, wiewohl die Nothwendigkeit eines solchen Seminars offen 
m Tage liegt and über karz oder lang ein solches wird errichtet 
werden müssen. 

Die grosse Zerstreaang der Evangelischen in den Österreich!- 
fldien Ländern führte aach in der neaeren Zeit zur Berafdng von 
Beis ep redig er n in beiden Kirchen. Darch ihre Thätigkeit er- 
starkte die Diaspora and entstanden neae Pfarrgemeinen, so zwei 
in der Brünner latherischen Diaspora and eine in der Diaspora der 
böhmisch-ref. Saperintendenz. Ln Allgemeinen hat die Zahl der 
Gemeinen des böhmischen westlichen Seniorates A. C. am meisten 
zugenommen and zwar in Folge von Ansiedelangen deutscher In- 
dnstriellen, die Anlass za Gremeinegründangen gaben. 

Aach in Tirol wurden alle früheren Bindemisse, die den Evan- 
gelischen sich hier mehr denn anderswo entgegenstellten, glücklich 
überwanden, and bestehen daselbst jetzt eine reformirte Gemeine 
in Bregenz (Vorarlberg) und zwei luth. Gemeinen in Lmsbrack 
Und Meran. 

Bd manchen dieser Gemeinegröndimgen half in hervorragender 
Weise der Gastav-Adolf-Verein, wie er wiederum mehrere 
schwache Gemeinen durch Zuwendung beträchtlicherer Ga.ben aus 
ihrer Nothlage befreite, anderen, so auch den beiden Lehrersemi- 
narien, insbesondere dem Bielitzer, durch jährliche Unterstützangen 
seine Hilfe angedeihen lässt. Seine bedeutende unterstützende Thätig- 



176 Oetteireioh-Üngani. 

keit konnte dieser Verein erst mit den nenen Eirchengesetzen ent- 
falten. Früher von Oesterreichs Grenzen fem gehalten, so daai 
selbst Kollekten för ihn in den (Gemeinen nicht yeranstaltet werden 
dnrfben, wurden die Hindemisse durch das Patent Yom 8. April 
1861 auch für ihn behoben, und den Evangelischen die Bildung 
von Vereinen zu kirchlichen Zwecken und der Anschlnss an gleich- 
artige Vereine des Auslandes gestattet. Die Orts- und Zweigvereine 
stehen unter einem österreichischen Hauptverein, welcher in WyB& 
seinen Sitz hat. 

Das Jubiläum der Wiedererweckung der er. Kirchen Oester- 
reichs, welches 1881 gefeiert wurde, bestimmte den Verein, der 
einst nach einem Nothschrei einer böhmischen Gremeine (Fleissen) 
gegründet worden war, den beiden Kirchen zur Unterstützung ihrer 
in den Ruhestand getretenen Seelsorger und Lehrer, sowie der 
PfEurers- und Lehrerswittwen und -Waisen eine Jubiläumsgabe 
zu widmen, welche dermalen bereits die Höhe von ca. 200 000 MbA | 
erreicht hat. Ursprünglich sollte diese Gkbbe nach der Absicht des 
Gebers in die gemeinsame Verwaltung beider ev. Kirchen über- 
gehen; da jedoch die reform. G^neralsynode , welche die Theilong 
der Grabe zu einem Theil für ev. Kirche A. B. und zu einem Tbeil 
für die ev. Kirche H. B., je unter der Verwaltung der betreffenden 
Kirche, oder aber die Vergrösserung der schon bestehenden Super- 
intendentialfonde durch die Jubiläumsgabe, lieber gesehen hätte, im 
Jahre 1877 ihre Mitwirkung zur Aufstellung eines Statutes ver- 
weigerte, beschloss der Gustav -Adolf- Verein im Jahre 1881 die 
Gründung einer selbstständigen Pensionsanstalt der ev. Kirche A 
und H. B. in Oesterreich, deren Statuten am 11. August 1886 die 
staatliche Genehmigung erhielten. Der Sitz der Verwaltung der 
Anstalt ist in Wien. Berechtigt zum Beitritt sind: als ordentlicbe 
Mitglieder alle Pferrer, Vicare, Lehrer und Lehrerinnen A. und 
H. B., als unterstützende Mitglieder alle Kirchen- und Schulgemeinen 
A. und n. B. Die unterstützende Mitgliedschaft der Gemeine ist 
für die ordentliche Mitgliedschafb des Betreffenden Erfordemiss, es 
sei denn, dass dieser sich verpflichtet, die der Gemeine obliegenden 
Zahlungen selbst zu leisten. 

Schon vordem, ja meist noch zur Zeit der Toleranz waren be- 
reits in den einzelnen Superintendenzen , ja auch in einzelnen Ge- 
meinen Prediger- und Lehrerwittwenfonds errichtet worden, 
aus welchen den Wittwen und Waisen schon seit längerer Zeit, 
meistens freilich noch unzureichende jährliche Unterstützungen zu- 
gewendet werden. Diese Fonds, vornehmlich die älteren Prediger- 



; 



u 



Drittel KapiteL Die Ziut&nde in den Oemeinen. I77 

Ponds, wurden auch von auswärts nnterstützt. So sammelte 

Professor de Wette mit Erfolg für den mährischen ref 

ittwenfbnd. Der Onstav-Adolf-Verein Hess diesen Fonds 

besonders durch die Frauenvereine Unterstützung zu- 

Eine Verschmelzung dieser Fonds mit obigem Jubiläums- 

steht jedoch kaum zu. erwarten. 

in Böhmen ist ausserdem im Jahre 1874 ein Unterstützungs- 
[mein, die »Evangelische Gesellschaft für christliche Wohl- 
tätigkeit«, durch die Anregung des ref Pfarrers Kaspar ins 
leben getreten, welcher zur Wohlthätigkeit ermuntern und zui* 
Kehrang christlicher Erkenntniss durch Verbreitung christlicher 
Sdbiiften und durch Unterstützung einzelner Personen und Anstalten, 
iisbesondere auch der Mission unter den Heiden, dienen will. Dieser 
C8£ Verein veranstaltet jährlich mehrere Öffentliche Versammlungen 
in verschiedenen Orten Böhmens, die gern besucht werden und zur 
Kräftigung und Mehrung ev. Erkenntniss auch ihrerseits beitragen. 
Ellsbesondere unterstützt er auch das Werk der sich besonders in 
Böhmen und Mähren ausbreitenden Sonntagsschulen und die Waisen- 
anstalt des Pbrrers Martinek in Teleci. 

Auch andere Vereine zur Unterstützimg der christlichen Ge- 
memethätigkeit haben sich gebildet. In Wien bestehen in beiden 
Kjrchfsn Frauenvereine zur Unterstützung Armer und £[ranker. 
Ein Waisenverein bietet verwaisten evangelischen Kindern in 
einem schönen geräumigen Hause mit Gbrten ein Asyl bis zu ihrem 
li. Jahre. In Oberösterreich besteht ein von Pfarrer Schwarz 
in Qallneukirchen gegründeter Verein für innere Mission, 
welcher christliche Schriften verbreitet, insbesondere das Krankenasyl 
in GaUneukirchen und das Waisen- und Bettungshaus in Weikers- 
doff unterhält. In dem Krankenhause wirken Diakonissen, die, 
nachdem auch in Wien ein Diakonissenverein auf Anregung der 
Professoren Dr. v. Vogel und des Pfarrers Dr. v. Zimmermann 
ins Leben getreten ist, ihre Thätigkeit auch auf die ev. Kranken 
in der Besidenz ausgedehnt haben, und immer mehr gewürdigt 
i^erden. In Goisem und Feldkirchen entstanden ebenfalls Er- 
ziehungsanstalten für arme und verwaiste Kinder. Auch in Ustron 
in Schlesien besteht schon seit mehreren Jahren eine solche Anstalt. 
Ein ev. Lehrerverein ist in Oberösterreich gegründet worden, 
ein zweiter in Böhmen mit einer deutschen und einer böhmischen 
Sektion. 

Zur Hebung des geistlichen Lebens hat auch der Verkehr 

Zahn, KirobexigeMhichte. 2. Aufl. 12 



178 Oesierreioh-Uiigani. 

mit glftubigen Mftnnern des Auslandes und den presby- 
terianischen Kirchen Schottlands bedeutend beigetragoL 
Basel öffiiete böhmischen Stndirenden der Theologie stu^rst seb 
theol. Alum^^eum, und nahm sich besonders P&rrer Legrand der 
jungen Theologen aus den österreichischen Lftndem vftterlich ai. 
Durch Professor Dr. Bohl kamen mehrere reformiite Prediger mi 
Dr. Kohlbrügge und seiner (Gemeine in Elberfeld in Veibindiuig 
welche zu ernster Erwägung des göttlichen Wortes , zu Uanran 
Yerstftndniss und zur Bethätignng desselben viel beitrug. Mehren 
Kandidaten verbrachten einige Zeit als Vikare bei diesem gott- 
begnadeten Lehrer und wirken mit Segen nun als Seelsorger. Dnrdi 
Professor Dune an in Edinburgh wurden Mitglieder der presbyto. 
Kirchen Schottlands bewogen, Stipendien f&r böhmische und unga- 
rische Kandidaten zur Fortsetzung ihrer Studien in Schottland n 
errichten. Eine ganze Anzahl böhmischer Kandidaten leinte in 
dieser Weise das rege, geistige Leben der dortigen ref. Gemdnen 
kennen und verwerthen sie nun ihre Er&hrungen erfolgreich in der 
heimathlichen Kirche. Das Panpresbytenan-Concil stiftete f&r die 
ref. Kirche Oesterreichs 100 000 Mark , die jedoch noch nicht Tollr 
ständig gesammelt sind. 

Zur Mehrung evangelischen Lebens trägt auch die seit 1849 
sich rege entfaltende, einheimische literarische Thätigkeit bd. 
Sie beschränkt sich allerdings zumeist auf die Herausgabe von Zeife- 
schnften und gottesdienstlichen und geschichtlichen Büchern. Die 
erste ev. Zeitschrift erschien bereits 1849 in böhmischer Sprache 
(Ceskobratrsky Hlasatel) in Prag. Hierauf folgte eine ganze 
Reihe Zeitschriften in deutscher und böhmischer Sprache. Gegen- 
wärtig erscheinen.in deutscher Sprache: »Das Yereinsblatt für innere 
Mission« (in Attersee), »der Österreichische Protestant« (in KLagen- 
fiirt), die »ev. Kirchenzeitung« (in Bielitz). Zur Pflege der Geschichte 
der evang. Kirche in Oesterreich wurde im Jahre 1879 in Wien 
die »Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus 
in Oesterreich« gegründet, welche werthvoUe Urkunden in jähr- 
lich 4 Heften veröffentlicht, ein verdienstliches unternehmen, das 
volle Würdigung xmd Unterstützung verdient. Die Berichte übör 
die Generalsynoden, sowie die Berichte des Oberkirchenrathes an 
dieselben geben einen Einblick in die Thätigkeit der Synoden und 
der obersten Eorchenbehörde. Ausserdem erscheint eine amtliche 
»Sammlung allgemeiner kirchlicher Verordnungen des Oberkirchen 
rathes A. und H. C.« , jährlich in zwei Heften, in einer deutschen 
und böhmischen Ausgabe, die aus den in ihr veröffentlichten Zu- 



Drittes EapiteL Die Zustände in den Gemeinen. 179 

rtandsberichten der Superintendenten das geistliche Leben der Gre- 
Umesi erkennen Iftsst. In böhmischer Sprache erscheinen: die 
»filasy ze Siona« (in Pardnbitz) bereits im 27. Jahrgange, das 
Itteste Organ der ref. Kirche; die »Evangelicke lis^y« (in Prag), 
das Organ der »ev. Oesellschaft in Böhmen«, die »Jednota«; der 
: »Pritel ditek« (in Prag), eine illnstrirte Zeitschrift für Kinder; die 
»Nedehii skola« (in Prag), den Lehrern und Freunden der Sonntags- 
gdralen gewidmete Blätter; der »Evangel. cirkeynik« (in Humpolec), 
das Organ der böhmisch-lntherischen Kirche. Eine historische Zeit- 
aehxifb »Casopis historicky« begann der geschichtskondige Pfarrer 
Dobias in Bukovka herauszugeben; doch erschienen nur 5 Hefte. 
I Bne wichtige Gründung ist der von Pfarrer Kaspar ins Leben 
gerufene böhmische »Gomenius -Verein«, welcher, von einheimi- 
schen und ausländischen Freunden Verdientermassen unterstützt, 
kleinere und grössere ev. Schriften herausgibt und solche bereits in 
rielen tausend Exemplaren verbreitet hat. Zu seinen werthvollsten 
Pablikationen gehört eine Ausgabe des Neuen Testaments mit Er- 
klärungen, ein Abdruck des sechsten Theiles der berühmten böhmi- 
schen Brüderbibel nach der Ausgabe vom Jahre 1601. 

Von einzelnen Personen wurden Katechismen, Gebet- xmd Gre- 
sangbücher, Postillen, historische Monographieen herausgegeben. 
Dr. Tardy veranstaltete böhmische Ausgaben des Heidelberger 
Katechismus, der zweiten helv. Konfession, eines Gesangbuches 
(die Psaknen und geistliche Lieder enthaltend) mit beigedruckten 
Melodieen, in dieser Art wieder die erste Ausgabe seit dem von 
Comenius für die böhmische Emigration in Amsterdam gedruckten 
EancionaL Pfarrer Sebesta gab die Psalmen in neuer Eeimung 
heraus. Eine Postille von Predigten Dr. Kohlbrügge' s in 
böhmischer Sprache erschien bereits in zweiter Auflage und wird 
sehr geschätzt. Eine Postille des Gregor v. Zarnowec in polnischer 
[ Sprache gab 1864 der Pfarrer Dr. Theod. Haase in Teschen her- 
aus, ebenso eine von Mikulaj Bej im Jahre 1883. In deutscher 
Sprache erschienen zwei Ausgaben des Heidelberger Katechismus 
von Dr. Franz und Dr. Witz. Von letzteren wurden Predigten, 
eine Einleitung zu den Büchern der hl. Schrift, die helv. Konfession, 
eine Geschichte der christlichen Kirche für Schulen und Familien 
u. a. m. herausgegeben. Ein deutsches »Ev. Predigtbuch« erschien 
im Jubiläumsjahre 1881 in Wien. Oerwenka's umfangreiche und 
mit Liebe zur Sache geschriebene »Geschichte der ev. Kirche in 
Böhmen« erschien 1867 und 1870. Dr. Trautenberger verfasste 
eine umfiemgreiche Geschichte der ev. Kirchengemeine in Brunn 



1 g Oesterreich-Ungam. 

im Jahre 1866, eine »Kurzgefasste Geschichte der ev. Kirche in 
Oesterreich« , 1881 , in welcher er aber von seinem nationalen und 
nnionistischen Standpunkte die reformirte Kirche unfreundlich und 
ungerecht behandelt; sonst veröffentlichte er noch verschiedene in- 
teressante historische Aufsätze in der Zeitschrift »Halte was du 
hast« und in den Jahrbüchern der Gesellschaft für Geschichte des 
Protestantismus in Oesterreich. Tardy gab 1864 eine Geschichte 
der Gründung der ref. Gemeinden in Böhmen und Mähren zur Zeit 
der Ertheilung des Toleranzpatents heraus. Eine ziemliche Anzahl 
von geschichtlichen Monographieen erschien zum Jubiläumsjahre 1881. 
Der P&rrer Kaspar gab die Monographieen aller ref. Gemeinen 
Böhmens und Mährens mit Illustrationen als Gedenkbuch im Jahre 
1882 heraus. Der Oberkirchenrath veröffentlichte 1881 die von 
Dr. Frank verfasste urkundliche Geschichte des Toleranzpatents 
vom Jahre 1781. Eine Kritik der böhmischen Bibelausgaben »Rozbor« 
schrieb Pfarrer Karafiat. In Schlesien besteht auch ein polnischer 
Verein zur Herausgabe ev. Bücher, »Towarzystwo ewangelickie 
oswiaty ludowej«, welcher in neuester Zeit Dr. Marthin Luthers 
Postille in einer neuen polnischen üebersetzung herausgegeben. 
Ein Gesangbuch für Schulen gab Pfarrer Schur und Her trieb 
heraus, in deutscher Sprache, mit Melodieen. 

PfEurer Kaspar in Böhmen gab für Sonntags schulen ein Lieder- 
buch mit Melodieen heraus, »Pisne cestou zivota«, bereits in mehreren 
Auflagen, das grossen Anklang und viel Verbreitung gefunden 
(Psalmen und Lieder). PfEurrer Lic. Pindor in Teschen hat eine 
Kirchengeschichte in polnischer Sprache herausgegeben. Pfarrer 
Michejda gibt seit 1885 eine poln. Kirchenzeitung heraus. Xaver 
Glajcar in Drahomysl redigirt einen poln. ev. Kalender. 

Der Comenius -Verein in Böhmen gibt schon mehrere Jahre 
einen von Pfarrer Kaspar redigirten ev. Kalender »Orloj« heraus. 

Als ev. geistliche Liederdichter zeichnen sich unter den Böhmen 
besonders aus: Sen. Janata, Lehrer Bastecky, Pfarrer Pelisek; 
dieser letztere hat unter anderem auch Geroks »Palmblätter« in 
so vortrefflicher Weise übersetzt, dass der Leser diese üebersetzung 
für ein wohlgelungenes Original halten möchte. Einer seiner er- 
greifendsten Gesänge ist: »die Toleranzapostel«, worin er den Ex- 
odus der Ungar. Toleranzprediger im Jahre 1783 aus Sarospatak nach 
Böhmen besingt. Mit böhmischen Bibeln versorgt reichlich die 
Londoner Bibelgesellschafb , die in Oesterreich bis zu Beginn des 
Jahres 1887 durch den thätigen Edw. Miliar d vertreten wurde, 
das evangeh Volk. Li dieaena. SbüIqx^ et^Q^nscL ^ine schöne Aus- 



^ 



Drittes KapiteL Die Zustände in den Gemeinen. Igl 

gäbe des letzten kirchlich-autorisirten Textes der böhmischen Brüder- 
bibel vom Jahre 1613. Die Colportage der heiligen Schrift geschieht 
in Oesterreich durch Sammeln von Abonnenten, denen die bestellten 
Exemplare dann von dem Depot zugemittelt werden. In Ungarn 
verkaufen die dazu behördlich ermächtigten Colporteure die Bibeln 
sofort aus eigener Hand. Im Jahre 1885 sind in Oesterreich-Üngam 
auf diese Weise — die verschenkten Exemplare eingerechnet — 
200188 Bibeln und Theile derselben abgesetzt worden. 

Wiewohl der Unglaube und der moderne Materialismus auch 
manche Evangelische ergriffen hat, und die diesen Richtungen hul- 
digenden oder zuneigenden politischen, sogenannten liberalen Zeit- 
schriften hierin leider auch viel verschuldet haben und noch ver- 
schulden, hält dqph das evangelische Volk in Oesterreich im Grossen 
nnd Ganzen fest an dem Bekenntniss. 

Schliesslich möge noch bemerkt werden, dass in neuerer Zeit 
aach andere BeligionsgeseUschaften in Oesterreich Anhänger gefunden 
haben, wenn auch zum grössten Theil nur in kath. Bevölkerung; 
80 die Hermhuter Brüderunität , welcher im Jahr 1880 auch die 
staatliche Anerkennung zu Theil wurde; sie hat einige kleine Ge- 
meinen in Böhmen tmd in Böhmisch Kothwasser ein eigenes Waisen- 
haus. Baptisten, Methodisten, Irvingianer u. a. haben ebenfalls 
einige Anhänger, müssen sich aber auf private Hausgottesdienste 
beschränken. Im Osten Böhmens entstand eine »freie böhmische 
Kirche« nach dem Vorgange ähnlicher Gemeinen Schlesiens, der auch 
ein ref. Prediger sich anschloss. Congregationalistische Gemeinen 
in Prag u. a. 0. entstanden durch die missionirende Thätigkeit 
amerikanischer Prediger, die die böhm. Sprache erlernten tmd auch 
ihr eigenes Organ »Bethanien« besitzen, welches in Tabor erscheint. 
Zwei dieser Missionare sind wieder nach Amenka zurückgekehrt 
and fnngiren nun dort als bÖhm. Prediger in Cleveland und Chi- 
Jago unter der viele Tausende zählenden böhmischen Bevölkerung 
iieser Städte. Bekannt ist es, dass auch die altkatholische Beweg- 
mg in Oesterreich zur Sammlung einiger altkatholischen Gemeinen 
geführt hat. 

Die ev. Kirche helv. Konfession zählt in Oesterreich 4 
^uperintendenzen: die Wiener mit 5 Gemeinen und 4 Schulen und 
5787 Seelen; die böhmische mit 4 Senioraten, 50 Gemeinen, 42 
Schulen und 69 702 Seelen; die mährische mit 2 Senioraten, 24 
Tcmeinen, 4 Schulen und 39538 Seelen; das galizische Seniorat 
nit 4 Gemeinen, 14 Schulen und 5 014 Seelen. Insgesammt: 88 Ge- 
neinen, 64 Scbnlen und 121 041 Seelen», noi\. öiet^TL <ia». WVi^'^^ 



182 Oesterreich-Ungam. 

böhm. Nationalität sind. Die evang. Kirche augsburgischer 
Eonfession zählt 6 Superintendenzen; die Wiener mit 5 Senio- 
raten, 31 Oemeinen, 16 Schulen und 62677 Seelen; die oberöster- 
reichische mit 2 Senioraten, 19 Gremeinen, 16 Schulen und 17683 
Seelen; die böhmische mit 2 Senioraten, 81 Gemeinen, 22 Schulen | 
und 82295 Seelen; die Ascher mit 3 Gemeinen und 28528 Seelen; 
die mähr.-schlesische mit 8 Senioraten, 86 Gemeinen, 84 Schulen 
und 105 756 Seelen; die Lemberger mit 8 Senioraten, 23 Ge- 
meinen, 84 Schulen und 48 383 Seelen. Insgesammt: 148 Gemeinen, 
172 Schulen und 290272 Seelen. Die Gesammtzahl der Evange- 
lischen A. und H. C. in Oesterreich beträgt denmach 411813 
Seelen. 

Nach der zu Eecht bestehenden Verfassung vom 6. Jan. 1866 
sind die kirchenregimentlichen Organe in der Kirche A. 0. wie 
H. C. 1. för die Pfarrgemeine: der resp. die Pfarrer, das Pres- 
byterium, die Gemeinevertretung; 2 für das Seniorat: der Senior, 
der Senioratsausschuss, die Senioratsversammlung; 8. für die Super- 
intendenz: der Superintendent, der Superintendentialausschuss, cüe 
Superintendentialyersammlung; 4. für die G^sammtheit der Superin- 
tendenzen: der kk. ev. Oberkirchenrath, der Synodalausschuss, die 
Generalsynode. Diese ist regelmässig jedes sechste Jahr von dem 
kk. Ministerium für C. und U. im Wege des Oberkirchenrathes ein- 
zuberufen. Alle diese Organe gehen aus der freien Wahl der Pfarr- 
gemeinen, resp. der Presbyterien, Seniorats- und Superintendential- 
versammlungen und der Generalsynode hervor. Eine Ausnahme 
macht der Oberkirchenrath , dessen Präsident und Käthe von dem 
Kaiser ernannt werden. Der Präsident, der für beide BathskoUegien 
gemeinsam ist, soll immer dem weltlichen Stande angehören. Von 
den Bäthen ist in jedem Bathscollegium immer einer geistlichen, 
der andere weltlichen Standes. Ausserdem hat jedes Kollegium 
noch ein ausserordentliches Mitglied. Gemeinschaftliche Angelegen- 
heiten werden in der Vereinigung beider Kollegien verhandelt und 
erledigt, im Uebrigen fimgirt jedes Rathskollegium nach der Kon- 
fession gesondert. 



B. Ungarn. 

Literatur: Ballagi, Protest. Kirchen- und Schulblatt, seit 1858. A. 
Koväcs, Kirchenrecht, 1879. L. Bl&sy, Kirchengesetz, 1844. 
KolozsY&ry, Kirchenrecht des Siebenbürger ev. ref. Kirchen- 
distriktes, 1877. Linberger, Geschichte des Evangeliums in 



Entes Kap. Gang der Entwickliuig bei beicL Konfess. etc. Ig3 

Ungarn, 1880. Balogh, Geschichte der ongar. -protestantischen 
Eirohe von der Reformation bis zur Gegenwart, 1872. Allgem. 
Kirchenblatt von Schott, 1888, Nr. 81—34. Sam. Töth, Bef. 
Synodalberichte Tom Jahre 1881, und Sohematismas , 1887. Ref. 
Synodalgesetze, 1882. 

Erstes Kapitel. 

Gang der Entwicklung bei beiden Konfessionen und 

wissenschaftliche ThätigkeiL 

Die ungarische, evangelische Kirche verdient den Namen einer 
Lrtyrerkirche. Seit ihrem Bestehen war sie ein Aergemiss Roms. 
e Jesuiten schürten den Hass in solcher Weise , dass die Aosrot- 
Dg des Evangeliums schon am Landtage zu Rakos (8. Sept. 1525) 
setzlich aasgesprochen wurde: Lutherani libere capiantur et com- 
rantur. Trotzdem schlug der von Gott gepflanzte Baum Wurzeln, 
genw&rtig sind über 8 Millionen Evangelische im Lande. Männer 
3 StÖckel, Siklösi, Eopacsi, welcher die Schule von Säros- 
bak einrichtete, Batizi, Martin S4nta, Edlmäncsai, welcher 
Debreczin und Siebenbürgen der feurige Vorkämpfer der helve- 
chen Konfession wurde — waren die ersten Vorgänger der ev. 
hre. Jenseits der Theiss verbreiteten das Evangelium Peter 
dlius durch Wort und Schrift in magyarischer Sprache, femer 
£ad4n in Debreczin, Melanchthons Schüler und der gelehrte Ver- 
ndiger des Calvinismus in Ungarn, weiter Stephan Szegedi 
SS, der Apostel der calvinischen Lehre. Seit 1526 predigten das 
itere Wort Modoni, Jakobai, Eolarik, Sztärai, Bornemisza, 
mehmlich aber Johann Erdosi (Sylvester), der üebersetzer und 
)rausgeber des N. T. im Ungarischen (1541). Gleichzeitig mit 
r Beformation in Ungarn erfolgte die Eirchenverbesserung in 
)benbürgen, wo als Lehrer zu nennen sind: Gl atz und Wagner. 
9 Reformatoren der siebenbürgischen Magyaren waren Gyulai, 
iorai, Vizaknadi und besonders Heltai Üebersetzer der ganzen 
iligen Schrift. Die eigentlichen Führer in Ungarn und Sieben- 
rgen waren Matth. D^vay Birö und Joh. Honter. Vomehm- 
li wurde die Sache gefördert durch mächtige Eeichsherm und 
treffliche Edelleute. Unter diesen hervorragend Alexius, Thurzö, 
rönyi, Nädasdy, Peter Petrovics, Drdgfi, Török. In der 
eiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war der grösste Theil der 
tmerherren und Obergespanne in den Ländern der ung. Stephans- 
>ne evangelisch, 1552 gehörten nur noch drei Familien des höheren 



184 Ungarn. 

Adels der kath. Kirche an. Den Gnindherren folgte die misera con 
tribuens plebs. Man zählte etwa 2000 ev. Gremeinen. Da trat die 
mächtige Gregenreformation auf. um den bedrängen Evangelischen 
zu helfen ; erhob sich Bocskai Stefan, später Fürst in Sieben- 
bürgen. Die B[rone Ungarns wurde ihm durch den Ofener türkischen 
Pascha angeboten. Im Frieden von Wien 1606 wurde den Evan- 
gelischen Beligionsfreiheit zugesichert. Aber weder dieser Sieg noch 
die Friedensschlüsse von Nikolsburg und B4koczi brachten den Evan- 
gelischen völlige Ruhe, vielmehr wüthete das Blutgericht zu Eperjes 
von 1671 — 81 und das Judicium delegatum Posoniense. Das Toleran^ 
edikt unter Joseph 11. führte dann nachher weiter zur gesetzlichen 
Anerkennung der Evangelischen durch Leopold U. in dem Gesetz 
von 1790 — 91. Der bekannte 26. Artikel bildet die Grundlage der 
Rechte der Evangelischen. Diese lex religionaria soll eine perpetao 
duratura lex sein. Graf Teleki sprach am letzten Tage des Reichs- 
tages (13. März 1791) dem Yaterlande und Könige für dieses Gesetz 
seinen innigen Dank aus. Der römische Klerus protestirte gegen 
dasselbe durch den Erzbischof zu Gran, Josef B att y an yL Eine 
Ergänzung des Gesetzes im Jahre 1844 geschah dahin, dass alle, die 
bis zum 18. Lebensjahre in der ev. Religion erzogen seien, die 
Mädchen auch ohne dieses Alter nach ihrer Yerheirathung , nicht 
beunruhigt werden sollten. Die vor einem ev. Pferrer geschlossenen 
Mischehen sind gesetzlich anerkannt. Der üebertritt wird also ge- 
regelt, dass man in Gegenwart von 2 Zeugen seine Absicht vor dem 
Pfarrer, dessen Glaubensgemeinschaft man verlassen will, erklären 
muss und diesen Wunsch nach 4 Wochen noch einmal ausspricht 
Nach Vorweisung eines Zeugnisses — sei es seitens des Pferrers 
oder, wenn dieser es nicht geben will, von 2 Zeugen ausgestellt — 
wird man in die gewählte Kirchengemeinschafb angenommen. 

In dem Gesetze vom Jahre 1868, Ges. Art. LUX., wurden diese Be- 
stimmungen dahin erweitert, dass die Meldungszeit auf 14 Tage ver- 
mindert wsirde. Die proles e mixtis matrimonüs sollten nach ihrem 
Geschlecht der Religion des Vaters oder der Mutter folgen. Alle da- 
gegen lautende Reverse wurden ausser Krafb gesetzt. Die Benutz- 
ung der Friedhöfe ward aUen Konfessionen freigegeben. Eine ge- 
rechte Vertheilung der G^meuielasten fiEind statt. Man durfbe neue 
Gemeinen gründen. Ein Gesetz vom Jahre 1848 bezweckte völlige 
Gleichheit aller Konfessionen, trat aber nicht in Rechtskraft. Das 
Gesetz vom Jahre 1791 behauptete sich durch alle Stürme des Landes. 
Der unglückliche Ausgang des Freiheitskampfes 1849 bedrohte die 
Verfassung und die ev. Kirclie TJugaanas, Haynau beseitigte die 



Erstes Kap. Gang der Entwicklung bei beid. Eonfess/etc. 185 

• 

^angelischen Rechte, indem er die Abhaltohg yjm Konventen ein- 
tüte, die Oberkuratoren und Kuratoren&mter abschaffte und eine 
intheilung der evang. Kirche nach militärischem Muster yomahm. 
ach Graf Leo Thun legte dem Schulwesen Zwang auf und be- 
abte mehrere ev. Gymnasien des Rechtes der Oeffentlichkeit. Am 

September 1859 erschien ein Kaiserliches Patent, welches die 
lere Organisation der ev. Eorchen und Schulen betraf. Es brachte 
irliche Gehaltszulagen und Unterstützungen der Gemeinen und 
hnlen. Aber man begehrte mit Recht die alte Autonomie. Das 
.tent fand man unannehmbar. Man berief sich in vielen Bittge- 
ßhen auf die gesetzlich zugesicherten Rechte. Die Regierung 
ßhte mit Gewaltmassregeln die Versammlungen der Evangelischen 
Lzuschüchtem. Doch der höchste Adel und die Geistlichkeit blieben 
lt. Am 15. Mai 1860 wurde das Patent ausser Krafb gesetzt. Der 
r 1848 genossene Rechtsstand musste wieder anerkannt werden. 
Was die wissenschaftliche Thätigkeit der ev. Kirche 
dgarns anbelangt, so hat sich diese namentlich in diesem Jahr- 
ndert auf dem Gebiete der Kirchengeschichte und praktischen 
leologie bewährt. Eine ganze Schaar eifriger Arbeiter trat in die 
issstapfen eines Sinai, Bod, Ember und Ribini, als Anfänger 
r ungarischen Greschichtsschreibung, doch ohne gewünschte Be- 
itzung und Bearbeitung der werthvoUen Quellensammlung der 
iheren Zeit. Die in unserem Jahrhundert erschienenen Werke sind 
meist ungarisch geschrieben. — Wir erwähnen hier nur die bedeuten- 
ren Namen, als: JesaieBudai, Superintendent jenseits derTheiss 

1841). Sein Werk »Magyarorszag histöridja« (Bd. 11) dient auch 
ch heute zu einem Leitfaden; Fr. Töth (f 1844), Superintendent 
iseits der Donau schrieb eine ganze Reihe von kirchengeschichtlichen 
ichem; G. Bauhof er (f 1864), ev. Pastor, »Geschichte der evang. 
rche in Ungarn«; Joh. Borbis, eifriger Lutheraner, schrieb unhold 
id einseitig über die Reformirten in Ungarn; Dr. Heiszier, wei- 
ttd Professor der Theologie in S. Patak, gegenwärtig ref. Pastor 

Dombr4d, lieferte eine ganze Menge Werke auf dem Gebiete der 
cegese, Kirchengeschichte und Dogmatik; J. P41fy, Prof. theol. 

Oedenburg; besonders aber nimmt Emerich R6v^sz, Dr. theol. 
id ref. Pastor zuDebreczin (f 18. Febr. 1881), eine hervorragende 
eile unter den prot. Schriftstellern Ungarns ein. Seine historischen 
lellen-Forschungen und hinterlassenen Manuscripte, sowie seine 
lermüdete Thätigkeit auf dem Gebiete der Kirchen^erfassung lassen 
a als den gründlichsten Kenner der historischen Vergangenheit 
s ungarischen Protestantismus erscheinen. Einz^bü^ gl&%c.l^c.bd^ck<^ 



I 



186 Ungarn. 

Beiträge und Nachrichten sind erschienen von Berzeviczy: »Goordi- 
nation der Kirche und religiösen Angelegenheiten der Evangelischen 
des Theiss-Distr. 1870«. Dann die »Nachrichten über den jetzigen 
Zustand der Evangelischen in Ungarn« 1822. Joh. Szombati 
wirkte als ref. Professor in S. Patak; Fr. Szil4gyi (f 1876), weiland 
Professor in Elausenburg, welcher durch seine schroffe Kritik über 
B^v^sz »Kalvins Leben« zwischen den ref. theologischen Akademien 
zu Debreczin und Budapest einen dogmatischen Streit veranlaflste, 
der durch zwei Decennien hindurch viel Unheil brachte. Joseph 
Salomon, weiland ref. Professor theoL in Klausenburg (f 1871), 
schrieb »De statu Eccl. ev. ref. in Transylvania 1840« und ist der 
Erste, der die Vorlesung über prot. Kirchenrecht eingeführt hat. 
Dr. Joh. Szeber^nyi, Superintendent A. C. (f 1856), hat ausser 
der Schrift »Contra Lutherolatriam« ein »Corpus maxime memora- 
bilium Synodorum« (Pest 1848) veröffentlicht. Er war ein Gegner 
der durch den Grafen Zay im Jahre 1841 beantragten »Union». 
Weiter sind zu erwähnen: Homyanszky: »Beiträge zur Geschichte 
evangelischer Gemeinen in Ungarn«; Andreas Fabö (f 1874), ev. 
Pfarrer in Agard, als fleissiger Sanunler und sehr bedeutsamer 
Forscher durch seine Monumenta bekannt. Seine »Lebensbeschrei- 
bung des St. Beythe« (ung. geschr.) ruht auf eigenen Quellenforsch- 
ungen. K. Bäcz: »Die Opfer des Pressburger Blutgerichtes im 
Jahre 1674« ; ColomanH. Kis s: Monographieen; A. £[iss: Herausgabe 
der Beschlüsse der im szatm4rer Comitat gehaltenen vier ersten proi 
Synoden; Jos. Parkas, Professor theol. in Budapest; L. Warga, 
Professor in S. Patak, Fr. Balogh, Professor in Debreczin, sowie 
Sig. Csüthy, ref. Pferrer und S. Weber, evang.: auch diese haben 
mit ihren kirchenhistorischen Werken die Wissenschafb gefördert. 
Auf dem Gebiete der systematischen Theologie hat sich Edmnnd 
Kovacs, ref. Professor theol., verdient gemacht. Vorwiegend wird 
die praktische Theologie bebaut. Hier könnte man eine grosse An- 
zahl namhafter Verfasser erwähnen, wir beschränken uns aber auf 
die eifrigsten Arbeiter in den letzten Decennien, um so mehr, weil 
die bezüglichen Werke vorwiegend in ungarischer Sprache erschienen. 
Es sind die bedeutendsten namentlich unter den Beformirten: die 
Superintendenten Szoboszlai Pap, Peter Nagy (f 1884), Va- 
lentin und Emerich B^vesz, Carl v. Sz4sz, Dominik von 
Szasz, G. Pap. Femer Fösös, Dobos (f 1887), Tompa, Török 
Pal, Fördös, Aron und Joh. Szilädy, St. Pap, K. Pap, 
Czelder, K. Töth, G. Szasz, Fejes, Filö, Borsodi, Mitrovics, 
Caiky u. A. Unter den LuÖDLeianöm sind als anerkannte Bedner und 



Zweites KapiteL Die evangelisch-refonnirte Kirche. Ig7 

irch schriftstellerische Wirksamkeit bekannte Männer zu nennen: 
)s. Sz^käcs, Mäday, Szeberenyi, Dr. Teutsch, Geduli, Cz6kas, 
arsai, Wilh. Gyory, Tresztyanszky, S4nta, Hörk u. A. Als 
»währte Verfasser auf dem Gebiete des Eirchenrechts sind zu 
)nnen Fr. und A. KovÄcs, KolozsvÄry, Dözsa, Bläsy, Zsi- 
nszky und als Organisator Dr. E. Bev^sz. Die dogmatische 
olemik ist nicht beliebt, besonders seit den oben erwähnten Ldden 
er drei letzten Decennien. Zufolge der staatsrechtlichen Bezieh- 
Qgen des ungarischen Protestantismus zum römischen Eatholicismus 
erden die Fragen der Yerßissung und der Schulen mehr betont. 



Zweites Kapitel. 

Die evangelisch-reformirte Kirche. 

Vom Beginne der Eeformation in Ungarn (1518) an haben die 
iberisch und calvinisch gesinnten Protestanten, ungeachtet der 
)gmatischen Differenzen, als ein Leib — durch einen Geist beseelt 
- gegen Rom gekämpft. Allein mit dem Jahre 1558 trat Peter 
elius in Debreczin auf, und nachdem er auch bei dem Fürsten 
ebenbürgens Einfluss gewonnen, forderte er die gute Sache des 
ilvinismus also, dass der Landtag zu Torda in Siebenbürgen (1564) 
e Trennung der Lutheraner und Reformirten gesetzlich sanctionirte. 
1 gleicher Zeit entstand eine ähnliche Bewegung in Ungarn, na- 
entlich durch den Eifer des Melius, der die erste ungarische ref 
onfession (conf. agrivaUensis) verfasste und von seinen gleichgesinn- 
in Amtsbrüdem unterschrieben dem Könige Ferdinand und seinem 
}hne Maximilian unterbreitet hat. Allmählich nahmen die Befor- 
irten so stark zu, und das calvinische Bewusstsein schlug in den 
Kerzen so feste Wurzeln, dass die unter dem Vorsitz von Melius 
Bhaltene Debrecziner Synode (1567) die Selbstständigkeit und Unab- 
Engigkeit der ungarischen ref Kirche endgiltig aussprach. Seit 
ieser Zeit standen beide Konfessionen getrennt von einander, aber 
a Kampfe gegen Rom finden wir sie immer vereint; viribus unitis 
ärtheidigt sich der ungarische Protestantismus als eine feste Phalanx 
^n die Angriffe der römischen Oberherrschaft bis auf den heutigen 
a£. Ln^ Jahre 1841 machte Graf Karl Zay (Greneralinspektor A. 0.) 
inen Unionsversuch, aber derselbe ist als ephemere Idee in kurzer 



188 üngam. 

Zeit ganz vergessen worden. Nnn wünschten die Beformirten in 
Ungarn nnd Siebenbürgen eine Vereinigung unter sich herbeizn- 
führen: sie hatten nämlich ihre eigene Verfassung und Eirchenord- 
nung beibehalten. Diese Annftherung vollzog sich auf dem im Jahre 
1873 abgehaltenen Konvent; auch die Siebenbürger ref. Superinten- 
denz nahm daran Theil. 

Die Beformirten in üngam harrten seit einem 'Jahrhundert 
auf die Erfüllung der gehegten Hoffnung, eine Ver&ssungssynode 
halten zu können. Zu der Verwirklichung gab den ersten Anstoss 
die Superintendenz jenseits der Theiss, welche auf dem in Debreczin 
(1877 April) abgehaltenen Konvente bei sftmmtlichen Superinten- 
denzen die Abhaltung einer Plenarsynode beantragt hatte. Dieser 
Antrag wurde von allen anderen 4 ref. Superintendenzen freudig 
angenommen, mit der Bestimmung, dass die abzuhaltende Synode 
sich von allen Lehrfestsetzungen fem zu halten habe. Zur Berath- 
ung der erforderlichen Vorarbeiten wurde am 15. — 17. Nov. 1877 
eine Generalversammlung in Budapest unter Vorsitz des Preiherm 
Nikolaus Vay als ältesten Distriktualkurators abgehalten und ein 
Ausschuss — bestehend aus 18 Mitgliedern — zur Verfessung der 
Vorarbeiten, sowie zur AntragsteUung aller Angelegenheiten ent- 
sendet. Dieser Ausschuss, in 2 Untercomit^s getheilt, hatte seinen 
Entwurf der Kirchenverfassung am 19. — 26. Mai und am 7. — 9. 
November 1878 in Debreczin beendigt, während den Entwurf der 
Organisation des Schul- und Unterrichtswesens der damit betraute 
Molnär verfertigte. Die also verfassten Entwürfe und alle Vorar- 
beiten wurden in dem Generalkonvente 1879 (Sept.) in Debreczin 
und 1880 (Sept.) in Budapest, derjenige aber, über Organisation 
des Schul- und Unterrichtswesen, am 8. — 14. März 1881 berathen; 
und dann beide Entwürfe der Kirchenverfassung und Organisation 
des Schulwesens, als ein der Synode vorzulegender Antrag fertig 
gemacht. Nach eifrigsten und ernsten Vorbereitungen wurde die 
Synode am 31. Oktober 1881 zu Debreczin (314 Jahre nach der 
ersten Verfassungssynode daselbst) unter Vorsitz des verdienstvollen 
Freiherm Vay eröfihet, nachdem der König laut allerhöchstem Er- 
lasse die Abhaltung derselben am 15. Febr. 1881 gestattet hatte, 
ohne jedoch von seinem laut §. 4 des 26. Gesetzes-Artikels vom 
Jahre 1790/91 ihm zukommenden Bechte: einen Königl. Kommissär 
entsenden zu können, bei dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen. 

Die Gesanmitheit der Beformirten in Ungarn und Siebenbürgen 
war hier durch 114 Abgeordnete, durch die einzelnen Gemeinen im 
Wege aUgemeiaer Abstimmung gevf^^iWi, ^«tfec^^Ti. Der erste FaU, 



Zweites Kapitel. Die eyangelisch-reformirte Kirche. 189 

dass anch Siebenbürgen sich freiwillig nnd freudig anschloss. Die 
Berathungen wurden unter dem Doppelpräsidium des Freiherm Vay 
und des ref. Bischofs Peter Nagy aus Siebenbürgen gepflogen. Die 
theoL und juridischen Akademien, Gymnasien und Pädagogien waren 
durch je 2 Mitglieder aus jedem Distrikte vertreten. Die Gegen- 
stände der Synodalberathungen waren folgende: 1) Festsetzung der 
Organisation der Eorchenverfassung von den Presbyterien an, durch 
die Seniorat-, Distriktual-, Generalkonvents-Behörden hin bis zur 
Synode als allerhöchster gesetzgebender Kirchenbehörde: hierher ge- 
hören die Bestimmungen über Pflichten und Bechte aller kirchlichen 
Amts- und Würdenträger; 2) die Festsetzung der kirchlichen Ge- 
richtsbarkeit und gerichtlichen Handlungen; 3) die Ordnung des Schul-, 
Erziehungs- und ünterrichtswesens von der niedersten Stufe bis zur 
höchsten; 4) es sollten Bestimmungen getroffen werden, dass die 
Verfessung das wahre Wohl der Gemeinen fördere; 5) Berathung 
Ton Anträgen und Vorlagen. 

Die Synode hielt 29 Sitzungen und die geschaffenen Kirchen- 
und Schulgesetze wurden am 24. Nov. 1881 dem Könige zur Sank- 
üoiiirung vorgelegt Es war durch die Union der ung. ref. 
Kirche mit den Reformirten in Siebenbürgen etwas Neues 
geschaffen. Die Siebenbürgische ref. Kirche behielt dabei ihre 
Bechtsbasis. Sie hat auch unabhängige Ehegerichte. Ein anderes 
, Charakteristikum der Kirchenverfassung ist, dass der Generalkon- 
■• vent als organisirte Kirchenbehörde in die Verfassung einge- 
schaltet wurde. Alle 10 Jahre soUte die Synode abgehalten werden. 
Der Wirkungskreis aller kirchlichen Amts- und Würdenträger 
war prSzisirt worden, die Wahl der Pastoren geregelt, eine ünter- 
^tzungs- Landeskasse gegründet und die kirchlichen Abgaben 
geordnet. 

Der 2. Haupttheil enthielt die Gesetze bezüglich Regelung des 
Erziehungs- und ünterrichtswesens; der 4. Haupttheil umfasste die 
Organisation der kirchlichen Gerichtsbarkeit. 

Die nur in ihren Hauptzügen bekannt gemachten Kirchengesetze 
worden mit gänzlicher Beseitigung des 2. Haupttheiles 
iiach unbedeutenden Berichtigungen am 11. Oktober 1882 königlich 
^anktdomrt. Der 2. Haupttheil wurde nicht bestätigt, weil die 
Sdmlen als »ganz und gar dem Leibe der Kirche angehörig« auf- 
lebsst waren. Derselbe sollte abgesondert seine Legitimation noch 
^ erwarten haben. Diese ist bis jetzt noch nicht geschehen , aber 
^ Segen der Zusammengehörigkeit und den Einfluss der ins Leben 
J K^iietenen neuen Verfessung kann . man bereits ^^t-Lt ^atockJÖßiQ«^, 



190 Ungarn. 

Als Siegel der Generalsynode nahm man eine brennende Fackel mit 
7 Sternen und das Wort Matth. 5, 15. an. Der Beformirten alter 
Titel: helvetische Konfession ward in: ev.-reformirt geftndert £me 
Eigenthümlichkeit der ungarischen ref. Yer&ssnng ist das neba 
dem P&rrer stehende Amt der weltlichen Enratoren als IfitprSs- 
denten der Presbyterien, Seniorate und Kirchendistrikte. Der K(m* 
vent, der über den Superintendenzen sich bildet, besteht aas 5 
Bischöfen (statt der früheren Superintendenten), 5 Oberkoratoreii, 
28 Konventual-Abgeordneten, das Präsidium führt der amtsftlteste 
Bischof und ein Distriktual-Oberkurator. 

Der Konvent ist eine über den Superintendenz^i stehende ' 
Kirchen-Behörde, welche in solchen Angelegenheiten entscheidet, 
welche die Superintendenzen angehen. Präses des Konvents sind: 
der amtsälteste Bischof und der amtsälteste Distriktual-Oberkarator. 
Bischöfe sind 5, Oberkuratoren 5. Die Mitglieder der Synode 
werden durch die Presb3rterien der Kirchengemeinen gewählt, je nacli 
Yerhältniss der Seelenzahl der einzelnen Kirchendistrikte, in festge- 
setzter Anzahl aus dem geistlichen und weltlichen Elemente. Ausser- 
dem wählen die Lehrkörper je 2 Vertreter aus jedem Kirchendistrikte. 
Berufene Mitglieder der Synode sind sämmtliche Bischöfe und'Di- 
striktual-Oberkuratoren. Der Präses und sein Stellvertreter werden 
aus der Mitte der Bischöfe und Oberkuratoren gewählt. Die ZaM 
der Vertretung ist auf 114 festgesetzt. 

Symbolische Bücher besitzt die ref. Kirche Ungarns zwei: 
die Helv. Konf. U., welche im Jahre 1567 zu Debreczin, sodann 
1626 in Komjdti, 1642 zu Pest und 1646 durch die Synode zn 
Szatmam6meti angenommen und hiermit allgemein anerkanntes sym- 
bolisches Buch wurde. Der Heidelberger Katechismus wurde 
gleichfalls in Debreczin 1567 und zu Szatm4memeti (1646) malge- 
nommen und dessen Auslegung in der Gemeine angeordnet (Art. H) 
Der Heidelberger wurde im 18. Jahrhundert durch den röm. fi[leni3 
hart verfolgt und konnte nur mit Abänderung der Fragen 30, 57, 
80 herausgegeben werden. So erschien er bis zu neuesten Zeiten, 
als Pastor Erdos denselben in uralter Form und getreuer üeber- 
Setzung nebst historischer Einleitung veröffentlichte 1885. Er wurde 
jenseits der Theiss in allen Gymnasien als Beligionshandbuch ein- 
geführt. Es werden auch beinahe in allen Distrikten an Sonntagen 
Nachmittagspredigten über den Heidelberger gehalten, und bei Kan- 
didaten-Prüfungen muss je ein angegebener Abschnittt ausgelegt 
werden. Gleichfalls wird die Helv. Konf. H. in grosser Ehre ^ 
halten und auf allen ref. theol. Akademieen behandelt. 



Zweites EapiteL Die erangeliBch-reformirte Kirche. 191 

Bas Eirchenge sangbuch besteht aus den Psahnen Davids 
d Liedern. Der Psahngesang wird von jeher mit wahrer Vorliebe 
pflegt Leider entbehren die Ref. deutscher Zunge denselben seit 
Decennien. Unter Einwirkung des Rationalismus Hessen sie sich 
wegen, das heilige Erbe der ungarischen ref. Brüder mit modernen 
edem umzutauschen. Eine Verbesserung steht bevor. 

Eine einheitliche Agende fehlt. Die Synode 1881 hat die 
[>&8sung einer solchen dem Gteneralkonvente zugewiesen, und die 
)rarbeiten sind geschehen. • Die vielen Lokalagenden schliessen 
}h an die Pftlzer Agende an. 

Die heilige Schrift ist noch immer in der uralten ungarischen 
dbersetzung des Käsp4r E4roli (ref. Pfarrer in Gtöncz, f 1592) 
tm Jahre 1590 im allgemeinen G^braudi. Dieselbe hat eine Viel- 
ehe Revision erfahren, bis sie ihre gegenwärtige Gestaltung ge- 
^nnen. Ln 16 .Jahrhundert waren die namhaftesten Bibelübersetzer : 
rdosi, Heltai, Melius, F^legyhäzi, besonders aber Eäroli 
fr Erste, welcher die ganze Bibel sammt den Apokryphen über- 
agen hat. Ihm folgten im 17. Jahrhundert Szene zi Molndr 
., Nie. Eis, Eäldi; im 18. Jahrhundert: Eomäromi Csipkes 
id Besnye'i; im 19. Jahrhundert: Ballagi, ehemaliger Professor 
eol. in Budapest und Sam. Eamori, Professor theol. in Pressburg, 
i neuerer Zeit (1878) erfolgte eine Revision der alten Uebersetzung 
)s N. T. , welche aber keine ofißcielle Annahme fand. Auf diesem 
ebiete hat sich Prof. Menyhdrt und in neuerer Zeit Prof 
addcsi verdient gemacht. Der vielfeichen Mangelhaftigkeit der 
igarischen Bibelübersetzung gründlich abzuhelfen, unternahm die 
ritish and Foreign Bible Society im Jahre 1886 eine gründliche 
ebersetzung des A. T. unter Vorsitz des unermüdlich thätigen 
f. Bischofs Carl von Szäsz wurde eine ausgewählte Zahl von 
Eudmiftnnem mit der Revision betraut. 

Die fünf ref. theologischen Akademieen in Budapest, 
ebreczin, S. Patak, Päpa und N. Enyed haben 4 Jahrgänge; 
le Zuhörer sind verpflichtet, auch den philosophischen Cours zu voll- 
iden, sogar auch ein pädagogisches Examen abzulegen. Es ist 
ber eme nachtheilige Einführung jenseits der Theisz, dass die Ean- 
Ldaten auch die Schullehrerdiplome zu erwerben genöthigt sind. 
iTich für spedell ref. höhere Mädchenschulen wird grosse Sorg- 
et verwendet. Die literarische Thätigkeit ist eine rege zu 
lennen. Mehr als 15 Eirchenzeitungen, Monatsschriften, Studien- 
lefte und Volksblätter erscheinen. Es gibt auch eine konfessionelle 
■ef. und lutherLscbd Kirchenzeitung. Im Dezem\>er \%Ä^ ^w\ä^% ^<st 



192 Ungam. 

Grundstein zu einer protestantischen literarischen Gesell 
Schaft gelegt; an der Spitze steht Bischof von Szasz. Zweck 
derselben ist Pflege der prot. theologischen Wissenschaft und Lite- 
ratur, Herausgabe kirchenhistorischer Werke und Monographieen 
nebst einem eigenen wissenschaftlichen Organ. 

Mit der Verbreitung von Missionsschriften und Traktaten be- 
fasst sich die schottische Missionsgesellschafb ; aber die ref. Kirche 
beschränkt ihr das Wirkungsfeld mehr und mehr, indem in einzehien 
Senioraten, zur Weckung des ref. Bewnsstseins , eigene Missions- 
schriften verfasst und verbreitet werden. Ebenso arbeitet man auch 
gegen die durch die Bibel- und Traktat-Kolporteure eingeschmug- 
gelten Baptisten- und Nazarener-Sektirerei, welche besonders der 
ref. Kirche viele Unruhe und Störung bringt. 

Die ref Kirche steht in Beziehung zu der allgemeinen pres- 
byterianischen Allianz. Coloman Tisza, der jetzige Minister- 
präsident und Oberkurator der jenseits der Donau liegenden Super- 
intendenz, hat es in einem Gesetze von 1885 (G«s.-Art. VIL) durch- 
gesetzt, dass in dem Oberhause auch 3 amtsälteste Bischöfe nnd 
3 Oberkuratoren der ref Kirche und 3 Superintendenten und 3 Ober- 
inspektoren der luth. Kirche, sowie ein Bischof oder Oberkurator 
der Unitarier lebenslängliche Mitglieder sind. 

Die Eeformirten in Ungarn beweisen eine grosse Opferwilligkeit 
für das Schulwesen, indem sie ihre Bildungsanstalten von 
der untersten Stufe bis zu den Hochschulen aus eigenen Mittek, 
ohne jede auswärtige oder Staatsunterstützung erhalten. 

Im Kirchendistrikte an der Donau erhält die ref. Kirche 
neun höhere Schulen, und zwar eine Theologische Akademie 
mit 4 Jahrgängen in Budapest, gegründet 1855. Die Oberauf- 
sicht und das Begiment wird geübt durch eine Kommission, be- 
stehend aus dem Bischof, Oberkurator, Senioren, Seniorats-Knia- 
toren, dem Direktor und zwei Professoren der Akademie. 6 ordentL 
und 3 Hilfsprofessoren unterrichten 44 Zuhörer. Jahreseinnahme 
24 768 fl., Auslagen 18 664 fl. BibHothek mit 24000 Bänden 
Convict, Stipendien. Daselbst ist ein stark besuchtes Obergymna- 
sium, gegr. 1859. Schülerzahl 381. Stipendienfond 22 000 fl. Ein 
Lehrerseminar ist in Nagykörös, gegr. 1839, mit 4 Jahrgängen 
61 Hörer, Convict, Stipendien. Daselbst ein ObergymnasiaiH) 
gegründet in der Mitte des 16. Jahrhunderts, mit 210 Schülero, 
13 Professoren und 3 Catecheten. In Kecskemöt ist eine Rechts- 
akademie, gegründet 1831, und ein Obergymnasium vom Ende des 






Zweites Kapitel Die evangeliBch-refonnirte Kirche. 193 

16. Jahrhunderts. InHalas ist ein Obergymnasium, gegründet 
1667. Schülerzahl über 200. Conyict. Stipendien -Kapital über 
40 000 fi. Bibliothek berühmt. Es bestehen noch Gymnasien in 
Gyönk und K. Szi Ifiklös. 

Jenseits der Donau steht die alte ahna mater in P4pa, 
gegründet durch Enyingi Török 152B. Zuhörer der Theologie 81, 
im Gymnasium 304, im Lehrerseminar 47. Convict, vortheilhafte 
Si;q)endien. In Csurgö seit 1792 ein Obergymnasium mit 186 
&hülem; Convict und schöne Bibliothek. 

Im Kirchendistrikte jenseits der Theiss florirt die alt- 
l)erühmte Hochschule in S4rospatak, wo für Theologie und Bechts- 
iikademie 14 Lehrkräfte, im Gymnasium 13 Professoren vortragen. 
Gründungajahr 1581. Sehr reiche Bibliothek. Jahreseinnahme 
73 401 fL , Ausgaben 72 705 fl. Stipendienkapital beläuft sich auf 
48772 fl. Stammvermögen der Professoren- Wittwen- und Waisen- 
aastalt 46 000 fl. Schüleranzahl 600. Seit dem Jahre 1554 ist 
aach ein Obergymnasium in Miskolcz sehr besucht; mit 400 Schülern, 
Oonvict, Stipendien etc. In beiden Anstalten wird die Oberaufsicht 
durch eine Kommission gefuhrt, welche der Distrikt wählt. Das 
Obergymnasium in Eimaszombat ist gemeinschaftlich mit den Luthe- 
ranern und erhält auch Staatsunterstützung. 

Einen schönen Euf erwarb die älteste Hochschule zu 
Debreczin, gegründet im Jahre 1580 — 40. Für die Theologie 8, 
an der Bechtsakademie 11 Professoren, im Gymnasium 17 Lehr- 
kräfte, im Lehrerseminar 4 Professoren und 4 Lehrer. Jahresbedarf 
gegen 120 000 fl. Das Stammvermögen beträgt über eine Million 
Gulden. Schüler der Theologie 84, Juristen 104, Gymnasisten 725, 
im Lehrerseminar 110. 

Die Bechtsakademie in M. Sziget, sowie das dortige Ober-' 
gymnasium, gegr. 1540, werden mit der grössten Aufopferung der 
Eonfession erhalten. Schüler 260. In diesem Distrikte erhält noch 
-die re£ Kirche 1 Ober- und 8 Untergymnasien je mit 6 Klassen 
und gegen 1200 Schülern. Manche waren einst schwergeprüft, wie 
^ in Szatmdr, gegr. Mitte des 16. Jahrhunderts, und M. Tur, 
aus derselben Zeit. Die Oberaufsicht jenseits der Theiss wird durch 
«inen Aufsichtsrath geübt, welchen der Distriktual-Convent wählt. 

Auf den Beformirten Siebenbürgens lastet die Erhaltung von 
1 Hochschule, 5 Obergymnasien und 1 Untergymnasium. Die Hoch- 
schule zu Nagy-enyed (Bethlen - Hochschule genannt) wurde ge- 
gründet durch den berühmten Fürsten Gabr. Bethlen 1622—1629 

Zahn, KirotaengeBchiolite. 2. AufL 13 



194 UngHTD. 

in Weissenburg (Gynlafeh^rydr). Apafi versetzte dieselbe nach Nagy- 
enyed 1662 — 1664. Ihr Bestand wurde gesichert durch fürstlielie 
Dotationen und Fonds, so dass sie die reichste konfessionelle An- 
stalt in Ungarn ist. Ausser dem Kapital, 264 505 fl., besitzt die- 
selbe in unbeweglicher liegenschafb 11 142 Oatastral-Joch Feld. Es 
wirken 18 Professoren und 4 Fachlehrer. Obergynmasien bestehen 
in £[lausenburg (gegr. 1556), Marosy4s4rhelj (Anfang des 18. Jahr- 
hunderts), in Sz4szy4ro8 (seit Mitte des 17. Jahrb.), Sz^eljudvar- 
hely und Zilah (Anfang des 16. Jahrh.), überall mit beträchtlichen 
Benefizien ausgestattet. 

Ihre Aufmerksamkeit richtete die ref. Mission besonders auf die 
Diaspora-Gfemeinen in Bumftnien, welche in Folge langjähriger Aus* 
Wanderungen sich vermehrt haben. Emerich Sükei, ein eifriger 
siebenbürgischer Pastor, war der Erste, der im Jahre 1815 nadi 
Bumänien zog, um die zerstreuten Beformirten zu sammeln. Er 
wirkte sehr segensreich bis 1847 und ist der (Srüivler der jetzt 
blühenden ref. (Gemeine in Bukarest geworden. Von seinen Nach- 
folgern sind zu erwähnen Franz Eoös und Mose Birö, auch 
Ozelder. 

Einen grossen Au&chwung nahm die Mission seit der Synode 
1881. Die ref Eorche stellte sich zur ersten Aufgabe die Versor- 
gung der in allen Ländern der Stefanskrone, sowie in den benach- 
barten südlichen und östlichen Staaten zerstreut wohnenden ref 
Glaubensgenossen. Mit grosser Opferwilligkeit wurden und werden 
überall Missionsposten ins Leben gerufen von Moldau und Bumftnien 
bis an die Grenzen Slavoniens und Kroatiens, von den nördlichen 
£[arpathen bis an das adriatische Meer. Zur Unterstützung der 
Mission verwendete die Domesticalkasse in den letzten 8 Jahren 
über 20000 fl.; dieselbe theilte unter den bedürftigen Oemeinen 
und Pfarrern 161 165 fl. aus (im Ganzen also 181 245 fi.). Das 
nutzbringend angelegte Kapital der genannten Kasse belauft sich 
gegenwärtig über 100 000 fi. Die Sonntagsheiligung wird betrieben. 
Die Superintendenz jenseits der Theiss schuf 1864 den ref Unter- 
stützungsverein, der jährlich 2800 fl. vertheilt. Die ref Kirche er- 
hält eine Staatsunterstützung von 65 000 fl. 



Drittes Kapitel. Die evang. Kirche Augsburg. KonfesBion. 195 

Drittes Kapitel. 

Die evangelische Kirclie Augsburger Konfession. 

Die evangelisclie Kirche A. 0. hatte ihre konstitationelle Or- 
«anisirong auf der Süleiner Sjnode (1610), auf der Szepesv^raljer 
1614) und durch das Schintaner Konsistorium (1822) erhalten. Es 
«standen 6 Kirchendistrikte mit 6 Superintendenten. Durch eine 
lesolution K!arl m. wurde sie in 4 Superintendenzen getheilt. 
«Teben den Superintendent trat ein Inspektor. 1744 wurde der erste 
leneralkonvent gehalten. An seiner Spitze steht ein weltlicher 
leneraünspektor. Seit 1860 ein Doppelpräsidium: der amtsälteste 
laperintendent neben dem G^eneralinspektor. Die erste und letzte 
jandessynode in Pest 1791 regelte die Zusammensetzung und Be- 
Dgnisse des G^eneralkonvents. Unter dem G^neralkonyent, dem 
ber noch jede feste gesetzliche Grundlage und Organisation fehlt, 
beut sich die ev. Kirche in Eorchengemeinen, Seniorate und Distrik- 
nal-Konvente. Die Deputirten der Senioratkonyente werden durch 
ie (>emeineglieder nur auf die Dauer des Konventes gewählt. Der 
[eneralkonvent, der alljährlich abzuhalten ist, setzt sich aus den 
^istriktnal- und Senioratspräsidien , den Gymnasial-Direkteren und 
eistlichen und weltlichen Mitgliedern zusammen. Der General- 
ispektor ist lebenslänglich gewählt. Bei dem G^neralkonvente von 
848 erschienen auch einmal die Vertreter der lutherischen Eorche 
debeirbürgens. Ueber die Ordination der Pastoren bestehen in 
ädern Distrikt eigene Statuten. Die ungarische ev. Eorche besteht 
ns 4 Distrikten, 37 Senioraten, 612 Eorchengemeinen und etwa 
. Million Seelen. £ine theologische Akademie, zwei theologische 
JATse, eine Bechtsakademie , 11 Obergymnasien und 5 Lehrer- 
nrSparandien sind die Bildungsstätten; Ungarn, Deutsche, Slovaken 
und Wenden die Nationalitäten. 

Das kirchliche Leben hat bei den Lutheranern in Ungarn seine 
bisherige Apathie abgelegt. Der evang. Hüfsverein (Gustav-Adolf- 
Verein) arbeitet schon viele Jahre sehr segensreich; er ist ein von 
christlicher Liebe beseelter eifriger Mitarbeiter des deutschen Gustav- 
Adolf-Yereins. Die Gesammtkirche hat einen kapitalisirten Ver- 
i&i^gensstand von 158 025 fl. Zur Jubelfeier des deutschen Gustav- 
Adolf-Yereins wurden in den ev. Gemeinen der 4 Distrikte 5000 Mk. 
gesammelt. Ausser dem Hilfsvereine gibt es das Leopoldianum, zu 
welchem jedes Seniorat 10 ü, und jede Gemeine ^0 l^evjaÄX \s«v- 



I 

196 Ungarn. 1" 

tragen muss. Dasselbe will für die Zukunft durch ansehnliche : 
E[apitalien sorgen. Mehrere Frauen- und Jugendvereine sind thätig : 
zur Unterstützung bedrängter Glaubensgenossen ohne Bücksicht der 
Nationalität. Das protestantische Landeswaisenhaus in Budapest^ 
welches seine Aufgabe trefflich erfüllt, besitzt ein Vermögen voa:: 
130 425 fl. Das ev. Waisenhaus in Bosenau, welches vor 4 Jahren, 
um einer G^fiahr von Seiten des dortigen Jesuiten-EoUegiums yof-': 
zubeugen, errichtet ward, hat mit materiellen Schwierigkeiten za 
kämpfen. 

Die ev. Kirche Ungarns beweist eine grosse Opferfreudigkeil 
für die innere Mission. In neuerer Zeit werden in rein kathoL 
Gegenden neue luth. Gemeinen gegründet, für deren religidse B&> 1 
dürfiüsse nach Möglichkeit gesorgt wird. Alle vier Distrikte habea 
ihr^ höheren Lehranstalten und sämmtliche Gemeinen ihre Volks- 
schulen. Es gibt 11 konfessionell lutherische Obergymnasien: ist 
Oedenburg (seit 1557), Pressburg (1606), Schemnitz (seit 1528), wo 
im Alumneum al^ährlich um einen geringen Betrag 174 Zöglinge 
verpflegt werden; Budapest (seit 1855), Eperjes (seit 1584), wo inai 
Alumneum alljährlich beinahe 200 Zöglinge beköstigt werden; K6z8* 
m4rk (seit 1575), Iglau (1785), Bosenau (1525), welches seit 1881 
Yom Staate unterstützt wird ; Bimaszombat, wo ein vereinigtes proi 
Gymnasium seit 1853 besteht; Szarvas, wo es auch eine Lehrer- 
präparandie gibt. Progymnasien sind 7. Zur Förderung des Luther- 
thums wurde vor Kurzem die Luthergesellschaft gegründet; sie 
zählt gegenwärtig 175 Mitglieder. Hier fehlt es auch an einer ein- 
heitlichen Agende, nicht weniger als sieben Agenden und eben so 
viele Gesangbücher sind in den deutsch-luth. Gemeinen Ungarns im 
Gebrauch. 

Die Gesammtkirche der Lutheraner sieht einer neuen Organi- 
sation entgegen, indem der Generalkonvent (1886) ein Comite e^ 
nannte, welchem der Auf krag ertheilt wurde, die Synodalvorarbeitea 
zu verfertigen. 

Die Siebenbürger ev. Kirche bildet eine Superintendenz mit 
dem Sitze Hermanstadt. Es gibt 10 Dechantstühle , 270 Kirchen- 
gemeinen und 170 000 Mitglieder. Mit Ausnahme von 11 ungari- 
schen Gemeinen, welche seit 1886 ein eigenes Seniorat bilden nnd 
dem Theisser K.-Distrikte zugetheilt sind — sind die Uebrigen 
Sachsen mit deutscher Muttersprache. Die Kirche hat das Selbst- ^ 
verwaltungsrecht und seit 1870 eine Presbyterialverfeflsung. Sie ■ 
hat mit der ungar. luth. Kirche keine Verbindung. Neben der 
Landesversammlung steht ein Oberkonsistorium, aus der Dechanei 



Driiiee KapheL Die enaag. Kirche Augsb. Eonfession. 197 

w&hlt und vom König bestätigt. Auch unabhängige Ehegerichte 
i die Kirche. 

Die unitarische Kirche zfthlt 55 787 Mitglieder, mit einem 
Isehof^ 8 Senioren, 106 P&rrem und 266 Schulen, namentlich in 
fibenbürgen. Nationalitftt: Ungarn. 1848 und 1868 erhielt sie 
eiche Bechte mit den andern Kirchen. Presbyteriale Verfassung 
ifc einem Bischofl Ein theologisches Seminar und unabhängiges 
begericht in Klaosenburg. Von England und Amerika unterstützt, 
ine Kirchenzeitnng : Ker. Magveto. Die Nazarener namentlich 
i der ref. Kirche entwickelten sich seit 1849 und werden nicht 
nter die gesetzlichen Religionen gerechnet. Ein Gremisch von Bap- 
sten, Darbysten und Mennoniten. Etwa 3 — 4000. 

Statistisches. 

Aus dem neuesten »Schematismus für die ref. Kirche in Ungarn« 
leilen wir Folgendes mit: In den fünf Kirchendistrikten refor- 
lirten Bekenntnisses, nämlich an der Donau, jenseits der 
onau, diesseits und jenseits der Theiss und in Siebenbürgen gibt 
I 1980 Muttergemeinen, 98 Oemeinschafbs - Gemeinen (welche in 
emeinschaft je ein Pfarramt erhalten), und 8261 Filialgemeinen 
reiche einer Muttergemeine zugetheilt, eigene Schule und Lehrer 
iben), mit der Seelenzahl von 2 024 699 unter der geistlichen Ver- 
rgong von 1909 ordentlichen Pfarrern und 374 Hüfspredigem, 
welchen noch 127 Leviten zu rechnen sind. Lu Jahre 1885 
id geboren 87 601 Kinder und starben 68 196. Copulirt wurden 
981 Paare. Ue1[>ertraten zur ref. Konf. 1166; es traten aus 518. 
e Anzahl der Elementar-Schullehrer der ref. Kirche beträgt 2248, 
d der Kantoren 42, die der E[antorlehrer 283, hiezu kommen 540 
ihrer, welche auch die Organisten- und Kantorsstelle versehen 
»nnen. Schulpflichtige Kinder im Alter von 6 — 12 Jahren gab es 
12 898, von 13—15 Jahren 78 839. Es besuchten die Schule vom 
—12. Jahr 194 816, und vom 13.— 15. Jahr 46 855. Zum hl. 
bendmahl wurden zugelassen 28 837. 

Seelenzahl der Lutheraner in Ungarn: 936 384, welche 
12 Mutter- und 553 Filialgemeinen büden unter 643 Pfarrern und 
S Gehilfen. Die siebenbürgischen Sachsen bilden 260 Mutter- 
Bmeinen unter 254 Pfarrern und 194 Predigern. Seelenzahl 197 782. 
iin Kirchendistrikt in 10 Seniorate eingetheüt. Die Unitarier 
lit 65 787 Seelen büden 106 Mutter- und 254 Filialgemeinen unter 
09 Pfarrern. Ein Distrikt in 8 Sprengel getheilt. 



k 



1. Die Schweiz. 

leratnr: A. 60 st» Mämoires pouvant servir k Thistoire du räveil 
religieux des l^lises protest. de la Suisse et de la France, 1854. 
Finsler, Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz, 
1873. Derselbe, Geschichte der taeologisch^kirchlichen Entwick- 
lung in der deutsch-reformirten Schweiz seit den dreissiger Jahren, 
1881. Züricher Taschenbuch auf das Jahr 1886: Rückblicke von 
Joh. Hirzel. Erinnerungen aus dem Leben und Wirken des 
Antistes Füsslin, von Finsler, 1860. Biggenbach, der heut. 
Ration, in d. deutsch. Schweiz, 1861. C. H. Zeller, von T hier seht 
1876* C. F. Spittler im Rahmen seiner Zeit, 1876. 1. Bd. C. F. 
Spittler, Yon Kober, 1886. Schönholzer, Die religiöse Reform- 
bewegung in der ref. Schweiz, 1886. B. Riggenbach, Taschen- 
buch der Schweiz, ref. Geistlichkeit, 1883. von der Goltz, die 
ref. Kirche Genfs im 19. Jahrhundert, 1862. Gart, Histoire du 
mouyement religieux et eccl^siastique dans le canton de Vaud, 
1879—81. Archinard, Histoire de IVglise du canton de Vaud, 
1881. Die Berichte auf den Allianzversammluugen , von Güder 
und Oettli. Eirchenblatt für die ref. Schweiz, von Hagenbach, 
seit 1845. Die unten erwähnten Blätter, das Basler Missions- 
magazin; von Zeitungen: die AUg. Schweizer Zeitung u. s. w. 



Erstes Kapitel. 

Allgemeine Lage. 

Die Schweiz, ein Europa im Kleinen, ist wie in dem mannig- 
igen Wechsel der Landschaft;, so auch in dem kirchlichen Bilde 
e vielgestaltige: germanische und romanische Elemente verbinden 
i trennen sich, vier Sprachen ertönen, die Reformation war in 
rieh eine andere wie in Genf, neben den Staatskirchen mit den 
schiedensten Formen der Verfassung, jetzt fast überall mit ge- 
wehten Synoden, bestehen freie Kirchen, konservative und radikale 
ihtongen bekämpfen sich in der offensten Weise und dann haben 
ider die einzelnen Kantone ihr besonderes Gepräge. Basel, ein 
ideglied zvdschen Deutschland und der Schweiz, hat mehr das 



202 Die Schweiz. 

Gepräge eines allgemeinen Pietismus mit den Oedanken der ey. 
Allianz : es ist durch seine Missionsanstalt und durch seine Frömmig- 
keit berühmt, die oft die grösste Liberalität zeigt, wie die Gabe 
eines Merian von 3 Millionen zum Bau einer Kirche. Das am lieb- 
lichen See ruhende Zürich liebt das verstandesmässige, nüchterne 
Christenthum mit heftigen prinzipiellen Kämpfen, während Bern 
langsam und hartnäckig sich bewegt. In seine Berge eingekeilt, 
liegt still Neuenburg da, aber voll Begsamkeit und Selbstthätigkeit 
ist Grenf und das Waadtland. Die übrigen Kantone schliessen sich 
mehr an die genannten an: so Schaffhausen an Basel und St. GaUen 
und Glarus an Zürich. 

Der Rationalismus hatte sich auch in der Schweiz festgesetzt 
und schon 1725 war in der Kirche Calvins die Verpflichtung auf 
die helvetische Konfession aufgehoben worden. Aber es hatte sich 
in den wohlthätigen Einflüssen von Lavater und Hess noch manch 
guter biblischer Elang über die Grenzscheide des Jahrhunderts ge- 
rettet. Am An&ng desselben zog die Erweckung ein, mit lebhafter 
Kraft freilich nur in der französischen Schweiz, schwächer im Norden, 
und wurde auch durch die romanhaften Reisezüge der frommen und 
koketten Frau von Krüdener*) gepflegt, besser durch die heil- 
same Wirksamkeit des wackeren Schotten Haidane in Genf, dann 
des Kreises, der sich um den originellen, etwas rauhen Antistes 
Spleiss in Schaffhausen sanmielte '*^) , die begabte Krämerfrau 
Anna Schlatter in St. Gallen '*'**), und um die von den Schwaben 
Spittler und Gottlieb Blumhardt gepflegte Christenthums- 
gesellschaft in Basel, die sich allmählich zur Bibel-, Traktat- und 
Missionsgesellschaft erweiterte und auch den Inspektor Zell er, dessen 
Frau lebte was er lehrte, in Schloss Beuggen mit seinen wohlthätigen 
Anstalten in ihren Kreis zog. Der Pietismus erhob sich mit Wärme und 
Freudigkeit, auch mit unermüdlicher Opferwilligkeit, aber ohne Lust 
ein bestimmtes Bekenntniss aufeustellen, zufrieden mit der Bibel. Nach 
dieser wollte man selbst Tieferes, als die Väter gehabt. Der Ratio- 
nalismus ragte indessen in den Stunden der Andacht von dem Asirauer 
Zschokket) bis in die Mitte des Jahrhunderts hinein. In das 



♦) Ueber sie haben Eynard, Ziethe, Jacob und Bruno Bauer, 
Erummacher geschrieben. Hurt er, Frau v. Krüdener in d. Schweiz. 
1817. Auch in dem Lebensbild von J. G. Müller (1885) ist von ihr die Bede. 

**) Sein Leben von Stockar, 1858. 

♦*♦) Die miritterliche Karikatur, die Ritschi von meiner lieben 
Grossmutter gezeichnet, hat neuerdings Miescher beseitigt. 

t) Ueher ihn Emil Zachokke, \%1^. 



Erstes EapiteL Allgemeine Lage. 203 

ahr 1823 fallen die schwärmerischen Gfräuelscenen in Wildenspuch 
Q Kanton Zürich. Margaretha Peter erschlägt ihre Schwester und 
£st sich selbst kreuzigen, um viele Seelen zu erlösen. Mit allzu- 
:osser Liebhaberei hat man diese wahnsinnigen Ausbruche öfter 
^gestellt'*'). Man nahm es von Seiten der Pietisten vielfach leicht: 
an sollte die Macht des eigentlichen Zeitgeistes erfahren. Mit den 
)litischen Wirren, die die Jesuiten aus Aargau vertrieben und den 
raderkampf hervorriefen, erhob sich die Anmassung des BadikaUs- 
os, wie ihn die besonnene Schweiz in der Zucht guter väterlicher 
tte, musterhafter Eeellität und Treue noch nicht gesehen hatte. 
ie Eorche, als die letzte Schranke, die sich dem subjektiven Be- 
)ben des Einzelnen entgegenstellte, musste zu Boden getreten 
3rden. Sie wurde die Zielscheibe endlosen Hohnes. Auch die 
ihule trat gegen sie auf und entfernte die Wahrheit der Schrift. 
a der Stelle der Kirchen lebten die Wirthshäuser auf mit dem 
3lzen Wahne des Unglaubens in den Köpfen der Männer; die 
jhweiz besitzt jetzt 1 Wirthshaus auf je 150 Einwohner. Der 
>nntag diente der Politik und dem Bausche zahlloser sich über- 
etender Feste. Die Trunksucht hatte hier ihre Brutstätte und fing 
L, ganze Landschaften durch den Branntwein zu veröden. 88 Mill. 
iter Schnaps werden jährlich in der Schweiz konsumirt. Zwischen 
(45 und 1850 erreichte die gottlose Flut die Höhe: so schien es, 
>er sie wuchs weiter, getragen durch die unten geschilderte theo- 
gische Entwicklung. Während jeder that, was er wollte, rühmten 
le ihre herrlichen Berge und deren himmelanstrebende Freiheit, 
an sah aber nur die Mehrung des bettelnden Pauperismus. Wohl 
ahnten die göttlichen Gerichte : zehn Jahre gab es Misswachs. Es 
Igte nur Ermüdung und Abspannung. Zu neuem tollem Treiben 
urde man durch das Aufblühen der Naturwissenschaft aufgereizt, 
ie moderne Weltanschauung trat als Fata Morgana in Sicht und 
itzückte Viele. Der kirchliche Auflösungsprozess schritt voran, 
er Vollgenuss und die Willkür des Individuums hatte die Zügel 
^griffen. Was ist Wahrheit? — wurde das allgemeine Bekenntniss, 
ad selbst die Frauenwelt schämte sich nicht, dasselbe anzunehmen, 
ie Reformer wollten wohl Christenthum und Wissenschaft ver- 
5hnen, aber sie gewannen auch mit ihren frechen Lügen die ver- 
)genen Gebildeten nicht. Die Negation überbot die stolzen Geister, 
ngezählte Kinder wachsen gegenwärtig ohne eine Ahnung von der 
iblischen Geschichte auf, und die radikalen Lehrer wollen etwas 



*) Darüber Meyer, 1824, und Scherr, 1874. 



204 I^ie Schweiz. 

Grosses sein in den Redensarten des Unglaubens. »Unsere Vaterlands- 
liebe«, sagt Qottfr. Keller, »ist yiel£Eu;h nur Selbstbewundemng«. 
Nieder mit dem Respekt I — ist die Losung — und er ist jetzt 
wirklich todt. Dabei die Zerrissenheit der pietistischen Richtungen, 
die auf Niemand Eindruck machen können. Es fehlt nicht an Be- 
mühungen, den völligen Bruch der Yolkskirche zu hindern. In 
Bern hat die vom Volke frei gewählte Sjnode eine brauchbare Ge- 
meine- und Predigerordnung und eine Liturgie ausgearbeitet. Die 
vermittelnden Parteien suchen ängstlich die Yolkskirche zu halten, 
in der auch allein die Reformer gedeihen können, die in freien Oe- 
meinen unfruchtbar sind. Man hat gegen die religionslose Schnle 

4 freie Lehrerseminare in Schiers, Zürich, Bern und Peseux errichtet; 
in Bern ein Lehrerinnenseminar und ein freies Gymnasium. Die 
Freisinnigkeit hat in wahrer Wuth gegen die freien Schulen geeifert, 
doch lehnte die Erdrosselung derselben durch einen eidgenössischen 
»Schulvogt« das Volk am 26. November 1882 mit grossartiger 
Majorität ab. Christliche Lehrervereine bildeten in der Noth einen 
evangelischen Schulverein. Die Sonntagsschulen suchten hie und da 
zu helfen. Die evangelischen Vereine entsenden ihre Wanderprediger 
und befördern die Bildung von konservativen Minoritätsgemeinen. 
Parallel-Gottesdienste , -Kinderlehren und -Unterweisungen tauchen 
auf. Li all diesen Gräuel der Verwüstung greift dann in der letzten 
Zeit das tolle, wilde Hallelujah der Heilsarmee hinein, die manchen 
harten Schweizer Nacken an die Bussbank nöthigt und die christ- 
liche Wahrheit nur noch mehr der Verachtung anheimgibt. Ein 
Schweizer schildert mit traurigem G^müth die Gegenwart in dieser 
Weise: »Die Mehrzahl unseres Volkes, besonders die niedrigen 
Schichten, sind dem Einflüsse des Evangeliums entrückt, die Predigt 
hat für Tausende aUe Zugkraft verloren, die Bibel ist von der 
Zeitung und dem Roman verdrängt, die Ehen mannigfach gelockert, 
das Wirthshaus — das Versammlungshaus aller Lebendigen und in 
den christlichen Kreisen fehlt in schmerzlich föhlbarer Weise der 
rechte Eroberungsgeist, die Gaben der Erweckung und Belebung in 
den Herrschaftsgebieten des geistlichen Todes.« Aus einem durdi 
seine köstlichen Spitzen weltgekannten Kanton, mit Erinnerungen an 
mittelalterliche Klostergrösse , hört man folgende Schilderung der 
Gegenwart: »Neulich hat man hier einen Reformer gewählt, der am 
Züricher See nicht mehr möglich war. Es gibt hier auch positive 
Pfarrer, aber wir Positive machen den Liberalen keinen Eindruck, 
denn sie sagen mit Recht, dass wir in Barchliche, Baptisten (wieder 

5 Abtbeilungen), Mennoniten, "Datb^a^ÄXi, Irnn^aten und womöglich 



Erstes EapiteL Allgemeine Lage. 205 

nocli andere Schattiraiigen getheilt seien. Das Traurigste in 
serem Kanton ist der Jugendnnterricht , dem man die Bibel ge- 
mmen hat. In der schrecklichsten Unwissenheit wächst das junge 
>lk heran. Wohl muss es mit dem 13. Jahre zu der »Quartier- 
ire« des Pfarrers gehen, aber was kann dieser in einem Jahr und 

der kaum ein halbes Jahr dauernden Zeit des Eonfirmanden- 
Lterrichtes erreichen? Die Konfirmation selbst besteht in der Be- 
twortung weniger Fragen — und nach derselben ist man froh, 
Lbst das schwächste kirchliche Joch abzuwerfen. In einiger Zeit 
ben wir hier ein völliges Heidenthum. Wollte man es so machen, 
e in anderen ref. Gemeinen, und den Heidelberger auswendig 
men lassen, so würde man das als Tyrannei verschreien. Man 
im sagen, dass auch bei uns das Beformerthum in seiner Leere 
Bhr erkannt wird — aber wird dasselbe ganz beseitigt, so werden 
anche feinere Gemüther ganz allen religiösen Fragen entfremdet 
3rden. Es ist alles in Auflösung. Die geschichtliche ref. Kirche 
; zerstört.« 

Der liberale Bezirksschulrath Wagner sagt von der modernen 
hule der Schweiz: »Die Schule befördert die Charakterlosigkeit. 
1 dem die Welt bestechenden Schwindel, an der Oberflächlichkeit, 
it der über die heiligsten Interessen weggelacht wird, an der Ge- 
Lsssucht, dem Leichtsinn, der die Massen beherrscht, an dem 
Emgel an Pietät und Bechtsgefuhl ist die Schule schuldig. Ein 
^schlecht ohne geistige Energie, ohne sittliche Zucht geht aus ihr 
rvor.« Dies das Ende der schweizerischen Virtuosität im Schul- 
jsen. 

Man hat neuerdings von Erweckungsversammlungen gehört — 
er der Schweizer ist doch zu kalt, um seine Hände an dem ge- 
ichten und bald erloschenen Feuer amerikanischer und englischer 
ethode zu wärmen. Man glaube nicht, dass bei dieser trüben 
hilderung etwa die Zustände in Nord- und Mitteldeutschland um 
äles günstiger wären : ich glaube vielmehr, es wird in der Schweiz 
•eh eine grössere Zahl ernster und thatkräftiger Evangelischer 
iben, als in jenen deutschen Gegenden. Die Masse des Volkes 
►er entbehrt die geheimen Einflüsse der Bibel in den Volksschulen, 
iren wir uns noch erfreuen. 



206 Die Schweiz. 



Zweites Kapitel. 

Die theologisch-kirchliche Entwiclclung in der deirtsch- 

reformirten Schweiz. 

Man bekannte sich in der deutschen Schweiz feist noch bis in 
die 30er Jahre zu einer religiösen Anschauung, in der Offenbarung 
und Vernunft gleichwerthig waren. Die Autorität der symbolischen 
Bücher war gebrochen: man erschrak, wenn Jemand sagte, er habe 
die Confessio Helvetica gelesen. Ein Bluntschli fand zu seiner Ver- 
wunderung die unbekannte Bechtfertigungslehre in der Beformations- 
geschichte von Bänke. In den Lesezirkeln herrschte BOhr. Em 
Schiller galt Hunderten mehr als die Bibel. Alles Mystische und 
Schwärmerische war verpönt. Die Baseler Traktätchen erregten den 
Zorn. Die Synoden ohne viel Leben brachten wenigstens die an- 
genehmen Synodalessen. Die Bildung der Theologen war eine vor- 
wiegend klassisch-philologische. Die »Berliner«, die Schüler Schleier- 
machers und Neanders, brachten dann das befremdliche Losungswort: 
»Das positive Christenthum«. Bei den Geistlichen erwachte jetzt 
ein etwas lebendigeres Bewusstsein von dem eigenthümlichen Wesen 
der Eorche. 1834 wurde die Evangelische Eirchenzeitung von Schinz 
gegründet und hatte einiges Ansehen bei den treuen Vertretern der 
streng evangelischen Richtung. 

Die Gründung der Hochschulen in Zürich und Bern förderte 
die theologische neue Bewegung. 1836 wurde die Neue Eirchenr 
Zeitung für die ref. Schweiz in Zürich ins Leben gerufen. Die Be- 
rufung von S trau SS an die Hochschule in Zürich rief den ünmnth 
der Volksbewegung am 6. September 1839 hervor. Man hatte das 
Gefühl, dass der letzte Halt gegen die zunehmende Gottlosigkeit, 
die Eorche nun auch stürzen sollte. Es gab keine Menschen mehr, 
sondern nur noch Straussen und Anti-Straussen. Es ist doch mancher 
Rationalist damals ein Orthodoxer geworden. Strauss blieb in 
Schwaben'*'). Auch die Eorchenzeitung war gegen ihn ao^etreten. 
1844 erschien die Schrift von Pfarrer Biedermann: Die freie 
Theologie, oder Philosophie und Christenthum in Streit und Frieden. 
Ein Versuch, die freie Theologie, die in den Wegen Hegels ging, 



*) Ueber diesen Handel haben Lücke, 1839, Boden, 1840, nnd 
Geizer, 1843, geschrieben. Auch Kulliemin, Oeschichte der schwek 
Eidgenossenschaft, deutsch von teW^t , ^. ^\%— VIQ, 



Zweites Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwickluog etc. 207 

kirchlicli berechtigt darzustellen. Weder Symbol noch Bibel 
d Normen, denn letztere hat theoretische Vorstellungen und sitt- 
le Verhältnisse, die dem Wechsel unterworfen sind. Auf der 
idigergesellschaft in Zürich 1845 erklärte Fries, dass man über 
; apostolische Symbolum hinaus sei Die Spekulativen gründeten 

Organ: Die Kirche der Gegenwart, 1845. Im Gregensatze zu 

erschien gleichzeitig: Die Zukunft der Kirche, von Ebrard, 
>fessor in Zürich. Man stritt sich, ob der absolute Geist das 
gemeine schöpferische Wesen des Menschen sei, oder Persönlich- 
t im Sinne der Schrift. Das Kirchenblatt für die ref. Schweiz, 
L Professor Hagenbach, wollte zwischen beiden Streitblättem 

Sprechsaal der Vermittlung sein. Hier führte Alexander 
hweizer den Beweis, dass bei den Anschauungen von Bieder- 
kun alle spezifisch-religiösen Gefühle unsinnig seien, weil sich 
;h ihm in der Eeligion nur das individuelle Ich auf sein allge- 
ines Wesen beziehen solle. Nach Rechts wandte sich auch ein- 
1 das Kirchenblatt gegen den allzu streitbaren Dr. de Valenti, 
* eine kleine Evangelisten- Anstalt mit wohlthätigen orthodoxen 
mühungen in der Nähe von Bern errichtet hatte, und dem schon 
mal De Wette, der »hochverrätherische Flüchtling«, heftig seine 
rachtung ausgesprochen hatte'*'). Die Berufung von Zell er nach 
m wurde mit Streitschriften und Petitionen begleitet. Auch die 
Stellung von Biedermann als Professor der Theologie in Zürich 
;ang. Die Macht der Spekulativen wuchs: sie drohten mit ihrem: 
r — wir. Nach und nach wurde der laute Streit unter den 
uleuten stiller, bis 1853 Dekan Locher von Wytikon den Be- 
ionsunterricht von Biedermann angriff. Es traten nun die »Zeit- 
tnmen aus der ref. Kirche der Schweiz« auf den Kamp^latz. Ihr 
dakteur wurde der Schwabe Pferrer Heinrich Lang in Wartau: 
i Mann von Mscher Sprache und schneidiger ünermüdlichkeit, 
r, wenn es einmal galt, auch kräftig fluchen konnte und in reicher 
niftstellerischer Thätigkeit Grosses in herausfordernder Keckheit 
leistet hat. Es sollte die Klufb zwischen dem weltlichen Bewusst- 
in und dem religiös-kirchlichen Leben ausgefüllt werden. Die 
idenschaften glühten im Parteistreit. Mit matten Konzessionen 
britt das Kirchenblatt dahin. Biggenbach, Professor in Basel, 
r frühere Sekundant von seinem Schwager Biedermann, war 
zwischen zur Rechten übergegangen und vertheidigte gegen diesen 
n Wunderbegriff. Einen energischen und reichbegabten Verthei- 



*) Sein Leben in der Zeitschr. »Der treue Eckaxt«, \S7S« 4 



208 I^e Schweiz. 

4iger empfing die konservative Sache durch das Auftreten des Prol 
Held in Zürich, den eine Ev. Gesellschaft*) mit positiven Interessen 
berufen hatte. In geistvoller Weise äusserte sich der später so mi- 
glücküche Mann in den »Selbstzeugnissen Jesu« und den »modernen 
Evangelisten«. Letztere eine meisterhafte Zeichnung schweizerischer 
Zustände. Tholuck Hess, durch Held bewogen, an Heinrich 
• Hirzel, »chef actif du parti liberal«, in den Zeitstimmen eine Ant- 
wort erscheinen. Der Glaube sei mehr als eine »gläubige Routine«. 
Hirzel benützte die angebotene Hand, um Tholuck für liberale 
Agitation auszunützen. Als die Evangelische Gesellschaft in Zürich 
1860 Gebets Versammlungen hielt, um die englisch -amerikanische 
Erweckung in ihrem gemachten Scheinleben auch in der Schweiz 
einzuführen, warf ihr Hirzel entgegen: Mit Euriositätensucht sei 
dem religiösen Leben wenig gedient. Ein neues Ereigniss war es, Ir 
sIb die Ev. Allianz in G^nf zusammentrat und Biggenbach über 
Hlen Eationalismus in der Schweiz berichtete. Biedermann griff 
wieder den Wunderbegriff an und Hess aufs Neue die Idee und 
Torstellung erscheinen. In Basel siegten um diese Zeit die kon- 
servativen Elemente, die sich aber durch das Gebahren des ge- 
schmacklosen Missionar Hebich schadeten. Apologetische Vorträge 
Tertheidigten den christlichen Glauben. In Bern war an die Stelle 
2eller*s Immer gekommen , gegen den der positive Herr 
von Wattenwyl des Portes das Recht der Dissidenten in Schütz 
nahm. Die kirchliche Stellung behauptete in dem Hader der FakultSt 
-der Pfarrer Baggesen. Heinrich Hirzel eilte nun zur Hufe 
und die beiden Langhans begannen die bemerisch derbe Offensive. 
Der Leitfaden für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten 
von Eduard Langhans, Lehrer am Lehrerseminar in München- 
buchsee, im Sinne der Tübinger und der Immanenz geschrieben, 
rief nicht nur eine kleine Literatur hervor, in der auch die PÜEurer 
König und Güder**) sich äusserten, sondern auch die ErMärong 
•der Eantonss3aiode von 1866, dass die Autorität der hl. Schrift för 
Schule und Kirche zur Geltung zu bringen sei. Fr. Langhans 
und Pfarrer Albert Bitzius, eine gedrungene, derbe Gestalt, gaben 
nun die »Reformblätter aus der bemerischen Kirche« heraus. Keine 
Dogmatik und keine Schrift mehr: so lautete die Losung. 1868 



♦) Hofmeister, Gesch. der ev. Gesellschaft, 1882. 

♦♦) Sein Leben von seinem Sohne , 1886. Ein bemer Pfarrer wird 
tiD8 auch in Franz Lauter bürg geschildert (ErinneruDgen von Lad- 
^ig, 187a). 



Zweites EapiteL Die theologisch-kirohL Entwicklung etc. 209 

ng das Eirchenblatt ein, um durch den bestimmteren »Eirchen- 
enndc von Güder, Heer und Biggenbach, später auch von 
relli redigirt, ersetzt zu werden. In Zürich brachte 1866 Pfarrer 
ö gel in in üster das Evangelium und die Tellsage in Harmonie 
id bewirkte eine Erklärung von 78 Geistlichen gegen sich, der 
ne Motion des Pforrer Wolfe nsberger in Zollikon in der Synode 
)rangegangen war: das vorhandene Aergemiss abzustellen. Nach 
irsönlichen Angriffen von Schweizer gegen den Antragsteller 
itte die Synode die Motion abgelehnt und erkannte damit die 
rchliche Berechtigung der Eeformer an. Diese erzwangen nach 
)issem Kampfe eine neue Liturgie mit Eestgebeten ohne die An- 
ifbng Christi. Der Buin der ref. Kirche vollzog sich mehr und 
ehr. In der Hemer gemeinsamen Liturgie wurde neben dem 
»ostolischen noch ein anderes Glaubensbekenntniss aufgestellt. In 
u Gallen gewannen in der seit 1862 freigewählten . Synode die 
öformer die Mehrheit und gründeten das »religiöse Volksblattc. 
Le Liturgie von 1874 war hier ein Meisterstück »unglückseliger 
pveispurigkeitc. An St. Laurenzen in St. Grallen wirkte der »un- 
»rgessliche Beformer« Karl Eduard Mayer (f 1884)*). 

Pas Konkordat für gemeinsame Prüfling der Kandidaten, das 
iletzü* auch von Basel Stadt angenommen wurde und das keine 
erpflichtung auf ein Bekenntniss hat, öf&iete auch Basel den Be- 
)nntmsslosen. Die Ermässigungen der Verpflichtung auf ein Be- 
snntmss hatten immer schrittweise zugenommen. Bei dem allge- 
.einen Zustand ist es werthlos, dem näher nachzugehen. Im Jahre 
371 vereinigten sich die Beformer zum »Schweizerischen Verein 
IT freies Christenthum« : als Blatt dient die »Beform« ; die Evange- 
schen gründeten den »Ev. kirchlichen Verein« mit dem Organ »der 
irchenfreund«, einem vortrefflich redigirten Blatte; die Vermittier 
3hufen die »Schweizerisch-kirchliche Gesellschaft«, sie sehen in den 
3ligidsen Bewegungen der Gegenwart keine blosse menschliche 
STillkür; ihr Blatt ist das »Volksblatt für die ref. Schweiz«. Wirk- 
eh beachtenswerthe und nützliche Blätter in der Schweiz sind: 
der christliche Volksbote« in Basel, das »Appenzeller Sonntags- 
latt«, das »Evang. Wochenblatt« in Zürich, das Organ der sehr 
lätigen Ev. Gesellschaft, »die Schweizer Zeitung« in Basel. Der 
ifrige Dr. Marriot in Basel hat in dem »Wahrer Protestant« eifrig 
egen Bom gestritten. Es fehlt dem Lande nicht an literarischer 



*) Zum Gedächtniss desselben, St. Gallen, 1884. 

Zahn, XirchengeBcbichte. 2. Aufl. ^^ 



) 



210 Die Sohweis. 

Begsamkeit auch für die Kirche. In der französischen Schweiz sind 
beachtenswerth: Senudne religieuse de Genöve, seit 1852, Bevne de 
Theologie et de Philosophie in Lausanne, Eeuille religieuse du caa* 
ton de Yaud und viele andere. 1879 bestanden in der ev. Sdiweiz 
21 deutsche und 13 französische religiöse Zeitschriften. 1880 zählte 
man 1 667 109 Protestanten und 1 160 782 Katholiken. 

Theilt man die Theologen der deutsch-reformirten Schweiz in 
konservative, vermittelnde und reformerische, so sind auf der ersten > 
Linie Biggenbach der Vater und der treffliche von Orelli (leider | 
ohne Tapferkeit in der Frage über Jes. 40 ff.) in Basel MSnner 1 
von Namen : der erstere mit n. t. , der andelre mit a. t. Arbeiteii i 
beschäftigt ; aller Ehren werth ist auch der ausgezeichnete Historik«* l 
Pfarrer Stähelin, dessen Leben Calvin*s eine Perle kdrchhcher 
Literatur ist; Lobst ein 's tägliche Weckstimmen sind in alle Welt 
gegangen; in Bern taucht neuerdings der begabte Adolf Schlatter 
auf; der P&rrer Heer am Zürichersee (f 1886) hat mit Becht den 
Doktortitel bekommen. Yon den Vermittlungstheologen ist Immer 
in Bern mit einer Hermeneutik und Theologie des N. T. hervor- 
getreten, dann Hagenbach in Basel mit seiner geschmackvoUm 
und glatten Kirchengeschichte und der viel gebrauchten EneyMo- 
p&die; über sein Leben haben Stähelin und Eppler, 1875, be- . 
richtet; auch der wohlunterrichtete Güder, seit 1878 Honorar 
Professor in Bern, wäre hierher zu stellen. Wenn die Positiven 
ihre Stellung gegen die Beform in einem »Entweder — Od^c aus- 
sprechen, so haben die klugen Vermittlungstheologen alsbald m 
»Weder — Noch«. Unter den Beformem sind Alexander 
Schweizer, Professor in Zürich, und Alois Emanuel Bieder- 
mann, sein Kollege, glänzende Namen. — Schweizer j ein vor- 
züglicher Kenner reformirter Dogmengeschichte, wie seine uneBt- 
behrlichen »Centraldogmen« (1854 — 1856) beweisen, hat in oesaßt 
christlichen Glaubenslehre nach protestantischen Grundsätzen (2. Aufl. 
1877), an Schleiermacher sich anschliessend, den Glauben der 
gegenwärtigen evangelischen Christenheit dargestellt: ein moralisciier 
Determinismus, der von Schrift und Kirchenlehre wenig behält. Ea 
gibt keine von Gott geschiedene Weltordnung. Nur innerhalb der- 
selben wirkt Gott, doch ist die Naturordnung so eingerichtetj dasa 
sie ein einzelnes seltsames Wunder vielleicht ein einziges Mal durcb- 
schlüpfen lassen kann. Die traditionelle dogmatische Chzistologie 
ist bei der Person Christi über eine magische, sittlich unerklärbare 
Auffassung nicht hinausgekommen. Er muss ethisch-historisch ver- 
standen werden. Yon semex PT^emt^i^ , wunderbaren Mensch* 



Zweites EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 211 

werdimg, Auferstehung und hinrnnli sehen Begiment kann man nicht 
leeht reden. Schweizer hat manchen Streit mit Ebrard ge- 
bäht und ihm gegenüber geschichtlich die Centrallehre der ref. 
Kirche behauptet. Alles in ruhiger, kühler Darstellung: man hat 
mit seinen theologischen Resultaten, mit seinem Leben und mit 
seiner Ho&ung abgeschlossen: die Auferstehung Christi ist ja nur 
eine Vision der Apostel. Also nach I. Gorinth. 15 ein ganz entleerter 
Gflaube: ein deterministisch-pantheistisches Heidenthum. Bieder- 
mann hat in seiner christlichen Dogmatik, die neuerdings in zweiter 
Auflage erschienen ist, das absolute Erkennen nach der Weise von 
Segel so zu gewinnen gesucht, dass die Form der Vorstellung, 
alles blos Sinnliche , in unserem Erkennen beseitigt und ^las Gött- 
liche in seiner rein geistigen Wesenhaftigkeit erfasst werde. Indem 
Bwischen dem christlichen Prinzip und seiner historischen Erschei- 
aung streng geschieden wird, wobei in letzterer alles Mythologische, 
i. h. alles theure Gut des Glaubens weggeschafft wird, kommt man 
EU einem Gottesbegriff, der philosophisch feststeht. Gott ist weder 
Doit der Welt zu vermischen, noch greift er nur von aussen in die- 
selbe ein. »Biedermannes Dogmatik ist eine wissenschaftliche 
Leistung, die im grossen Stil alles, was bisher von dieser philo- 
Bophischen Schule angeregt und besprochen worden war, in ein or- 
ganisches Ganze zusanmienfässt.c Dieses Suchen nach geisterhaften, 
fleischlosen Ideen, diese Täuschung des kranken menschlichen Ge- 
faims, das, wenn es seine Logik befriedigt hat, meint irgend etwas 
gewonnen zu haben, trat auch in der äusseren Erscheinung Bieder- 
mannes auf dem Katheder hervor: man sah eine schlichte, dürre 
Erscheinung. Leere Abstraktionen haben wir hier, die eben so gut 
alles wie nichts sein können : ein todtenhafter Glanz auf den Euinen 
einer einst blühenden Kirche. Die Liebhaberei für das reine Denken 
hat neuerdings auch unter den Beformem abgenommen, die ein 
wenig einzusehen anfangen, dass sie, nachdem sie die Bibel frivol 
als Menschenwerk zerrissen, sie jetzt nicht dem gleichgültigen 
Volke wieder als Postulat der heutigen Bildung anpreisen können. 
Biedermann hat uns in angenehmer Weise aus dem Leben seines 
Vaters und auch seine eigenen Jugenderinnerungen mitgetheilt. 
Sein Gedächtniss hat Kradolfer mit Biographie, Vorträgen und 
Aufsätzen 1885 gefeiert; neuerdings auch Pfleiderer in den 
preussischen Jahrbüchern. Bei seinem Sterben (1885) hat man ihm 
Worte der Schrift in den Mund gelegt, denen er femestand. 
Schweizer hat nachher durch einen Vortrag im Züricher Bath- 
iaus die Ehre Biedermanns gerettet. Heinrieli L^^ü^, ^«t ^sssrä^ 






212 I^ie Schweiz. 



Spötter, starb plötzlich, kerngesund an Leib nnd Seele, als Pfarrer 
an St. Peter in Zürich 1876. Er war 50 Jahre alt *). Bezeichnend 
für den Geist seines Lebens und seiner Schriften ist ein Wort, das 
er zu Basel sprach: Was kann ich dafür, wenn Jesus geschwärmt 
hat? Auch Hirzel und Fries, die beiden anderen einflussreichen 
Führer der Reformer, waren fiüh durch den Tod dahingerafiPt worden. 
Schweizer und Biedermann sind von Volkmar mit wahn- 
witziger Kritik begleitet worden: alle drei eine der wichtigsten Ur- 
sachen der gänzlichen Verödung der Züricher Kirche. VergebHch, 
nachdem sie die Lawine auf den Bergen losgelassen hatten, klagten 
sie in der »Zukunft der Kirche« über die Verwüstungen des Thaies. 
Als man Schweizer *s, »des Altmeisters der liberalen Theologie«, 
fiin&igjähriges Jubiläum beging, konnte der berühmte Gelehrte die 
vielen Ehrenschreiben kaum in der Hand halten. Niemand aber |^ 
klagte über das grosse Grab, das er mitgegraben hatte. In der 
Gegenwart hat jede Meinung ihr Recht. Das Volk mit seinem 
schmachvollen Recht der Emeuerungswahl und Abberufung der 
Pfarrer hat dabei kein ünterscheidungsvermögen und kami den 
weinerlichen Reformer für einen Pietisten erklären. Die Getreuen 
bleiben in dem grossen Trümmerhaufen, so lange sie noch die Frei- 
heit des Wortes haben. Wenn die grosse Kirche nur noch ein 
Steingeröll ist, dann kann neben ihm hie und da ein Alpenveüchen 
blühen. Darum kehrt man gern in dem wiesengrünen Heinrichsbad 
bei Pfarrer W eng ern ein, oder lässt sich von der Thätigkeit des edlen 
Baptisten Stephan Schlatter in St. GuUen erzählen, oder liest mit 
wahrer Erbauung das Leben von Pfarrer Ludwig in Davos, von 
seinem Sohne 1885 beschrieben, und das von Joh. Heinr. Schiess, 
Pfarrer in Grabs, von Schläpfer dargestellt, 1886. Als eine wunder- 
liche Erscheinung vereinigt immer noch mit stets abnehmender 
Betheiligung die »Schweizerische Predigergesellschaft € (seit 1888 
bestehend und das Land mit einzelnen Sektionen umfiEissend) die ver- 
schiedensten Elemente: man geniesst die Gastfreundschaft der Kan- 
tone, stellt Glauben und Unglauben neben einander und begeistert 
sich mit fadem Patriotismus und erlogenen Friedensphrasen. Kehren 
aber die Reisenden aus den schönen Bergen heimwärts, so bringen 
ihre Mittheilungen aus gehörten Predigten die ref. Kirche in allen 



•) Ueber ihn Biedermann, 1876. (Zur Geschichte der Universität: 
V. Wyss, Die Hochschule Zürich in den Jahren 1833—1883.) Ueber um 
auch sein Vetter Wilhelm Lang in: Von und aus Schwaben. 4. Heft. 
1887. 



ZweiteB EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklang etc. 213 

Landen in Yerraf. Auf dem sumpfigen Boden einer verfallenen 
Kirche gedeiht immer allerlei Schlinggewächs. In Männedorf gründete 
Jungfer Trudel eine Heilstätte für Kranke durch die Zaubereien 
des Gebetes. Man trug Lahme und Krüppel in ihre Versammlungen. 
Aus der einfiebchen und würdigen apostolischen Handauflegung war 
die häufig medizinartig wiederholte magnetische Handberührung ge- 
worden. Als ihr auf ihr Fragen ein Besuch erklärte , dass Jesus 
allerdings nicht im hohenpriesterlichen Gebet für die Welt gebeten 
habe, meinte sie: da habe sie mehr Liebe als er. Es war die 
fleischliche Wärme einer mystischen, weltumfassenden Liebe, wie sie 
häufig in der Geschichte der Kirche auftxitt. Jetzt führt der Schwabe 
Zell er die Sache weiter*). Je mehr eine Kirche sinkt, um so 
mehr beginnt die Frömmigkeit der Winkel. — In der neuesten Zeit 
mehrten sich nur die grossen Aergemisse. Die Thurgauische Kirchen- 
synode, die 1874 den kirchlichen Gebrauch des Apostolikums ver- 
boten hatte und damit einen treuen Mann aus dem Kanton drängte, 
lehnte 1882 den Antrag ab, ihre Sitzungen mit Gebet zu eröföien: 
der Geist des Gebetes war ja auch längst geschwunden. In Aargau 
Hess 1885 der Pastoralverein beim gemeinsamen Mittagessen auch 
das übliche Tischgebet durch eine Veränderung der Statuten fallen. 
In Basel hatten die wohlthätigen Bemühungen von Spittler und 
seinen Freunden immer weitere Anstalten, namentlich das grosse 
Missionshaus und die Chrischona geschaffen; die »Basler Samm- 
lungen«, die Monatsblätter aus Beuggen, das Morgenland von Preis- 
werk, das Basler Missionsmagazin etc. wurden überall gelesen; ein 
Eathsherr Adolf Christ**), ein Carl Sarrasin (f 1886) waren 
hervorragend thätig; ein Glanz strahlender Frömmigkeit lag auf der 
Stadt, aber dennoch gewannen die Reformer mehr und mehr Boden. 
Man berief zwei freisinnige Professoren und führte eine vollständige 
Freigebung der Liturgie nach wüstem Streit herbei : man hatte eine 
sichere, vornehme Stadt überfallen und in bittere Noth, die auch 
die Abendmahlsgemeinschafb aufsagte, geworfen und bald entstand 
hei der Synode die Frage, ob ein üngetaufter vor oder anstatt der 
Konfirmation nachträglich getauft werden müsse oder nicht? Nur 
der Stichentscheid des Präsidenten rettete den Taufbefehl Christi. 
Die radikale Regierung liess nun Ersatzwahlen vornehmen und in 



*) Aus dem Leben und Heimgang der Jungfrau Dorothea Trudel 
Ton Männedorf, 1855. Zwölf Hausandachten von ihr, von Samuel 
2eller 1863 herausgegeben. 

**) Ueber ihn Eppler, 1887. 



214 1^6 Schweiz. 

der anders gearteten Synode setzte es die Befonnpartei durch, dass 
der Kirchenrath zu veranlassen wäre, den Antrag zu erwägen, dass 
die Taufe nicht mehr als Vorbedingong zur Konfirmation gesetzlich 
gelten dürfe. Die Behörde üand einen jammervollen Yermittlnngs- 
vorschlag. Wo kein Bekenntniss ist, da sind auch keine Sakramente 
mehr haltbar und der letzte Grand der Kirche stürzt. In Zmieh 
hat in der Geistlichkeitssynode Professor Biedermann, indem er 
die Fracht seiner Aussaat sah, das Recht der Taufe vertheidigt, 
während nachher die politische Behörde dasselbe bestritt, aber andi 
den ganzen ihr vorgelegten Entwurf zu Falle brachte. So hat denn 
die Kirche Zwingli's die Taufe noch behalten. In Bern war gegen 
die Reformer die Taufe als nothwendige Voraussetzung der Zu- 
lassung zum Abendmahl von der Synode behauptet worden, aber 
das Placet der Regierung wollte nur von einer moralischen Autoiittt 
der Taufe etwas wissen. 1885 sah ich das noch verhüllte Denkmal 
Zwingli's in Zürich vor der bücherreichen Wasserkirche: nur roh 
und unförmig blickten die Züge des Reformators hindurch. Maa 
hätte ihn in dem groben Sacktuch lassen sollen, statt ihn mü 
Motetten und einem Seenachtfest zu enthüllen: es kommt ja nur 
Zorn von seinen Lippen, wenn auch der Unglaube sein Jubilämn 
mit Schriften feiert. Das alberne Schwert in der Hand ZwingFs 
soll wohl sagen, dass er auch nur ein liberaler Raufbold gewesen 
ist. »Mit leisem Humor«, wie er selbst sagt, »hat uns der Yer- 
mittlungstheologe Finsler beschrieben, wie allmählig aus der 
Sohöpfong der Reformation eine Behausung aller unreinen Geister 
geworden ist. Neuerdings hat man auch Heinrich Lang, »dem 
kleinen Mann mit dem gewaltigen Haupt und der edlen Denker- 
stim«, auf seinem Grabe ein Denkmal gesetzt. Die Phrase der 
Redner pflanzte neben demselben das freie wie fromme Christenthmn 
auf. Der Ruin der Züricher Kirche ist schon Denkmal genug for 
ihn. 1885 wurden im Kanton Zürich 1404 Kinder nicht getauft. 



Drittes Kapitel. 

Die theologisch-kirchliche Entwicidung in der französisch- 

reformirten Schweiz. 

Unser Jahrhundert ist ein Jahrhundert des grossen AbMles Ton 
Gott und seinem Worte: das \>e>Ne\st namentlich auch die Stadt, 



Drittes Kapitel. Die theologiich-kirchl. Entwicklung etc. 215 

die einmal am sicheren Freiheits -Winkel des herrlichen Sees im 
Süden der Schweiz als eine Burg der Wahrheit thronte, die ganze 
Welt mit ihren gewaltigen Gedanken beherrschend. Der sterbende 
Oalvin ermahnte die Bäthe der Stadt, in Furcht und Zittern ihren 
Weg zu gehen: nur bis ans Ende des siebzehnten Jahrhunderts 
Vüd auch in die Anflüige des achtzehnten hinein hat sein Feuer- 
geist nachgewirkt. Man hält die Zeit eines Josua, in der in Israel 
das Gesetz Moses waltete, für eine geschichtliche Fälschung; das 
alte Genf hat doch als eine geschichtliche Wirklichkeit dagestanden. 
Welches aber ist die Gegenwart? Ultramontanismus und Badikalis- 
mns reichen sich in der Stadt des grossen Theologen die Hand; 
neben der Nationalkirche bestehen die römische Eörche, eine eng- 
lische, eine griechische Kapelle, eine deutsch-lutherische, eine deutsch- 
reformirte Gemeine, eine ansehnliche freie Kirche, die Gemeine von 
Cäsar Malan, Darbjsten, Hermhuter, Methodisten, Baptisten, vor- 
übergehend Irvingianer, endlich Mormonen und Geisterklopfer — 
dann politisch Nihilisten, Socialisten: ein Nest des Auswurfes und 
d^ Brandstifter aller Länder. Dabei die Spöttereien eines Karl 
Vogt; in der Zuchtlosigkeit der Prostitution ist Genf ein klein 
Paaris, mit vortheilhafler Verehrung eines reichen verlaufenen Her- 
zogs und mit einer grollenden Aristokratie, die sich auf ihre schönen 
Sitze zurückgezogen hat und den Wissenschaften lebt. Ein raisonni- 
rendes, vielseitiges, flüssiges Geschlecht, ebenso zerfahren, wie das 
heilige Alterthum streng, nüchtern, hart und einförmig war: im 
kldnsten Punkte eine ungeheure Kraft des Heiles vereinend, während 
jetzt nur zerstörende Raketen aus dem Pulverfass aller Welt auf- 
steigen. Als sich am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die 
Kirche Genfs von der Strenge der alten kirchlichen Formen losriss 
und sich den Einflüssen der Apostel des Unglaubens hingab, war 
es namentlich auch das giftige Gespei des »hämischen Affen, der in 
einen eisernen Käfig gehört«, des dämonischen Voltaire, der sich 
in die Nachbarschaft Genfs mit seinen Frivolitäten festsetzte. Er 
erlebte es noch, dass 1766 ein Theater in Genf eröf&iet wurde. Die 
Busszucht des Konsistoriums war eine Lächerlichkeit geworden. 
Genf wird liberal und gleichgültig. Die alten väterlichen Lehren 
erscheinen als Thorheiten. Am Anfang dieses Jahrhunderts kommt 
zuerst Frau von Krüdener mit neuen Gedanken nach Genf und 
"vnrd durch den Kandidaten Empeytaz unterstützt, der 1816 eine 
Schrift gegen die Verächter der Gottheit veröffentlichte. Wichtiger 
xind heilsamer ist die Wirksamkeit des schottischen Calvinisten 
Bobert Haidane. Er hielt erstaunt den unwissenden Studenten 



216 1^0 Schweiz. 

biblische LektioneiL Er war damals 50 Jahre alt und erschien als 
ein würdiger, steiffeierlicher Engländer mit Puder und Zopf. Ein 
Gegner der Verbindung von Staat und Kirche, suchte er die Ord- 
nung und die Predigt der ersten apostolischen Gemeinen. Mit Be- 
redsamkeit ohne Polemik und Agitation vertrat er seine Sache. 
Talentvolle Studenten schlössen sich ihm an. Die »Y^n^rable com- 
pagnie des pasteursc, in Rationalismus versunken, meinte nun etwas 
gegen ihn thun zu müssen. Denn das Evangelium wurde wieder 
in Genf gepredigt. Es mehrten sich die Stimmen der Zeugen. 
Gaussen, Merle d^Aubigne, Malan, Fr^d. Monod, Felix 
Neff und Andere gehörten zu den Freunden des Schotten. Als 
C6sar Mal an, aus einer B^fdgies-Familie , die biblischen Grand- 
lehren auf die Kanzel brachte, machte man ihm den Vorwurf, dass 
er Narrheiten verkünde. Mal an hatte eine Bekehrung erlebt, wie 
sie Öfber damals vorkam: beim Lesen der Schrift leuchteten ihm 
wunderbar die Buchstaben derselben: er wurde ohne Zweifel mid 
Kämpfe zu Jesu geführt, wie eine Mutter ihr Kind durch einen 
Kuss weckt. Am 3. Mai 1817 erschien das Beglement der Com- 
pagnie, nach welchem alle Kandidaten und Prediger die Grand- 
wahrheiten der Schrift nicht zu verkünden sich verpflichten sollten. 
Sie bahnte dadurch selbst die Separation an. Ein boshafter Witz 
nannte die Gläubigen Momiers (Graukler) *). Mal an, auch seiner 
Stelle als Gymnasialprofessor entsetzt, sammelt eine eigene Gemeine 
und sieht sich 1830 gezwungen, ganz aus der bestehenden Kirche 
auszuscheiden, obwohl ihn dabei ein Drittel seiner G^meineglieder 
verlässt. Er ist nachher ein unermüdlicher Eeisender in aller Welt, 
um das Evangelium zu verbreiten. Ob Jemand ein Kind Grottes 
und Auserwählter ist — ist ihm die entscheidende Frage. Er streitet 
gegen die Eationalisten und gegen Born und lässt unter vielen 
Traktaten wahre Meisterwerke erscheinen. Er hat mehr als 1000 
Lieder gedichtet, unter ihnen 300 Zionslieder und liebliche Kinder- 
lieder. Ein fruchtbares, unerschöpfliches Talent. Seine selbst- 
ständige Gemeine schloss er an die freie schottische Kirche an und 
wurde Doktor der Theologie von Glasgow. Er stirbt am 12. Mai 
1864**). im Jahre 1830 war auch die »evangelische Gesellschaft« 






*) A. Best, Defense des FidMes de V6gl de Gdn., 1825. Hisioire 
v^ritable des Momiers, 1824 und 1825. 

**) The Late Rev. Dr. G^sar Malan of Geneva. London 1864. 
Histoire v^table des Momiers de G^neve, 1874. Ostertag, Bibel- 
bJätter im Ev. Missions-Magazin, 1B77, 



Drittes Kapitel. Die theologisch-kirohl. Entwicklung etc. 217 

innerhalb der Nationalkirche entstanden. Zu ihrer Bekämpfung schuf 
die Compagnie die Zeitschrift: Der Protestant von Genf. Die ev- 
Gresellschafb sah sich bald genöthigt, eine theologische Schule zu 
bilden, an der Hävernick für das A. T., Steiger für das N. T.^ 
Merle d'Aubign^ für Eirchengeschichte, Gallaud für praktische 
Theologie und später Gaussen fiir Dogmatik angestellt waren. 
Man wollte die Grundlagen des Glaubens retten. Drei der genannteu 
Lehrer werden ihrer kirchlichen Thätigkeiten enthoben. Aber das 
Werk geht vorwärts. Ein Oratoire wird erbaut, wo Predigt und 
monatüche Abendmahlsfeier geschieht. Man schritt sofort zur völligem 
Trennung von der staatlichen Kirche und sprach sich 1849 in 17 
Artikeln der neuen Verfassung dahin aus, dass man bekenne, was- 
von jeher ref. Glaube war. Anfang und Ende des Heils, Wieder- 
geburt, Glaube, Heiligung sind freies Geschenk der göttlichen Barm- 
herzigkeit. Ein persönliches Bekenntniss des Einzelnen vor zwei 
Aeltesten eröffiiet die Gemeinschaft der Kirche. Die Eorche wurde 
in 12 Einzelgemeinen mit presbyterialer Verfessung getheilt. Ihre 
Unterhaltung geschieht durch freiwillige Gaben. Die praktische 
Thätigkeit der ev. Gesellschaft trat besonders in der Bibelverbreitung 
und in der Evangelisation in Frankreich hervor. In letzterem hatte 
sie bedeutende Erfolge und viele Katholiken gingen zur ref. Kirche 
über. Unter den theologischen Lehrern glänzt Louis Gaussen,. 
der von 1836 — 63 in Genf thätig war, durch die beredte Schrift: 
Le canon de Saintes Ecritures sous le double point de vue de la 
science et de la foi, 1860. Da ist wahre Pietät vor dem Heiligen. 
Wer schätzt nicht in aller Welt den feinsinnigen , anziehenden. 
Historiker des Protestantismus, der die Personen der Reformations- 
zeit so genau kennen wollte, als wenn er mit ihnen gelebt hätte: 
Merle d'Aubigne. Erst in 'Hamburg, dann in Brüssel und zuletzt 
seit 1831 an der Schule der ev. Gesellschaft thätig, hat er durch 
seine Geschichte der Reformation (2. Aufl. 1861 — 62), durch seine 
Geschichte der Reformation in Europa zur Zeit Calvins (1862 — 70): 
hier schon etwas romanhaft Unzähligen Freude und Liebe für die 
glorreiche Vergangenheit eingeflösst. Ein Schriftsteller von wahrem 
Kutzen, viel von Fremden in Genf besucht, die dann sein edel ge- 
formtes Gesicht, die dunklen Augenbrauen unter der hohen Stirn, 
die nach hinten fallenden weissen Haare, den ganzen feierlich wür- 
digen Mann beobachten konnten. Ein Besuch in der Jugendzeit 
auf der Wartburg hatte ihm die Neigung für die Reformatoreu 
mitgegeben. So ist durch ihn von Genf der Glanz der Alten noch 
einmal in aUe Welt ausgegangen. 



218 ^ie Schweiz. 

1884 hat sich die freie Kirche wieder in die unabhängigen Kreise 
der Pelisserie und die freie evangelische Kirche von Genf gespalten. 
Alle Ausgleichungsversuche scheiterten. Auch die Freikirchen bilden 
kein Mittel gegen die Zersetzungen des Unglaubens. Der Pietis- 
mus befruchtete auch die Nationalkirche und brachte eine Zeitlang 
seine Eichtung auch gegen die radikale Eegierung zu einem ge- 
wissen Einfluss. Aber der kritische Wind von Deutschland her 
kräftigte und belebte die Negation und jetzt sind alle Lehrer der 
Akademie liberaler Gedanken Diener. Unter den positiven Schrift- 
steilem ist der Publizist Jules Ernst Naville zu nennen. Er ver- 
lor in Folge der Genfer Eevolution von 1846 seine Stelle. Sein 
La vie 6temelle ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Von seiner 
Stelle als Direktor am Gymnasium wurde auch der Schriftsteller 
Louis Felix Bungener entfernt. Er ist mit Merle d'Aubignä 
der am meisten gelesene französische, protestantische Autor. In 
seinen Eomanen zur Verherrlichung der Noth und Standhafligkeit 
der Hugenotten, in seinen vielen polemischen Schriften gegen Born 
hat er ein entzücktes Publikum in aller Welt gefdnden: in seiner 
Gabe der Erzählung von grossartigem Reiz. Der Pferrer Bordier 
wirkte wohlthätig durch die Gründung vieler Vereine. Der Bankier 
Alexandre Lombard wollte die Sonntagsruhe zurückerobern. 
Aber sonst liegt matt nur noch ein äusserer Glanz evangelischer 
Wahrheit auf der religionslosen Stadt, die in Evangelisationssälen 
imd -kränzchen herbeigelockt werden soll. Es erschien nur als ein 
kindisches Schauspiel, als das Volk mit ^/g Mehrheit den G^setzes- 
entwurf in Bezug auf die Freigebung der Kirche an ihre eigene 
Erhaltung und Organisation verwarf. Die Anhänglichkeit an die 
alte Genfer Staatskirche war zur Farce geworden, die darum aach 
ein Reformer auf der Kanzel Calvins als Rettung des Vaterlandes 
preisen musste. Der Kanonendonner und der Jubel der Tausende 
erklang dabei wie Hohnlachen. Als ich vor einiger Zeit G«nf be- 
suchte, feierte man an einem Sonntag einen grossen musikcdischen 
Festtag, zu dem auch die Franzosen mit rauschenden Elängen h^- 
einzogen. Abends war wundervoll der herrliche Quai beleuchtet: 
das Bild einer tiefen Nacht, die sich über die unglückliche Stadt 
hereingelagert hat. Als ich ein Mitglied der Compagnie des pasteurs 
nach dem Grabe Calvins frug, kannte er die Stelle nicht. Ein 
anderer wusste davon und wir gingen nach dem Kirchhof Piain 
Palais, um auf einem kleinen, einfachen, vierkantigen Sandstein die 
Buchstaben : J. C. zu lesen. Der Name ist in Gtexd nicht mehr ge- 
Bchtet, und als man 1885 das dxeVbxm^di^Ttvmdßi^ Jubiläum 



Drittes Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 219 

der Reformation feierte, wehte wohl das Banner der Stadt auf 
Sankt-Peter, aber man hätte besser eine Tranerflagge aushängen 
sollen. Wenn irgendwo, so heisst es hier: Ikabod. Ist auch der 
Bischof Mermillod 1873 von der Eegierung vertrieben worden, 
so rühmt sich doch die mächtig anwachsende, die Beformirten über- 
flügelnde römische Gemeine : 51 557 Seelen noch einmal in Sankt- 
Peter die Messe zu hören. 

Die freie Kirche des WaadÜandes *) bildete sich, nachdem 1839 
die helvetische Eonfession abgeschafiPb und 1845 Massregeln gegen 
die reHgiösen Privatversammlungen ergriffen waren. Auch der Ver- 
lesung einer Proklamation des Staatsrathes, welche die neue demo- 
kratische Yerfiässung empfahl, auf der Kanzel (1845) widersetzte 
man sich und so traten 147 Geistliche aus, während 99 in der 
Nationalkirche blieben. 1847 gab sich die freie Kirche eine Ver- 
fassung. Man bekannte die völlige Genügsamkeit der hl. Schrift. 
Die Formen der Verwaltung sind die presbyterialen. 1879 zählte 
die Kirche 4000 erwachsene Mitglieder und 46 Pastoren. Die An- 
sprüche an die freiwilligen Gkiben sind bedeutend. Die Gesammt- 
kasse hatte 1885 160 000 Pres, aufzubringen. Ausser der theolo- 
gischen Fakultät in Lausanne sind noch 3 Schulen zu erhalten. Man 
zählt 40 Gemeinen mit 4000 Seelen. Ein eigenes Gesangbuch mit 
Psalmen ist vorhanden. Die Freikirche hat auch in Transvaal 2 
Stationen mit 2 Missionaren. Einnahme 29 000 Mark. Die National- 
kirche im Waadtland bekennt die christliche Beligion gemäss den 
Grundsätzen der ev. ref. Gemeinschaft. Der Staat gewährleistet der 
Ejrche jegliche mit der Verfassung verträgliche Freiheit. Die Ge- 
meineversammlung setzt sich aus allen denen zusanunen, die bürger- 
liche Rechte haben. Sie hat das Vorschlagsrecht der Pastoren, die 
vor dem Präfekten verpflichtet werden. Eglise libre und Eglise 
nationale stehen jetzt friedlich neben einander. Neuerdings hat 
letztere einen Sturm des Staates abgeschlagen, der die Pfarreien 
yermindem wollte. 

Wir müssen uns jetzt etwas näher mit dem angesehensten Theo- 
logen und Schriftsteller des franz. Protestantismus beschäftigen, einem 
Manne, der in seiner ganzen Eigenthümlichkeit für unser Jahrhundert 
bemerkenswerth ist. Es ist Alexandre Rudolf Vinet. Er ist am 
17. Juni 1797 in Ouchy bei Lausanne geboren. Frühe schon zeigte 



*) A. Schweizer, Die kirchl. Zerwürfnisse im Kanton Waadt, 1846. 
Gelpke, Die kirchl. Beweg, im Kanton Waadt. Zeitschr. f. bist. Th., 
1850. Baup, Pr^cis des &its, 1846. 



220 ^^ Schweiz. 

er Grabe für Poesie und schriftstellerische Leistangenu Er besuchte 
das Gymnasium und die Akademie von Lausanne. Unter den Stu- 
denten bildete er eine Gesellschaft zum Studium der BibeL Er wird 
noch jung Lehrer der französischen Sprache in Basel und offenbart 
bald ein glänzendes Talent für literarische Kunde und feine Beob- 
achtung. Darin gewinnt er mehr und mehr — neben der Theologie 
immer auch der geistvolle literarische Kenner — einen bedeutenden 
Namen» Anfangs noch in Vielem skeptisch, ist er doch schon 1818 
zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Beligion keiner Beweis- 
gründe bedürfe, »denn Gott hat sie in mein Herz wie in ein ehr- 
würdiges Asyl gelegt, wo er sie gegen mich selbst vertheidigen 
will.« Doch liebte er damals noch die Stunden der Andacht yon 
Zschokke. Die Erweckung, wie sie ihm in den Aeussemngen 
Mal an 8 entgegentritt, erscheint ihm noch als ein Gemisch yon 
Demuth und Hochmuth. Aber er wird von ihr selbst 1823 ergriffen. 
Der Druck, den die Regierung gegen die Momiers anwendet, belebt 
in ihm die Frage nach der Gewissensfreiheit. Li einer Flugschrift: 
Du respect des opinions 1824 verlangt er freie Aeusserung der 
Ansichten. Ein Werk über die Freiheit der Kulte erhält einen 
Pariser Preis. Er scheidet hier streng zwischen bürgerlicher und reK- 
giöser Gesellschaft und fordert deren völlige Trennung. Er hat 
seitdem seinen Ruf als Denker und Schriftsteller begründet. Als 
im Jahre 1829 aufs neue die Verfolgungen im Waadtlande ausbrachen, 
hat Vinet, ohne besonderes Interesse für die Dissidenten, für die 
Religionsfreiheit geschrieben und ist für ein Jahr als G^istHcher 
suspendirt worden. Sein Essai sur la conscience et sur la liberte 
religieuse 1829 ist eine seiner scharfsinnigsten Schriften. Daneben 
gehen seine Arbeiten für französische Literatur weiter und seine 
Chrestomathie ist ein Meisterwerk. 1831 hilft er mit bei der Grün- 
dung der protestantischen Zeitschrift: Le Semeur. Neben seinem 
Schulamt hat er auch in Basel gepredigt mit dem mächtigen Beiz 
einer wunderbar anziehenden Persönlichkeit. »Vom Rationalismns 
will ich weder in schwacher noch in starker Dosis etwas mehr 
wissen.« Da er viele Berufungen nach auswärts bekommt, giebt 
ihm Basel das Bürgerrecht und errichtet für ihn einen besonderen 
Lehrstuhl für sein Fach. Doch schon 1837 wird er Professor der 
praktischen Theologie in Lausanue. Basel entlässt ihn mit dem 
Range eines Doktors der Theologie. Im Waadtland war inzwischen 
die religiöse Bewegung mit gesegneten Erfolgen weiter geschritten: 
Vinet suchte denselben mit allen Mitteln zu dienen. Als der 
Staatsrath die Geistlichkeit für eine neue Kirchenverfassimg um Roth 



Drittes Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwicklang etc. 221 

frag, wünscht Vinet, dass man die Laien herbeiziehe und spricht 
sich für die Beibehaltung der helvetischen Eonfession aus. Aber 
die Majorität des Volkes eifert gegen das Bekenntniss. Das Kirchen- 
gesetz wird 1889 mit seiner Fesselung der Kirche an den Staat 
angenommen: Vinet tritt nun aus der waadtländischen Geistlich- 
keit aus. Nicht ohne Kampf, denn er liebte die ihm ehrwürdige 
Nationalkirche. Auch blieb er Lehrer an der Akademie, wo er eine 
grosse Macht über die Studenten hatte und für das kleine Land 
mit begabten Kollegen Glanz verbreitete. Die Verbindung mit dem 
Staate ist ihm immer mehr eine Häresie, die Trennung ein Dogma. 
Grrosse Unruhe brachte die Eevolution von 1845. Die Volksrache 
erhob sich gegen die Erweckung: es kam zu vielen Rohheiten. 
Vinet litt unsäglich und legte seine Professur 1845 nieder. Wir 
haben schon erwähnt, dass sich in dieser Zeit eine freie Kirche 
bildete. Vinet stand der Bewegung anfangs mit gemischten Ge- 
fühlen gegenüber, nachher nannte er die Stellung der ausgetretenen 
Pfarrer eine ruhmwürdige und nothwendige. Der Staat als der 
kollektive natürliche Mensch kann der christlichen Predigt nur feind- 
lich sein. Vinet hat in der Schrift: Du Socialisme consid^r^ dans 
son principe 1846 alle seine Lehren zusammengefasst. Li der Be- 
kenntnissfrage der freien Kirche hat er sich für ein Symbol aus- 
gesprochen, das nur diejenigen Wahrheiten enthalte, vermöge deren 
man Christ ist. Die Synode der freien Kirche folgte ihm nur mit 
starken Modifikationen. Vinet hat in der letzten Zeit seines Lebens 
sich mit privater Thätigkeit für Studenten und Lehrerinnen beschäf- 
tigt. Immer leidend schrieb und diktirte er noch auf seinem La^er. 
Vor dem Herannahen seines Todes hat er auf die Nachricht, dass 
man für ihn bete, geäussert: »Man kann kaum für ein unwür- 
digeres Geschöpf beten.« Er entschlief am 4. Mai 1847. Auf dem 
schönen Kirchhof von Ciarens ist seine Ruhestätte. Zwei Kinder 
hatte er vorher verloren. Eine edle, feine Natur von reichen, glän- 
zenden Gkiben, vielseitig und unerschöpflich, von herrlichem Wohl- 
laut der Sprache: ganz ästhetisch bis in die zierliche Handschrift. 
Der Wohlthäter Vieler, sich nie genugthuend, aber nach seinem 
Vorbilde Pascal immer im inneren Kampf nicht ohne asketisch 
traurigen Zug. Vinet ist nicht allein wegen seines grossen schrift- 
stellerischen Einflusses, sondern auch darum wichtig, dass sich in 
ihm am deutlichsten und edelsten die Theologie der Erweckung zeigt. 
Er ist der Theologe der Individualität und der subjektiven Aneig- 
nung des Heiles. Gegenüber der streng calvanischen Dogmatik hat 
er immer diesen Standpunkt vertreten. Er geht zunächst von Kant 



222 Di« Schweiz. 

aas, dessen Erkenntnisstheorie er theilt. Da der Mensch nnr die 
Beziehungen der Dinge anf sich erkennt, so ist es Hochmuth, das 
Unbedingte und Absolute erkennen zu wollen. 

»Es gibt Menschen, die die Logik brutal macht; es sind dies 
keine Gemüther mehr, sondern dialektische Maschinen. — Damit 
ersterben die inneren Instinkte, man ist nicht mehr Mensch, mm 
ist ganz Denker. Gott definirt sich nicht im Evangelium, ohne 
weitläufigen Eingang schreibt er vor und ordnet an. Das wahre 
Christenthum ist praktisch und alles eilt an ihm der Handlung zilc 
— Grösser war der Einfluss von Pascal auf Vinet. Von ihm hat 
er es empfangen, wenn er in dem Herzen den Boden sieht, auf dem 
die religiöse Wahrheit erkannt wird. »Der Verstand erkennt mir 
Abstraktionen und Formen, das Gemüth (äme) sieht Wesen und 
Substanzen. € Mit Pascal betont er den Willen im Glauben. Dieser 
ist vorwiegend Gehorsam, Unterwerfung. Und zwar des einzelnen 
besonderen Menschen, der als solcher für Gott bestimmt ist. und 
hier beginnt seine Individualitätslehre. Individualität ist Menschsein, 
ist Leben. Das Evangelium richtet sich an die Individuen. Man 
muss Mensch sein, um Christ zu werden. Darum ist ihm auch die 
Freiheit des Einzelnen so wichtig, aber so dass sie zum Gehorsam 
fuhrt. Das in seinem Herzen von der Wahrheit des Evangeliums 
überführte und in demselben ohne äussere Hinderung frei lebende 
Individuum ist der xmaufhörliche Gegenstand seiner Betrachtung: 
und dies ganz nach dem Erlebniss der Erweckung, die eben neu 
überraschende und beseligende Empfindungen in das Gemüth legte. 
Den grossen Mangel der Erweckung, die inneren Erfalirungen fest 
an die Thatsachen des Heiles in Wort und Sakrament bezeugt zu 
binden und in diesen mehr als in sich die unwandelbaren Bürg- 
schafken des Heiles zu finden, hat Vinet nicht überwunden, obwohl 
er die Thatsachen überall stehen lässt und an der allgemeinen 
evangelischen Dogmatik nicht zweifelt. Aber er liebt es, in den 
subjektiven Betrachtungen zu schwelgen und geht dann oft in seinen 
Gedanken von der Verwandtschaft der Seele mit dem Evangelium 
zu weit. Es sollen zwar nur flüchtige Erinnerungen, zerrissene 
Anklänge sein, aber er verlässt die Nüchternheit der Schrift, die 
allein in einer völligen Wiedergeburt des gotthassenden Herzens den 
Boden für den Samen des Wortes zeigt. Sehr viel Wahres und 
Schönes sagt er in seiner Apologetik über Evidenz und G^wissh^t 
imd wie letztere allein für vorbereitete Gemüther in den Fragen 
des Glaubens zu geben sei — aber überall merkt man die Abschwäch- 
ung der historischen Bedeutung denc uii^mvs^&^^lL^^hjeRi H«üsthatsachen 



Drittes EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 228 

m Tmfehlbaren Wort verkündet. Mit Recht sagt darum Scherer 
vou ihm: »er ist durch die ehrerbietige Gleichgiltigkeit, die er in 
Hmsicht der rein spekulativen Dogmen und der rein wunderbaren 
Fheüe des Cbristenthums beobachtete, unbewusst zum Urheber einer 
ieyolution im Schoosse des Protestantismus geworden.« Er hätte 
ewiss alle negativen Folgerungen aus seinen Sätzen abgewiesen, 
}er das war das Yerhängniss des Pietismus, dass er das Bedür&iss 
)8 Menschen und die persönlichen Erfahrungen zur Hauptsache 
achte. Darum verstand man auch so wenig die Rechtfertigung, 
id Yinet sagt im hellen Gegensatz gegen Calvin: der Herr sah 
L Schacher den Keim der Heiligkeit in seinem Glauben an. Die 
eiligung begründet die Eechtfertigung. Aus der Gewissheit de& 
öiles wird weiter das Bewusstsein des Heiles : völlig imevangelisch. 
[so auch in Yinet die Erscheinung des ganzen Jahrhunderts: die 
3seligung des Gemüthes lässt die Erweckten nicht zur vollen Noth- 
dndigkeit des Wortes und der Sakramente zurückkehren, welche 
>ch fEb: alle innere Yerarmung, die gerade der empfoidungslose 
Laube durchmachen muss, unentbehrlich sind. »Dein Wort soll 
ir gewisser sein« : so bekennt die Eeformation. Ein solcher Pietis- 
OS, den schliesslich auch Tholuck allein noch in seiner »Passion 
im Herrn« besass, konnte leicht der Selbsttäuschung imd der Kritik 
im Opfer fallen. Ueber Yinet vergl. den reichhaltigen Aufsatz 
m Schmid in der Bealencjklopädie imd Edmond Scherer: 
lexandre Yinet, notice sur sa vie et ses Berits, 1853; Eambert, 
. Y., histoire de sa vie et ses oeuvres, 3. Aufl., 1876. Astie,. 
sprit d'A.Y., 1861. Neuerdings haben der Holländer Gramer und 
)r Franzose Chavannes (1883) über Yinet als Apologeten ge- 
ihrieben. 

Als das Kirchengesetz von 1873 in Neuenburg jeden politisch 
iimmberechtigten ohne irgend welches reügiöse Bekenntniss für 
II Glied der Kirche erklärte imd auch für das geistliche Amt jede 
)nfessionelle Yerpflichtung beseitigte, bildete sich die Eglise ind6- 
mdante de TEtat, die sich an die grösseren Heilsthatsachen, wie 
e das sogenannte apostolische Glaubensbekenntniss zusammenfasst, 
ilten wollte. Es waren etwa 30 Pfarrer, die die Nationalkirche 
^rüessen, auch sämmtliche Professoren der Akademie thaten dies. 
Le Yerfassung wurde eine synodale. Man gründete eine theologi- 
he Fakultät. Freiwillige sehr reiche Gaben erhalten die Kirche. 
L la Chaux de fonds wurden 231 000 Frcs. für den Bau einer 
irche gespendet. Die Kirche zählt gegenwärtig 3363 männliche 
itglieder und 5000 Frauen. Ihr Budget beziffert sich auf 114 000 



224 I>ie Niederlande. 

Frcs. In Neuenburg ist neben Fr. von Bougemont Professor F. 
Godet zu nennen, der theologische Gründlichkeit mit Wanne und 
Schönheit der Darstellung verbindet und seinen vielen Arbeiten über 
das N. T. einen praktischen Werth zu geben versteht: eine wobl- 
thuende Erscheinung in dem schweizerischen Unglauben. 



2. Die Niederlande. 

Xiteratnr: A. J. van der Aa, Biographisch Woordenboek der Nedei* 
landen (15 Thle. in 4to), 1852—1877. G. J. Vos, Geschiedeni» 
der Vaderlandsche Eerk (bis 1842), 1882. Derselbe, Groen van 
Prinsterer en zj^n t\jd, 1886. D. F. D. Fabius, Voorheen en thans, 
1886. G. Sepp, Froeve eener Fragmatische geschiedenis der 
Theol. in Nederland (van 1787—1858), 1869. W. Heineken, de 
Staat en het Kerkbestuur der Nederlandsch-Hervomiden sederfe 
het herstel onzer onafhankel^jkheid, 1868. L. Wagenaar, het 
B^veil en de Afscheiding, 1880. M. W. L. van Alphen, Nienw 
Kerkelijk Handboek (seit 1878 jährlich). Köhler, die Niederi. 
Kirche, 1856. K. Sudhoff, in der I.Ausgabe von Herzogs Real- 
encyclopädie. J. Gloel, Hollands kirchliches Leben, 1885. Von 
den jetzt bestehenden Zeitschriften namentlich: von reformirter 
Seite: de Heraut (von A. Kuyper), de Hoop (von F. lion 
Cachet), de Bazuin (von A. Brummelkamp) ; von ironischer Seite 
Stemmen voor Waarheid en Vrede (von A. W. Bronsveld) 
Wageningsch Weekblad (von S. Buitendijk); von evange 
lischer Seite: Kerkelijke Cour an t (Organ der Synode), Evan 
gelisch Zondagsblad; von modemer Seite: de Hervorming 
(von F. H. Hugenholtz). 

Erstes Kapitel. 

Die neue Verfassung. 

Die Geschichte der reformirten Kirche in den Niederlanden in 
-diesem Jahrhundert ist eine Geschichte des Streites. Er hat sich 
um die Organisation, das Bekenntniss, und um die Ver- 
v\raltung der kirchlichen Güter bewegt. 

Mit der batavischen Eepublik (1795) kam auch das Prinzip 
der Trennung von Kirche und Staat. Der Vorzug einer herrschen- 
<len und Öffentlichen Kirche vor einer geduldeten hörte auf. Man 
empfand es bald auf finanziellem Gebiet. Die theilweise Besoldung 
•der Prädikanten der Öffentlichen Kirche durch die Obrigkeit nahm 
•ein Ende. Sie war bis dahin geleistet YfordeiL von dem Ertrage 



Erstes Kapitel. Die neue Verfassung. 225 

von Gütern, welche schon vor der Reformation zum Unterhalt der 
Geistlichkeit bestimmt waren xmd welche die Obrigkeit unter ilure 
Terwultung genommen hatte. Die geistlichen Güter wurden 1798 
iiir nationale erklärt. Man ging aber noch weiter. Auch an die 
Ürchhchen Güter der Einzelgemeine, namentlich Eirchen, wurde 
die Hand gelegt. Die Majorität der Gemeine solle sie besitzen. 
Doch trat nach sieben Jahren hier wieder eine Aenderung ein, 
bdem namentlich die Einzelgemeine in ihr altes Recht zurück- 
kehrte. Sie verwaltete ihre kirchlichen Güter selbst. War auf 
inanziellem Gebiet eine Wandlung vor sich gegangen, so war doch 
lie Organisation der Kirche geblieben. Man besass noch die Eir- 
5henordnung von Dordrecht und dass das Placet der Regierung bei 
ier Berufung der Prädikanten und der Beschlüsse der Synoden 
ivegfiel, war mehr ein Gewinn als ein Verlust. Bis 1816 vereinigen 
dch die Classen, d. h. Versammlungen von benachbarten Kirchen. 
L805 war noch eine Commission aus den Provincialsynoden oder 
Versammlungen von benachbarten Classen zusammengetreten, um 
3iiien Band von »Evangelischen Gesängen« zusammenzustellen, ob- 
pvohl die Kirchenordnung nur den Gesang des Psalmen und 
einiger anderen mit Namen bezeichneten Gesänge erlaubte. König 
Ludwig änderte nichts an der Verfassung der Kirche , ebensowenig 
vermochten dies die Pläne Napoleons. Aber es geschah unter 
König Wilhelm I. Nach der Dordrechter Kirchenordnung regiert 
der Herr selbst seine Kirche durch die von ihm geschaffenen 
Ordnungen, wie sie sich in Presbyterien , Classen, Provinzial- 
synoden und Nationalsynode gestalten. Alle Kraft ihrer Beschlüsse 
beruht in der Uebereinstimmung mit der hl. Schrift; auch war 
keine Stufe der Organisation »höher« als die andere. Sowohl 
Independentismus als Hierarchie waren abgeschnitten. Hier voUzog 
sich nun durch König Wilhelm eine eigenmächtige Neuerung. Die 
Kirche wurde nicht gehört. Im Geheimen empfuig eine berathende 
Kommission von elf Prädikanten von einem schon unter Ludwig 
thätig gewesenen J. D. Jansen einen Entwurf: »Allgemeines Regle- 
ment für die Verwaltung der ref. Kirche im Königreich der Nieder- 
lande« zur Beurtheilung. Mit einigen Aenderungen wurde dasselbe 
am 7. Januar 1816 vom Könige gutgeheissen und der Kirche auf- 
gelegt. König Wilhelm dachte wohl an das Vorbild der bischöf- 
lichen und konsistorialen Kirchen, die er in der Zeit seiner Ver- 
treibung kennen gelernt hatte. Obwohl bei der Regierung die kirch- 
liche Oberhoheit lag, so gab es doch eine sogenannte »Synode« und 
unter ihr Provincial-Kirchenverwaltungen und claÄa\ca\%Mö^«taäwst^sö.. 

Zahn, KIrcbengeschicbte, 2. Aufl. ^^ 



226 I>ie Niederlande. 

Im ersten Jahre ernannte der König alle Mitglieder dieser Behörden. , 
1828 setzte man noch eine Synodal-Eommission ein. Das Moderamei^ 
der Synode, drei andere Prädikanten, drei Aelteste und ein Prc^ 
fessor bildeten sie. Die Unabhängigkeit der Kirche war fast gaz^^g- 
vernichtet. Man hat der Organisation von 1816 den Namen einer 
»Staatscreatur« gegeben, aber man nahm sie anf^üiglich rahig hiz? 
und diese Unterwerfung galt später als Bechtsgrund. Man liebte 
ja den Oranier, der nach der Noth, die man unter Napoleon aus- 
gestanden, wieder für eine geordnete Bezahlung der Prädikanten 
sorgte. Auch waren die äusseren Namen der alten Verfassung ge- 
blieben. Einige Stimmen erhoben sich doch: sie kamen aus den 
Classen von Amsterdam, Woerden und Leiden. Die Classis von 
Amsterdam beklagte, dass nicht die kirchlichen Versammlungen 
gefragt seien, dass die Macht der Synode zu gross sei, die von 
Wenigen besessen in eine päpstHche oder bischöfliche Herrschaft 
auslaufen könnte. Auch wäre zu besorgen, dass Bekenntniss und 
Liturgie geändert würden. 

Es war nicht gerade eine bescheidene Antwort, die die Classis 
bekam: Artikel IX. des Allg. Begl. hebe die Pflicht der Handhabung 
der Lehre für alle kirchlichen Ordnungen hervor ; übrigens bestände 
die Classis in ihrer alten Form bald gar nicht mehr; wolle sie 
klagen, so möge sie dies jetzt noch thun bei der von ihr bestrittenen 
Synode 1 Diese eröflhete Ds. Krieger am t5. Jimi 1816. Ln Jahre 
1819 ging der König noch einen Schritt weiter und unterwarf sich 
auch die Verwaltung der irdischen Güter der Kirche. Provindale 
Kollegien der Aufsicht wurden hierfür eingeführt. Einige Gremeinen, 
u. a. Amsterdam, bewahrten sich indessen die Freiheit der Selbst- 
verwaltung ihrer kirchlichen Güter. 

Wenn auch noch viel Kenntniss der alten Kirchenlehre und 
Liebe für reformirte Wahrheit zu finden war, so war dieselbe docli 
bei der Mehrzahl der Prädikanten und der Professoren an den drei 
Universitäten und den sechs Athenäen verloren. Ein rationalistische 
Supranaturalismus herrschte. J. H. v. d. Palm, und E. A. Borger, 
Professoren in Leiden, waren seine Hauptvertreter. In der Schrift 
von Hoving in Groningen: Christenthum und Beformation ver- 
glichen mit dem protestantischen Kirchenstaat in den Niederlanden 
(1815) heisst es: Weg mit der Dreieinigkeit; die Liturgien werden 
allerelendeste Formulare genannt. Doch trat der eigentliche Batio- 
nalismus zögernd auf. Als aber Nicolaas Bchotsman in Leiden 
als eine alte treue Schildwache 1819 eine Ehrensäule für die Dord- 
rechter Synode aufrichtete, ntoi^^ et ität S^ott überschüttet. 



Zweites Kapitel. Die Erweckung. 227 

Zweites Kapitel. 

Die Erweckung. 

Von der Schweiz aus berührte sie die Niederlande. Es fehlte 
' der calvinistische Charakter und so blieb sie einem Theile des 
»Ikes fremd. Sie war und blieb eine Sache des Grefühls ohne 
gmatisches Interesse. Die ünio mystica mit Christus beseelte sie. 
Q ihretwillen sah man über grosse Irrthümer hinweg. Die Er- 
ickung bewegte sich namentlich in den aristokratischen Kreisen, 
r Bürger- und Bauernstand wurde nur mittelbar von ihr erfiEtsst. 
)ben ihr machte sich der Einfluss der Schule von Bilderdijk gel- 
id. Wilh. Bilderdijk (1756 — 1831) trat gegen den unverbesser- 
hen Optimismus seiner Zeitgenossen auf. Der grosse Dichter wurde 
1 Vorläufer der Erweckung. In Leiden, wohin er nach einem 
rten Leben 1817 gezogen war, lehrte er vor einer Anzahl von 
Qgen Leuten im antiUbertinischen imd antiarminianischen Greiste 
9 niederländische Geschichte. Aus diesem aristokratischen Stu- 
ntenkreise sind die Männer hervorgegangen, die nachher gegen 
.s revolutionäre Prinzip in Staat und Kirche eiferten: Isaak da 
)sta, Capadose , die Grafen Willem und Dirk van Hogendorp, van 
ir Kemp, van Wassenaer Catwyck, Groen van Prinsterer und Elout van 
»eterwoude. Capadose war Arzt, die üebrigen Juristen. Die erste 
•ucht der Schule von Bilderdijk erschien in der Schrift: Beschwerden 
Igen den Geist dieses Jahrhunderts (1823). Ihr YerfiEtsser war Isaak 
1 Costa, wie Capadose ein getaufter Jude, ein feuriger begeisterter 
Lchter, ein gewaltiger Geist, Doktor der Bechte und der Philologie. 
: stellte gegen das gerühmte Heute das tief verachtete Alte. Noch 
ehr als Schotsman ward nun der Jüngling da Costa geschmäht. 
les reizte seinen Lehrer und er vertheidigte den Schüler in der 
Beleuchtung der Beschwerden« mit seinem mächtigen Schwert, 
dt 1828 sammelte da Costa die Erweckten um sich. Der Dichter 
iirde Evangelist. Biblische Betrachtungen, religiöse Cirkel dienen 
jr Erweckung. Die Hof&iung für die Wiederherstellung von Israel 
»gleitet die Arbeit des stürmischen Mannes (f 20. April 1860). 
Eks Ausland sendet Merle d*Aubign6 und Malan zur Hilfe. 
r. W. Krummacher wird in seinen Schriften bekannt. Als 
3rderer der Erweckung sind noch zu nennen: Secr^tan, Pierre 
hevalier, Bähler, der englisch bischöfliche Thelwall, 
)r Taufgesinnte ter Borg, der niederländisch-refonma::^ li^^'^»^- 



228 I>i« Niederiande. 

man in Rheede mit eigenthümlichen Vorstellnngen von der Heilig- 
ung. Später schlössen sich yiele re£. Prftdikanten der Bewegung 
an, aber man mnss sagen, mehr trotz ihres Amtes als wegen des- 
selben. Die »üebungen« von C^adose fanden mehr Bei£Edl als 
die Bedienung des Wortes durch das Amt. Es war ein Mann, der 
ausserhalb der Erweckung stand, welcher die Erneuerung der Kirche 
ins Auge fasste. Dirk Molenaar, Prfidikant im Haag, veröffent- 
lichte seine »Adresse an alle re£. Glaubensgenossen,« (1827). Man 
sei Yon den reformirten Prinzipen in der Kirche abgewichen. Er 
wiess auf das Ordinationsformular der Synode von 1816 hin, welches 
die Prftdikanten nur auf die Lehre, die übereinstimmend mit Gottes 
heiligem Wort in den angenommenen Formularen von Einigkeit 
(Conf. Belgica, Heidelberger Katechismus und Canones) bezeugt werde, 
verpflichte. Das »übereinstimmend« (ob quia oder quatenus?) sei die 
Lösung von dem Band der Formulare: eine Unehrlichkeit gegenüber 
der Gemeine. Neun Auflagen erscheinen 1827 von der Schrift. Die 
Gegner suchten sich mit dem alten Spott zu helfen. Der König, be- 
sorgt für seine Staatscreatur, gab dem YerfiEtsser sein Miss&Ilen zu 
verstehen imd dieser wollte nun auch nicht mehr die Buhe in der 
Kirche stören. Inzwischen war der ref. Geist mehr und mehr erwacht. 
In Axel in Zeeland trennte sich Vygeboom 1823 von seinem Kirchen- 
rath, weil dieser von dem alten Bekenntniss abgewichen war. Die 
Freimde des Mannes nannten sich die »hergestellte Kirche in Christus«, 
nahmen die drei Formulare und die Dordrechter Kirchenordnung an, 
verurtheilten das Gesangbuch als remonstrantisch und machten den 
»oefenaar« Vygeboom zu ihrem Prftdikanten. Er durchzog pre- 
digend das Land und ertrug den Hass der Welt und die Verfolg- 
ung der Obrigkeit (f 1838). Es war wenigstens ein Versuch, gegen 
die neue Organisation und für das alte Bekenntniss einzutreten. 
Dem Geiste der Kirchenemeuerung stand fem die Gemeine der 
»Vollkommenen«, durch den Schuhmacher Stoffel Mulder und seinen 
Freund VaUc 1834 in Polsbroek in der Provinz Utrecht gestiftet 
Man pflegte Gütergemeinschaft und weil man Schwefelhölzer fabri- 
zirte, hatte man den »Schwefelholz-Glauben.« 

Hier müssen wir jetzt wieder H. Fr. Kohlbrügge hervor- 
heben, der am 15. August 1803 zu Amsterdam geboren, mit Bilder- 
dijk und da Costa befreundet, 1827 Proponent bei der hergestellten 
Latherisohen Kirche in Amsterdam wurde. Aiser seinen Kollegen 
wegen Irrlehre bei dem Konsistorium verklagte und die Anklage nicht 
widerrufen wollte, wurde er am 17. Mai 1827 abgesetzt Er zieht 
tuusb Utrecht und macht mit oinox I>\s;ä«xt&tiQn über Psalm 45 den 



Drittes £[apitel. Die Separation. 229 

Doktor der Theologie. Verbindung mit Laatsman und Studium 
der alten Dogmatiker führen ihn zum ref. Bekenntniss. Er will 
fflch der ref. Kirche anschliessen, doch fürchtete man den talentvollen 
Calvinisten und wusste seinen Wunsch zu hintertreiben. Der Se- 
paration kann er sich nicht zum Führer hergeben und so hat er 
bis zum Jahre 1847 ohne Amt stille gesessen auf die Verheissimg 
wartend, dass er der Prediger Gottes bleiben werde. Als er in 
Elberfeld wirkte, blieb er in heisser Liebe seinem Vaterlande ver- 
bunden und hat jetzt dort eine Anzahl von Schülern im geistlichen 
Amte. Von diesen hat ihn Theodor Locher vortrefflich in der 
Schrift gerechtfertigt: Noch Perfektionisme, noch Antinomianisme 
(1881) und Heinrich Lütge hat seine Schriften herausgegeben. 
Sein Briefv^echsel mit einem angesehenen Zeitgenossen über die Lehre 
von der Heiligung ist auch erschienen. Seine Predigten werden 
überall gelesen. Er hat Berufungen nach den Niederlanden be- 
kommen imd ist selbst in Amsterdam auf einer Kanzel aufgetreten: 
es war der Wunsch seines Lebens gewesen. Die Thätigkeit der 
Männer der Erweckung auf den »Versammlungen der christlichen 
Freunde« wollen wir unten erzählen, erst haben wir aber die Sepa- 
ration ins Auge zu fassen. 



Drittes Kapitel. 

Die Separation. 

In Ulrum in der Provinz Groningen wirkte seit 1829 der junge 
Prädikant Hendrik de Cock. Er studierte die Schrifben der Er- 
weckung und Calvins Institutio und erneuert in sich den Glauben, 
der noch in seiner Gemeine vorhanden war. Grosse Schaaren kamen 
nun zu seinen Predigten; auch aus Friesland. Als er aber auch 
die Kinder dieser »buitenloopers« taufte, wurde ihm dies durch 
das Classical Bestuur verboten. (1833). De Cock liess sich dadurch 
nicht stören. Er gibt ein Schriftchen heraus: Der Schafsstall von 
Christus durch zwei Wölfe angegriffen. Das Classical Bestuur for- 
dert ihn zum Widerruf auf. Er verweigert denselben und wird nun 
(Dezember 1833) von seinem Amte suspendirt. Das Provincial- 
Kerkbestuur von Groningen bestätigt auf die Appellation von 
de Cock das Urtheil, indem es ihnri auch. a\yf x^%\ S^iat^ ^<sö.^^Gsi^ 



230 I>ie Niederlande. 

entzieht. De Cock unterwirft sich und enthält sich allen Kirchen- 
dienstes. Inzwischen hatte er eine anerkennende Vorrede zu dem 
Buche eines Eaufinanns geschrieben, in dem die evangelischen Ge- 
sänge 192 Sirenische MinneUeder genannt waren. Dies bewirkte 
seine Absetzung (Mai 1834). Eine Gewaltthat der Hierarchie ^ die 
gegen den Unglauben nichts that. De Cock berief sich nun auf 
die allgemeine Synode. Diese gewährte eine Bedenkzeit von sechs 
Monaten: er solle sich dann den Eeglementen unterwerfen. Dabei 
glaubte doch die Synode auf den Antrieb der »juste milieu«, nament- 
lich auch des Professors J. Clarisse, eine Mahnung an die Prädi- 
kanten richten zu müssen, keinen Anstoss in Bezug auf ihre Becht- 
gläubigkeit zu geben. De Cock wurde in seiner Sache durch H. 
P. Schölte in Doeveren unterstützt und man schritt am 13. Oki 
1834 in der Gemeine zu Ulrum zur Separation von der »Mschen 
Kirche«. So alle reformirte Kirchen im Lande zu nennen, hatte 
man doch kein Becht. Militärischer Schutz machte es einem 
synodalen Prädikanten möglich, die Kanzel von de Cock zu betreten, 
de Cock aber wurde am 20. Januar 1835 abgesetzt. Der genannte 
Schölte war in Amsterdam unter den Einfiuss der Erweckung ge- 
kommen. Kohlbrügge und der wallonische Prediger Chevalier bringen 
ihn in Beziehung zu da Costa, in Leiden lernt er Bilderdijk kennen. 
In Doeveren schilt er dann seine Amtsgenossen Lügenpropheten. 
Er besucht de Cock in Ulrum und unterstützt ihn in seinem Amte, 
wobei er mit dem synodalen Prediger in Konflikt kommt. Auf 
einem Bauemwagen mit de Cock und seiner Frau stehend predigt 
er weiter und feuert zur Separation an. Er wird darauf in seiner 
Gemeine suspendirt und auch hier wird November 1834 eine Acte 
der Separation unterzeichnet. Schölte wird wie sein Freund ab- 
gesetzt. 1835 werden von demselben Schicksal A. Brummelkamp, 
C. F. Geselle Meerburg, S. v. Velzen und J. v. Ehee getroffen. 
Auch A. C. V. B aalte musste dies erlei(}en. Einige Jahre später 
entzogen sich auch der kirchlichen Organisation H. J. Budding und 
L. G. C. Ledeboer. Ersterer, ein mystischer Geist, war durch 
seinen Widerstand wider die Gesänge aus der Kirche getrieben und 
rief dadurch die Separation vieler Kirchen in Zeeland hervor, die 
aber später mehr »Buddingiaansche« waren als reformirte. Lede- 
boer in Benthuisen hat die Gesänge und die Beglementen in seinem 
Charten begraben und in einem Hause gepredigt Dann durchzieht 
er das Land und bewegt viele zum Bruch mit den »Besturen«. 
Er stellt Amtsträger an und wird von der Begierung als das Haupt 
verbotener Verbindungen bestraft (^\ \%^^^. 



Drittes EapiteL Die Separation. 231 

Gegen die Separatisten erhob sich mehr und mehr eine heftige 
Yerfolgung. Nicht nur ihrer Kirchengüter beraubte man sie, sondern 
suchte sie mit oft auch grausamen Strafen heim. Erst am 5. Juli 
1836 gestand die Regierung Freiheit des Gottesdienstes zu, doch 
nur unter Verzicht auf alle kirchlichen Güter, als wären nicht sie 
selbst, sondern ihre Gegner die echten Söhne der reformirten Väter. 
Manche haben sich wie Ledeboer getröstet: Die Kirche ist die unsrige 
imd Gott soll sie ims zu seiner Zeit wiedergeben. Der Preis, den 
die Begierung stellte, war den Separatisten zu hoch und die Ver- 
folgung verdoppelte sich. Endlich beugte sich Schölte und 1839 
bildete sich die »christelyke afgescheidene Gemeente« in Utrecht. 
Viele folgten seinem Vorbilde, andere blieben als »ref. Gemeinen 
xinter dem £[reuz« besonders bestehen. Erst König Wilhelm 11. 
(1840) brachte mehr Erleichterung. Die Gemeinen unter dem Kreuz 
Tereinigten sich auf der Synode von Middelburg 1869 mit den 
christlich Abgeschiedenen unter dem Namen: »Christlich-reformirte 
Kirche.« Man stellte auch 1869 ein Statut der Kirchenverfassung 
auf, das der Dordrechter Kirchenordnung keineswegs ganz entsprach. 

Die christliche reformirte Kirchengenossenschaft zählt 
jetzt 387 Gemeinen mit 386 Prädikanten. Ihre theologische Schule 
ist in Kampen. Noch leben und lehren an ihr der schon alte 
Brummelkamp und v. Velzen. Neben ihnen wirken fünf andere 
Lehrer, von denen der gelehrte H. Bavink zu nennen ist. 

Später haben sich noch Schölte und de Oock getrennt: Ersterer 
zog nach Amerika (1847, f 1869); van R aalte folgte ihm. 1854 
entsteht die theologische Schule in Rampen. Die Abgeschiedenen 
haben fiir das ref. Bekenntniss segensvoll gewirkt imd selbst in 
Afrika (Ds. Postma) eine Station errichtet. Ihre Mission, die einzige 
kirchliche in den Niederlanden, hat unter dem Missionsdirektor J. 
H. Donner in Leiden China und Japan als Arbeitsfeld erwählt. — 
Eohlbrügge hat sich in seinem Briefwechsel sehr scharf gegen 
diese Separation ausgesprochen. Auch die übrigen Brüder der Er- 
weckung waren nicht ganz günstig gestimmt, obwohl sie Groen van 
Prinsterer rechtlich vertheidigte. Sie zogen es vor, in der Kirche 
gegen die unreformirten Prinzipen zu streiten. Tauchte doch jetzt 
eine neue liberale Bichtung auf. 



232 ^io Niederlande. 



Viertes Kapitel. 

Die Groninger Schule. Verein der christlichen Freunde. 
J. H. Schölten. D. Chanteple de la Saussaye. Moderne 

Theologie. Bestuur und Beheer. 

In Utrecht lehrte als Professor der Philosophie P. W. v. Heus de 
(1804 — 49), von dem Auslande Präceptor Hollandiae genannt Er 
hat grossen Einfluss auf die Theologen gehabt. Das Alterthum war 
ihm die Vorbereitung auf das Christenthum als Religion der Humani- 
tät. Der deutschen speculativen Philosophie abgeneigt, suchte er 
Prinzipe, die nicht mit der Gottesdienstlehre stritten. Allgememe 
Ideen fand er in derselben, wie er auch so das Alterthum behan- 
delte. Wie in Utrecht, so gewann er auch in Groningen Schüler. 
Hier unternahm man es, eine neue Theologie aufzubauen. TL A. 
Ciarisse legte das N. T. im Sinne von Heusde aus, ohne zur alten. 
Theologie zurückzugehen. Bald entwickelte sich diese »niederlän- 
dische evangelische« Richtung zu Ergebnissen, die mit dem chrisir 
liehen Bekenntniss aller Zeiten in Widerspruch standen. Mehr 
pädagogisch als soteriologisch war überall die Betrachtung. Drei 
junge Professoren dieser Schule gaben sieben Handbücher über die 
Hauptfächer der Theologie heraus. P. Hofstede de Groot wurde 
seit 1829 der Führer. 1839 entstand das Organ in der Zeitschrift: 
Wahrheit und Liebe. Gegen die ewige Gnadenwahl trat hier die 
Humanität auf. Hofstede de Groot eröf&iete den Kampf gegen 
seinen Freund de Oock und erklärte seine Abweichung von der 
alten Kirchenlehre. Ueber das quia und quatenus der Verpflichtung 
auf die Symbole haderte man. 1835 empfing die Synode, wie schon 
im Jahre vorher geschehen war, Adressen, die auf die Handhabung 
der Lehrzucht drangen; auch der gelehrte Kantianer Le Roy, 
der Uebersetzer der Reformationsgeschichte von Merle d'Aubigne, 
betheiligte sich daran. Der alte Professor J. Heringa in Utrecht 
nahm sich auf der Synode der Adressaten an und betonte das quia 
in dem Sinne, dass die Symbole der Hauptsache nach mit Gottes 
Wort übereinstimmten. Die Synode beliebte indessen gar keine 
nähere Erklärung für das Ordinationsformular zu bestimmen; quia 
oder quatenus — ein Jeder kann es halten wie er will. 1841 er- 
schien bei der Synode eine Monster-Adresse von 8790 Gemeine- 
glieäem durch Br. B. Moorrees in Wykei überreicht. Die ref. Kirche 



Viertes Kapitel. Die Groninger Schule. 283 

sei, so klagte man, eine liberale Kirche ohne Glaubensbekenntniss.. 
Die Handhabung der Formulare von Einigkeit, . die Wiedereinführung^ 
des Ordinationsformulares und die Erneuerung der kirchlichen Regle- 
mente nach der Dordrechter Kirchenordnung sei nöthig. Die Synode 
wiess auch diesen Angriff zurück und sprach von dem »Wegen, 
und der Hauptsache« der Lehrverpflichtung. Darauf kam im fol- 
genden Jahre Green vanPrinsterer mit sechs vornehmen- Herren, 
aus Haag und verlangte, dass das Wesen und die Hauptsache der 
ref. Lehre, wie sie dem Geiste derer entspräche, welche sie aufgestellt,, 
gehandhabt werde. Die sieben Haag'schen Herren erklärten die Lehre 
der Groninger als im Streite mit der ref. Lehre. Und weil König^ 
Wilhelm H. der Synode Freiheit gegeben hatte, ihre Organisation 
unabhängig vom Staate zu verändern, hofften die Herren vom Haag^ 
auch auf eine Revision der Reglemente. Der Eindruck dieser 
Adresse war gross. Von Groningen kamen Gegenschriften. Die Synode 
beharrte bei ihrer früheren Erklärung. Die sieben Herren wenden, 
sich mm (1843) an die ref. Gemeine in den Niederlanden. Die 
Gemeinen sollten gegen die Feinde der Kirchenlehre auf dem Wege 
der kirchlichen Besturen zum Angriff übergehen. Die Synode selbst 
hatte auf diesen Weg hingewiesen. Bald brach aber unter den 
Freunden der Bekenntnisse eine Verschiedenheit hervor. Da Costa^ 
wollte wohl die Groninger bestreiten, aber erwartete kein Heil von 
der Handhabung der Formulare. Freiheit für Alle war sein Wunsch. 
War Green für den juristischen Weg, so da Costa für den »medi- 
cinischen« Weg, später ist das auch durch die Ironischen gewollt. 
Nach Green war die Kirche jetzt ein wissenschaftliches Disputier- 
Collegium geworden und die Handhabung der Lehre zur Verkündi- 
gung des Unglaubens bis in ein Nonplusultra von antichristlicher 
Entwicklung. 

Uebrigens blieben die Männer der Erweckung in alter Liebe und 
kamen so auf den Versammlungen der christlichen Freunde von 
1845 — 54 in Amsterdam zusammen. Ihr Organ war: Die Vereini- 
gung: Christliche Stimmen unter der Redaktion von 0. G. Held- 
ring. Auch griff man das praktische Leben an und Heldring (1804 
bis 76) gründete das Asyl Steenbeek bei Zetten für gefallene Frauen. 
Der Leiter der Vereinigung war Green, der vortreffliche Historiker 
(Archives und Handbuch der niederländischen Geschichte), der ge- 
wandte Stilist. Er war namentlich durch seinen Freund W. de 
Clercq zur Erweckung gekommen. Plato hatte ihn gebildet aber 
anders als Heus de. Seit 1827 Referendar in dem Kabinet des Königs 
gab er nach sechs Jahren die Stellung auf, und a^T^ßk ^^\sä La-^as^ 



234 I>i« Niederiande. 

dahin ans: G^en die Reyolation das Eyangelium. In der Yereinig- 
nng war W o r m s e r ein Mann Ton klarem Kopf und warmem 
Herzen. Obwohl er znr Separation gehörte, sann er doch auf 6e- 
meinfichaft aller Glfinbigen. Er war einer der Yftter eines Seminars 
für Bildung ref. Lehrer. Als später der getaufte Jade C. Schwartz 
als Sendbote der freien schottischen Kirche nach Amsterdam kam 
(1850), trat das Seminar als reformirtes unter die AuMcht der 
schottischen Eirche. Die Zöglinge desselben fEuiden indessen keine 
Aufnahme in der Kirche. Schwartz (f 1870) gründete den Herant 
Von den Freimden der Vereinigung sind noch J. de Lief de, Gründer 
einer freien Gemeine in Amsterdam und der »Vereinigong zum 
Heil des Volkes» , die Prediger und Dichter N. Beets und J. P. 
Hasebroek mit Einfluss auf die höheren Kreise zu er?7&hnen. In 
Utrecht hatten sich einige Studenten mehr der Kirchenlehre genähert, 
unter ihnen J. J. Toorenenbergen, der treffliche Historiker. 
Nach dem Erscheinen des Lebens Jesu von Strauss traten J. J. von 
Oosterzee und J. J. Doedes als Apologeten auf. Ersterer ein 
Mann von warmem Herzen und hellem Geiste wollte das »reformirt« 
nur als Beinamen tragen. Er ist auch in Deutschland gelesen 
worden*). Der andere, ein Mann von grossem Schar&inn, ist ein 
weit mehr kritischer Geist und hat sich besonders für niedere Text- 
kritik verdienstlich gemacht, von Osterzee war von 1862 — 1882, 
und Doedes ist seit 1859 Professor der Theologie in Utrecht. Seit 
1845 erschien in diesem Sinne die Zeitschrift: Jahrbücher für wissen- 
schaftliche Theologie, seit 1858 durch die »Neuen Jahrbücher« fort- 
gesetzt. Als der Empirist C. W. Opzoomerin Utrecht sich 1846 
mit einer Eede: Die Philosophie als den Menschen mit sich selbst 
versöhnend, akademisch einführte und mit seinem grossen Talent 
das Christenthum entchristüchte, bildete sich ein Studentenkreis mit 
der Parole: Gedenk het Woord (Psalm 119, 49). Auf Utrecht beruhte 
jetzt mehr die Hoffnung der Freunde der Vereinigung als auf an- 
deren Universitäten, namentlich als J. H. Schölten (1811 — 1885) in 
Leiden als Lehrer auftrat. Dieser ein ausgezeichneter Kenner der 
ref. Dogmatik, doch dabei ein deterministischer Philosoph. Seine 
»Lehre der ref. Kirche« (1848) erregte gerechtes Aufsehen. In der 
Vorrede bewiess er Groen und da Costa, dass sie selbst nicht 
reformirt seien. In seiner Schrift über die Taufformel verneint er, 



*) War auch Mitarbeiter an Lange's Bibelwerk. Ein Abriss seines 
Lebens als Einleitung zu s. N. T. Theologie, 1885. Auch sind Lebens- 
erianervLDgen von ihm vorhanden. 



Yiertes KnöteL Ihe Oiowb«^ Schule. :2S5 

dass Guistns die Taufe eingesetEt. doch sei dieselbe ab Eini^ittii^ 
fomiiilar aller Guistoi festznhalten. £r hat scharfsiimi^ tTnteiN 
sachangen über d^i iräiexi Willen angestellt^). Die poUtiscben 
Stürme von 1848 veranlassten auch die Synode, eine Aendenmg vx>n 
Artikel IX zu Tersnchen, nach welcher nur noch von Handhabung 
und Enq>fehlnng des evangelischen Glaubensbekenntnisses die Rede 
sein sollte. Groen rief dagegen eine Versammlung auf den 18» 
August 1848 nach Amsterdam, zu der 300 Lehrer und iilemeine> 
glieder kamen. Es blieb nun das Reglement in Artikel IX (später 
XI) unverändert Eine Bitte an die Regierung, doch nichts in der 
Sache ohne die Gemeinen zu thun, erhielt die Antwort, dass allein 
die Synode hierin zu beschliessen hätte. Diese liess sich das gesagt 
sein und hat von 1849 — 52 ganz souverän gehandelt. Die am 23. 
März 1852 errichtete Organisation zeigt keine Rückkehr zu den 
Prindpen von 1568 — 1618. Es war nur eine neue Bindung an die 
»Staatscreatur« von 1816, die als »Staatserbe« erschien. Es bildeten 
sich jetzt mehrere konfessionelle Vereinigungen (Freunde der Wahr- 
heit). Dies alles hinderte die Synode nicht, Vertreter der Groninger 
Theologie gegen die Gemeinen in Schutz zu nehmen, und sie Urnen 
als Lehrer aufzudringen. Inzwischen forderte ein gemeinsamer 
Feind zur Einigkeit auf. Es war Rom. Dies war unter dem Ein- 
fluss des liberalen Ministers Thorbecke und durch das päpstliche 
Breve vom 4. März 1853 dahin geschritten, die Niederlande als 
eine kirchliche Provinz mit 5 Bisthümem wieder herzustellen. Utrecht 
wurde ein Erzbisthum **). Vergeblich protestirte dagegen die » April- 
bewegnng« der »grossen Protestantischen Partei«. Man gründete 
die niederländische Gustav-Adolf-Vereinigung und die Evangelische 
Gresellschaft. Aber der negative Protestantismus ist Ohnmacht gegen 
Rom. Dabei zeigte sich auch bei den Männern der Erweckung, welche 
seit 1853 verschiedene Wege einschlugen, eine Spaltung« War iohon 
zwischen Ghroen und da Costa wegen der Heilmittel — juristisch oder 
medicinisch — ein Gegensatz, so kam nun auch eine neue theologische 
Richtung auf^ die »ethische«, welche die konfessionelle bestritt. D. 
Ghantepie de la Saussaje war ihr Führer. Er ist ein Schüler 
von y. Oordt, einem Anhänger von v. Heusde, der ISS^ mit 
einer nenen Theologie nach Leiden gekommen war. Aber der hehrer 



*) Yer]^ seine Abtchiedsrede bei der Ifiederlegimg »eine» akadem, 
Amtes, 1881. 

*^ Nippold, Die ifousch-katfa, Kirche im Kteigreicfa der Nied^- 
lande, 1877. 



236 ^ie Niederlande. 

genügt ihm nicht: er wendet sich zu Schleiermacher und kommt 
durch ihn unter die Anziehungskraft des Pantheismus. Er wird 
durch die Erweckung beeinflusst und setzt seine Studien als Prädi- 
kant an der wallonischen Gemeine in Leeuwarden fort, beeinflusst die 
neuere Philosophie und die deutsche Yermittlungstheologie : »Nicht 
die Lehre, sondern die Person Christi.« Das sittliche Bewusstsein des 
Menschen ist die Grundlage der Erkennbarkeit der übematürHchen 
Offenbarung in Christo. De la Saussaye hat die »ethische Theologie« 
als die Verkündigung der durch die Heidenwelt und Israel aufstei- 
gende Religion der Vollkommenheit mit dem Sitz in dem sittlicheii 
Leben der Menschen vorgetragen. Der Einfluss der christlichen Re- 
ligion liegt nicht in Schrift und Bekenntniss, sondern in der sitt- 
lichen Wirkung. Doch wird diese erst in zukünftigen Aeonen eine 
Yollkommene sein. Diese ethische Immanenz ist eine Frucht des 
Pantheismus. Als Prädikant in Rotterdam wird de la Saussaye 
1868 Doktor der Theologie von Bonn. Er stirbt als Professor in 
Groningen 1874. 

Das Organ dieser Richtung war die Zeitschrift: Ernst und Friede 
(seit 1853). Gegen sie »der Niederländer« von Groen. Eine neue 
Wendung zum Elend nahm die kirchliche Bewegung, als die moderne 
Theologie und die von Tübingen aufkam. Zwei wallonische Pre- 
diger, reich begabt, A. Pierson und Busken Huet, Schüler von 
Schölten und Opzoomer, haben sie popularisirt. Ersterer in seiiier 
»Richtung und Leben«, der andere in seinen »Briefen über die 
Bibel«. Furchtbare Verwüstungen richtete sie an. Zusammen mit 
Renan's Leben Jesu warf sie ihre Frivolität ins Volk, nicht ohne 
die Gefolgschaft von alten und jungen Prädikanten. Pierson und 
Busken Huet verliessen die Kirche. Der gegen die Modernen gleich- 
falls ohnmächtigen Synode wurde endlich 1867 ein Gewinn ab- 
gerungen, indem von jetzt an den Gemeinen ein Wahlrecht (das 
bis dahin allein der Eirchenrath gehabt hatte) zugestanden ward. 
In grossen Gemeinen wählten »Bevollmächtigte« mit dem Kirchen- 
rathe zusammen Prädikanten, Aelteste und Diakonen. Die Wahlen 
fielen auffallender Weise im orthodoxen Sinne aus. Auch in die 
höheren Besturen drangen Orthodoxe, aber bei alledem blieb die 
Lehrfreiheit bestehen. Mehr noch wurde der Synode geschadet 
durch die Freigebung der Verwaltung der kirchlichen Güter (Beheer) 
an die Einzelgemeinen (1866). Diese bekamen gegenüber der grossen 
Kirche eine Selbstständigkeit. Sehr unbequem für die Synode, 
welche durch Unterstützung eines sich selbst anbietenden »Allge- 
meinen Collegiums von Aufsicht« Einfluss auf die Verwaltung der 



Fünftes Kapitel Abraham Kuyper. 287 

Güter zu gewinnen hoffbe. Leider stellten sich viele Gremeinen frei- 
'willig unter dies Collegimn, welches in seiner provinziellen Zusam- 
mensetzung aus 7 Mitgliedern besteht: Abgeordnete der Eirchvog- 
teien (1870). Die Amsterdamer Gemeine, auch von der Synode 
ersucht, sich unter dies Collegium zu stellen, beschloss mit 4000 
gegen 600 Stimmen die freie Verwaltung. Eine vom Kirchenrathe 
ernannte Kommission verwaltete die Güter. Um diese freie Ver- 
waltung gegen jed^n Eingriff der Synode festzustellen, bewirkte 
(1876) der Prädikant v. Ronkel, in das Reglement, der kirchlichen 
Kommission Art. 40 aufzunehmen: Wann ein Glied der Kommission 
oder ein Stimmberechtigter oder Beamter, unverhofft unter kirchliche 
Oensur welcher Art auch komme, so beschliesst die Kommission, 
welche Folgen diese Censur für ihn hat in Beziehung auf die Rechte, 
welche ihm Kraft einer Bestimmung dieses Reglements zukommen. 
Ehe dieser Beschluss gefasst, bleibt alles in alter Ordnung. 
G^gen das Classical Bestuur beharrte der Kirchenrath darin, dass 
Regierung (Bestuur) und Verwaltimg (Beheer) getrennt blieben. 
Zugleich setzte man fest: Die Befdgniss des Kirchenrathes kann 
niemals auf eine stellvertretende Behörde übergehen. Bis 1885 
tastete man diese freie Verwaltung auch nicht an. Der reformirte 
Geist war immer stärker geworden und dies namentlich durch 
den Einfluss eines Mannes, dessen Bild noch in der Gimst und 
Missgunst der Parteien schwankt, der aber mit grosser Genialität 
die reformirte Lehre vertritt. 



Fünftes Kapitel. 

Abraham Kuyper. 

Er ist 1837 in Maassluis geboren imd studirte in Leiden unter 
Schölten. Modem gesinnt, kam er als Prädikant nach Beest, einem 
Dörfchen in Gelderland. Schon 1856 schreibt er über eine Preis- 
frage, die Johannes a Lasco betraf, dessen Werke er 1866 heraus- 
geben sollte. Seiue Doktordissertation handelte über einen Vergleich 
zwischen den Meinungen von Calvin und Joh. a Lasco über die 
Kirche. Die innerliche Veränderung, die besonders durch den cal- 
vinischen Ernst der Bauersleute sich in ihm vollzog, hat er selbst 
in der Confidentie an Herrn van der Linden beschrieben (1873). 



238 I>ie Niederlande 

Als Prftdikant in Utrecht lernt er die Ethischen kennen nnd die 
üeberzengung reift in ihm, dass allein in der Bückkehr zur alten 
Kirchenlehre das Heil liege. Nach dem Tode von Groen (1876), 
dem er seit 1869 zur Seite gestanden, wurde er mit seinem grossen 
Talent der Organisation , der journalistischen Schreibknnst, der un- 
übertroffenen Ejraft der Polemik und ausgezeichneter Kenntnisse der 
Leiter der reformirten Partei. In Amsterdam seit 1870 suchte er 
einen modus vivendi ftir die verschiedenen Gruppen zu schaffen; in 
dem seit 1871 redigirten »Standaardc vertrat er die anti-revolutionSren 
Prinzipe auf politischem Grebiete. 1874 tritt er als Glied des Par- 
lamentes auf und zieht sich eine schwere Krankheit zu, die ihn 
eine Zeit lang arbeitsunfähig macht. Die Mehrheit des Kjrchenrathes 
in Amsterdam ist inzwischen reformirt gesinnt geworden. Seit 
1878 ist Kuyper Aeltester dieser Gemeine und wirkt als Bedaktenr 
des Standaard und Heraut, letzterer das bedeutendste refor- 
mirt e Blatt auf dem Continent. Aus seinen Bemühungen gegen 
das unglückliche Schulgesetz vom 17. August 1878 geht die ünie 
mit ihrer Protest-Kollekte hervor, welche nun schon 9 Jahre 
für die freie christliche Schule jedesmal 100 000 fl. aufbrachte. 
Kuyper fasst seine Stellung so auf: Es muss die Souveränität 
von Gottes Majestät auf jedem Gebiete zu ihrem voUen Becht 
kommen. Damit hängen die beiden Principe zusammen: Die hL 
Schrift beherrsche Glauben und Wandel; die Gnade werde auf die 
Wurzel der ewigen Erwählung gegründet. Er hat einmal berechnet, 
wie das ref. Leben in den Niederlanden sich stellt. Von 1300 bis 
1400 Gemeinen gibt es 500 — 600, wo alle Spur desselben ausgewischt, 
selbst die Unie hat es nur zu 625 Orten gebracht; in 700 — 800 ist 
noch wenig oder viel übrig geblieben. Die Stimmung der Liberalen 
kennzeichnet er so : »An die Stelle der antipapistischen Härte ist eine 
anticalvinische Härte getreten; hunderte von Liberalen sagen: müsste 
ich wieder gläubig werden, würde ich römisch; jeder spricht ehren- 
voll von den Eömischen.« *) 

Die wichtigste That von Kuyper ist die Gründung der freien 
Universität. Nach dem neuen Gesetz vom 28. April 1876 werden 
die theologischen Professuren an den drei Hochschulen und dem 
zur Universität erhobenen Athenäum in Amsterdam Glieder einer 
Fakultät der Gottesdienstwissenschaft. Dogmatik und praktische 
Fächer verschwinden von den staatlichen Universitäten. Die Synode 



*) Die Komischen in Amsterdam besitzen für kaum die Hälfte der 
Oemeineglieder der ref. Gemeine ^Q 1L\xO[i^tl ^olsi^ ^ ^eistL Pfleger. 



Fünftes Kapitel Abraham Euyper. 239 

bestellte hiefiir besondere Lehrer von der Groninger, der ethischen 
und der modernen Bichtong. Enyper und seine Frennde sagten 
sich jetzt los von den ganz von modemer Lebensanschanung 
durchzogenen Eeichsuniversitäten. Am 20. Oktober 1880 wurde 
die fi^ie Universität anf ref. Grundlage gestiftet mit den Vertretern 
der Theologie: Kuyper, F. L. Eutgers, Ph. J. Hoedemaker> 
der Eechtswissenschaffc P. D. Fabius, später auch A. F. de Sa- 
Yorn in- Lohmann und der literarischen Wissenschaften F. W. 
J. Dilloo aus Soldin, J. Woltjer und A. H. de Hartog, Eegent 
des Hospitiums. Die Zahl der Studenten ist bis 80 gewachsen,, 
von welchen etwa 67 Theologen sind. Zu den Gegnern Kuypera 
in dieser Sache gesellte sich auch Bronsveld mit seiner Zeitschrift: 
Wahrheit und Friede, und Buytendijk in Ysselstein, der Redakteur 
des Wageningsch Weekblad. Auch J. H. Gunning in Amsterdam, 
der in hohen Kreisen gefeierte Professor und Schüler de la Saus- 
saye's, verweigerte ihm den Brudemamen. Die Synode nahm die 
Zöglinge der freien Universität nicht in den Eirchendienst auf^ 
obwohl es 325 Yacaturen im Lande gibt und obwohl man in Leiden 
nur den modernen Abraham Kuenen hat mit seiner Kritik des. 
A. T., und nicht ohne Namen im Auslande, und neben ihim noch 
vier andere moderne Theologen, in Utrecht J. J. Doedes, schon 
oben genannt, und neben ihm drei Ethische, in Groningen einen 
Modernen und drei Ethische. Die von der Synode angestellten sechs. 
Lehrer scheiden sich in Groninger, ethische und moderne. Die 
städtische Universität in Amsterdam hat für die Taufgesinnten die 
modernen S. Hoekstra und J. G. de Hoop Scheffer, der nützliche 
Beiträge zur Kirchengeschichte geliefert, für die Lutheraner den 
modernen A. D. Loman, der dem Apostel Paulus alle Briefe ab- 
gesprochen hat, und D. E. J. Völter, einen Schwaben, der daa 
G^heimniss der Apocalypse entdeckt zuhaben meint; zu der linken 
Seite der Ethischen gehört der jüngere P. D. Chantepie de la 
Saussaye, J. J. van Toorenenbergen ist konfessionell refor- 
mirt. Die Synode hat diesen den modernen J. Knapp ert und den 
bereits genannten J. H. Gunning beigegeben. In Utrecht studiren. 
129, in Groningen 19, in Leiden 30, in Amsterdam 44 Theologen 
(1886). 



240 ^^ Niederlande. 

Sechstes EapiteL 

Die klagende Kirche. 

Die Zulassung zum hl. Abendmahl pflegt in den Niederlanden 
mit dem 18. Jahre zu geschehen. Es geht ihr eine Priifang des 
Olaubens voran. 1880 hatte die Synode beschlossen, dass Be- 
schwerden gegen die Glaubensüberzeugnng keinen Grund abgeben 
könnten, die »Aannemelingen« abzuweisen. Jeder konnte nun znin 
Abendmahl gehen. Was nütze es, ob Aelteste bei der Prnfang 
gegenwärtig waren? Dabei gab es noch den Ausweg, dass man in 
•einer anderen Gemeine zur Annahme zugelassen werden konnte, 
wenn man nur ein Zeugniss von seinem Eirchenrath über sittliches 
Benehmen beibrachte. Einmal zugelassen, musste man auch in 
das Mitgliederbuch eingetragen werden. Moderne Prädikanten 
machten hiervon Gebrauch und sandten ihre Schüler in ein be- 
nachbartes Dorf. Die Synode ging auch in Bezug auf das Ordi- 
nationsformular ihren verhängnissvoUen Weg weiter und beschränkte 
1888, ohne den Namen Christi zu nennen, die Verpflichtung auf: 
das Interesse des Gottesreiches zu fördern. Da brach ein Sturm 
los. Selbst die Groninger zürnten. Am 11. April kamen Deputirte 
in Amsterdam zur Berathung zusammen. Man beschloss fest zu 
halten an Gottes Wort und am reformirten Bekenntnisse, und den 
»höheren Behördenc nicht zuzulassen, die Kirche ganz zu verderben. 
Zwei Jahre darauf kam es zu einem Konflikt in Amsterdam. Die 
Schüler von drei modernen Prädikanten erbaten Sittenzeugnisse. Der 
Kirchenrath wollte zum Dienst des Unglaubens dieselben nicht aus- 
stellen. Das Provinzial-Kerk-Bestuur von N. Holland befahl, dass im 
Lauf von 6 Wochen dies durchaus geschehen müsse. Der Kirchenrath 
legte nun bei der Synodal-Kommission Kassation des ürtheils ein: er 
wäre verpflichtet, alle die vom Tische des Herrn abzuhalten, die Ver- 
ächter Christi seien. In der Voraussicht, abgesetzt zu werden, beschloss 
der Kirchenrath, um die kirchliche Kommission der Güterverwaltung 
möglichst sicher zu stellen, in das Eeglement derselben Art. 41 zuzu- 
fügen, der die Kommission verpflichtete, den ursprünglichen Kirchen- 
rath, der die Gemeine bei Gottes Wort zu halten suchte, als den 
einzig gesetzlichen anzuerkennen. Nicht das Eigenthum der Gre- 
meine, nur die Verwaltung sollte gleichsam mit Beschlag belegt 
werden. Als die Synodal-Kommission die Kassation zurückwies und 
2)18 zum 8. Januar die AuaateiWxxxig öiet TiWügcdÄ-eÄ forderte, beschloss 



Fünftes EapiteL Die klagende Kirche. 241 

der Kirchenrath am 3. Dezember, dies nicht zu thun. Inzwischen 
war das Classical Bestunr von den Modernen angegangen worden 
nnd dieses, mn den Streit aus der Welt zu schaffen, suspendirte 
am 4. Januar 1886 die 80 Glieder des Kirchenrathes , welche für 
Art. 41 gestimmt hatten. Der Pfarrer G. J. Vos, ein Mitglied 
des Kirchenrathes, machte den Scriba bei dieser Suspension. Weil 
nun der Kirchenrath unvollzählig war, meinte das Classical Bestuur 
an seiner Stelle auftreten zu können und hob Art. 41 auf. Eine 
gesetzlose Gewaltthat. Bei der Küsterei der Neuen Kirche in 
Amsterdam ist ein YersammlungssaaL Die kirchliche Kommission 
hatte darüber das Yerwaltungsrecht. In ihr sassen sechs der Sus- 
pendirten. Ihre Suspension hob kraft des Art. 40 des Eeglements 
ihre Eigenschaft als Kirchmeister nicht auf, da keine Behörde sich 
in die Rechte der Kirchengüter- Verwaltung setzen durfte. Es waren 
auch noch 1 7 Kirchenmeister da, welche gar nicht suspendirt waren. 
Als nun die nicht suspendirten Prädikanten, die mit dem Präsidium 
des Kirchenrathes betraut waren, jedermann, auch die kirchliche 
Kommission selbst, verhindern wollten, von dem erwähnten Ver- 
sammlungssaal Gebrauch zu machen und auf Antrag des Classical 
Bestuur die Thüre des Saales mit Schloss und eisernen Platten 
versichern Hessen, da haben die beiden Präsidenten, der Kirchmeister 
Butgers und Kuyper, gemeinsam mit ihren Kollegen die beiden 
Wächter an der Thüre weggeschickt und den Saal in Besitz ge- 
nommen. Die gesetzlichen Verwalter stellten nun selbst Wächter 
vor die N. Kirche, welche aber, so wie auch die andern Kirchen, 
den Freunden des Classicalen Bestuurs zur Verfügung gestellt 
blieben. 

Um die fünf suspendirten Prediger sammelten sich ihre Freunde 
in passenden Lokalen, um Bibelstunden beizuwohnen. Gross war 
die Aufiregung im Lande. Die Bibelstunden erschienen mit dem 
Namen: Aus der Tiefe. Der Bruch mit der synodalen Hierarchie 
ergriff immer weitere Kreise. Das Heidedörfchen Kootwyk in Gelder- 
land wünschte nach ISjähriger Vakanz einen Schüler der freien 
Universität zum Prädikanten. Die kirchlichen Besturen wollten mit 
dem jungen Manne kein Examen halten und die Folge war, dass 
das Dorf mit der Synode brach. Andere Gemeinen folgten, obwohl 
zu Leiderdorp Polizei und Militär der Hierarchie halfen. Ohne die 
Suspendirten zu hören, ging die Sache derselben an das Provincial- 
Eerk-Bestuur, von diesem an die Synodus contracta, die sie an 
das Provincial-Bestuur zurücksandte. Die Suspendirten hatten in- 

Zahn, Eirohengetchiohte. 2. Aufl. ^^ 



242 I^e Niederlande. 

zwischen die Presse für sich in Ansprach genommen, auch ihre 
Gegner hatten sich geäussert. Ganz Niederland sprach bald in 
Hans imd Strasse von dem Ereigniss. Fast alle juristischen Stimmen 
erklärten sich fiir das Recht der Suspendirten. Anders dachte das 
Provincial-Kerk-Bestuur: es entsetzte die 75 ihres Amtes (Juli 1877). 
Diese legten Beruf bei der Synodus contracta ein, welche sie zm* 
Abhör aufforderte. In Aller Namen erschien nun Kuyper, mn 
deutlich zu erklären: sie hätten schon vor dem Classical Bestuur ge- 
hört werden müssen. Es kam aber zu keiner ordentlichen Besprech- 
ung, da der Vorsitzende alles verdarb. Die Synode bestätigte die 
ersten ürtheile. Nun hatte noch die Synodus plena zu entscheiden. 
Noch einmal erschien eine Memorie von Rechten von den Suspen- 
dirten und von Kuyper das »letzte Wort«, worin er noch einmal 
fiir einen modus vivendi eintrat und selbst Art. 41 wegnehmen 
wollte. Doch »die Reformirten mussten heraus« und am 1. Dezember 
1886 bestätigte die Synode alle Vorurtheile. Ein Entsetzen ging 
durch das Land. Der ehrwürdige Elout von Soeterwoude pro- 
testirte feierlich und verliess die Kirche seiner Väter. Die ab- 
gesetzten Prediger heissen: P. van Son, H. W. v. Loon, B. 
V. Schelven, N. A. de Gaay Fortman und D. J. Karssen. 
Offenbare Verleugner Christi waren allezeit von der Synode ge- 
schützt gewesen. An ihrer Spitze steht Dr. Koch, der einmal in 
den Reglementen keine Verpflichtung zum Gebet fand. 

In einer Encyklika erklärte die Synode, die Volkskirche retten 
zu müssen. Die Antwort auf das Urtheil der Synode war eine stets 
wachsende Bewegung, um sich von der Organisation von 1816/52 
los zu machen. Die Entscheidung über die kirchlichen Güter er- 
wartet man von dem weltlichen Richter. Eine Separation will man 
nicht; man will die alte Kirche bleiben; sei es auch, dass dieselbe 
£äst rechtlos, und daher klagend (doleerend) auftreten muss. Die 
Kirche von Rotterdam brach bald darauf mit der Synode unter der 
Leitung von F. Lion Cache t. Vom 11. — 14. Januar 1887 tagte ein 
stark besuchter Kongress zu Amsterdam. Bereits mehr als 150 
Kirchen haben sich dem Amsterdamer Vorbild angeschlossen. Vom 
28. Juni bis 1. Juli trat der Synodal-Convent zu Rotterdam zu- 
sammen. Man sucht seitdem die Gemeinschaft mit allen Reformirten, 
die von dem Joch der Synode losgekommen sind. 

Es sind namentlich die »kleinen Leute von Prinz Wilhelm«, 

welche an dieser tiefgehenden Bewegung sich betheiHgen. Man 

zählte in Amsterdam 175,000 eingeschriebene Seelen, von denen 

17,500 noch die Kirche besuebten, 5000 das Abendmahl; als der 



Siebentes Kapitel. Die kirchlichen Gemeinschaften etc. 243 

Konflikt ausbrach, gingen von den 17,500 — 10,000 zu den Lokalen 
der Abgesetzten. 

Die Beurtheilung der klagenden Kirche ist eine sehr verschie- 
dene; es fehlt nicht an Reformirten, die sich von ihr zurückziehen 
und es für ihre Pflicht ansehen, bei der bestehenden Organisation 
zu bleiben. 



Siebentes Kapitel. 

Die kirchlichen Gemeinschaften ausserhalb der 

reformirten Kirche. 

Die Bemonstrantische Brüderschaft zählt 25 Gemeinen 
mit 24 Prädikanten. Sie sind unter den Einfluss des modernen 
Unglaubens gekommen und gewähren eine Zufluchtsstätte flir moderne 
Lehrer der ref. Kirche. Die Wahl zwischen Taufe der Kinder oder 
der Bejahrten ist freigestellt. Friedrichsstadt an der Eider gehört 
zu der Brüderschaft. Eine allgemeine jährliche Versammlung pflegt 
die Verwaltung. An ihrem Seminar in Leiden lehrt C. P. Tiele. 

Die Evangelisch- lutherische Kirchengemeinschaft 
zählt 49 Gemeinen mit 9 Filialgemeinen und 61 Prädikanten. T^^in 
allgemeines Beglement von 1818, das 1855 und 59 und wiederum 
1879 umgestaltet wurde, ist die Norm der Eegierung. Eine Synode 
mit Synodal-Kommission steht an der Spitze. Eine ethische Minorität 
kämpft gegen die moderne Majorität. Vater Lentz suchte durch 
die lutherische Genossenschaft das alte Lutherthum zu erneuern, 
aber vergebens. Man besitzt reiche väterliche Stiftungen; mit der 
Eheinischen Missionsgesellschaft sind Verbindungen angeknüpft. Der 
Prediger Nieuwenhuis im Haag legte sein Amt nieder, lun nicht 
auf der Kanzel abzubrechen, was das Wesen der Kirche ausmacht 
und zog als Sozialist durch das Land mit dem Euf: Becht für 
Alle. 

Die hergestellte ev. luth. Kirchengemeinschaft zählt 
8 Gremeinen mit 11 Prädikanten. Sie ist aus einer Loslösung von 
der Muttergemeine 1791 entstanden, weil dort die 'Handhabung der 
symbolischen Lehre nicht mehr möglich war. Die Verfassung ist 
mehr demokratisch. 1835 und 1857 emeuext^ mfiji ^^^^^. "^^c^^^ 



\ 



244 I^i® Niederlande. 

des Pastors J. P. G. Westhoff erhalten auch Berufungen in die* alte 
Kirche. 

Bei den Taufgesinnten oder Mennoniten sind alle Ge- 
meinen (122 mit 124 Prädikanten) unabhängig unter einem Kirchen- 
rathe. Die Prädikanten sind von keiner Lelurerpflichtong gebunden. 
Die Formen des Kultus sind mannigfaltig. Societäten sorgen für 
die Bedür&isse. Der moderne Unglauben herrscht. Einer der men- 
nonitischen Prediger gründete (1784) die Maatschappy tot Nut van't 
Algemeen. Jetzt 1 8 000 Mitglieder und 340 Abtheilungen. 

Die Herrenhuter haben in Zeist imd Haarlem Gremeinen. 

Im Haag seit 1857 und in Eotterdam seit 1861 zwei deutsche 
Gemeinen. 17 wallonische Gemeinen mit 26 PfEirrstellen. Die 
Anglikanische Kirche zählt 5 Gemeinen. Im Haag eine irvingianische 
Gemeine mit 5 Filialen. Ueber die Jansenisten- Kirche yergl. das 
Buch von Nippold: Die alt-katholische Kirche des Erzbisthums 
Utrecht, 1872. 

Innere und äussere Mission 

In Doetinchem lebt van Dijk, der durch seine Studenten- 
convicte in Utrecht, Groningen imd Amsterdam dem Predigermangel 
und durch christliche Schulen der religionslosen Volksschule ent- 
gegenarbeiten will. Für ein christliches Gymnasium hat Ds. van 
Lingen in Zetten gesorgt. Für die Sonntagsschulen hat sich be- 
sonders auch T. M. Loomann seit bald 50 Jahren bemüht. Die 
Strassenpredigt betrieb Herr Esser (f 1886) im Haag. Die Liebes- 
thätigkeit unter den Verwahrlosten imd Gefallenen hat vor allen 
der Wiehern der Niederlande, 0. G Heldring, gepflegt*). Sein 
Nachfolger H. Pierson vermehrte die Anstalten in Zetten. Van't 
Lindenhout in Neerbosch hat ein Waisenhaus gestiftet, worin 
jetzt schon über 700 sonst verwahrloste Waisen christlich erzogen 
werden. Die Vereine für Heidenmission arbeiten in den niederlän- 
dischen Kolonien. Etwa 42 Missionare und 30 eingeborene Prediger. 
1813 sandte man in J. Kamp den ersten Missionar nach Amboina. 
Er wurde der Apostel der Molukken. Ein gesegneter Missionar 
war später Joh. Friedr. Biedel in der Minahassa auf Celebed **). 
In 10 Sprachen gibt die Bibelgesellschaft die Bibel aus. Seit 1863 
werden jährlich mehrere christlich nationale Missionsfeste gehalten. 



*) Sein Leben und seine Arbeit, von ihm selbst erzählt, 1882. 

**) Ueber ihn siehe die Lebensbilder aus d. Heidenm. v. Warneck. 



Die Niederlande. 245 

So traurig zerrissen auch die Niederlande sind, wie sehr auch 
le Macht Eoms auf dem Boden der Märtyrer wächst, so sind sie 
och das einzige Land auf dem europäischen Festlande, dessen Yolk 
eben der bei Vielen noch herrschenden Hochachtung der Schriffc, 
onigkeit des Grebetes, Opferwilligkeit und heiligem Eifer noch nicht 
anz die kraftvolle Sprache der reformatorischen Wahrheit in ihrer 
chneidigen Bestimmtheit verloren hat, wie sie Gott allein die Ehre 
ibt und dem Menschen die Schande, wie sie jede Mitthätigkeit des 
lenschen, auch die feinste, abweist, während sonst überall nur noch 
B besten Falle die immer matter werdenden Laute eines evange- 
Lschen Pietismus gehört werden, der die gewaltigen Gregensätze von 
rott und Mensch in unbestimmter Frömmigkeit und leerem Gefühl 
B.t verkümmern lassen. 



Kamen -Verzeichmss. 



Aa, van der 224. 

Adamek 157. 

Adler 84. 

Ahnfeit, Laurin Emilia 

146. 
Albertini 13. 111. 
Alexander I. 150. 
Alexander II. 152. 
Alexius 183. 
Alhama 118. 
Alphen, van 224. 
Altenstein 12. 20. 38. 
Amjraut 68. 
Anet, 137. 
AntonelU 76. 77. 
Appuhn, 7. 
Archinard 201. 
Armaud-Delille 128. 
Armengaud , Madame 

136. 
Arndt 84. 91. 
Arnim, Adolf von 105. 
Arnim, Harry von 75. 
Ashton 157. 
Asti^ 130. 223. 
Auberlen 12. 



Bacli 164. 
Bachmann 36. 39. 
Baggesen 208. 
Bähler 227. 
Bahr 91. 
Ballagi 182. 191. 
Balle 138. 139. 
Balogh 183. 186. 
Balslev 141. 
Baltzer 24. 
Bang 147. 



Bartels 71. 
Barth 91. 116. 
Bärthold 141. 
BassermaDn 88. 
Bastecky 180. 
Batizi 183. 
Battyänyi 184. 
Bauer, Bruno 51. 202. 
Bauer, Jakob 202. 
Bauhofer 185, 
ßaumgarten 20. 46. 
Baup 219. 
ßaur, Ferd. Chr. 3. 5. 

17. 40. 50. 51. 59. 60. 

62. 63. 129. 

Baur, Generalsup. 7. 84. 

89. 95. 110. 
Bavink 236. 243. 
Baxmann 12. 
Beck, Däne 142. 
Beck, Joh. Tob. 62. 63. 

64. 146. 
Beckh 106. 
Beetz 234. 
Bender 12. 87. 
Benes 171. 
Bengel 86. 
Bersier 123. 127.128.131. 

134. 

Berzeviczy 186. 
Besnyei 191. 
Besser 45. 117. 
Bethlem 193. 
Bethmann- Hollweg, v. 
26. 28. 

Beyschlag 30. 84. 35. 36. 
38. 

Bickell 105. 



Biedermann 206. 207. 

210. 211. 212. 214. 

218 
Bilderdijk 227. 230. 
Bjömson 149. 
Birö, Matth. Dävay 183. 
Birö, Mose 194. 
Bismarck 26. 41. 76. 77. 

81. 
Bitzius 208. 
Blädel 142. 
Blä^y 182. 187. 
Blazek 161. 
Bleek 34. 
Blumhardt,Chri8toph62. 

116. 
Blumhardt, Chr. G. 118. 
Blumhardt, Doris 62. 
Blumhardt,Gottlieb 202. 
BluntschU 55. 56. 
Bock 150. 
Bod 185. 
Bodelschwingh, v. 100. 

128. 131. 
Boden 206. 
Bohl 159. 171. 174. 175. 

178. 
Böhmer 117. 
Bois 133. 
BonifdA 123. 
Bonnet 127. 
Borbis 185. 
Bordier, Henri 127. 
Bordier 218. 
ter Borg 227. 
Borger 226. 
Bormann 108. 
Bomemisza 183. 
Borsodi 186. 



!rt 64. 

A. 201. 216. 

John 128. 129. 
des 19. 141. 



sveld 239. 
1, Graf T. 78. 
imelkamp, A. 231. 



ing 230. 
nger 68. 
■ener 218. 



b. 149. 

tiel 7. 

en, Huet S 



et 242. 

n 44. 54. 68. 69. 
130. 210. 215. 218. 



, Wilhelmine 10, 
dose 117.227.228 
'le HO. 
isco 117. 



wi, Paul Carl 148, 

il 116. 

yck T. Wassenaer 

7. 

enka 179. 

tepie de la SauB- 

7e. Vater a. Sohn 



alier 227. 230. 
it 213. 
italler 116. 
itian VII. 138. 
rtlieb 69. 112. 116. 



Kamen- VerzeichDise. 

Claua 62. 116. 
Clauaen 139. 141. 142. 
aercq, de 233. 
ClCter in. 
Cock, de 229.230. 231. 

Colani 130. 
Coligny 28. 134. 

Colleabasch 69. 
Comba 118. 
Comenius 179. 
Coquerel , Athanue, 

Vater nod Sohn 127. 

129 130 
Costa,' da 227. 230. 231. 

233. 234. 235. 236. 
Gramer 223. 
Cremer 34. 
Cunitz 130. 
CuQO 69. 
Csiky 186. 
CBipkda 191. 
Cauthy 186. 
Cz^kus 187. 
Czelder 186. 194. 



Dahl 149. 

Dalton 69. 100. 114. 118. 

149. 150. 156. 
Dante 11. 
Darby 110. 
Dauh 11. 
Decappet 136. 
Delbrück 19. 
Delitzsch 44. 116. 
Dliombres 127 
Diemer 128. 
Dieatelmann 93. 
lliesterweg 107. 
Dietrich 108. 
Diez, von 32. 
Dijk, van 244. 



Diiloc 



Dilthej 12. 
Disselhoff 98. 
Diion 38. 
Dobiaa 179. 
Doblhoff 162. 
DoboB 186. 
Doedes 234. 239. 
Dohna, Grafen zn 

13. 18. 
Donner 231. 
Döring 100. 
Domer 3. 30. 140. 
D8rpfeld 108. 



Dore 106. 
Dözaa 187. 
Diiga 183. 

DräBeke 88. 
Dreger 9. 
Dreist 84. 
Dreahach 109, 
Dnncan 178. 
DQrr 132. 

Ebel 33. 
Eberhard 13. 
Ebrard 44. 68. 207, 211. 
Eckelmami 92. 
Bhrenfenchter 34. 
Eichhorn 22, 23. 38. 103. 
Eiler 33. 

Eiaenschmid 117. 
Elisabeth roaBaden 84. 
Eüsa.bethTOnBajem 23, 
Ember 185. 
Empaytaz 118. 215. 
Encontre 123. 
Engel 4. 
Engelhardt 151. 
Eogelatoft 138. 
Eppler 210. 213. 
Erasmus 68. 
Erdöa 190. 
Erdöai 188. 191. 
Eacher 109. 
Esm 53. 
Eaaer 244, 
Eneu 41. 

Eugenie, Saiaerin 75. 
Ewald 52. 
Ejlert 20. 
Eynard 202, 

Fabarins 127. 
Fabius 224. 239. 
Fabö 186. 
Fabri 19. 29. 114. 
Falk, Minister 28. 76. 

84. 104. 107. 
Fallot 132. 
Ffitber 53. 
Illrden 147. 
Parkas 186. 
F^es 186. 
Fddner 22. 
FälegfhÄzi 191. 
Fäice, de 123. 
Ferdinand, Kaiser 160. 



248 



Namen-Verzeichxiiss. 



Feuerbach 51. 
Fichte 11. 107. 
Filö 186. 
Findeisen 131. 
Finscher 19. 
Finaler 201. 214. 
Fischer 91. 
Fjellstedt 146. 
Fliedner, Theodor 97. 
FHedner, Fritz 98. 117. 
Fontane 127. 
Fördös 186. 
Franchi 79. 
Francke 107. 
Frank, G.W. 7. 157. 174. 

180. 
Frank, Fr. H. R. 43. 
Franz, Kaiser 159. 160. 
Franz Joseph 162. 
Franz 179. 
Frfere-Orban 137. 
Fricke 99. 

Friedrich Franz II. 87. 
Friedrich Wilhehn III. 

5. 19. 20. 46. 
Friedrich Wilhelm IV. 

22. 23. 24. 26. 30. 42. 

48. 68. 74. 116. 
FriedrichWilhelm,Kron- 

prinz 98. 
Fries 95. 207. 212. 
Frimodt 142. 
Frommel 88. 95. 117. 
Frotinghäm 146. 
Fryxell 146. 
Funke 88. 
Füsslin 201. 

Oaay-Fortman, de 242. 
Gage 84. 
Gaumberti 81. 
Gallaud 207. 
Garcik 158. 
Gass 3. 12. 

Gaussen 130. 216. 217. 
Geduli 187. 
Gedicke 14. 
Geibel, Vater u. Sohn, 

9. 64. 92. 
Gelpke 219. 
Geizer 123. 206. 
Gemmingen, von 117. 
Gerlach 4. 32. 39. 41. 
Gerok 64. 88. 92. 99. 

180. 
Geselle 230, 231. 
Gesenina 82. 38. 



Gesa 113. 

Geyser 69. 

Gieseler 123. 

Gildemeister 69. 

GiUet 69. 

Glajcar 180. 

Glatz 160. 183. 

Glaubrecht 95. 

Gleiss 144. 

Gloäl, J. 224. 

Gobat 116. 

Göbel 40. 69. 

Godet 224. 

Goethe 11. 109. 

Goldhom 98. 

Goltz, von der 30. 201. 

Göschel 11. 24. 27. 47. 

Gossner 8. 114. 115. 117. 

156. 
Gotthelf 95. 
Götting 57. 
Graf b^, 

Grandpierre 127. 
Grau 45. 
Graul 114. 
Groen van Prinsterer 

227.229.231.232.233. 

234. 235. 236. 238. 
Grossmann 98. 
Grundemann 112. 116. 
Grundtvig 138. 139. 140. 

141. 142. 143. 148. 
Granow 16. 18. 
Güder 201.208.209.210. 
Guerike 3, 24. 40. 46. 
Guizot 123. 131. 133. 
Gundert 112. 116. 
Gunning, J. H. jr. 239. 
Gustav Adolf 98. 
Gustav lU. 144. 
Guth 93. 
Gützlaff 112. 
Györy 187. 
Gyulai 183. 

Haag, Gebrüder 127. 

Haas 117. 

Haase 168. 179. 

Hagen 138. 

Ha^enbach 51. 69. 201. 
207. 210. 

Hahn 76. 

Hahn, G. 117. 

Haidane 202. 215. 

Hamann 36. 
jHambeigei %. 
iHanaen \^%. 



Hansen, JGrgen 148. 
Hansen, Priester 148. 
Hardenberg 16. 
Hare 25. 
Harem 148. 
Harless 43. 150. 
Harms, Elans 20. 139. 
Harms, Ludw. 44. 115. 
Harms, Theod. 115. 
Hamack, Vater u. Sohn 

4. 61. 151. 
Harnisch 61. 
Härter 127. 
Hartmann, E. v. 86. 89. 
Hartog, de 239. 
Hase, Karl y. 3. 31. 57. 

58. 59. 76. 
Hasebroek 284. 
Hang 59. 
Hange 144. 145. 147. 

148. 
Hausrath 49. 
Häu88er-Schweizer,Meta 

91. 
H&vemick 40. 217. 
Haym 10. 12. 
Haynau 184. 
Hebich 208. 
Heck 98. 
Hedberg 156. 
Heer 59. 209. 210. 
Hegel 5. 10. 11. 12. 27. 

47. 48. 84. 94. 206. 

211. 
Heineken 224. 
Heiszier 185. 
Held 90. 
Held, Prof. 208. 
Heldring 115. 288. 284. 

244 
HeHerich 117. 
Helfert 157. 
Hellwald, v. 4. 
Heltai 183. 191. 
Helveg 138. 
Hengstenberg [8. 5. 10. 

28. 81. 32. 36. 87. 88. 

39. 40. 44. 48. 52. 63. 

89 
Heuhöfer 117. 
Henke 3. 51. 
Henkel v. Donnersmark, 

Gräfin 117. 
Henne am Bhyn 4. 
Henning 84. 
vHensel, Louise 91. 
\^«^^^ ^'X . ^%, \Qt, 106. 



Namen-VerzeichnisB. 



249 



Herbart 107. 
HerbBt 41. 
Hering 19. 
Heringa 232. 
Hermens 30. 
Herold, M. 95. 
Herrmann 30. 104. 105. 

106. 
Hers 202. 
Hersieb, Svend Borch- 

mann 147. 
Herz, Henriette 14. 
Hertrich 180. 
Herzog 3. 4. 69. 123. 

149. 
Hesekiel, Ludovica 23. 
Auguste von Hessen- 
Homburg 84. 
Heubner, Heinr. Leonh. 

34. 
Heusde, y. 232. 233. 235. 
Heydt, Daniel v. d. 27. 

65. 76. 99. 
Heydt, Karl v. d. 65. 67. 
Heydt, Wilbelmine v. d. 

64. 
Hilgenfeld 50. 52. 
Hinschius 74. 79. 106. 
Hirzel, Heinr. 201. 208. 

212. 
Hoedemaker 239. 
Hoekstra 239. 
Hofacker, Ludw. 62. 88. 
Hofmann 208. 
HöfHng 41. 
Hofmann, J. Chr. E.y. 3. 

43. 70. 
HofFmann, Christoph 62. 

111. 
Hof&nann, Gottl. Wilh. 

62. 
Hoffmann, L. Fr. Wilh. 

28. 30. 82. 113. 
Hofstede de Groot 232. 
Hogendorp, Graf Dirk 

van 227. 
Hogendorp, Graf Willem 

van 227. 
Hohenlohe, Fürst 75. 
Holst 152. 
Holsten 50. 56. 
Holtzmann 3. 50. 
Honegger 4. 
Honter 183. 
Hoogstraten 39. 
Hörk 187. 
Hom 95. 



Horning, Friedr. Theod. 

127. 
Honung, Wilh. 128. 
Homyänsky 186. 
Hosemann 128. 
Hoving 226. 
Huber 100. 
Hupfeld 51. 88. 105. 
Humbert, König 118. 
Hundeshage]l<3. 69. 
Hurst 109. 
Hurter 202. 
Huschke 21. 22. 

Jackson 4. 
Jacobäi 183. 
Jacobi 7. 12. 31. 
Jacobson 106. 
Jahn 92. 
Jalabert 133. 
Janata 157. 180. 
Jänicke 9. 112. 114. 
Jansen 225. 
Janssen 18. 
Jeep 36. 
Jeremias 53. 
Immer 208. 210. 
Ingemann 141. 
Johann, Erzherzog 111. 
Johannes a Lasoo 238. 
Johson 148. 
Jonas 17. 
Jörg 3. 

Josenhans 113. 
Joseph n. 158. 159. 160. 

184. 
Joseph V. Altenburg 84. 
Irving 110. 
Isambert 134. 
Ittmann 245. 
Julian 48. 
Jung'Stilling 8. 
Jiingst 109. 
Jürgensen 155. 



Kaftan 20. 138. 143. 
Kahnis 3. 12. 23. 35. 37. 

44. 
Kalb 4. 
Käldi 191. 
! Kaikar 143. 
Kälmäncsai 183. 
Kamori 191. 
Kamp 244 245. 
Kanitz, Graf von 33. 
Kanne 8. 



Kant 5. 10. 13. 14. 39. 

221. 
KapfF, V. 62. 82. 
Earafiat 180. 
Karl III. 195. 
Käroli 191. 
Karsai 187. 
Karssen 242. 
Kaspar 174. 177. 179. 

180. 
ten Kate 229. 
Keü 40. 151. 
Keim 50. 52. 
Kellner 22. 
Kemp, van der 227. 
Kennedy, Anet 137. 
KeUer 204. 206. 
Ketteier 76. 
Kierkegaard 140. 141. 
Kiessling 8. 
Kinzler 113. 
Kis 191. 
Kiss, H. 186. 
Kiss, Stephan Szegedi 

183. 186. 
Klapp 57. 

Kleist-Retzow, v. 41. 77. 
KUefoth 3. 46. 146. 
Klönne 98. 

Knapp, Albert 62. 71. 91. 
Knapp, Jos. 64. 92. 
Knappert 239. 
Knös 144. 
Elnudsen 142. 
Kober 113. 201. 
Koch 34. 139. 242. 
Koffmane 3. 
Kögel 88. 
Köhler 224. 
Kohlbrügge 65. 66. 67. 

68. 71. 88. 178. 179. 

228. 229. 230. 231. 

232 
Kolar^ 183. 
Kolbe 108. 
Kolde 109. 
Kolozsvä,^ 182. 187. 
König 208. 
Koös 194. 
KopäiCsi 183. 
Kopp 9. 79. 
Köstlin, Jul. 35. 
KösÜin 50. 
Köthe 8. 
Kottwitz, Baron v. 7. 8. 

9. 32. 84. 



Namai-TeneichiiiM. 



Korao., Pr. 187. 




Maria Tbereöa 158. 


KoTic«, Edmund 186. 


108. 117. 


M&rklin 12. 


EDSCk 92. HS. 


Ledeboer 230. 231. 


Matriot 209. 


Kiuk, GwUt 84. 88. 


Ledochowski 76. 


MarteuBenlSa 139.140. 


KDapp, Gotthold »2. 
Krabbe 32. 


Lejrrand ITS, 


143. 


Leimbacb 45. 


Martiuek 177. 


Endolf^ 211. 


Lemme 157. 


^hl^..nbaeh. T. 84. 


Klafft 9. 64. 88. 


Lenti 243. 


Matamoroe 117. 


Krafft, Karl 69. 


Leo XIL 74. 


Hatthea 4. 


Krämer 84. 


Leo Xm 79. 


Maarenbrecher 7. 


Krapf 116. 


Leo, flemnch 10. 41. 


Maver \2a. 132. 209. 


Kran« 3. 56. 


48. 84. 89. 146. 


Meerbmrg 231. 


Kran« 72. 


Leopold a 159. 184. 


Heier 8. 


KrieKer226. 
Kradener, Frau von 202. 


U KOJ232. 


Ueinhold 45. 


Licht 84. 


MeliOH 183. 187. 191. 


215. 


Lichtenbe^er 127. 


Henkeu 6». 


Knimmaccber. E.W. 69. 


Lietde. de 234. 


MenTh&rt 191. 


Krummach er , Fr. Ad. 


Linberger 182. 


Herenskj 113. 
Merian 202. 


64. 


Lindau 92. 


Krummacher, Fr. W. 40. 


Lindberg 140. 


Uerle d'Aubign« 9. 64. 
130. 216. ^8. 227. 


65. 70. 83. 88. 202. 


Linden, van der 237. 


227. 


238. 


Hermillod 21». 




Lindl 8. 117. 


Herz 84. 


22 64. 88. 


LipiuBki, T. 156. 




KObel 64. 


Lippert 4. 


n^Vss. 


Kuen-iD 239. 


Lipsiiu 4. 


HeuMlS. 


Kllgelgen 8. 


LiSeo 57. 




Kuhn 128. 133. 


Lobstein 210. 


Mettetal 'l32. 


Kulliemin 206. 


Locher 207. 


Meyer, t. 8. 


KOmmerle 96. 


Locher, Theodor 229. 


Heyer 3. 203. 


Knn 158. 


Loeeche 174. 


Meyer, H. i. W. 45. 


Kurfi 8. 40. 151. 


LoTson 135. 
Lflbe 41. 43. 


Mevtr, Waldemar 58. 


Suamany, Karl 157. 


Micbejda 180. 


Kayper 36. 2ä0. 237. 


Lomauo, Ä. D. 239. 


Micheläen 13n, 142. 


238. 239. 241. 242. 


Lombard 218. 


Uiexcber 7. 202. 




Loomann, F M. 244. 


Kej Hiknlaj 179. 
UUlard 180. 


lAatanann 228. 


Loon, V. 242. 


Ladenbetg, t. 103. 


Lotz 174. 


MiUer 109. 


Lammera 148. 


Lucian 13. 


MitrOYiCB 186. 


Lampe 99. 


Locke 34. 51. 88. 206. 


Hodoni 188. 


Lüdemaun 20. 


MOhlet 50. 


62. 


Ludwig 208. 212. 


Hoinu 233. 


Laodttad 148. 


Ludwig XIV. 75. 


Molenaar, Dirk 228. 


Lang, Heinr. 207. 211. 


Lndwig, König 225. 


Möller 64. 


214. 


Lülge 229. 
Lal£ardt 4. 44. 90. 


Moliiär,The.opb.l58.173. 


Lang, Wilh. 212. 


Moliiär, SEencd 191, 


Lauge 34. 91. 


Luther 16. 19. 64. 68. 


Monod, Adolph 124. 125. 




180. 


126. 127. 128. 




LOtke 138. 


Monod, Fr^d6rikl28.2I6. 


Langhaus, Fi. 208. 




Uonod, G. Ä. 124. 


Lany, v. 174. 


Mac All 134. 


Monod, Jean 125. ■ 




Miday 187. 


Monrad 141. 


156. 


Halan 216. 220. 227. 


Montaigne 13. 


Laub 140. 


Moorrees 232. 


Lauterbni^ 208. 


Hallet 64. 70. 88. 


Moser 3. 


Lanier S6, 202. 


Maochot K7. 


Mücke 3. 19. 


Imreleje, de 137. 


MarbcVnekft VI. 


WaMwn, '..'». 



Namen- V erzeiehniss. 



Hühlhatuer 89. 
Hnlder, Stoffel 228. 
Hüller, Julius 3. 19. 23. 

81. 33. 85. 59. 75. 
Hauet, J. 6. 202. 
Hflnchmeiet 44. 
Uünkel 44. 92. 
Hntalt 15G. 
Mnret 72. 
■Ojtattx 189. 141. 

ir&daedj 183. 

N&gel 19. 

Hagj 158. 

Nag7, Peter 186. 189. 

Hagy, Skhs. t. 162. 175. 

Napoleon 75. 

Nathuaiua, y., Vater n. 

Sohn 41. 54. 89. 
Naville 218. 
Neander 31. 32. 38. 127. 
Nebe 88. 
Necker 174. 
Neff 216. 
Nicolas 123. 
Niebuhr 74. 
Nielsen 138. 
Hienieyer IW. 
Nieritz 35. 
Nietachmaim 84. 95. 
Nienwenliuia 243. 
Nink 90. 95. 
Nippold 3. 58. 73. 82. 

235. 244. 
Nissen 138. 
Nitzsch 3. 19. 23. 29. 

80. 35. 39. 
Noltin^k 149. 
Novalis 15. 

Ödland 188. 
Oehlenschlflger 139. 
Dehler, 0., Tater und 

Sohn 53. 62. 64. 118. 
Oettioger 151. 
OetÜi 201. 
Oldenberg 97. 
Olshausen 33. 
Oncken 110. 
Oordt, T. 235. 236. 
Oosterzee, t. 234. 235. 

237. 
Opzoomer 234. 
OreUi, t. 209. 210. 
Orleans, Helene v. 86. 
Orlich 96. 



Pwnj 137. 

P^ 185. 
Palm, V. d. 226. 
Palmer 62. 108. 
Falmi« 64. 
Pap 186. 
Pap, K. 186. 
Pap, St. 186. 
Pap, Szoboezlai 186. 
Parker 146. 
Paikhurat 116. 
Pascal 221. 222. 
Paachkoff 156. 
Paachond 129. 130. 131. 
PassaTant 8. 
Patay 159. 
Paolli 140. 
Paulsen 150. 
F6eaat 130. 
Feliaek 180. 
Perönji 183. 
Perthes 84. 
Pestalozzi 107. 
Peter, Margaretlia 203. 
Petersen 16. 138. 141. 
Petri 44. 
PetroTica 183. 
Pezel 67. 
Pfaff 44. 

Pfannaülimid 87. j 

Pfender 123. | 

Pfeiffer 36. i 

Pfleiderer 56. 211. 
Philipp U. 118. 
Philipp! 46. 151. 
Piereon, A. 236. 287. 
Pierson, H. 244. 
Pighios 68. 
Pindor 180. 
PiuB IX. 74. 77. 
Plath 116. 
Plato 234. 
PUtt 109. 111. 
Polenz, V. 67. 
Poninaky 111. 
Pomhazfey 157. 
Postma 23!. 
Pratorins 113. 
Pratt de 136. 
Preiawerk 218. 
Pressel 128. 
Pressensä, de, Tat«r und 
Sohn 127. 128. \S\. 



Prüse 137. 
Procimow 114. 
PrChle 24. 
Pry 143, 
Pfipjer 4. 
Puttkamer 156. 



Bad&aci 191. 
Radstock 15Ö. 
Bambert 223. 
Bänke 7. 
R&nfce, Leopold t. 23. 

63. 74. 84. 
Bappard, T. 84. 
Rauh 32. 
Raumer 38. 
Raumer, ¥. 28. 107. 
Baumer, Earl v. 84. 



Rebm. 



1 116. 



Becke-Vollmerstein.T.d. 

84. 88. 
Recolin 136. 
Redenbacber 95. 
Beichard 124. 
Reiff 113. 
Reinmuth 89. 
Renan 48. 85. 130. 135. 
Renmont, t. 23. 26. 
Benss 53. 130. 144. 
EeTeillauLl,Eugeniel94. 
Eö»(!sz, Emerich 185. 

186. 187. 
R^TäSE, Talentin 186. 
RöviUe 127. 146. 
Rhee, T 230. 231. 
Rheinwald 8. 
Ribini 185. 
Richter 56. 
Richter, E. 105. 
Richter, L. 117. 
Richter, Paetot 109. 
Richter , Reohtalehrer 

103. 105. 
RicMhofen, TOn 117. 
Riedel 112. 244. 245. 
Biehm 51. 69. 
BiGnäcker 88. 
Kiggenbach, Vater nnd 

Sohn 63. 201. 207. 209. 

210. 
Biquet 64. 
Bitschi 5. 12. 43. 59. 60. 



252 



Namen-VerzeichiuBs. 



Bitter 84. 

RoBs 22. 58. 

Roi, de le 116. 

Boller 8. 

Bömheld 88. 

Ronkel, v. 237. 

Rönne 142. 

Bönsch 88. 

Boflseuw St. Hilaire 134. 

Bothe 55. 56. 57. 59. 

Bongemont, von 224. 

Bousseau 107. 

Bückert 92. 

Bndelbach 3. 40. 140. 

Bndloff 55. 

Bnet 117. 

Buhle 8. 

Bümelin 87. 106. 

BuBsel 77. 

Butgers 239. 241. 241. 

Bnzicka 157. 

Bjd^n 144. 

Sack 13. 

Salier 8. 114. 117. 
Salomon 186. 
Sander 83. 
84nta 183. 187. 
Sarrasin 213. 
Sartorins 151. 
Savomin - Lohmann, de 

239. 242. 
Scayenins 144. 
Sohachowskoy 153. 
Schaden^ y. 43. 
Schäfer 96. 
Schaff 4. 32. 
Scharling 138. 144. 
Scheele, G. y. 147. 
Scheffer, J. G. de Hoop 

239. 240. 
Scheibel 21. 70. 
Schelling 11. 
Schelven, B. y. 242. 
Schenkel 4. 12. 19. 48. 

51. 55. 56. 58. 84. 
Schärer 130. 223. 
Scherr 4. 180. 203. 
Schickler, y. 127. 
Schiess 212. 
Schinz 206. 
Schimding, y. 112. 
Schlagint weit 109. 
Schläpfer 212. 
Schlatter, Adolf 210. 
Scblatter, Anna 8. 202. 
Schlatter, Stephan 212. 



Schlegel 14. 15. 
Schleiermacher 5. 10. 12. 

13. 14. 15. 16. 17. 18. 

20. 21. 30. 38. 43. 48. 

50. 51. 59. 63. 88. 101. 

107. 140. 210. 236. 
Schlottmann 35. 
Schmid 40. 106. 223. 
Schneider 84. 109. 
Schöberlein 91. 95. 
Schölte 230. 231. 
Schölten 232. 234. 235. 

237. 238. 
Schönberg 33. 
Schönher 8. 
Schönholzer 201. 
Schopenhauer 86. 
Schorlemer-Alst, y. 82. 
Schom 106. 

Schott 3. 38. 72. 113. 183. 
Schotzmann 226. 
Schröder 57. 90. 91. 
Schubert 8. 15. 84. 86. 

95. 
Schulte 76. 
Schulze 31. 46. 
Schürer 4. 
Schütze 108. 
Schwab 92. 
Schwartz 234. 
Schwarz 33, 55. 57. 107. 

177. 
Schwarzkoff 92. 
Schweinfurth 113. 
Schwegler 50. 
Schweizer 69. 88. 207. 

209. 210. 211. 212. 

219. 
Seberiny 174. 
Sebesta 179. 
Secretan 227. 
Sedhiitzky 117. 
Seeberg 149. 
Segond 134. 
Seinecke 124. 
Sepp 224. 
Siemens 86. 
Sieveking 97. 
Sigismund 46. 
Siklösi 183. 
Sinai 185. 

Sincero y. Angelico 119. 
Sincerus 83. 
Skrefsrud 143. 
Smith, Pearsall 110. 
SoeteTwoxxde, EVoMt "^an 
I 227. 



Sohm 72. 
Soltesz 158. 174. 
Sommeryille 110. 
Späth 56. 
Spinoza 14. 15. 
Spitta, K. Joh. Phü. 9L 

92. 
Spitta der Sohn 53. 
Spittler 113. 201. 202. 

213. 
Spleiss 202. 
Spurgeon 110. 
Spjri, Johanna 95. 
Stähelin 51. 210. 
Stahl 23. 25. 26. 103. 

131. 
Steßin, Bocskai 184. 
Steffens 16. 21. 138. 139. 
Steiger 217. 
Stein, yon 16. 84. 
Stein, Armin 95. 
Stein, Harald 142. 
Steinmeyer 34. 
Stenersen 147. 
Stephan 8. 
Stern 108. 
Stewart 119. 
Stiehl 107. 
Stier 33. 35. 91. 92. 
Stip 91. 
Stöber 95. 
Stockar 202. 
Stöckel 183. 
Stöcker 88. 90. 100. 
Stockfleth 148. 
Stockmann 71. 
Strauss, Dayid 5. 10. 12. 

33. 35. 47. 48. 49. 50. 

51. 62. 85. 129. 206. 
Strauss, Fr. 9. 64. 
Strauss, Otto 23. 
Ströbel 46. 
Ströhlin 130. 
Stryc, Gporg 161. 
Stubenrauch 13. 
Sturm 92 
Stursberg 157. 
Subert 157. 174. 
Sudhof 68. 117. 224. 
Sükei 194. 
Sydow 40. 57. 
Sydow, Marie 57. 
Sealatnay 157. 158. 161. 
Szäsz, Carl y. 186. 191. 

192. 
xSzäiSz, Dominik y. 186. 



'■ Szebergnji 186. 
Si^iäcs 187. 
Szeremler 1B9. 175, 
Szilädj 186. 
Szilädi 186. 
Sziliii^j'i 18Ü, 
Szombati 186. 
SzUrai 183. 

Tftrdy, H. t. 157. 158. 

170. 171. 179. 180. 
Taalmann 4. 
Taylor 109. 

Tegn^r, Eaaiaa 144. 146. 
Teleki, Graf 184. 
Teller 151. 
Teutach 187 
Thelemaim 69. 
Thelwall 227 
Theremin 88. 
Thiers läS. 
Thierech 110. 201. 
Thikätter SS. 
Thilo 60. 
Tholuck 26. 82. 33. 34. 

46. 59. 127. 208. 223. 
ThomasiuB 38. 42. 46, 
lliorbecke 235, 236. 
Thöth 185. 

Thrämer, Tlieod.v.l08. 
Thnn, Graf Leo 163. 165. 

185. 
Thnrzö 183. 
Tiele 243. 
Tüchendorf 45. 
TiBu 192. 
Tizian 14. 
Todt 82. 
Tompa 186. 
Toorenenbergen , van 

234. 239. 240. 
Torduis W7 
Törtk 183 186. 
Torqaemada 39. 

Tdth, Sftin. laa. 

Töth, K. 186. 
Trautenberger 157. 179. 
Treitachke 4. ä9. 46. 
Treschow 148. 
Treaityänszfcj 187. 
Tradol, Dorothea 213. 
Tsohockert 82. 



Namea-Veizeiobni«». 

Ulff 147. 
ühlich 24. 
übUiom 44. 82. 



Talenti, de 207. 
1 Valette 128. 132. 
VaUe 228. 
', Tan't Lindenhont 244. 

245. 
V»tke 47. 49. 53. 
VsT 188. 189. 
VeUen, t. 230. 231. 

243. 
Vetny 128. 
Veeely 171. 
VignK 127. 
Vilmar 45. 67. 
YilmarB 45. 67. 
Vincent 125, 
Vinet 124. 127. 130. 219. 

220. 221. 222. 233. 
Virchow 77. 
Viecher 48. 49. 
Viza.knai 183, 
Vogel 174. 177. 
VOgeliD 209. 
Vogt 215. 
ToTbediog 45. 
Volk 228. 
Volkmar 52 212. 
Voltüre 49. 215. 
Völter, D. E. J. 239. 

240. 
Völter, Inun. 116. 
VClter, Ludw. 108. 
VoB 224. 241. 
Vygeboom 228. 



Waekemagel 91, 
Wagenaar 224. 
Wagner 27. 18S. 205. 
Wafdenstrflm 146. 
Wallis 146. 
Walter 152. 
Walther 7, 46. 
Walthor, Mich. 93. 
Waneemann 19.22.46. 

70. 84. 113. 
Warifa, L. 136. 
Warneck 82. 112. 114. 

116. 244. 245. 
Wattenwyl des Fortee, 

TOn 208. 
Weber 87. 
Weber, S. 18i 
Webalj 3. 



253 

Wegh 157. 161. 162. 
Wegaoheider 82. 38. 
Weis8 146. 

Weiss, Bernhard 45. 52. 
Weitbrecht 90. 
Weizsäcker 62. 64. 
Wellhanaen 52. 63. 130. 
Wengera 212. 
Werner 91. 
Werner, Gnstav 98. 
Westerling 144. 
WcäthDff244. 
Westphal - Castelnau 

126. 
Wette, de 51. 207. 
Wette, Frau de 177. 
Weiel 148. 
WeyermüUer 92. 
Wiehern 96. 97. 
Wichelhans, J. 66. 
Wi^aud 51. 
Wiermann 76. 
Wiese 23. 28. 
Wigand 45. 
Wilhelm, Kwser 77, 
Wilhelm 1, 27. 
Wilhelm , Prinz von 

Prenssen 84. 
Wilbelin, PrinzesBinTon 

aen 84. 
Wilhelm H. 281. 232. 

Wilhelm I., KOnig 225. 
Wilhelm, KSnig 28. 
Wilkena 88. 
Wüdermnth, OttOie 89. 
Winer 40. 
Windthonit 77. 
Wisliceuias 24. 
Witte 33. 119. 
Wittig 111. 
Witz 157. 179. 
Woerl 82. 
Woltjer 7. 289. 
Wolfenaberger 209. 
Wormaer 234. 
Wolters 34. 
Württemberg, Henriette 

Ton 84. 
Wnratemb erger 149. 
Wyas, V. 212. 



Zahn, A. 7, 64. 
Zahn, Franz 84. 



254 



Namen-YerzeichniBs. 



Zahn, Michael 7. 114. 
Zahn, Theodor 43. 45. 
Zamowec, Gregor von 

179. 
Zay, Graf 186. 187. 
ZeUer 49. 50 202. 207. 
Zeller, G. H. 201. 
ZeUer, Psychiater 92. 
Zeller in Männedorf 208. 

213. 



Zezschwitz 108. 
Ziethe 9. 202. 
Zimmermann, Karl 3. 

96. 98. 99. 157. 
Zimmermann, Jos. Andr. 

165. 
Zimmermann, Dr. y. 177. 
Zillessen 108. 
Zittel 56. 
Zöckler 3. 45. 55. 



Zola 134. 
Zöpffel 3. 
Zorn 147. 
Zschokke 202. 220. 
Zsilinszkj 187. 
ZOndel 62. 
ZwingH 72. 



Seite 81 lies statt Tiara: y,BIflehoftmitie<<. 

Bei Siebenbürgen hätte anch der Bischof Dr. th. Gteorg Daniel Teutsch erwähnt 
werden müssen mit seiner erfolgreichen literarischen Thätigkeit. Nach Schlnss des 
Bnches ist die Literatur für Deutschland noch bereichert worden durch die Lebens- 
führungen von Dr. Ebrard, das Leben von H. Thiersch durch Wigand, das Leben der 
Oräfbi Beden durch Eleonore Fürstin von Beuss. 

Seite 40 lies Kurts und Seite 105 lies das staatliche Joch. 




Schriften von Joh. Wiohelhans, weiland Professor der Tb. in Halle: üeber die 
Taufe, Elberfeld 1852. Versnob e. ansföhrl. Commentars z. Leidensgescb. , Halle 55. 
Predigten, Bonn 59. Briefe, Halle 59. Alcademiscbe Vorlesungen über d. 1. Oap. d. 
Hebräerbrief., 1. Petri- n. Jacobnsbr., herausg. v. A. Zahn 75; über d. Ev. Matth. y. A. Z. 
n. Becker, 85; über d. Ev. Joh. v. A. Z., 85. 

Schriften von A. Zahn: Eleophea Zahn, Halle 60; Frauenbriefe, 3. Aufl., Halle 76; 
Mittheil. üb. d. Domprediger, Halle 63; die Zöglinge Calvins, Halle 64; D. gute Recht d. ref. 
Sek. in Anhalt, Elberfeld 66; Furcht u. Ho£fn. d. ref. E., Elberf. 67; Predigt üb. 5. Mose 
32, 3—7, Elberf. 67; Die ref. Abendmahlsfeier, Elberf. 67; Wanderung d. d. h. Schrift, 
Halle 69; Kriegspredigten, palle 70; Friedenspredigt, Halle 71; Mitth. üb. die ref. Ge- 
meinen im Osten Preussens, Detmold 71; Der Einfluss d. ref. K. auf Preussens Grösse, 
Halle 72; De notione peccati, Halle 72; Gedanken e. Evangel. üb. die Eirchengesetze, 
Halle 73; D. Erfahrung e. Wiedergeborenen, Halle 75; Das Gesetz Gottes nach Paulus, 
Halle 76; Abschiedsworte, Halle 76; D. Ursachen des Niedergangs d. rel E., Barmen 81; 
D. Familie Zahn, Stuttgart 81; D. Grossvater Daniel v. d. Heydt, Stuttgart 81; Aus dem 
Leben e. ref. Pastors, Barmen, 2. Aufl. 85; Meine Jugendzeit, von Superintendent Zahn, 
herausg. v. A. Z., Hagen 82; Sendschreiben an Hm. Prof. Sohm, Barmen 82; E. Eirchen- 
raub, Stuttg. 83 ; Calvins ürtheile über Luther, Ludwigsburg 83 ; Zwingiis Verdienste um 
d. bibl. Abendmahlslehre, Stuttgart 84; Federzeichnungen aus der Umgebung von Stutt- 
gart, 2. Aufl. 85; Eine Erinnerung an Eohlbrügge, von Pf. J., heraiisgeg. v. A. Z., 
Hagen 84; Die ultramontane Presse in Schwaben, Leipzig 86; Feier zum Gedächtniss 
der Aufhebung des Ediktes von Nantes; Stuttgart 85; Das evangel. Schwaben, Hell- 
bronn 86; Predigten, Barmen 86; Ein Gang durchs Wupperthal, Heilbronn 87. 



Druck der J. B. Metzl ersehen Buchdruckerei in Stuttgart. 



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